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Latein für Juristen: Parkettsicher durch Pandektenlektüre

"Nulla poena sine lege" heißt: Keine Strafe ohne Gesetz. Also kein Jurastudium ohne Latein? In Lehrbüchern und Vorlesungsskripten ist die tote Sprache allgegenwärtig. Aus den meisten Promotionsordnungen und Studienplänen wurde Latein dagegen gestrichen. Lohnt sich der Lernaufwand überhaupt noch? Anna K. Bernzen hat nachgeforscht.

"Ich gebe auf", so hat der Nutzer mit dem Tweety-Profilbild seinen Eintrag im Internetforum betitelt. Auf der Online-Plattform der juristischen Fakultätsvertretung teilt er seinen Kommilitonen auch den Grund für seinen folgenschweren Entschluss mit: "Ich bin einfach zu blöd für Latein. Ich lerne und lerne und kann dann trotzdem keinen einzigen von diesen verdammten Sätzen übersetzen." Sein Fazit, verziert mit einem traurigen Kulleraugen-Smiley: "Also scheitert mein Studium an Latein."

Auch wenn die Uhrzeit des Eintrags – kurz vor elf Uhr abends – eher auf akute Probleme mit den Lateinhausaufgaben als auf ernsthafte Pläne für den Studienabbruch hindeutet: An der Universität Wien, die der Student mit dem Vogelbild besuchte, kann die Altsprache tatsächlich den Jura-Abschluss kosten. Denn was an deutschen Fakultäten zur Erleichterung vieler Nachwuchsjuristen vor einiger Zeit abgeschafft wurde, ist in Österreich immer noch Studienvoraussetzung: Lateinkenntnisse.

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Ein Muss für Heidelberger, Kirchenrechtler und Fans des römischen Rechts

In Deutschland müssen Jurastudenten die tote Sprache höchstens beherrschen, wenn sie später promovieren wollen – und auch das nur in Ausnahmefällen: Allein die Universität Heidelberg verlangt von allen Jura-Doktoranden ein Latinum. Wer dort Dr. iur. werden will, muss also einige Jahre Latein in der Schule gelernt oder während des Studiums fleißig Cicero und Co. gebüffelt haben. An der Kölner Juristenfakultät heißt es in der Promotionsordnung immerhin, "Kenntnisse der lateinischen Sprache" würden von den Doktoranden "erwartet." Als Nachweis reicht aber der Besuch eines einsemestrigen Lateinkurses für Juristen.

An anderen Jurafakultäten werden Lateinkenntnisse nur in Einzelfällen verlangt, die mit dem Inhalt der Promotion zu tun haben: In Würzburg müssen zum Beispiel künftige Doktorender Rechtswissenschaft, die sich für ihre Dissertation auch im kanonischen Recht umschauen wollen, ein Latinum vorweisen. Und auch wer im römischen Recht promovieren will, wird ohne den Sprachnachweis bei vielen potentiellen Doktorvätern und –müttern mit seinem Promotionsgesuch wohl kaum Erfolg haben.

"Tausende Jahre Rechtserfahrung auf Latein bewahrt"

Der Vergleich aller Promotionsordnungen für Juristen zeigt: Der Trend geht weg von Latein. In Köln habe man bei der jüngsten Überarbeitung dennoch bewusst an der Latein-Vorschrift festgehalten, sagt Martin Avenarius. Latein gehöre zu konventioneller Bildung dazu, findet der Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Römisches Recht und Neuere Privatrechtsgeschichte – gerade für Rechtwissenschaftler: "Wer als Jurist wissenschaftlich arbeiten will, muss ein Bewusstsein dafür haben, dass unser geltendes Recht nur ein Durchgangsstadium ist. Es basiert auf tausenden Jahren historischer Rechtserfahrung, und diese wurde nun einmal auf Latein bewahrt."

Für Moritz Fastabend klingt das "nach altbackenem Elitedenken". Der Student engagiert sich im AStA der Universität Bochum für die Abschaffung des verpflichtenden Latinums für Lehramtsstudenten, sieht es aber auch als Promotionsvoraussetzung kritisch: "Wer ein Latinum fordert, baut unnötige Hürden beim Zugang zu Bildung auf." Doktoranden, die ihr Abitur etwa auf dem zweiten Bildungsweg oder an der Gesamtschule erworben haben und dort keinen Lateinunterricht hatten, hätten es auf dem Weg zur Promotion schwerer als solche mit klassischer Gymnasialbildung. Mit dieser zusätzlichen Auslese schadeten die Universitäten sich selbst: "Es tut der Wissenschaft langfristig weh, kluge Köpfe von der Promotion abzuhalten."

Zitiervorschlag

Anna K. Bernzen, Latein für Juristen: Parkettsicher durch Pandektenlektüre . In: Legal Tribune Online, 09.09.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13121/ (abgerufen am: 22.10.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 09.09.2014 20:34, Michael Wirriger

    So manches juristische Urteil, so manchen juristischen Aufsatz möchte man wie folgt kommentieren: "Sita usui lateins abacens".*




    (*Sieht aus wie Latein, is' aber keens...)

  • 10.09.2014 09:25, mb450sel

    Der Aussage "Es tut der Wissenschaft langfristig weh, kluge Köpfe von der Promotion abzuhalten." kann man nur kopfschüttelnd entgegnen: Wer ein kluger Kopf ist, wird auch Latein lernen können. Und wer eine Promotion anstrebt, erst recht.

    Als letzte Frage: Wenn Latein denn nicht mehr nötig sein sollte, wie nennt man denn dann die Promotion? Den Doktor machen? Klingt wirklich eloquent.

  • 11.09.2014 15:45, edlub

    Mir sind noch Fälle von Urkundenfälschung und Hochstapelei in der österr. Richterschaft (sic!) in Erinnerung, die letzlich nur auf Grund schlechter Lateinkenntnisse aufflogen. Dabei handelte es sich vornehmlich um typische "abgebrannte Königsberger Absolventen", die ihre akademischen Meriten einem Meineid verdankten. In Deutschland war man nicht so penibel, und heute kann man sogar auch mit einem Metzger-Meisterbrief und Hauptschule als Grundlage in Bayern Jura studieren und Tüchtigen den Platz streitig machen...

  • 12.09.2014 01:44, Kurt Engel

    Die Diskussion ist akademisch und gleichwohl deshalb interessant, weil vom dem asta Mann verkannt wird,r auf welchen Grundlagen unser Rechtssystem aufbaut.Zum grundlegenden Verständnis gehört auch die Kenntnis des römischen Rechts.Wer Jura studiert, sollte das wissen und verstehen. Nur im mainstream zu schwimmen ist dem nicht förderlich. Einem guten Anwalt oder Richter ist nicht nur das Eingehen auf die soziale Wirklichkeit zu wünschen -oder zu fordern- sondern auch die Grundlagen seines "Handwerkzeugs "nämlich der Gesetze und deren Enstehung ,auch in geschichtlicher Hinsicht, zu kennen. Das ist derGrund ,warum man sich auch mit den Pandekten beschäftigen sollte und muss. Nicht Angeberei mit lateinischen Ausdrücken oder Sentenzen. Wer das verneint ,versteht den Berud des Juristen falsch. Wer allerdings " mainstream" nicht auf lateinisch übersetzen kann, der hat es schwer.

  • 12.09.2014 09:51, Jens

    Alles sehr aufgebauscht. Latein kommt in der heutigen Rechtssprache und folgfeweise in der Juristenausbildung nur in Form einiger weniger Fachausdrücke vor. Um "culpa in contrahendo" zu lernen, muss man kein Latein können, und wesentlich schwerer zu lernen als "Erlaubnistatbestandsirrtum" ist es auch nicht.