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Spezialisierung auf außergewöhnliche Rechtsgebiete: Leinen los für See­rechtler

von Elke Worg

09.08.2016

Die Konkurrenz ist groß: Über 160.000 Anwälte gibt es in Deutschland. Wie sollen sich Newcomer dagegen behaupten? Durch Spezialisierung, etwa auf Seerecht.  Das hat nicht jeder und ist hochspannend, meint Elke Worg.

"Göttliche Tränen" schlummern auf dem Boden der Karibik - so nannten die Indios ihre Smaragde. Zweihundert Tonnen davon sollen sich an Bord der "San José" befunden haben, als sie 1708 mit sechshundert Menschen vor der kolumbianischen Küste versank. Die britische Marine hatte den spanischen Dreimaster angegriffen, der außer den Edelsteinen auch Gold aus Peru und Silber aus Bolivien geladen hatte. Damit sollten die Gegner der Briten im Spanischen Erbfolgekrieg finanziert werden. Doch daraus wurde nichts, König Philipp V. wartete vergeblich auf die heiß ersehnte Fracht.

Seit mehr als dreihundert Jahren liegt die Galeone nun in der Karibik, wo noch unzählige weitere Wracks vermutet werden. Im Dezember 2015 twitterte der Staatspräsident von Kolumbien, Juan Manuel Santos, dass kolumbianische Spezialisten die "San José" gefunden hätten. Doch noch bevor der Schatz gehoben ist, ist ein heftiger Streit über die Besitzverhältnisse entbrannt. Santos behauptet, der Fund sei "Eigentum der Kolumbianer". Dem widersprechen die Spanier heftig, weil die "San José" unter spanischer Flagge fuhr. Deswegen gehöre das Schiff samt Beute ihnen. Doch damit nicht genug. Auch die amerikanische Bergungsfirma Sea Search Armada (SSA) stellt Ansprüche. Sie erwartet Finderlohn, weil sie schon Anfang der Achtzigerjahre das Wrack ausfindig gemacht haben will. Wem gehört denn nun der Schatz?

Junges Rechtsgebiet mit vielen Facetten

Eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist und die unter anderem vom Seerecht geregelt wird. Das moderne Seerecht wurde 1994 im Seerechtsübereinkommen von den Vereinten Nationen festgelegt und von 165 Staaten unterzeichnet. "Dabei muss man differenzieren zwischen dem Seevölkerrecht, das heißt der öffentlich-rechtlichen Regulierung der Meere, und dem Seehandelsrecht, also der wirtschaftlichen Nutzung der Meere, insbesondere durch Schifffahrt", erklärt Henning Jessen, Professor am Hamburger Institut für Seerecht und Seehandelsrecht.

Auf Seerechtsjuristen warten in Zukunft große Aufgaben, die Bergung von Schiffswracks ist nur einer von vielen Aspekten. Rechtlich problematischer ist der Abbau von Rohstoffen auf dem Meeresboden, die Stationierung von Waffen, der Bau von Offshore-Anlagen, der Fischfang, die Meeresverschmutzung, Piraterie, der Streit um Hoheitsrechte und – ganz aktuell – die Seenotrettung von Flüchtlingen. Denn ein Handelsschiff, das ein Flüchtlingsboot entdeckt, ist zur Hilfeleistung verpflichtet, selbst wenn die Abweichung vom Reiseweg sehr viel Zeit und Geld kosten würde.

Auch die Koordination der Seenotrettung durch die beteiligten Küstenstaaten oder die Bekämpfung von Schlepperkriminalität berührt seerechtliche Fragen und kann für Juristen zu einer echten Herausforderung werden, weiß Henning Jessen: "In der Vergangenheit gab es den Fall, dass der Kapitän eines Schiffes, das überhaupt nicht dazu ausgerichtet war, dreihundert Flüchtlinge an Bord nahm und dann in einen italienischen Nothafen fuhr. Dort wurde er in Untersuchungshaft genommen, wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung angeklagt, in erster Instanz verurteilt und erst nach drei Jahren schließlich freigesprochen."

Zitiervorschlag

Elke Worg, Spezialisierung auf außergewöhnliche Rechtsgebiete: Leinen los für Seerechtler . In: Legal Tribune Online, 09.08.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20242/ (abgerufen am: 24.10.2019 )

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