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Mit Jura nach Bangkok: Zwischen Maßanzügen und Tuktuks

von André Siedenberg

10.12.2013

"One night in Bangkok makes a hard man humble", sang einst Murray Head. André Siedenberg hat während seiner Wahlstation nicht bloß eine, sondern rund 90 Nächte in der thailändischen Hauptstadt verbracht. Hier erzählt er über seine Erlebnisse mit Straßenküchen und Ladyboys – und dem Verständnis von Pünktlichkeit in einer Kultur, für die Zeit keine große Rolle spielt.

Dank verschiedener musikalischer und filmischer Darstellungen könnte man die Rechtsprobleme im Rahmen der Wahlstation in Bangkok eher in den schmuddeligsten Ecken des Strafrechts vermuten. Doch weit gefehlt. Während meiner Wahlstation in Thailand hatte ich nicht nur Gelegenheit, mich mit spannenden wirtschaftsrechtlichen Sachverhalten zu befassen, sondern auch, ein faszinierendes Land und interessante Leute kennenzulernen.

Wie ich dort hingekommen bin: Hauptsache weg

Schon vor den elf Klausuren des bayerischen Staatsexamens war für mich klar, dass ich nach der Klausurenphase die Gelegenheit nutzen wollte, noch einmal über den Tellerrand der deutschen Juristerei hinaus zu blicken. Die Chance dazu ergab sich durch ein Schreiben in der Umlaufmappe meines Ausbildungsgerichts, in welcher sich verschiedene Angebote für die Wahlstation befanden.

Während die meisten aus der näheren Umgebung stammten, stach die Anzeige der Kanzlei Lorenz & Partners in Bangkok schon geographisch aus den übrigen Angeboten hervor. Da Asien zu diesem Zeitpunkt für mich noch terra incognita darstellte, war ich sofort begeistert. Nach einer Bewerbung per E-Mail und einem kurzen Telefoninterview konnte ich, reichlich unaufwendig, mein Visum bei der thailändischen Botschaft beantragen und die Flüge buchen.

Kanzleialltag I: Keine Bummelstation…

Viele deutsche Firmen unterhalten Wirtschaftsbeziehungen mit Zulieferern oder Tochtergesellschaften in Thailand. Die Kanzlei, der ich zugeteilt war, unterstützt diese Firmen bei ihren Investments in Asien, indem sie das notwenige Fachwissen für die deutschstämmigen Rechtsanwender aufbereitet. Entsprechend abwechslungsreich und anspruchsvoll gestaltete sich meine Arbeit. Internationale Rechtsfragen mussten recherchiert und Newsletter und Broschüren erstellt und überarbeitet werden.

Dabei war ich recht frei in der Wahl meiner Themenschwerpunkte, musste aber innerhalb der – für eine internationale Kanzlei fair bemessenen – Arbeitszeiten auch einiges an Leistung bringen. So bearbeitete ich eine Broschüre zum thailändischen Arbeitsrecht (welches besser als sein Ruf ist), befasste mich mit einen internationalen Erbrechtsfall und erstellte eine Marktanalyse, welche für eine Transfer Pricing Dokumentation nötig war. Daneben arbeitete ich an Publikationen mit und half bei  Vertragsgestaltungen. Bei all diesen Tätigkeiten war ich eng in den Kanzleialltag eingebunden und arbeitete mit den thailändischen Mitarbeitern vor Ort sowie den anderen Büros in Ho Chi Minh Stadt und Hong Kong zusammen.

Kanzleialltag II: Immer wieder mittwochs…

Neben der Arbeit kam aber auch die Entspannung nicht zu kurz. Besonders der Mittwoch war stets ein Highlight, da an diesem Wochentag eine professionelle Masseurin ihre Runde durch die Büros machte. Zudem hatte ich bereits an meinem ersten Wochenende Gelegenheit, am jährlichen "Company Trip" nach Ko Samed, einer Insel im Golf von Thailand, teilzunehmen.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, knapp eine Woche nach den Klausuren und nur wenige Stunden nach Dienstschluss durch den warmen Sand zu seinem Bungalow am Strand zu laufen. Jedenfalls war es für mich nach den anfänglich unvermeidlichen Umstellungsschwierigkeiten der Moment, als ich mir sicher war, mit der Wahlstation in Thailand die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Was ich nicht vergessen werde I: Gangnam Style International

Durch die zentrale Lage in Südostasien sind nicht nur viele internationale Unternehmen in Bangkok vertreten, sondern auch die Vereinten Nationen. Diese haben einen riesigen Stab an Praktikanten, welche aus aller Herren Ländern stammen. Mittels Facebook ließen sich daher schnell Kontakte knüpfen, um Stadt und Land gemeinsam zu erkunden.

So musste ich weder die zahlreichen Tempel und Restaurants, noch die Parties und Ladyboyshows (befeuert vom in Asien allgegenwärtigen Megahit "Gangnam Style") alleine besuchen. Auch die achtzehnstündige Reise zur Full Moon Party in Ko Phanang verbrachte ich in internationaler Gesellschaft. Einige der Freundschaften, welche ich in Bangkok geschlossen habe, dauern auch über das Ende der Wahlstation hinaus an.

Was ich nicht vergessen werde II: Die unschönen Seiten Bangkoks

Ohne Zweifel sind die Thailänder eines der freundlichsten und höflichsten Völker der Welt. Dennoch ist die Omnipräsenz der reichlich aufdringlichen Verkäufer, die einem von der Heuschrecke als Knuspersnack bis zur gefälschten Rolex nahezu jedes vorstellbare (und auch unvorstellbare) Produkt aufzuschwatzen versuchen, oftmals eine Belästigung.

Am dichtesten ist deren Konzentration auf der bekannten Kao San Road im Norden Bangkoks (die im Übrigen mit dem wirklichen Thailand so viel zu tun hat wie Schloss Neuschwanstein mit Deutsch-land). Dort werden neben den unvermeidlichen Maßanzügen und Tuktukfahrten auch die Dienstleistungen des horizontalen Gewerbes angepriesen, denen Bangkok seinen eher zweifelhaften Ruf verdankt. Zusammen mit dem unvermeidlichen Verkehrschaos und dem drückenden Smog kann die Stadt daher, gerade für den unvorbereiteten Europäer, einen schwer zu verarbeitenden Kulturschock bedeuten.

Wer sich allerdings offen und interessiert auf Bangkok einlässt, der entdeckt eine faszinierende Metropole mit unendlich vielen Gesichtern, die sich stets von neuen Seiten zeigt und den Besucher auch bei längerem Aufenthalt immer wieder überrascht. Wie sich Bangkok anfühlt, riecht und schmeckt ist nur schwer zu beschreiben, aber in jedem Fall unvergesslich.

Zitiervorschlag

André Siedenberg, Mit Jura nach Bangkok: Zwischen Maßanzügen und Tuktuks . In: Legal Tribune Online, 10.12.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/10308/ (abgerufen am: 16.10.2019 )

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Kommentare
  • 10.12.2013 17:02, Lena

    Gibt es einen Bericht über Wahlstationen, in dem nicht das Gähn-Wort "Tellerrand" vorkommt? Und dann auch noch zweimal.

    Die Insel mit den Full Moon Parties heißt übrigens Koh Phangan.

    • 10.03.2016 16:46, NoOne

      Wenn schon klugscheissen, dann bitte auch richtig: Die Insel heißt Ko Pha Ngan.

      :-P

  • 04.01.2014 09:51, <a target="_blank" href="http://www.excitereview.com" >www.excitereview.com</a>

    www.excitereview.com verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext: <br /><a target="_blank" href="http://www.excitereview.com/lastest-thailand-full-moon-party-news-3/">Legal Tribune ONLINE</a>

  • 19.06.2016 13:25, Andreas

    und nochmals "Klugscheissen" beide Varianten sind richtig", da es kein anerkanntes System der Romanisierung, also des Schreibens von Wörtern der thailändischen Sprache mit lateinischen Buchstaben gibt; sollte allen, die sich dort aufgehalten haben, bekannt sein