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LG Berlin zu gemeinfreien Gemälden: Pro­fes­sio­nelle Fotos genießen eigenen Urhe­ber­rechts­schutz

22.06.2016

Niederlage für Wikimedia. Das Portal haftet als Störer für Nutzer, die Fotos von gemeinfreien Gemälden ohne Erlaubnis des Fotografen hochladen. Das entschied kürzlich das LG Berlin. Geklagt hatte ein Mannheimer Museum.

Fotografen, die gemeinfreie Gemälde reproduzieren, können sich nach einem aktuellen Urteil des Landgerichts (LG) Berlin auf das Urheberrecht berufen. Das Gericht gab der Klage der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim im Wesentlichen statt, wie Kläger und Beklagte mitteilten (Urt. v. 31.05.2016, Az. 15 O 428/15).

Die Museen hatten gegen das Internetportal Wikimedia Foundation Inc. geklagt, nachdem dort Reproduktionen von insgesamt 17 gemeinfreien Gemälden, die in den Museen ausgestellt sind, von einem Nutzer hochgeladen worden waren. Die Fotografien stammten vom Hausfotografen der Museen.

In diesen sah das Gericht eigene Werke mit urheberrechtlicher Schöpfungshöhe. Dies gilt der Entscheidung zufolge jedenfalls dann, wenn der Fotograf einen gewissen Aufwand betreibt. Jedem fotografischen Laien sei bekannt, dass eine farb- und kontrastgetreue, nicht verzerrte Wiedergabe eines Gemäldes in Katalogbildqualität bei zufällig vorgefundenen Beleuchtungsverhältnissen nicht einfach so nur durch spontanes Abknipsen erzielt werden könne, zitiert das Museum aus dem Urteil. Hieraus folgt aber wohl auch, dass das bloße "Abknipsen" nach Ansicht der Berliner Richter nicht die nötige Schöpfungshöhe erreichen dürfte.

Über Ob und Wie der Veröffentlichung soll Urheber entscheiden

Als Störer haftet laut Urteil allerdings nur die Wikimedia Foundation Inc., nicht dagegen der mitverklagte Verein Wikimedia Deutschland. Denn der Verein, so das LG Berlin, habe lediglich einen Link zur Muttergesellschaft gesetzt, ohne die dort bereitgestellten Inhalte selbst beeinflussen zu können.

Der Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen begrüßte die Entscheidung, betonte aber zugleich, dass es nicht darum gehe, dem Projekt Wikipedia Schaden zuzufügen. Es stelle sich aber die Frage, wer die Entscheidung über das Ob und Wie der öffentlichen Zugänglichmachung der eigenen Bestände haben solle. Es sei schwer nachvollziehbar, dass ein einzelner Autor der Wikipedia für sich beanspruche, alleine darüber zu entscheiden, aufwendig erstellte Werke jedermann zur freien Nutzung zur Verfügung zu stellen.

una/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

LG Berlin zu gemeinfreien Gemälden: Professionelle Fotos genießen eigenen Urheberrechtsschutz . In: Legal Tribune Online, 22.06.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19762/ (abgerufen am: 20.09.2020 )

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Kommentare
  • 23.06.2016 00:21, Albert992

    Unglaublich. Eine Eins-zu-eins-Kopie soll Schöpfungshöhe haben. Das ist Handwerk oder Automatisierung. Aber keine Schöpfung. Eher das Gegenteil davon.
    Ich nehme an, der Photograph wurde für seine handwerkliche Arbeit bezahlt. Sein Auftraggeber, das Museum, hat den Katalog mit den abphotographierten Werken verkauft. Damit haben alle, die dafür Aufwand betrieben haben, ihren Aufwand erstattet bekommen.

  • 23.06.2016 19:16, R.S.

    Also die Kamera grade vor dem Bild halten, das RAW in Photoshop oder Lightroom entwickeln, in dem man die Verzerrung per Automatik korrigiert und einen manuellen Weißabgleich per Pipette durchführt und dann vielleicht noch ein wenig die Tonwerte korrigiert, erreicht schon Schöpfungshöhe. Ich stell mir die Frage, ob es hier nicht um etwas ganz anderes ging, darf im dem Museum jeder fotografieren?

  • 24.06.2016 09:42, jcm

    Ob der Fotograf bezahlt wurde, lieber Albert992, spielt nur dann eine Rolle, wenn es sich um eine Zahlung des Lizenznehmers, also Wikimedia, handelt. Ohne Lizenzvertrag sind Lichtbilder und Lichtbildwerke rechtlich geschützt. Mit der Folge, dass Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche (z.B. auf Zahlung einer Lizenzgebühr) bestehen.

    Entscheidender ist der Punkt von R.S.: Solche Fotos sind keine künstlerische Meisterleistung, sondern solides Handwerk (möglicherweise mit Softwareunterstützung). Allerdings verweist der BGH auf Art. 6 SchutzdauerRL, der besagt, dass keine besonderen Anforderungen an die gestalterische Schöpfung zu stellen seien. Das senkt die Schwelle zum Lichtbildwerk natürlich weit ab. Ich habe zwar etwas Probleme damit, in einer handwerklich einwandfreien, farb- und lichtechten und auch sonst originalgetreuen Fotografie eines Kunstwerks, wie man sie für Kataloge braucht, das "Ergebnis der eigenen geistigen Schöpfung ihres Urhebers" zu sehen. Aber im Ergebnis dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten: Jedenfalls als Lichtbilder i.S.v. § 72 UrhG sind die Bilder so oder so geschützt, und zwar im gleichen Umfang wie Lichtbildwerke, mit Ausnahme der kürzeren Schutzdauer von "nur" 50 Jahren ab Aufnahme (gegenüber 70 Jahren post mortem). Vor dem Hintergrund wundert mich fast, dass sich das LG hier auf ein Lichtbildwerk festlegt.

    • 24.06.2016 10:48, albert992

      Eine 1 zu 1 Kopie ist keine schöpferische, sondern eine rein handwerkliche Leistung.
      Wie der Schreiner, der eine Kommode nach Plan eines Innenarchitekten oder Künstlers baut, keine schöpferische Leistung erbringt. Wenn ich seine Kommode kaufe oder nachbaue, so hat er keinerlei Rechte gegen mich. Er hat seine Rechte abgegeben an den Käufer. Ich kann mit der Kommode machen, was ich will.

      Anders der Innenarchitekt oder Künstler: der hat schon die Rechte als Urheber der schöpferischen Leistung. Aber eben zeitlich befristet. Nach Fristablauf muß er hinnehmen, daß seine Schöpfung kopiert wird.

      Wer den Handwerker bezahlt hat, ist völlig irrelevant.

    • 24.06.2016 10:55, albert992

      Nachtrag: Wobei ich natürlich annehme, daß der "Plagiator" der die Photos kopiert hat, seinen finanziellen Beitrag für den Handwerker geleistet hat, indem er den Katalog bezahlt hat.