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Vergütungsmodelle von Anwälten: Gleichschritt und Meriten in Zeiten des Abschwungs

von Robert Peres

09.07.2013

Was macht man mit "faulen" Partnern?

Was aber tun, wenn sich einzelne Partner in diesem System zurücklehnen und sich auf den automatischen Cashflow durch das Lockstep verlassen? Für ältere Partner, die ihren Zeitaufwand zurückschrauben, haben Lockstep-Kanzleien sogenannte Plateaus eingezogen. Das heißt, es gibt eine Höchstzahl an erreichbaren Punkten. Internationale Kanzleien vergeben oft unterschiedliche Punktwerte je nach Land, um einem abweichenden Ertragsniveau Rechnung zu tragen.

Aber was geschieht, wenn Partner schlecht performen? Werden diese dann aus der Partnerschaft ausgeschlossen? "Nein", meint Christoph Vaagt. "De facto haben deutsche Kanzleien anders als UK/US Firms dafür keine Prozesse, da es nicht in ihr Selbstverständnis passt und Partner dem Management diese Kompetenz auch nicht einräumen."

Aled Griffiths, Chefredakteur des Fachmagazins Juve, sieht hier dagegen durchaus eine gedankliche Weiterentwicklung: "Nachdem die Schonfrist nach den großen Fusionen im Jahr 2000 vorbei war, haben viele angelsächsische Kanzleien die Leistung der Partner unter die Lupe genommen. Die Zugehörigkeit zur Equity-Riege muss man sich ständig verdienen. Dieser Ansatz ist jetzt auch bei fast allen führenden deutschen Kanzleien üblich."

In seinem jüngsten Beitrag zum Thema Partnervergütung postuliert Griffiths: "Fast alle Lockstep-Kanzleien werden sich ihrer leistungsschwachen Partner entledigen oder sie weiter unten auf der Vergütungsskala platzieren." Allerdings schränkt er dahingehend ein, dass "diese Maßnahmen nur selten angewandt werden müssen."

Vergütung nach Meriten

Gegenentwürfe zum Lockstep sind beitragsorientierte Modelle, bei denen die individuelle Leistung und der Ertrag des einzelnen Partners seine Kompensation bestimmen. Hier kommt man dann wieder ein bisschen zur alten Bürogemeinschaft zurück, wo ja auch jeder nach seiner eigenen Leistung vergütet wird. Der im US-Sprachgebrauch übliche etwas martialische Ausdruck "Eat-what-you-kill" drückt ein Prinzip aus, das auf die Bostoner Kanzlei Hale & Dorr (heute WilmerHale) zurückgeht und erstmals 1940 angewendet wurde.

Dieses rigide Konzept ist im Laufe der Zeit angepasst worden und wird heute als "modifiziertes Hale & Dorr" oder "Merit-based"-System bezeichnet. Hier ist der Verteilungsschlüssel an bestimmte Funktionen gebunden, die im Laufe eines Mandats von Bedeutung sind.

Für die Anwerbung des Mandats gibt es üblicherweise zehn Prozent, die Betreuung des Mandanten wird  mit 20 Prozent vergütet, die konkrete Bearbeitung des Mandats mit 60 Prozent. Die fehlenden zehn Prozent werden für nicht abrechnungsfähige (non-billable) Tätigkeiten verwendet, beispielsweise im Recruiting oder Kanzleimanagement.

Welches System dient dem Mandanten?

Die reine Lehre von Lockstep- oder Merit-based-System findet man heute allerdings bei kaum einer der großen Sozietäten. Üblicherweise herrschen Mischformen vor, die mit mehreren Verteilungsprinzipien arbeiten, um eine gerechte Vergütung und zufriedene Partner zu erreichen. Wie aber steht es mit der Zufriedenheit der Mandanten? Welches System ist für sie besser?
Kanzleiberater Vaagt hält Lockstep-Systeme für strategiefähiger: "Dann ist Zusammenarbeit gegeben ohne Frage nach dem persönlichen Benefit. Merit-based Kanzleien haben die Tendenz, Generalisten zu kreieren, die glauben, alles zu können, um den Umsatz selber zu machen. Für den Mandanten produziert das im Endeffekt kein optimales Resultat."

Juve-Chefredakteur Aled Griffiths geht nicht davon aus, dass ein bestimmtes Vergütungssystem per se Vor- oder Nachteile für den Mandanten hat. "Es geht vielmehr darum, ob die Arbeit an die richtige Stelle innerhalb der Kanzlei verteilt wird. Dafür muss ein gutes Kanzleimanagement sorgen. Sowohl Lockstep- als auch Merit-Systeme können falsche Anreize schaffen, wenn sie nicht überwacht werden."

Wohin ein schlechtes Kanzleimanagement führt, hat man beim Untergang der renommierten Kanzlei Dewey & LeBoeuf erleben dürfen. Diese ehedem weltweit tätige Wall Street Kanzlei scheiterte nicht zuletzt an einem Vergütungssystem, das auf exzessiven Partnerertrag ausgerichtet war. Ganz nach dem Beispiel einiger Investmentbanken, welche die Law Firm beriet, hatte Dewey & LeBoeuf garantierte siebenstellige Grundsaläre für die führenden Partner festgelegt und weitere Bonuszahlungen für besondere Leistungen. Zum Schluss implodierte die Kanzlei an diesem Finanzgebahren. Heute überziehen sich ehemalige Partner und Gläubiger mit Gerichtsprozessen.

Zitiervorschlag

Robert Peres, Vergütungsmodelle von Anwälten: Gleichschritt und Meriten in Zeiten des Abschwungs . In: Legal Tribune Online, 09.07.2013 , https://www.lto.de/persistent/a_id/9104/ (abgerufen am: 12.08.2020 )

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