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Arbeitsgemeinschaften

Alle im selben Boot

von Janina SeyfertLesedauer: 5 Minuten
In der Klausur ist jeder auf sich gestellt. Für die Vorbereitung muss das aber nicht zwingend gelten. Seit Jahrzehnten lernen Jurastudenten regelmäßig in Gruppen. Die Motive sind dabei so unterschiedlich wie die Treffen - und die Erfolgsaussichten. Denn längst nicht jeder ist ein Teamplayer. Und nur in den richtigen Konstellationen ist man gemeinsam stärker.

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Einmal die Woche isst Jan Kieseheuer Kuchen, manchmal auch Pudding. Es ist der Tag, an dem er sich mit seiner Arbeitsgemeinschaft trifft. Zu den Leckereien gibt es aktuelle Rechtsprechung, Prüfungsschemata und Definitionen. "Wenn wir uns zusammen setzen, versuchen wir schon, zwei bis drei Fälle durchzusprechen", erzählt der 23-Jährige von den "Lern-Dates". "Welche Fälle das sind, klären wir in den Tagen davor per E-Mail." An Stoff mangelt es jedenfalls nicht. Wenn man die Masse an Ausbildungszeitschriften und Rechtsprechungsübersichten durchgeht, fällt es eher schwer, sich zu entscheiden, bei welchem Thema sich ein genauer Blick am meisten lohnt. Die Vierer-Gruppe, die sich gerade auf das erste Examen vorbereitet, hat mittlerweile eine echte Routine beim gemeinsamen Lernen entwickelt. Neben den Falllösungen, die sie im Anschluss an ihre Einzelvorbereitung gemeinsam zu Papier bringen, stellen die Mitglieder sich jede Woche gegenseitig mit Wiederholungsfragen auf die Probe. Jedes Mal ist ein anderer Teilnehmer dran, die drei Mitstreiter mit Fragen zu konfrontieren.

Frage-Antwort-Spiele am Küchentisch

Die Jurastudenten erhoffen sich von dem eingeschobenen Kreuzverhör einen besseren Lerneffekt. Da die Fragen aus jedem Rechtsgebiet stammen können und vom Schwierigkeitsgrad variieren, ist die Herausforderung besonders groß. Längst Vergessenes muss wieder zugänglich gemacht werden. "In der mündlichen Prüfung im Examen kann ja auch alles kommen", erklärt Kieseheuer das Lernkonzept. Für die Kommilitonen ist der wöchentliche Termin allerdings auch eine wichtige Möglichkeit, um Informationen auszutauschen. Es ist einfach nicht zu schaffen, jeden Hinweis, gerade auch zur aktuellen Rechtsprechung, mitzubekommen. Wenn vier Leute die Augen offen halten, kommt womöglich mehr zusammen. Häufig hat jemand beispielsweise in einem der zahlreichen Internetforen einen heiß gehandelten Examenstipp aufschnappt. So etwas erzählt man sich dann. Genauso plaudert man aber auch über den Wasserschaden in der WG, die Heiratspläne des Bruders oder diskutiert über die Bundesliga-Ergebnisse. Nicht zu unterschätzen ist nämlich die Bedeutung der sozialen Komponente. Lernen in der Gruppe heißt, dass man den heimischen Schreibtisch oder den Platz in der Bibliothek für ein paar Stunden verlassen darf. Bei einem Fach wie Jura, das einen großen Lernaufwand erfordert, ist die Gefahr, dass man sich isoliert fühlt, besonders groß: "Als ich mir vor dem ersten Semester eine Wohnung gesucht habe, war ich bei einem Absolventen zu Hause, der gerade das erste Examen bestanden hatte und zum Referendariat wegziehen wollte. Über die Nebenkosten erzählte er, dass sie in den Monaten vor seiner Prüfung deutlich höher waren als zuvor – er sei einfach nicht mehr viel rausgekommen. Vielleicht hätte mir das eine Warnung sein sollen", witzelt Jan Kieseheuer.

Nutznießer, Weinschorle Könige und andere Hindernisse 

Aber nicht nur die eigenen vier Wände oder die Bibliothek können unbefriedigend sein. Auch eine Arbeitsgemeinschaft hat Frust-Potenzial. Zum Bruch kommt es ganz schnell, wenn nicht alle mit zumindest ähnlichem Engagement bei der Sache sind. Diese Erfahrung hat auch Stefanie Engel gemacht. In ihrer ersten Arbeitsgemeinschaft gab es Leute, die viel vorbereitet haben, gerne etwas erklären mochten und sich Gedanken gemacht haben, wie man die Treffen am besten nutzt. Andere haben sich bequem berieseln lassen. Letztlich machte sie daraufhin Schluss mit ihrer Lerngruppe. Heute bezeichnet sie sich selbst als "Stimmungslernerin". Feste Termine für Arbeitsgemeinschaften gibt es nicht mehr. Die Vorteile, wenn man alleine lernt, erklärt die angehende Juristin so: "Man kann wirklich sein eigenes Tempo gehen und ist nicht gelangweilt oder genervt, wenn andere langsamer sind. Andersherum kommt man sich auch nicht blöd vor, wenn man selbst mal nicht so schnell ist." Hin und wieder hat sie dann aber schon noch Lust auf Gruppen-Jura. Dann reichen ein paar Anrufe und sie trifft sich mit Kommilitonen, die sich mittlerweile als gute Lern-Partner erwiesen haben. Die Frage, wer überhaupt ein guter Lernpartner ist, steht logischerweise ganz am Anfang. Die Kommilitonin, mit der man unzählige Stunden bei einer Weinschorle über Gott und die Welt reden kann, ist nicht unbedingt auch diejenige, mit der man beim Thema Handelsrecht harmoniert. Doch was sind die Kriterien, wenn man sich gegenseitig bereichern will?

Rollenverteilung und Mehrwerte

Einige versuchen, sich mit Leuten zusammen zu tun, die sie als fachlich stärker empfinden. Sei es, weil sie auf einen Motivationseffekt oder auf  besonders qualifizierten Input hoffen. Ganz vielleicht kann man sich ja auch mit dem unterschiedlich stark verbreiteten "Judiz" infizieren. Für andere ist es hingegen nicht auszuhalten, wenn sie sich als schwächstes Glied im Verbund fühlen. Die soziale Rolle des Nutznießers in einer Gruppe, deren Mitglieder einem alles noch einmal ganz langsam und zum Mitschreiben erklären, liegt nicht jedem. In welchem Umfeld man sich am wohlsten fühlt und in welchem man am meisten mitnehmen kann, weiß man in der Regel aber ziemlich schnell. Zudem sei dahingestellt, wie stark die positive Wirkung einer Arbeitsgemeinschaft für das eigene Vorankommen von dem fachlichen Niveau der Gruppe abhängt.

Disziplin, Selbstkontrolle und allein ist man auch nicht

Einige Effekte des gemeinsamen Arbeitens treten nämlich gänzlich unabhängig von dieser Frage ein. So schaffen Verabredungen zum Lernen eine Verbindlichkeit, die Orientierung bei der Vorbereitung bringt und oft zur nötigen Disziplin verhilft. Wer sich im stillen Kämmerlein vorgenommen hat, bis Dienstag die Drittschadensliquidation zu wiederholen, kann sich spontan auch gegen das Zivilrecht und für einen DVD-Abend entscheiden. Wer allerdings am Dienstag bei Kuchen und Pudding am Küchentisch sitzen wird und einen Fall zur Drittschadensliquidation vorbereiten sollte, wird die DVDs wahrscheinlich warten lassen. Neben der Verbindlichkeit, die bei eigenständiger und damit auch alleinverantwortlicher Vorbereitung eine wahre Stütze sein kann, spielt auch Selbstkontrolle eine gewichtige Rolle. Wer kennt es nicht, dass das gelesene Kapitel im Lehrbuch oder der Falllösung sich wirklich verständlich las – und sich erst bei der Klausurrückgabe herausausstellt, dass dem wohl doch nicht so war. Daher hilft es, sich mit Kommilitonen zu unterhalten. Wer sich in die Situation begibt, mit eigenen Worten wiedergeben zu müssen, was er gelesen hat, wird schnell erkennen, ob der Stoff tatsächlich so fest sitzt wie angenommen. Zu guter Letzt sei noch das gemeinsame Boot erwähnt. Denn da sitzt man wenigstens in Gesellschaft drin, wenn man sich zusammen auf eine Prüfung vorbereitet – anders als am Schreibtisch zu Hause. Und nicht zu vergessen ist auch das geteilte Leid, das ja bekanntlich ein halbes ist. Manchmal ist es nämlich heilsam, einfach von einem anderen zu hören: "Habe ich auch nicht verstanden." Mehr auf LTO.de: Examen ohne Repetitor: Keine Angst vorm selbständigen Lernen Freischuss: Leid und Glück der frühen Vögel Die besten Apps für Jura-Studenten: Digitaler Lernstoff für die Hosentasche

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