LGBT-Engagement in Kanzleien: "Der Mehr­heit ist nicht klar, wie sich die Min­der­heit fühlt"

von Désirée Balthasar

24.07.2017

Homosexuelle Anwälte mussten sich früher oft verstecken, ihre sexuelle Orientierung sollte im Kanzleialltag „Privatsache“ bleiben. Heute leben sie offener, vernetzen sich in LGBT+-Gruppen und kämpfen um Gleichstellung. 

Am Donnerstag, den 29. Juni, setzen sich der Anwalt Dr. Malte Stübinger und sein Lebenspartner nach der Arbeit spontan in den Zug und fahren von Hamburg nach Berlin. Das Paar ist am nächsten Morgen pünktlich am Bundeskanzleramt, als der Bundestag die 'Ehe für Alle' billigt. Strahlend vor Glück lachen Stübinger und sein Partner in die Kameras. Sogar bis in die Online-Ausgaben der New York Times und des Guardian schafft es ihr Foto von diesem besonderen Moment. Der jahrzehntelange Kampf um die völlige Gleichstellung Homosexueller hat ein Ende.

Rund einen Monat zuvor ging in München das Kanzleien-Netzwerk "LGBT+ LegalNetworkGermany" an den Start. LGBT+ kommt aus dem Englischen und bedeutet Lesbian Gay Bisexual Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell, transgender), das + steht für weitere Formen der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, wie etwa intersexuell oder queer.

Das neue Netzwerk gründet auf dem Engagement von sechs Kanzleien: Neben Latham & Watkins sind dies GSK Stockmann, Freshfields Bruckhaus Deringer, Allen & Overy, Hogan Lovells, Jones Day sowie Simmons & Simmons. Die Initiatoren sind häufig bereits in kanzleiinternen LGBT-Netzwerken aktiv und kennen sich über die Messe Sticks & Stones für LGBT+-freundliche Arbeitgeber oder die Juristenmesse Alice.

Mit vereinten Kräften für Gleichstellung

"Mit dem neuen LGBT+-Netzwerk gibt es nun eine physische Plattform, die offen für alle Interessierten ist", sagt David Scholz, Senior Business Development Manager bei Freshfields. "Insbesondere möchten wir eine Möglichkeit zum Networking und Austausch für Kollegen aus kleineren Kanzleien bieten."

"Das Netzwerk ist eine gute Möglichkeit, um einen größeren Zirkel von Menschen zusammenzubekommen und mit noch mehr Gewicht aufzutreten, als uns dies mit den eigenen, kanzleiinternen Netzwerken möglich ist", findet auch Malte Stübinger, der als Associate bei Latham & Watkins arbeitet. Dort sind die Mitglieder der LGBT-Gruppe an einer Hand abzuzählen.

"Wir wollen nach außen zeigen, dass wir gemeinsam für Gleichstellung kämpfen." Das Netzwerk will also kein elitärer Zirkel weniger Großkanzleien sein, sondern sich gemeinsam mit kleinen Einheiten engagieren. Denn letztlich profitieren alle davon, sich auszutauschen und gemeinsam für eine Sache einzustehen, glauben die Initiatoren.

Vorbilder sind wichtig

"Als Anwälte sind wir auch Vertreter des Rechts und nicht nur Geschäftsleute. Daher finde ich es wichtig, dass wir in dieser Sache Position beziehen", ist Dr. Mark Butt überzeugt. Der Verwaltungsrechtler ist einer der Initiatoren des neuen Netzwerks und Partner im Münchner Büro von GSK Stockmann. Er selbst sieht sich in einer Vorbildfunktion: "Auf einem Panel der Messe Alice habe ich darüber gesprochen, wie man mit Outing im Geschäftsleben umgehen kann. Im Publikum saßen junge Leute, die mich mit großen Augen angeschaut haben. Da ist mir wieder klargeworden, wie wichtig es für sie ist, Vorbilder zu haben."

Fehlende Rollenvorbilder waren auch für Scholz von Freshfields der Grund, warum sich sein Outing als Transperson sehr lange hinzog. "Erst nach einer Fernsehdokumentation über einen transidenten Juristen habe ich gesehen, dass dies auch in einem konservativen Umfeld wie der Anwaltsbranche möglich sein könnte", erinnert er sich.

Die Reaktionen auf seinen Namenswechsel waren ausnahmslos positiv und bestärkend. Er hatte ohnehin keine Wahl: "Im Gegensatz zu Homosexuellen kann ich mich nicht verstecken, denn es geht dabei um meine Identität." Das Coming Out geheim zu halten war für Scholz keine Option, da er sich einer Geschlechtsangleichung unterzog und seit rund zwei Jahren als Mann lebt.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, LGBT-Engagement in Kanzleien: "Der Mehrheit ist nicht klar, wie sich die Minderheit fühlt" . In: Legal Tribune Online, 24.07.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23573/ (abgerufen am: 09.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 24.07.2017 14:55, RA Nicolas

    Ich habe nicht verstanden, was diese Netzwerke konkret wollen. Ich arbeite seit über zehn Jahren als Anwalt in Großkanzleien. Natürlich gab und gibt es dort auch homosexuelle Kollegen und Mitarbeiter. Da braucht sich niemand zu verstecken, es ist allerdings auch kein großes Thema, weil es mit der Arbeit nichts zu tun hat.

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    • 24.07.2017 15:12, FinalJustice

      Diese Erfahrung habe ich ähnlich gemacht. Ich kenne einige homosexuelle Kollegen und keiner von denen hat sich jemals versteckt oder ein Geheimnis daraus gemacht, allerdings auch nie an die große Glocke gehängt. Das soll nicht heißen, dass es das nicht gibt und vielleicht ist es in den wirklich großen Wirtschaftskanzleien ein Problem wegen des Images (warum auch immer, nur eine Mutmaßung). Solange da keiner "flaming homosexual" ist, sehe ich auch keinen sonderlichen Raum für Diskriminierungen - und dann wäre auch nicht das "homosexual" das Problem, sondern das "flaming". In der Geschäftswelt gehört ein Mindestmaß an Professionalität im Auftreten zum guten Ton, wer sich darüber hinwegsetzt, das wird nicht diskriminiert, weil es egal ist, warum er es macht. Ich gehe davon aus, dass es in diesen Kreisen genauso wenige extrem penetrante Homosexuelle gibt, wie es von oben bis unten tättowierte und gepiercte Punks mit bunten Haaren oder Neonazis mit Springerstiefeln und TS-Jacke gibt.
      Bei Transsexuellen mag das noch mal eine andere Kiste sein, aber auch da kommt es meiner Auffassung nach extrem auf die Darstellung an.

  • 24.07.2017 21:01, Dark Master

    Diese Homos sind ja wie Veganer. Können einfach das Maul nicht zu halten.
    special snowflakes, my ass.

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    • 25.07.2017 08:14, Alice

      Die die es tun werden einem einfach nicht auffallen.

    • 25.07.2017 12:17, Snowflake

      Danke, dass Sie die Notwendigkeit eines LGBT+ Netzwerkes so deutlich unterstreichen.

  • 30.07.2017 21:29, Gerhard Krause

    @Alice: Ist das ein Problem, wenn die nicht auffallen? Für mich wäre es nur eins, wenn es für die eins ist, nicht aufzufallen.
    @Snowflake: So ein Netzwerk ist bei einem Marktanteil von ca. 7 % sicherlich nützlich und vielleicht nicht lästiger als andere Marketinginstrumente.
    @Dark Master: Bisher habe ich das Niveau in diesem Forum als angenehm empfunden, Sie müssen das nicht unbedingt in unheiliger Allianz mit RA Heinrich V auf SPON-Niveau bomben.

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  • 14.08.2017 15:57, Großkanzleianwalt

    Interessanter und toller Artikel - und wirklich traurig, was für Reaktionen er hier zum Teil hervorruft. Zumal die Frage "Warum machen Kanzleien das überhaupt?" im Artikel ganz klar erläutert wird. Da drängt sich der Verdacht auf, dass ein paar straight white males die Sorge haben, dass es ausnahmsweise mal für 1% der Zeit nicht ausschließlich um sie geht... das ist vor allem ziemlich peinlich.

    Die Kanzlei, in der ich arbeite, hat auch solche Netzwerke, und es kommen hier sowohl LGBT-Personen als auch straight allies zusammen und sind in der Kanzlei intern und nach außen hin aktiv - um auf relevante Themen aufmerksam zu machen, die unser Miteinander als Kollegen, unsere Arbeitsweise und unseren Social Impact als Kanzlei angehen. Da gibt es vieles, was unmittelbaren Mehrwert für alle bietet, egal ob Homo oder Hetero, ob Mann oder Frau. Die Resonanz der Kollegen ist durchweg positiv - und hier wird niemandem etwas aufgedrückt, oder irgendeine "gay agenda" durchgeprügelt. Es geht iim Endeffekt um Normalisierung, und dafür sind solche Initiativen unbestreitbar der richtige Weg!

    Wenn wir irgendwann tatsächlich bei völliger Gleichstellung auch im Berufsleben angekommen sind, Frauen den gleichen Anteil an Partnern stellen wie Männer, und keiner mehr die Nase komisch rümpft (oder noch schlimmer, einen peinlichen Herrenwitz vom Stapel lässt), wenn eine weibliche First Year vom Urlaub mit ihrer Verlobten erzählt - dann können wir mal darüber nachdenken, ob es diese Netzwerke noch braucht. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg, und bis wir da sind, ist jeder, der hier solchen Initiativen die Daseinsberechtigung abstreitet, leider nichts anderes als ein homophober Ewiggestriger!

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  • 14.09.2017 17:47, Plus

    Solch ein Netzwerk nützt nur etwas, wenn auch die Mitarbeiter*Innen auch aufgeklärt werden bezüglich LGBTQIA+ Themen. Ich habe bei einer der genannten Kanzleien vor kurzem angefangen und ich muss anmerken, dass ich mich etwas unwohl fühle bei den heteronormativen (und damit einhergehend auch sexistischen und amatonormativen) Kommentaren, die ich schon von einigen Personen hier gehört habe. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Kommentare aus Unwissenheit und nicht Böswilligkeit gesagt werden, weshalb unbedingt Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, idealerweise von diesem Netzwerk und nicht von uns Minderheiten. Meine Einwände gegen diese Kommentare wurden bisher immer abgetan. Es ist außerdem wichtig zu wissen, dass L, G, und T nicht die einzigen Teile der Community sind.

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