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Recht und Literatur im Studium: "Ein litera­risch uner­fah­rener Jurist ist ein Sicher­heits­ri­siko"

von Manuel Leidinger

25.08.2016

Staatslehre, Rechtsgeschichte und –philosophie: die Klassiker unter den Grundlagenfächern. "Law and Literature" steht hingegen nicht auf dem Lehrplan. Dabei könnten Studenten von diesem Forschungsansatz profitieren. Von Manuel Leidinger.

Der Schriftsteller Max Halbe bezeichnete "die logisch-juristischen Definitionen", welche er sich während seiner juristischen Ausbildung einprägen musste, als "steinharte juristische Brocken". Jacob Grimm meinte, "ihm müsse das Wasser bis zum Halse stehen, ehe er sich seinem Studium des Privat- und Staatsrechts" widme, und brach seine juristische Ausbildung nach drei Jahren ab. Und der expressionistische Dichter Georg Heym soll seinen Referendariatsplatz verloren haben, nachdem er dienstliche Akten aus Wut das Klo runterspülte.

Halbe, Grimm und Heym sind drei Beispiele für berühmte deutsche Autoren, die sich neben ihrem literarischen Schaffen durch eine juristische Ausbildung quälten. Jura sahen die so genannten Dichterjuristen meistens als reines Brotstudium an. Beobachtet man ihr negatives Verhältnis zur Juristerei, ist kaum zu glauben, dass die ernste Rechtswissenschaft und ein schöngeistiges Studienfach wie die Literaturwissenschaft einmal zueinander finden würden.

Genau dies geschah jedoch mit der Law-and-Literature-Bewegung in den siebziger Jahren in den USA. Sie bildete sich als Gegenmodell zum Law-and-Economics-Konzept heraus. Dessen Vertreter bewerten die Wirkung von Rechtsnormen nach der Anwendung ökonomischer Theorien, das Recht wird also auf seine Effizienz hin untersucht. Die Law-and-Literature-Bewegung macht dagegen eher den literarischen Gehalt und die Sprache des Rechts zum Mittelpunkt ihrer Forschung.

Sie ist in zwei Wissenschaftszweige zu gliedern: Law as Literature ("Recht als Literatur") und Law in Literature ("Recht in der Literatur").

Durch Law as Literature der Gerechtigkeit einen Schritt näher?

Law as Literature verfolgt den Ansatz, Rechtstexte literaturtheoretisch zu analysieren. Dabei werden bekannte sprachwissenschaftliche Theorien und linguistische Methoden auf Gesetzestexte oder schriftliche Quellen der Rechtsprechung angewandt.

Eine ist die von Jaques Derrida geprägte Lehre des Dekonstruktivismus. In der Rechtswissenschaft versuchen deren Vertreter die universale Geltung einer Norm zu hinterfragen. Durch eine Dekonstruktion des Textes will man von der Generalisierung an dasjenige herankommen, was der Einzelfall wirklich erfordert, und sich so dem Ideal der Gerechtigkeit annähern. Obwohl der Dekonstruktivismus auf den ersten Blick wie eine rein technische neue Lesart für Rechtstexte erscheint, verfolgt er somit durchaus auch eine ethische Zielsetzung. 

Im Forschungszweig Law as Literature kommt unter anderem auch die Sprechakttheorie zur Anwendung, welche das Sprechen als Handeln ins Blickfeld nimmt. Der österreichische Rechtswissenschaftler Bernd-Christian Funk betont in einem Aufsatz, dass "rechtliche Kommunikation intentional stets auf Verhaltenssteuerung gerichtet ist. Rechtssprache will verstanden und ihre Botschaft befolgt werden." Das kann etwa für die Kommunikation vor Gericht interessant werden, wenn ihre Wirkung auf den Adressaten - also meist den juristisch unbedarften Bürger - untersucht werden soll.

Zitiervorschlag

Manuel Leidinger, Recht und Literatur im Studium: "Ein literarisch unerfahrener Jurist ist ein Sicherheitsrisiko" . In: Legal Tribune Online, 25.08.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20384/ (abgerufen am: 21.08.2019 )

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Kommentare
  • 25.08.2016 15:57, Friederike Mussgnug

    Ein interessanter Artikel. Man braucht nur ins Bundesgesetzblatt zu sehen, um zu erkennen, wie viele Gesetzestexte literarische Einspritzungen dringend nötig hätten. Es gibt eine Kommission im Bundesjustizministerium, die "zumindest" sprachliche Überarbeitung leistet. Aber Ihr Text zeigt ganz richtig die weitreichenden Dimensionen dieser gegenseitigen Beziehung auf, die auch die verdienstvolle Sprachkommission nicht in 12. Stund alle noch einbringen kann.
    Ihr Hinweis auf das in Extraseminaren kultivierte Interesse an Recht und Literatur stimmt mich trotzdem ein wenig bedenklich. Ist das nicht auch ein Zeichen dafür, dass die wichtige Aufmerksamkeit für diese Querverbindungen ins Abseits spezialisierter Seminare zu rücken scheint? Schade. Um so mehr Anlass zum Dank an meine Professoren, bei denen solche Hinweise en passant und reichlich kamen. "Tolle lege" bezog sich sich (gerade) nicht auf Alpmann-Schmidt-Skripten sondern Literatur. Übrigens: die NJW bringt schon seit langem jedes Jahr ein Heft zum Thema Jurisprudenz und Literatur heraus.
    Noch ein Letztes: in Ihrer Auflistung von literarisch tätigen Juristen vermisse ich nicht nur Goethe und Eichendorff. Vor allem E.T.A. Hofmann hätte eine Erwähnung verdient - leistete er doch in beiden Disziplinen Herausragendes.

    • 25.08.2016 18:09, Reibert

      "Noch ein Letztes: in Ihrer Auflistung von literarisch tätigen Juristen vermisse ich nicht nur Goethe und Eichendorff. Vor allem E.T.A. Hofmann hätte eine Erwähnung verdient - leistete er doch in beiden Disziplinen Herausragendes."

      Goethe fiel mir auch spontan ein. Aber nicht nur die Klassiker. Ich vermisse da einen Herrn Schlink, wenn man schon den Vorleser bespricht.

      Und natürlich Thomas Mann, der lehrt bekanntlich an der Universität in Göttingen... ;-)

  • 25.08.2016 16:11, Name

    Halte ich für Schwachsinn. Ich finde es erfreulich, dass Jura nichts mit Literatur zu tun hat. Die einzigen Romane, die ich in meinem Leben gelesen habe, waren die Zwangslektüren in der Schule und dabei wird es vermutlich auch bleiben. Und das macht mich mit Sicherheit nicht zu einem unerfahrenen Menschen/Juristen.

    • 25.08.2016 16:45, Florian Schwarzenberger

      "Er war Jurist und auch sonst nur von mäßigem Verstande" Ludwig Thoma.

    • 11.09.2016 14:19, eono

      Der erfahrene Mensch/Jurist - ist demnach ein Jurist mit Menschenkenntnis.
      Mir würde schon das Wissen nichts zu wissen reichen.
      Juristen mit Menschenkenntnis sind das nicht die, die Menschen in aller Regel
      gar nicht sehn? Die den Kopf voll haben mit Art §§ - auf die sie beliebig
      zu greifen - auch ohne jede Kenntnis von Mensch/Sache -
      schon deshalb weil sie ja sowieso alles wissen als Mann, Männer, verh.Frauen
      erfahrene Juristen sind mit Menschenkenntnis?
      Wozu braucht man da noch Allgemeinbildung?
      Wäre wenigstens das Grundgesetz bekannt ...
      die 10 Gebote ...

  • 25.08.2016 17:56, Alois Eschenberger

    "Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand." Eschenberger hatte nämlich "im Staatsexamen einen Brucheinser bekommen"

    Das Zitat hat auch schon zu Rechtsstreitigkeiten geführt.

    LAG Baden-Württemberg · Beschluss vom 24. Mai 2007 · Az. 9 Ta 2/07
    https://openjur.de/u/218832.html

  • 11.09.2016 14:23, eono

    "Ja das Schreiben und das Lesen ...ist nie der Fall gewesen ...!"
    Den Eindruck kann man: "Seit der Wende ist alles anders"! wirklich haben.

  • 11.09.2016 23:56, eono

    Jura-Studenten sollten auch noch - ... Psychologie studieren.
    Eine Eigenanalyse absolvieren - ehe sie auf die Menschheit los gelassen werden.

  • 21.09.2016 08:45, Felix

    Vielen Jura-Studenten könnten aus unserer Sicht (www.textundwissenschaft.de) schon etwas erweiterte Literatur-Lektüre benötigen, der Fokus ist manchmal doch sehr eng.