Druckversion
Montag, 13.04.2026, 04:06 Uhr


Legal Tribune Online
Schriftgröße: abc | abc | abc
https://www.lto.de//recht/legal-tech/l/predictive-analysis-legal-tech-digital-rechtsprechung-anwaelte-rechtsschutzversicherung-rechtsanwender
Fenster schließen
Artikel drucken
27193

Predictive Analysis: Vor­her­sehen, wie der Rechts­st­reit aus­geht

von Hasso Suliak

24.02.2018

Digitale Justiz

© everythingpossible - stock.adobe.com

In anderen Geschäftsbereichen ist sie längst Realität, jetzt soll "Predictive Analysis" auch die Welt des Rechts erobern. Mit Hilfe digitaler Tools könnte dann frühzeitig abgeklärt werden, ob ein Rechtsstreit zum Erfolg führt.

Anzeige

Auf der Konferenz "Berliner Legal Tech 2018" wird die Vision am Freitag konkret: Große digitale Datenbanken, in die tausende Gerichtsurteile eingespeist werden, sollen künftig das Leben erleichtern und die Erfolgsaussichten eines Rechtsstreits voraussagen. Nutznießer könnten Rechtsuchende, aber auch Rechtsschutzversicherer oder Prozessfinanzierer sein. Doch noch fehlt es in Deutschland an den entsprechenden Voraussetzungen.

Was für andere Wirtschaftsbereiche nicht neu ist, klingt für den Rechtsbereich noch ein Stück weit utopisch: Der Rechtsuchende gibt Eckdaten eines Sachverhalts in ein digitales Tool ein und erhält nach Auswertung eine belastbare Aussage darüber, ob der Gang zum Rechtsanwalt sinnvoll ist oder er lieber darauf verzichten sollte, weil die Erfolgsaussichten später vor Gericht gering erscheinen.

Derartige "Predictive Analysis" ist in anderen Wirtschaftsbereichen längst Realität. So ist im Bankenwesen das Kredit-Scoring per Schufa-Verfahren nichts anderes als eine prädiktive, also vorhersagbare Analyse darüber, ob ein möglicher Kredit vom potentiellen Kunden zuverlässig zurückgezahlt werden wird. "Für Juristen ist das allerdings noch ziemliches Neuland", erläutert Thomas Kohlmeier. Der gelernte Rechtsanwalt ist Mitgründer sowie Co-Geschäftsleiter des Prozessfinanzierers Nivalion AG, der im sogenannten Highend-Bereich ab einem Streitwert von 10. Millionen Euro tätig wird. Für ihn liegen die Vorteile derartiger Analysen auf der Hand: Wenn sich der Ausgang eines Rechtsstreits mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagen lässt, lassen sich die geschäftlichen Risiken für den Prozessfinanzierer deutlich minimieren.

Unzureichende Daten in Deutschland

Ob die Entwicklung in Deutschland allerdings, wie es sich manche wünschen, zeitnah an Fahrt aufnehmen wird, bleibt abzuwarten. Denn noch fehlt es an der wichtigsten Voraussetzung für zuverlässige Aussagen zum Ausgang eines Rechtsstreits: Eine belastbare Rechtsprechungsdatenbank, in der nicht nur obergerichtliche, sondern auch die große Masse an Amts- und Landgerichts-Entscheidungen dokumentiert sind.

Dass eine solche umfassende Datenbank nicht existiert, wird von Legal Tech-Juristen wie dem Hamburger Rechtsanwalt Jan Stemplewski bemängelt. Der Gründer des Start-Ups Holiday Hero hat sich die Mühe gemacht, die aktuell vorhandenen Datenbanken – etwa bei Verlagen – zu überprüfen. Bei den Zivilsachen ist sein Ergebnis ernüchternd: Von tatsächlich 536.000 ergangen AG-Entscheidungen im Jahr 2015 fänden sich nur 3.300 dokumentiert, gerade einmal 0,6 Prozent. Zu wenig, um als Datengrundlage für zuverlässige Prognosen zu taugen. "Hier muss sich etwas ändern", fordert der Jurist.

Ein Grund, warum sich manche Richter schwer tun, ihre Entscheidungen in Datenbanken einzuspeisen, sind auch datenschutzrechtliche Bedenken, etwa im Hinblick auf die notwendige Anonymisierung der Prozessbeteiligten. Aus Sicht von Stemplewski sollte das aber kein Problem sein: "Mit entsprechenden Programmen lassen sich die Word-Dateien der Richter unproblematisch automatisch anonymisieren". Der Anwalt sieht in diesem Punkt den Staat in der Pflicht: Dieser sollte den rechtlichen Rahmen für eine solche Rechtsprechungsdatenbank schaffen, fordert er im Gespräch mit LTO. Ähnlich sieht es auch Jan Klostermann, Head of Innovation beim Wissens- und Informationsdienstleister Wolters Kluwer, zu dem auch LTO gehört: Der Staat sollte die statistischen Daten der Justiz, die er ja ohnehin erhebe, als Open Data zur Verfügung stellen. Klostermann verweist auf Spanien, wo der Staat dies längst praktiziere.

"Für Anwälte wird’s dramatisch"

Rechtsanwalt Thomas Kohlmeier appelliert darüber hinaus auch an die juristischen Verlage, ihre Datenbanken für die Predictive Analysis nutzbar zu machen. Wenn er von den Entwicklungen berichtet, die das Thema in den USA schon genommen habe, gerät er fast ins Schwärmen: "Dort existieren Programme, die auf belastbarer Datengrundlage Schriftsätze scannen und auf ihren juristischen Bedeutungsgehalt überprüfen. Die Maschine erkennt also den Sinnzusammenhang des Textes und kann so auf juristische Knackpunkte hinweisen," begeistert er sich im Gespräch mit LTO.

Sollte sich die Predictive Analysis auch in Deutschland ähnlich entwickeln, werden sich nach Meinung der Experten insbesondere im alltäglichen, juristischen Massengeschäft die Rechtsanwälte warm anziehen müssen. "Wenn der Rechtssuchende zu Hause für sich per digitalem Tool abklären kann, ob der Gang zum Anwalt für ihn überhaupt Sinn macht, wird’s für Anwälte dramatisch", so Kohlmeier. "Im Consumer-Bereich, insbesondere bei der Erstberatung, wird Legal-Tech dann die anwaltliche Tätigkeit ersetzen", prophezeit er. Und auch die Rechtsschutzversicherer könnte es hart treffen: "Wieso soll ich noch eine Versicherung kaufen, wenn Legal Tech die Erfolgsaussichten prüft und gegebenenfalls dann selbst die Kosten für den Rechtsstreit übernimmt", so Kohlmeier gegenüber LTO.

Bei der Anwaltschaft ist man sich der möglichen Konsequenzen offenbar bewusst. "Wir haben eine Task-Force gegründet, das Thema steht unter Beobachtung", so der Präsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV), Ulrich Schellenberg, am Freitag in Berlin. Legal Tech wird laut Schellenberg zwar niemals dazu führen, dass "die anwaltliche Tätigkeit durch Maschinen ersetzbar" werde. Allerdings werde schon jetzt ein Mythos des Anwaltsberufs durchaus in Frage gestellt: "Unser Wissensmonopol", so Schellenberg. Legal Tech werde zu tiefgreifenden Veränderungen für die Anwaltschaft führen. "Und zwar nicht nur bei standardisierten Verfahren."

  • Drucken
  • Senden
  • Zitieren
Zitiervorschlag

Hasso Suliak, Predictive Analysis: . In: Legal Tribune Online, 24.02.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27193 (abgerufen am: 13.04.2026 )

Infos zum Zitiervorschlag
  • Mehr zum Thema
    • Digitale Rechtsberatung
    • E-Justice
    • Informationstechnologie
    • Legal Tech
Willkommenstext bei geöffneter Claude-AI-App 09.02.2026
Legal Tech

Anthropic stellt "Legal Plug-in" für Claude AI vor:

Warum das keine Revo­lu­tion ist

Die Ankündigung eines KI-Plug-ins für juristische Aufgaben ließ Tech-Aktien abstürzen. Von einer "Revolution" ist die Rede. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Es sind nur ein paar Textdateien fürs Prompting, meint Tobias Voßberg.

Artikel lesen
Mann am Notebook 29.11.2025
KI

Interview mit programmierendem Syndikus:

"Ein Co-Pilot für Gesetze"

Ein Syndikusanwalt hat alle Gesetze und Verordnungen des Bundes in eine KI-Webapp eingebunden. Ziel ist, auch eher unbekannte Normtexte nicht zu übersehen. Das Angebot stellt der 40-Jährige den Nutzern kostenlos zur Verfügung. 

Artikel lesen
ChatGPT auf einem Laptop und einem Smartphone-Bildschirm 03.11.2025
Künstliche Intelligenz

OpenAI ändert Nutzungsbedingungen:

Ist nun Schluss mit Rechts­be­ra­tung durch ChatGPT?

ChatGPT gehört für viele längst zum Alltag – auch in Rechtsfragen. Jetzt hat OpenAI aber die Nutzungsbedingungen geändert. Auf konkrete rechtliche Fragen antwortet der Chatbot jetzt mit einem Disclaimer. Doch was ändert sich wirklich?

Artikel lesen
Das Bild zeigt einen Podcast über Rechtsberatung für Tech-Giganten, thematisiert KI, Bar Exam und Games-Recht. 13.10.2025
Anwaltsberuf

Jura-Karriere-Podcast:

Rechts­be­ra­tung für Tech-Giganten im Silicon Valley

Felix Hilgert wollte erst Diplomat werden. Heute ist er Partner bei Osborne Clarke in San Francisco, im Herzen der Tech-Welt. Er berichtet, wie man im Silicon Valley europäisches Recht erklärt, und dass auch er gespannt auf GTA VI wartet.

Artikel lesen
Legal Hackathon Cologne 2025 16.09.2025
Legal Tech

Legal Hackathon Cologne 2025:

Inno­va­tion trifft Recht

Wie kann man Recht einfacher zugänglich oder verständlicher machen? Beim Legal Hackathon 2025 traten elf interdisziplinäre Teams an, um Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Eine Fach-Jury kürte dann die Sieger.

Artikel lesen
Das Eingabefeld einer Künstlichen Intelligenz 08.09.2025
Hintergründe

Large Language Models:

Wann ist Promp­ting straf­bares Hacking?

Large Language Models sind gefragte Werkzeuge. Gleichzeitig können sie mittels Prompt Injections manipuliert werden. Das deutsche Strafrecht hat darauf noch keine ausreichenden Antworten – was sich ändern muss, meint Philip N. Kroner.

Artikel lesen
logo lto karriere
TopJOBS
Logo von ADVANT Beiten
Re­fe­ren­da­re (w/m/d) – Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on / Li­ti­ga­ti­on

ADVANT Beiten, Mün­chen

Logo von Fieldfisher
Se­nior As­so­cia­te (m/w/d) Tech & Da­ta | Ber­lin, Düs­sel­dorf, Frank­furt,...

Fieldfisher, Mün­chen und 4 wei­te­re

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Steu­er­be­ra­ter / Rechts­an­walt (m/w/d) Zöl­le / Ver­brauch­steu­er

Flick Gocke Schaumburg, Bonn und 2 wei­te­re

Logo von Flick Gocke Schaumburg
Rechts­an­walt (m/w/d) Ar­beits­recht / M&A

Flick Gocke Schaumburg, Bonn und 6 wei­te­re

Logo von ADVANT Beiten
Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter (w/m/d) – Dis­pu­te Re­so­lu­ti­on /...

ADVANT Beiten, Mün­chen

Logo von Hengeler Mueller
Rechts­an­wäl­te (m/w/d) im Be­reich Kar­tell­recht

Hengeler Mueller, Brüs­sel

Logo von Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern
Ju­ris­ti­sche Mit­ar­bei­ter I Ban­king & Fi­nan­ce I Frank­furt

Baker McKenzie Rechtsanwaltsgesellschaft mbH von Rechtsanwälten und Steuerberatern, Frank­furt am Main

Logo von Simmons & Simmons
Rechts­an­walt / As­so­cia­te für den Be­reich Fi­nan­cial Ser­vices Re­gu­lato­ry und...

Simmons & Simmons, Frank­furt am Main

Mehr Stellenanzeigen
logo lto events
Umwandlung eines Einzelunternehmens in eine GmbH

21.04.2026

Logo von Wolters Kluwer
16. Legal Tech NRW Meetup

20.04.2026, Hürth

Fit fürs Notariat – Modul 1 (fünftägig, 20.04.–24.04.2026)

20.04.2026

Arbeitsrecht in der Insolvenz aus Arbeitnehmersicht (5 Stunden)

20.04.2026

Effektive Vergütungsvereinbarungen im familienrechtlichen Mandat 2026

20.04.2026

Mehr Events
Copyright © Wolters Kluwer Deutschland GmbH