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Fotos von historischen Gemälden: Stadt Mann­heim ver­klagt Wiki­media

24.11.2015

Genießen Fotografien von gemeinfreien Gemälden den Schutz des Urheberrechts? Die Stadt Mannheim hat Wikimedia Deutschland verklagt, weil mehrere solcher Aufnahmen in der Online-Datenbank zu finden sind.

Die Stadt Mannheim hat die Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland vor dem Landgericht (LG) Berlin verklagt. Wie Wikimedia Deutschland in einem Blogbeitrag mitteilt, geht es um 17 Fotos von gemeinfreien Gemälden aus dem Bestand der Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim. Diese seien bei Wikimedia Commons hochgeladen worden. Der Begriff Gemeinfreiheit bezeichnet das Fehlen von Immaterialgüterrechten, insbesondere Urheberrechten, an geistigen Schöpfungen.

Ziel der Klage ist offenbar die Löschung der Aufnahmen. Wie heise.de berichtet, hätten die Anwälte der Stadt zudem auch die Person verklagt, die die Fotos ins Netz gestellt hatte. Auch ein bekanntes Portrait von Richard Wagner sei betroffen. Dieses ist nach wie vor bei Wikimedia zu finden und nennt u.a. den Hausfotografen der Reiß-Engelhorn-Museen als Urheber.

In dem nun angestrengten Rechtsstreit dürfte sich alles um die Frage drehen, ob Fotografien von gemeinfreien Gemälden ihrerseits urheberrechtlich geschützt sind. Laut heise.de beruft sich die Stadt hierbei auf einen Beschluss des LG aus Mai dieses Jahres, in dem die Richter diesbezüglich einen Lichtbildschutz nach § 72 Urhebergesetz (UrhG) angenommen hätten (Beschl. v. 19.05.2015, Az: 16 O 175/15).

Wikimedia stellt sich hingegen auf den Standpunkt, dass der Zweck von Urheberrechten der Schutz für die Mühen kreativer Arbeit sei. Diese aber seien für die in Streit stehenden 17 Fotos nicht aufgewandt worden. Für die fotografierten Werke sei die urheberrechtliche Schutzfrist unlängst abgelaufen. "Was nicht dazu gehört, ist eine Fristverlängerung durch die Hintertür. Insbesondere dann nicht, wenn es sich wie bei den Fotos im Auftrag des Museums um originalgetreue 1:1-Abbildungen der Gemälde handelt", heißt es in dem Statement.

Nach Angaben von Wikimedia ging die Klage bereits am 16.November ein.

una/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Fotos von historischen Gemälden: Stadt Mannheim verklagt Wikimedia . In: Legal Tribune Online, 24.11.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/17637/ (abgerufen am: 24.09.2020 )

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Kommentare
  • 24.11.2015 13:27, Hans Meister

    Ich verstehe den Standpunkt von Wikimedia und die Aufregung nicht. Natürlich können Fotografien von gemeinfreien Kunstwerken den Schutz des Urheberrechts genießen.

    Auch der Artikel behandelt meines Erachtens den entscheidenen Punkt nicht ausreichend: Es geht um Fotografien, welche im Auftrag eines Mannheimer Museums angefertigt wurden. Nur aufgrund der fotografischen Leistung wird ein Urheberrecht an den Fotografien hergeleitet.

    Wenn ein Wikipedia-Nuzer selbst eine Fotografie von einem gemeinfreien Kunstwerk anfertigt, hat er auch das Urheberrecht an der Fotografie.

  • 24.11.2015 17:52, Andreas Sichelstiel

    Es geht um die Frage, ob jemand, der ein Kunstwerk abfotografiert, überhaupt ein Urheber ist, Herr Meister. Möglicherweise reproduziert er ja nur eines anderen Werk ...

  • 24.11.2015 18:31, Dr. phil. Klaus Graf

    Die Frage des Leistungsschutzrechts für Gemäldefotos ist umstritten. Jedenfalls für 2008 halte ich meine Einschätzung für zutreffend, dass die herrschende Meinung sie ablehnte. Ich schrieb in der "Kunstchronik" damals: "Ansgar Ohly, gewiss kein Außenseiter auf dem Gebiet des Immaterialgüterrechts, formulierte 1995 in der Festgabe für den „Urheberrechtspapst“ Gerhard Schricker: „Einige Museen unterhalten Bildarchive, in denen Reproduktionsfotografien entliehen werden können, oder bestehen bei einem Reproduktionswunsch darauf, die Vorlagen selbst anzufertigen. Diese Fotografien als solche sind, wenn es sich um Reproduktionen von Gemälden oder anderen zweidimensionalen Werken handelt, urheberrechtlich nicht geschützt“ (S. 455). In Fußnote 186 wird diese Auffassung begründet: „Ein Leistungsschutzrecht nach § 72 UrhG, das insoweit in Betracht käme, setzt zwar kein eigenpersönliches geistiges Schaffen, immerhin aber ein Mindestmaß an persönlicher geistiger Leistung voraus, BGH GRUR [=Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht] 1993, 34, 35 - "Bedienungsanweisung"; BGH GRUR 1990, 669, 673 - "Bibelreproduktion"; Ulmer, Urheber- und Verlagsrecht, S. 511. Daran fehlt es, wenn das Ziel einer Aufnahme gerade darin besteht, dem Original möglichst weitgehend zu ähneln, vgl. Nordemann, GRUR 1987, 15, 17; Schneider, Das Recht des Kunstverlags, [1991] S. 354“. Rechtsanwalt David Seiler, im Internet unter www.fotorecht.de ein rühriger Vertreter der Interessen der Fotografen, musste 2004 in einer Rezension zugestehen: „Gegen die herrschende Meinung ist die Ansicht, dass derjenige, der ein Gemäldefoto aus einem Katalog vervielfältigt gegen das Urheberrecht des Gemäldefotografen verstößt (Rn 86). Während ich mit dem OLG Düsseldorf (Fotos von Beuys-Zeichnungen) der Meinung bin, dass man derartigen Reproduktionsfotografien durchaus des [!] Schutz als Lichtbild nach § 72 UrhG zuerkennen kann, geht die überwiegende Meinung davon aus, dass Reprofotos weder urheberrechtlich geschützt sind, noch Lichtbildschutz genießen“ ( http://www.jurpc.de/aufsatz/20040251.htm )." Im umfangreichsten Urhg-Kommentar von Schricker wird nach wie vor davon ausgegangen, da er sich explizit von der Entscheidung Codex Aureus des Reichsgerichts distanziert und darauf verzichtet, die Düsseldorfer OLG-Entscheidung zur Kenntnis zu nehmen. Aus der Sicht des EU-Urheberrechts halte ich es für äußerst fraglich, Reproduktionsfotos den EU-weiten Urheberrechtsschutz zuzusprechen, da ihnen die Originalität fehlt. Damit bleibt der Lichtbildschutz, wenn man ihn denn bejaht, auf D und Österreich bejaht. Der Trend bei der EU und in wichtigen Museen geht freilich in die entgegengesetzte Richtung, siehe http://archiv.twoday.net/stories/1022509983/

  • 25.11.2015 11:44, Donald Duck

    @ Klaus Graf
    Könnte man sich nicht auf den Standpunkt stellen, dass gerade die Kunst, ein Gemälde so zu fotografieren, dass es dem Originalbild möglichst ähnlich ist, ein Leistungsschutzrecht nach § 72 begründet? Wenn ich mich vor so ein Bild stellen würde, sähe das Ergebnis sicher nicht vervielfältigungswürdig aus und wenn ich mich korrekt erinnere haben wir den §72 in der Vorlesung auch als Schnappschussparagraphen bezeichnet (was ja noch weniger eigenes Schaffen voraussetzt).