Predictive Analysis: Vor­her­sehen, wie der Rechts­st­reit aus­geht

von Hasso Suliak

24.02.2018

In anderen Geschäftsbereichen ist sie längst Realität, jetzt soll "Predictive Analysis" auch die Welt des Rechts erobern. Mit Hilfe digitaler Tools könnte dann frühzeitig abgeklärt werden, ob ein Rechtsstreit zum Erfolg führt.

Auf der Konferenz "Berliner Legal Tech 2018" wird die Vision am Freitag konkret: Große digitale Datenbanken, in die tausende Gerichtsurteile eingespeist werden, sollen künftig das Leben erleichtern und die Erfolgsaussichten eines Rechtsstreits voraussagen. Nutznießer könnten Rechtsuchende, aber auch Rechtsschutzversicherer oder Prozessfinanzierer sein. Doch noch fehlt es in Deutschland an den entsprechenden Voraussetzungen.

Was für andere Wirtschaftsbereiche nicht neu ist, klingt für den Rechtsbereich noch ein Stück weit utopisch: Der Rechtsuchende gibt Eckdaten eines Sachverhalts in ein digitales Tool ein und erhält nach Auswertung eine belastbare Aussage darüber, ob der Gang zum Rechtsanwalt sinnvoll ist oder er lieber darauf verzichten sollte, weil die Erfolgsaussichten später vor Gericht gering erscheinen.

Derartige "Predictive Analysis" ist in anderen Wirtschaftsbereichen längst Realität. So ist im Bankenwesen das Kredit-Scoring per Schufa-Verfahren nichts anderes als eine prädiktive, also vorhersagbare Analyse darüber, ob ein möglicher Kredit vom potentiellen Kunden zuverlässig zurückgezahlt werden wird. "Für Juristen ist das allerdings noch ziemliches Neuland", erläutert Thomas Kohlmeier. Der gelernte Rechtsanwalt ist Mitgründer sowie Co-Geschäftsleiter des Prozessfinanzierers Nivalion AG, der im sogenannten Highend-Bereich ab einem Streitwert von 10. Millionen Euro tätig wird. Für ihn liegen die Vorteile derartiger Analysen auf der Hand: Wenn sich der Ausgang eines Rechtsstreits mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen lässt, lassen sich die geschäftlichen Risiken für den Prozessfinanzierer deutlich minimieren.

Unzureichende Daten in Deutschland

Ob die Entwicklung in Deutschland allerdings, wie es sich manche wünschen, zeitnah an Fahrt aufnehmen wird, bleibt abzuwarten. Denn noch fehlt es an der wichtigsten Voraussetzung für zuverlässige Aussagen zum Ausgang eines Rechtsstreits: Eine belastbare Rechtsprechungsdatenbank, in der nicht nur obergerichtliche, sondern auch die große Masse an Amts- und Landgerichts-Entscheidungen dokumentiert sind.

Dass eine solche umfassende Datenbank nicht existiert, wird von Legal Tech-Juristen wie dem Hamburger Rechtsanwalt Jan Stemplewski bemängelt. Der Gründer des Start-Ups Holiday Hero hat sich die Mühe gemacht, die aktuell vorhandenen Datenbanken – etwa bei Verlagen – zu überprüfen. Bei den Zivilsachen ist sein Ergebnis ernüchternd: Von tatsächlich 536.000 ergangen AG-Entscheidungen im Jahr 2015 fänden sich nur 3.300 dokumentiert, gerade einmal 0,6 Prozent. Zu wenig, um als Datengrundlage für zuverlässige Prognosen zu taugen. "Hier muss sich etwas ändern", fordert der Jurist.

Ein Grund, warum sich manche Richter schwer tun, ihre Entscheidungen in Datenbanken einzuspeisen, sind auch datenschutzrechtliche Bedenken, etwa im Hinblick auf die notwendige Anonymisierung der Prozessbeteiligten. Aus Sicht von Stemplewski sollte das aber kein Problem sein: "Mit entsprechenden Programmen lassen sich die Word-Dateien der Richter unproblematisch automatisch anonymisieren". Der Anwalt sieht in diesem Punkt den Staat in der Pflicht: Dieser sollte den rechtlichen Rahmen für eine solche Rechtsprechungsdatenbank schaffen, fordert er im Gespräch mit LTO. Ähnlich sieht es auch Jan Klostermann, Head of Innovation beim Wissens- und Informationsdienstleister Wolters Kluwer, zu dem auch LTO gehört: Der Staat sollte die statistischen Daten der Justiz, die er ja ohnehin erhebe, als Open Data zur Verfügung stellen. Klostermann verweist auf Spanien, wo der Staat dies längst praktiziere.

"Für Anwälte wird’s dramatisch"

Rechtsanwalt Thomas Kohlmeier appelliert darüber hinaus auch an die juristischen Verlage, ihre Datenbanken für die Predictive Analysis nutzbar zu machen. Wenn er von den Entwicklungen berichtet, die das Thema in den USA schon genommen habe, gerät er fast ins Schwärmen: "Dort existieren Programme, die auf belastbarer Datengrundlage Schriftsätze scannen und auf ihren juristischen Bedeutungsgehalt überprüfen. Die Maschine erkennt also den Sinnzusammenhang des Textes und kann so auf juristische Knackpunkte hinweisen," begeistert er sich im Gespräch mit LTO.

Sollte sich die Predictive Analysis auch in Deutschland ähnlich entwickeln, werden sich nach Meinung der Experten insbesondere im alltäglichen, juristischen Massengeschäft die Rechtsanwälte warm anziehen müssen. "Wenn der Rechtssuchende zu Hause für sich per digitalem Tool abklären kann, ob der Gang zum Anwalt für ihn überhaupt Sinn macht, wird’s für Anwälte dramatisch", so Kohlmeier. "Im Consumer-Bereich, insbesondere bei der Erstberatung, wird Legal-Tech dann die anwaltliche Tätigkeit ersetzen", prophezeit er. Und auch die Rechtsschutzversicherer könnte es hart treffen: "Wieso soll ich noch eine Versicherung kaufen, wenn Legal Tech die Erfolgsaussichten prüft und gegebenenfalls dann selbst die Kosten für den Rechtsstreit übernimmt", so Kohlmeier gegenüber LTO.

Bei der Anwaltschaft ist man sich der möglichen Konsequenzen offenbar bewusst. "Wir haben eine Task-Force gegründet, das Thema steht unter Beobachtung", so der Präsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV), Ulrich Schellenberg, am Freitag in Berlin. Legal Tech wird laut Schellenberg zwar niemals dazu führen, dass "die anwaltliche Tätigkeit durch Maschinen ersetzbar" werde. Allerdings werde schon jetzt ein Mythos des Anwaltsberufs durchaus in Frage gestellt: "Unser Wissensmonopol", so Schellenberg. Legal Tech werde zu tiefgreifenden Veränderungen für die Anwaltschaft führen. "Und zwar nicht nur bei standardisierten Verfahren."

Zitiervorschlag

Hasso Suliak, Predictive Analysis: Vorhersehen, wie der Rechtsstreit ausgeht . In: Legal Tribune Online, 24.02.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27193/ (abgerufen am: 15.11.2018 )

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Kommentare
  • 24.02.2018 12:24, M.D.

    Dieses Konzept kann in Deutschland nicht funktionieren, weil es hier darum geht, ob konkrete Tatbestandsmerkmale erfüllt sind, oder nicht. Es geht in Deutschland vor allem nicht darum, wie in den USA im Zivilprozess, eine Laienjury mit herzergreifenden Geschichten von Gott und der Welt zu beschwafeln.

    Solche IT-Ansätze sind und bleiben kompletter Blödsinn, weil das deutsche Rechtssystem wie ein Computerprogramm funktioniert. Wenn die Tatbestandsmerkmale erfüllt sind, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit 100% - eigenes Prozessversagen. Sind die Tatbestandsmerkmale nicht erfüllt, so beträgt die Erfolgswahrscheinlichkeit 0% + Prozessversagen der Gegenseite. Darüber schwebt die Grauzone richterlicher Inkompetenz, die sich schwer beziffern lässt, weil man dazu jeden einzelnen Fall analysieren müsste.

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    • 24.02.2018 17:19, DS

      @AFD WÄHLER, schon mal über einen Deutschkurs nachgedacht?

    • 25.02.2018 09:17, Kritiker

      Fallen Sie nicht darauf herein.Derjenige, der sich als Afd Wähler ausgibt, ist in Wahrheit ein AFD Gegner.Aber -das gilt auch in der Politik: so plump sollte man nicht damit umgehen. Jeder weiß, dass Schreibschwäche ein Problem der linken Bildungspolitik ist (und auch ich dachte über Jahre, dass Anton Hofreiter wegen seiner Sprachprobleme Ausländer wäre).

  • 24.02.2018 12:44, judex4.0

    "weil das deutsche Rechtssystem wie ein Computerprogramm funktioniert. Wenn die Tatbestandsmerkmale erfüllt sind, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit 100%"

    ja eben gerade deshalb lässt sich vieles automatisch abwickeln.

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    • 24.02.2018 13:02, Serenus

      Judex 4.0, dann müssten Sie aber zu MDs Kritik noch erklären, wie man aus alten Fällen auf eine Erfüllung von Tatbestandsmerkmalen zukünftiger Fälle schließen kann. Dann kann eine Automatisierung auch erfolgreich sein. Dazu müsste die künstliche Intelligenz Ähnlichkeiten zu alten Fällen erkennen und bewerten. Da sich aber die meisten Lebenssachverhalte voneinander unterscheiden, also statistisch unabhängig von einander sind, gibt es für eine künstliche Intelligenz nicht viel zu holen. Selbst wenn diese die alte Fälle perfekt analysieren könnte - und allein das ist schon eine riesige Utopie ...

    • 24.02.2018 15:45, M.D.

      Es lässt sich auch mal etwas automatisch abfertigen. Das sind aber nicht viele Fälle, sondern seltene. Flugverspätungen sind ein Beispiel, aber viel mehr kommt da nicht zusammen.

      Der Witz ist einfach, dass ein Geschäftsmodell, das in den USA ansatzweise funktioniert, auf Biegen und Brechen auf Deutschland übertragen werden soll, weil irgendwer die großen Dollarzeichen in seinen Augen hat. Es klappt aber leider nicht, weil unser Rechtssystem ANDERS funktioniert. Capice?

    • 24.02.2018 15:54, M.D.

      Ein zentrales Beispiel, was bei uns anders läuft:

      Wenn in den USA eine Dame sich mit einem Kaffee von McDonalds verbrüht, dann bekommt sie irgendwas um die 6 Millionen Dollar Schmerzensgeld. Der Anwalt bekommt bei solchen Fällen regelmäßig eine Erfolgsbeteiligung von 30%.

      In Deutschland gibt es dafür ca. 2.000 € und der Anwalt verdient nach RVG 470 €.

      Die ganze Abschätzung, ob sich dieses Verfahren lohnt, ist für die Katz. Jedenfalls wird dafür niemand einen Risiko-Abschätzungs-Dienstleister beauftragen.

    • 26.02.2018 09:23, Jens

      Ach, M.D., mal wieder faktenfrei, aber den Mund weit auf.
      160.000 US-Dollar Schmerzensgeld und 480.000 US-Dollar Strafschadensersatz waren es im McDonald's coffee spill, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Stella_Liebeck. Erstinstanzlich waren es tatsächlich einmal 3 Mio. US-Dollar, was für Bild-Leser dann auch die Endsumme blieb, 6 Mio waren es niemals, und um einmal in Ihrer Wortwahl zu bleiben: "Capice?"

      Warum nun gerade ein von Ihnen verzerrt dargestelltes, aber Ihrer Meinung nach besonders UNBERECHENBARES (Worte bitte mal auf der Zunge zergehen lassen) Rechtssystem als Beleg dafür herhalten soll, dass sich ein BERECHNENDER Algorithmus nicht übertragen lassen soll, wird Ihr Geheimnis bleiben.

  • 24.02.2018 13:32, Code is Law

    Das mag ja der Wunsch der Verlage bzw. Start-Ups sein alle Urteile für eine Datenbasis zu bekommen, aber mal ehrlich: wo bleibt da der Datenschutz? Muss ich in Zukunft auf einen (öffentlichen) Rechtsstreit verzichten, da ich sonst Gefahr laufe, dass mein gesamter Streitgegenstand öffentlich zugänglich für jedermann einsehbar ist? So viel anonymisieren kann man in einem Urteil gar nicht, dass es nicht mehr auf die Beteiligten zurückverfolgbar ist. Das dürfte kaum dem Ziel der Schaffung des 'Rechtsfriedens' dienen.

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    • 24.02.2018 19:59, Jurafreak

      Sie vergessen ein wenig, dass die ganze Justiz grundsätzlich für die Öffentlichkeit frei ist. In dem Moment, wo Sie vor einem staatlichen Gericht streiten (müssen), dürfen alle zuschauen. Die Anynomisierung in den Urteilen ist also ein Entgegenkommen, das nicht zwingend erfolgen muss (siehe Urteile des EuGH).

  • 24.02.2018 13:32, Informatiker

    Eigentlich müssten die Anwaltskanzleien bereits seit dem Jahr 2000 verwaist sein, wenn man sich die Unkenrufe der Weltuntergangspropheten aus den 1980ern in Erinnerung ruft.

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    • 24.02.2018 14:12, judex4.0

      warten Sie noch 10 Jahren, dann ist die deutsche Juristerei back on track.

  • 24.02.2018 17:15, DS

    und wann kann die Software endlich die Lottozahlen voraus sagen?

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    • 24.02.2018 17:44, Judex4.0

      Das vielleicht nicht, aber spielos wurden schon erfolgreich manipuliert ;) Lotto spielt ja eh keiner mehr.

  • 24.02.2018 21:47, Skeptiker

    Auf jeden Fall sehr interessant. Wenn das aber wirklich nur ein Abgleich von Rechtsprechungsergebnissen sein sollte, bezweifle ich, dass der (natürlich auch schon in den Kommentaren beschworene) "Untergang" des Anwalts in absehbarer Zeit kommen wird. Subsumtion funktioniert zwar formal nach einem einfachen, logischen Schema aber weder Definitionsschritt noch der anzuwendende Fall sind immer eindeutig genug, um Beratung entbehrlich zu machen. Für ersteres fallen mir va wertungsausfüllungsbedürftige Begriffe ein ("gute Sitten", öffentliches Interesse, alle Grundrechte, Gefahr etc.). Dort spielen die Wertungen des Einzelfalls eine wesentliche Rolle und ob Richter R geneigt ist, den Schritt für dich zu gehen oder ob er eine Lösung abseits bekannter Fallgruppen anstrebt wird ein Programm mit der oben unterstellten Reichweite kaum vorhersagen können. (Daneben noch so Geschichten wie Rechtsfortbildung (Holzmüller ("ungeschriebene" Hauptversammlungskompetenz) oder das Allgemeine Persönlichkeitsrecht als sonstiges Recht nach 823 I hätte wohl zB niemand seinerzeit vorhersagen können) Umsetzung von besonderen Gerichtsurteilen (EGMR, EuGH, BVerfG)... All das sind abseits vom "klaren" Gesetzesschema, deren Lösung stark von den dahinterstehenden Richtern und Imteressen abhängt.
    Auf tatsächlicher Ebene fällt mir das nächste "Problem" ein: Das Programm muss, wie auch der Artikel implizit zu verstehen gab, das Vorbringen des Nutzers als wahr voraussetzen. Gerade den Informatikern dürfte bekannt sein, dass der Mensch die größte Fehlerquelle in jedem System ist. Was ist mit Beweisproblemen, lückenhafter oder falscher Wahrnehmung des Nutzers oder der Überschätzung eigener Beweismittel? Ohne Wissen über die Strategie und Mittel der Gegenseite wird's schwer. Und dazu auch noch der zweite Mensch: Der Richter. Überzeugen ihn die Beweismittel? Gewichtet er anders als das Programm? Wenn nicht genau oder zumindest ein sehr der Maschone ähnlicher Sachverhalt der Maschine herauskommt, ist die Prognose auch nicht mehr wert als Kaffeesatz.
    Und unterstellt das Programm würde Faktoren wie den entscheidenden Richter (nach Art.101 I 2 GG in D ja sogar sehr gut möglich und wegen sowas wie 495a ZPO oder 95c BVerfGG wohl auch nötig) einbeziehen können: Würde so ein Programm überhaupt datenschutzrechtlich zulässig sein? Um die Entscheidungsfindung eines Richters berechenbar zu machen müsste man umfassende Persönlichkeitsprofile erstellen, was nicht nur in Richtung des Richterberufes fragwürdige Praktiken zur Folge haben kann. Geht sicher mit dem Datensatz, der im WWW bei den Richtern der kommenden Generation rumschweben wird iVm den verkündeten Urteilen durch selbigen Richter.

    Tl;dr: Interessante Möglichkeiten bzgl Rationalisierung eindeutiger Sachverhalte aber was heißt schon "eindeutig" in der Juristerei? Daneben noch düstere Zukunftsaussichten für Richter und ne warme Empfehlung, großzügig von Art.17 DSGVO Gebrauch zu machen, solange es noch möglich ist

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    • 24.02.2018 23:35, DS

      Dem ist nichts hinzuzufügen.

    • 25.02.2018 06:53, M.D.

      Es geht nicht darum, die Anwaltschaft überflüssig zu machen. Es geht um ein Geschäftsmodell. Ein Dienstleister möchte sich dazwischen schalten und "Orakel von Delphi" spielen. Der Kunde bezahlt Summe x und im Gegenzug wird eine intransparente Black Box aktiviert, die in angeblich irgendwelche Muster erkennt. Ob die von der Black Box ausgeworfene Erfolgswahrscheinlichkeit stimmt, oder ob der Fall an die Kartenleger von Astro TV outgesourced wurde, lässt sich hinterher nicht mehr erkennen. Ich möchte nicht behaupten, dass so etwas Bauernfängerei ist, aber es könnte sich sehr leicht in diese Richtung entwickeln.

    • 25.02.2018 19:14, sk

      stimme mit einer ausnahme vollständig zu: es dürfte im vorfeld eines verfahrens - trotz gesetzlichem richter - meistens nicht möglich sein, die persönlichkeit etc des richters in die einschätzung einzubeziehen.das prinzip des gesetzlichen richters besagt nur,dass der zuständige richter zum zeitpunkt des klageeingangs bestimmt ist.häufig sehen die gvp der gerichte ein turnussystem ( fälle nr 1,10,20 des jahres zu richter a,fälle 2,11,21 zu richter b).im vorfeld des prozesses ist daher zumeist nicht bekannt,wer entscheiden wird.daher bleibt der risikofaktor des unbekanntem richters...

  • 25.02.2018 08:18, Hans Anderson

    Putzig ist es doch, dass die LegalTech Anbieter zwar die Anwaltschaft bereits untergehen sehen, nicht aber sich selbst. Warum sollte es überhaupt noch streitige Verfahren geben, wenn beide Seite ihre Daten eingeben und feststellen können, wer gewinnt und verliert. Entweder sind die Vorhersagen zutreffend, dann entfallen Prozess, Richter und Anwalt, oder nicht, dann bleibt alles beim Alten. Und wer die geistige Brillanz kennt, die hinter dem Schufa Score steht, bleibt ganz entspannt.

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  • 25.02.2018 10:55, Weniger pfiffig

    Die negativen Implikationen für die Qualität der Rechtsprechung sind besorgniserregend: wenn bereits im Vorfeld immer eine scheinbare Gewissheit auf scheinbar mathematischer Grundlage besteht, können Anwälte schwerlich guten Gewissens einen Prozess entgegen der Prognose empfehlen. Dies gilt selbst dann, wenn der Betroffene tatsächlich im Recht ist und eine Rechtsprechungsänderung nicht unwahrscheinlich ist, z.b. aufgrund gewandelter gesellschaftlicher Anschauungen oder neuer Erkenntnisse der Rechtswissenschaften. Den Gerichten würde dann die Möglichkeit genommen, ihre Rechtsprechung zu modernisieren und fortzuentwickeln. Dieser Effekt wäre wohl selbstverstärkend, da einem gegen die Prognose ergangenen Urteil der empfundene Makel der mathematischen Unrichtigkeit anhaften würde, was Richter unter subtilen Rechtfertigungsdruck setzen würde.
    Es bestünde mithin die Gefahr, dass das Recht einfriert und sich so von der Realität abkoppelt. Es ist mithin höchst zweifelhaft, ob derartige Ansätze gesellschaftlich vorteilhaft sind, oder nicht eher im Allgemeininteresse verhindert oder beschränkt werden sollten. Dann bleibt Recht zwar etwas teurer, aber eben auch besser.

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  • 25.02.2018 11:09, Herr P.

    Würde eine ex-ante Vorhersage nicht voraussetzen, sämtliche Sachverhalte aus Sicht beider Parteien zu kennen?! :D
    Nehmen wir an, der potentielle Kläger sieht eine arglistige Täuschung über einen verschwiegenen Unfallschaden und der potentielle Beklagte hat einen Kumpel der glaubhaft versichern wird, dass der Kläger über den Unfallschaden aufgeklärt wurde. Wie soll Software das mit den Angaben des Klägers vorhersehen?!
    Es scheint doch mehr, als würde hier abermals ein Softwareprodukt mit unhaltbaren Versprechen gehypt um es schnell gewinnbringend zu veräußern:D
    Besonders praktikabel erscheint die Idee nicht und angesichts der Verzögerungen bei der Einführung des elektronischen Postfachs sehe ich meine - noch recht lange - berufliche Laufbahn nicht von irgendwelchen Softwareträumereien gefährdet.
    Dennoch wünsche ich den Gründern viel Erfolg dabei, dumme VC Firmen zu finden die sie reich machen :D

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  • 25.02.2018 12:52, Puh

    Viele Kommentatoren übersehen, dass es nicht um die Abschaffung des Anwalts geht, sondern der Erstberatung. Diese kann entfallen, wenn die Software erkennt, ob in einem Fall die Ausnahme von der Regel greift (die Regel steht im Gesetz, die Ausnahme kommt durch Richtersprüche zu stande). Der Richter liefert in Urteilen Begründungen die auf Knackpunkte wie unverhältnismäßig oder besonderes nachbarschaftlichen Verhältnis hin untersucht werden. Die Software guckt dann ob bekannte Vorraussetzungen vorliegen, um die Ausnahme zu begründen. Sie macht das mithilfe von Stichworten und errechnet ob die Stichworte im notwendigen Zusammenhang vorkommen (selber Absatz ) und damit eine Wahrscheinlichkeit auf deren Grundlage es wohl eine Übereinstimmung mit den bekannten Fällen gibt.

    Summa sumarum: Das geht durchaus. Prozentpunkte lassen sich errechnen. Und auch die Anfrage von Daten kann mittels Software auf Frage Antwort interaktiv erfolgen.

    Sobald die Datenbank steht, geht der Rest von selbst, denn auch Richter und Anwälte werden sich derer bedienen und die Wahrscheinlichkeit dass die Prognose richtig liegt, selbst erhöhen. Das geht dann auch zu schwereren Vertragstypen irgendwann. Was nicht geht, ist den unbekannten Fall zu nutzen UND Menschen machen Fehler, auch Richter , diese Fehler kann eine Maschine nicht ersetzen. Das dauert aber alles noch paar Jährchen

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  • 26.02.2018 04:51, Oliver Twist

    Ein Großteil der zivilgerichtlichen Tätigkeit in der ersten Instanz ist die Feststellung des Sachverhalts. Da dieser vor der Beweisaufnahme und der (subjektiven) Überzeugungsbildung durch den Richter nicht feststeht, hat man in den meisten Fällen nichts, womit man den Algorithmus füttern kann.

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  • 26.02.2018 04:54, Oliver Twist

    Ich sehe eigentlich nicht, dass es Aufgabe des Staates ist, eine Datenbank der erstinstanzliche Urteile zu schaffen, die der Staat zwar selbst nicht braucht, die aber für das Geschäftsmodell eines Legal-Tech-Startup zwingend erforderlich ist.

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    • 26.02.2018 08:08, Herr P.

      Word!

  • 26.02.2018 09:17, tüdelütütü

    halbwegs zuverlässig auf Anwaltsseite können solche Programme in komplizierteren Fällen eher erst sein, soweit ebenso auf Verwaltungs- oder Richterseite, unter Umgehung oder Verringerung menschlicher Unzulänglichkeiten und subjektiver zufälliger Willkürlichkeiten, ähnliche Programme zum Einsatz kämen. Das kann aus verschiedenen Gründen noch rechtlich problematisch scheinen, wie etwa vor dem Hintergrund bestimmter bisher gefestigter, aber damit fragwürdiger rechtlicher Institutionen, wie eines unabhängigen gesetzlichen Richters und Unmittelbarkeit einer freien Beweiswürdigung o.ä.

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  • 26.02.2018 09:33, tüdelütütü

    Eine Hypothese besagt, dass bereits gegenwärtig an Gerichten rechtsanwendungsprogramme unterstützend zur Anwendung kämen. Diese würden zunächst stets ein logisch vernünftiges Ergebnis ermitteln und das Gericht würde dann stets das Gegenteil davon ausurteilen. Auf der Grundlage solcher Hypothese scheinen sich Gerichtsurteile u.U. tatsächlich mitunter verblüffend oft einigermaßen zuverlässig vorhersagen lassen zu können.

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