LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Recherche im Jurastudium : Bessere Noten mit besseren Suchmaschinen-Strategien

von Prof. Dr. Roland Schimmel

05.01.2011

Die Generation der Digital Natives über richtigen Suchmaschineneinsatz zu belehren klingt aussichtslos. Aber es ist nötig. Dass Rechtsstudenten in Fragen der Informationsrecherche schlecht oder gar nicht ausgebildet sind, zeigt sich selbst in Abschlussarbeiten noch überraschend oft.

Die Schwächen juristischer Prüfungshausarbeiten liegen kaum in schlechter Rechtsrecherche, aber oft in unprofessioneller Faktenrecherche. Am Ende eines juristischen Studiums hat man gelernt, Gesetze und Urteile zu suchen. Fakten zu suchen betrachtet man eher als Aufgabe für Journalisten.

Aber der Reihe nach: Braucht man für juristische Informationsrecherchen im Studium überhaupt Suchmaschinen? Die Antwort ist nicht ganz trivial: Überwiegend nein. Klassische Übungs- und Prüfungsarbeiten universitären Zuschnitts ersparen den Teilnehmern die Mühe der Informationsbeschaffung.

Anders war das aber schon immer bei Seminararbeiten. Ähnlich ist es bei den Themenarbeiten zum Abschluss des Schwerpunktbereichsstudiums. Hier muss oft zum Tatsächlichen recherchiert werden. Im Fokus stehen hier nicht in erster Linie juristische Informationen, sondern überwiegend Informationen, die zwar für rechtliche Argumentationen wichtig sind, aber meist anderen Lebensbereichen zugeordnet werden (etwa statistische Daten).

Hier zeigt die Prüfungspraxis an den Hochschulen, dass Studenten bei der Suche im Internet oft einem Quick-and-dirty-Konzept folgen. Die weit überwiegende Mehrzahl der Nutzer verwendet ausschließlich das Produkt des Marktführers und benutzt dabei fast nur die einfache Suche.

Standardsuche hält wissenschaftlichen Anforderungen nicht Stand

Für eine erste Annäherung an professionelles wissenschaftstaugliches Suchen im Netz kann man zwei Herangehensweisen unterscheiden:

  • Suchstrategie a): nothing succeeds like success: Viele Suchanfragen sind von Anfang an dadurch gekennzeichnet, dass der Erfolg eindeutig bestimmt werden kann. Steht fest, dass es nur einen Treffer geben wird, und ist der Treffer für den Suchenden identifizierbar, braucht es meist nur eine einfache Suche und eine möglichst präzise Auswahl der Suchbegriffe. Genügt ein Treffer von mehreren möglichen, gilt Gleiches.
  • Suchstrategie b): Der Weg ist das Ziel: Wenn man nicht weiß, was man sucht, oder nicht weiß, ob das Gesuchte existiert, oder alle Treffer finden muss, erlaubt erst eine vernünftige Suchstrategie eine Aussage über die Belastbarkeit des Ergebnisses. Klar: Wer mit allen Mitteln gesucht und nichts oder nur Unzulängliches gefunden hat, kann einigermaßen sicher sein, dass es nichts oder nur Unzulängliches gibt. Das ist schließlich auch ein Ergebnis. Um dieses Ergebnis anderen plausibel zu machen, muss man als Suchender aber Rechenschaft über die Herangehensweise ablegen können.

Vermutlich kontaminiert Strategie a) das Suchverhalten vieler Nutzer, besonders beim Übergang zu Suchanfragen des Typs b). Dagegen helfen nur ein bißchen Fleiß, ein offener Blick auf die erreichbaren Informationen und die Bereitschaft, vor der Suche über die richtige Strategie nachzudenken.

Die wichtigsten Arbeitsschritte bei der Suchmaschinenbenutzung sind

  • Auswahl der Suchmaschine(n)
  • Festlegung einer oder mehrerer Suchanfragen (Profisuche, Boole´sche Operatoren)
  • gründliches Auswerten der Ergebnisse

Stellvertretend sind hier einige Kriterien für die Auswahl der richtigen Suchmaschine skizziert: Schnelligkeit, Vollständigkeit, Repräsentativität, Datenschutz, Originalität.

Fünf Kriterien für die erfolgreiche Suche

Schnelligkeit spielt bei der Bewältigung von Alltagssuchanfragen oft unausgesprochen die Hauptrolle. Bei wissenschaftlichen Recherchen darf ihr allenfalls eine Nebenrolle zukommen.

Vollständigkeit kann ein Kriterium sein, muss es aber nicht. Das kommt auf die Aufgabe an. Wo Vollständigkeit von vornherein nicht zu verwirklichen ist oder sich im Verlauf einer Recherche als nicht erreichbar erweist, wird Repräsentativität an ihre Stelle treten. Vollständigkeit erfordert regelmäßig den Einsatz mehrerer Suchmaschinen, gegebenenfalls einer oder mehrerer Metasuchmaschinen, nicht selten spezialisierter Suchmaschinen und Portale. Das liegt schlicht daran, dass nur ein Bruchteil der im Netz vorhandenen Dokumente von Suchmaschinen gefunden wird – und nicht jede Suchmaschine das gleiche findet. Wissenschaftliche Suchmaschinen (z.B. Google Scholar) , die von vornherein nur bestimmte Datenbestände auswerten, könnten ein Gegenmittel sein. Für rechtswissenschaftliche Themen kann man immerhin auf Portale und mehr oder minder gut gepflegte Linksammlungen zurückgreifen. Ist die Trefferliste zu lang, war die Frage nicht präzise genug. Eine fünfstellige Trefferliste kann man meist nicht mehr von Hand durchsehen. Spätestens jetzt erweist es sich als erforderlich, durch mehr Suchbegriffe oder eine logische Verknüpfung der Begriffe die Anfrage zu präzisieren.

Ist Repräsentativität ein Kriterium für die Qualität der Ergebnisse, wird es sinnvoll sein, den breiten Weg zu beschreiten – also die Suchmaschine des Marktführers als Einstieg zu benutzen.

Sobald indes Originalität in das Zentrum des Interesses rückt, hilft die verbreitetste Suchmaschine nicht mehr weiter. Mit der gleichen Frage bekommt schließlich jeder die gleichen Antworten. Entweder muss die Suche auf abweichende Anfragen umgestellt werden oder es müssen andere Daten-bestände durchsucht werden. Ersteres verlangt Phantasie und Routine vom Suchenden. Gelingen wird das am ehesten, wenn man sich mit dem zu untersuchenden Thema so gut auskennt, dass man auch die Nebenaspekte richtig benennen kann. Letzteres zwingt den Nutzer zum Einsatz von Suchmaschinen, die andere Teile der über das Internet erschließbaren Datenbestände erfassen. Oft werden sich viele Ergebnisse von einer Suchmaschine zur anderen wiederholen. Ein bisschen leichter kann man sich das Abgleichen der Ergebnislisten bei der Benutzung einer Metasuchmaschine machen.

Datenschutzgesichtspunkten wird bei Recherchen zu juristischen Themen oft keine zentrale Bedeutung zukommen. Wer aber für eine Ausarbeitung zum Thema Internationaler Terrorismus – Bekämpfung mit den Mitteln des Rechts recherchiert, wird sich vielleicht nicht wohlfühlen mit dem Wissen, dass diese Suche in den meisten Suchmaschinen Spuren hinterlässt, auf die erforderlichenfalls auch staatliche Ermittler zugreifen könnten. Mancher Nutzer mag auch unabhängig vom konkreten Forschungsthema Bedenken wegen einer für ihn nicht kontrollierbaren Verwendung der sich aus seinen Suchanfragen ergebenden Informationen haben. Wer kein gläserner Netznutzer sein möchte, muss zu einer anderen Suchmaschine wechseln (etwa Ixquickhttp://www.ixquick.com/deu/).

Schon diese wenigen Überlegungen zeigen, dass die Informationssuche im Netz jenseits der ganz alltäglichen Dinge planungsbedürftig ist, wenn sie nicht zu beliebigen und damit meist wertlosen Ergebnissen führen soll. Solche Planung kann man lernen und üben.

Der Autor Roland Schimmel ist Rechtsanwalt und Professor an der Fachhochschule Frankfurt am Main.

 

Mehr im Internet:

Der Beitrag ist ein überarbeiteter Ausschnitt aus Basak / Schimmel, ZJS 2008, 435 ff.. Dort finden sich Links und weitergehende Empfehlungen.

Literaturhinweise:

Klaus Niedermair, Recherchieren und dokumentieren (utb)

Roland Schimmel, Juristische Klausuren und Hausarbeiten richtig formulieren (Vahlen)

Roland Schimmel, Mirko Weiner, Denis Basak: Juristische Themenarbeiten: Eine Anleitung für Klausur und Hausarbeit im Schwerpunktbereich (C.F. Müller)

Mehr auf LTO.de:

Humanisierung des Jurastudiums: Reformen statt Bologna

Grenzüberschreitende Juristenausbildung: Deutsches Recht macht Schule

Moot Courts: Probe für den Ernstfall

 

Zitiervorschlag

Roland Schimmel, Recherche im Jurastudium : Bessere Noten mit besseren Suchmaschinen-Strategien . In: Legal Tribune Online, 05.01.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/2277/ (abgerufen am: 17.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag