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Zugunglück in Bad Aibling: Drei­ein­halb Jahre Haft für Fahr­di­enst­leiter

05.12.2016

Zehn Monate nach dem verheerenden Zugunglück von Bad Aibling ist der Fahrdienstleiter verurteilt worden. Der Bahnmitarbeiter ist der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung schuldig, so das LG.

Nach dem Zugunglück in Bad Aibling verurteilte das Landgericht (LG) Traunstein den Fahrdienstleiter am Montag zu dreieinhalb Jahren Haft. Es blieb damit sechs Monate unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Der Mann habe sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung strafbar gemacht.

Bei dem Zusammenstoß zweier Züge am 9. Februar in Oberbayern waren 12 Menschen gestorben und fast 90 teils lebensgefährlich verletzt worden. Das Gericht sprach von einem der erschreckendsten Zugunglücke in den letzten Jahren.

Zu Prozessbeginn hatte der Bahnmitarbeiter gestanden, bis kurz vor dem Zusammenstoß der beiden Züge in dem oberbayerischen Kurort das Fantasy-Rollenspiel "Dungeon Hunter5" auf seinem Handy gespielt zu haben. Die Vorschriften der Deutschen Bahn verbieten die private Nutzung von Smartphones im Dienst.

Die mehrtägige Beweisaufnahme im Prozess hatte das Ermittlungsergebnis bestätigt, dass er, vom Spielen abgelenkt, an jenem Unglücksmorgen mehrere Signale im Stellwerk falsch stellte. Auch beim Absetzen eines Notrufes drückte der 40-Jährige noch eine falsche Taste, der Alarm erreichte die Lokführer nicht. Der Frontalzusammenstoß auf eingleisiger Strecke war daraufhin nicht mehr zu verhindern.

"Ruhiger und sachlicher Verhandlungsstil"

An einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung bestand nach sechs Verhandlungstagen kein Zweifel mehr. Denn selbst die Verteidiger des Fahrdienstleiters räumten die Verwirklichung dieses Straftatbestands in ihren Plädoyers am vergangenen Freitag ein. Allerdings hielten sie eine Bewährungsstrafe für ausreichend. Allenfalls kam für die Anwälte eine Haftstrafe von maximal zweieinhalb Jahren infrage.

Die Staatsanwaltschaft hatte hingegen vier Jahre Gefängnis beantragt. Die Hinterbliebenen der Todesopfer und die verletzten Passagiere schlossen sich als Nebenkläger dieser Forderung im Wesentlichen an. Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt gemäß § 222 Strafgesetzbuch fünf Jahre.

Das Gericht betonte bei seinem Urteilsspruch, alle Beteiligten hätten zu einem "ruhigen und sachlichen Verhandlungsstil" beigetragen.

Bekannt wurde in dem Prozess auch, dass die Bahn auf der Unglücksstrecke seit mehr als 30 Jahren veraltete Signaltechnik einsetzt. Eine Vorschrift von 1984, zusätzliche Anzeigen zu installieren, war nicht umgesetzt worden, wie ein Unfallexperte des staatlichen Eisenbahn-Bundesamtes aussagte. Die Bahn muss dies aber nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten tun.

dpa/nas/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Zugunglück in Bad Aibling: Dreieinhalb Jahre Haft für Fahrdienstleiter . In: Legal Tribune Online, 05.12.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21349/ (abgerufen am: 11.07.2020 )

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Kommentare
  • 05.12.2016 13:14, Kuscheljustiz

    Es fällt extrem schwer, diesem Verantwortungslosen nach Haftverbüßung keine ,,unangenehmen Besuche" zu wünschen. Es liegt wohl auch an der Schwierigkeit, Eventualvorsatz von bedingter Fahrlässigkeit zu unterscheiden, geschweige denn, ersteres in der Praxis zu beweisen. Meiner bescheidenen Meinung nach hat er sich damit abgefunden, dass ein Unfall eintreten kann, der natürlich Todesopfer fordern wird und er hat es auch billigend in Kauf genommen. Je verantwortungsvoller ein Beruf ist, desto eher wird man bei gewollter Ablenkung Vorsatz annehmen müssen. Der Mann ist geistig ja offensichtlich normal entwickelt und nicht etwa mit Defekten belastet.

    Das widerwärtige Abwerten menschlichen Lebens gegenüber einem Spiel, in dem Drachen getötet werden müssen- und nichts anderes hat er getan, er konnte sich entscheiden- ist ein niederer Beweggrund.
    Hier wäre eine lebenslange Freiheitsstrafe tat- und schuldangemessen.

    • 05.12.2016 13:28, really

      "Das widerwärtige Abwerten menschlichen Lebens gegenüber einem Spiel, in dem Drachen getötet werden müssen- und nichts anderes hat er getan, er konnte sich entscheiden- ist ein niederer Beweggrund."

      Selten so einen Schwachsinn gelesen.

    • 05.12.2016 14:09, web

      Sie können das gemeine Volk ja befragen, ob sie das Verhalten des Täters als zutiefst verachtenswert finden oder eben nicht. Aber die Spielsucht ist bestimmt auf eine schwere Kindheit zurückzuführen.

    • 06.12.2016 15:53, M. W.

      Ich bezweifle das der Fahrdienstleiter sich bewusst gegen das Leben der Menschen und für das Spiel entschieden hat. Somit ist es totaler Schwachsinn im eine Lebenslangefreiheitsstrafe zuzuschreiben.

  • 05.12.2016 14:21, Theopa

    Die überwiegende Verantwortung muss bei dem Betreiber gesucht werden. Alleine die Tatsache, dass zwei Züge im Fahrbetrieb aufeinander zufahren können ohne von technischen Einrichtungen automatisch zum Stillstand gebracht zu werden ist in Zeiten von GPS und Ähnlichem geradezu unerhört.

    • 05.12.2016 15:04, Wolfgang Ksoll

      Unabhängig von der individuellen Schuld und Strafe halt ich es auch für absolut unannehmbar, dass wir bei einer Verkehrstechnik, mit der wir 200 Jahre Erfahrung haben, keine technischen Vorrichtungen zur Doppelbenutzung einer Bahnstrecke in gegenläufige Richtung haben. So waren vor Jahren auch im Emsland auf der Magnetbahn Menschen zu Tode gekommen. Auch haben wir keine Diskussion, ob man wirklich keine technischen Vorrichtungen braucht, um Airbus zu Mordanschlägen braucht, und sie einfach Mörder in den Alpen am Berg zerschellen lassen. Wenn aber ein einzelnes Autos einen einzelnen Menschen in Kalifornien mit einem selbstfahrenden Auto tötet, dann gründen wir in unserem Amerikahass blitzschnell eine Ethik-Kommission und erheben den Menschen gegen unsere Erfahrung in Bad Aibling und den Alpen zur Krönung der Schöpfung. Tote interessieren uns da nicht. Da zählt dann nur unser Hass gegen erfolgreiche Firmen. Wir lassen es dann in D weiter schleifen und Menschen sterben. Oder als Krönung machen wir dann absurde Fernsehspiele: Wann darf ich wie viele Zivilisten töten, die mich nicht angreifen (siehe "Terror"). Blutrausch?

  • 05.12.2016 17:08, D.R.

    Kuscheljustiz? Wäre ich eines der Opfer oder einer der Hinterbliebenen, so hätte ich mich ausdrücklich nicht der Forderung der Staatsanwaltschaft angeschlossen bzw. hätte mir gewünscht, dass meine Angehörigen das in meinem Namen tun. Wem ist denn mit der Gefängnisstrafe geholfen? Der Steuerzahler finanziert den (teuren) Aufenthalt, der Fahrdienstleiter wird vollständig aus seinem Leben (evtl. noch mit kleinen Kindern) gerissen und findet vermutlich schwerlich nach Ablauf der Strafe in ein geregeltes Leben zurück.
    Ich wünsche niemandem - egal, wie fahrlässig er sich verhält - dass er mit einer solchen Schuld leben muss. Diese ist wahrlich Strafe genug und wir Zeit seines Lebens mehr als schwer auf seinen Schultern lasten. Hat er sich grob fahrlässig verhalten und alles an Vorsicht und Aufmerksamkeit vernachlässigt, was jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle aufgebracht hätte? Selbstverständlich. Muss er deshalb mit einer 3 1/2 jährigen Gefängnisstrafe resozialisiert werden? Meines Ermessens nicht.
    Selbstverständlich kann man hier anderer Meinung sein - ich wünsche mir jedoch sehr (gerade auf einer solchen Plattform) etwas mehr Differenziertheit und Respekt vor dem Fahrdienstleiter, denn dieser hat seine Menschenwürde mitnichten im Moment dieses furchtbaren Unglücks abgeben müssen.

    • 06.12.2016 15:50, M. W.

      Dieser Ansicht kann ich voll und ganz zustimmen. Eine Bewährungsstrafe hätte es in diesem Fall auch getan.