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Ein Weckruf: Prä­sen­tiert pro­fes­sio­neller, Anwälte!

2/2: Text + Bild statt Text + Text

Ok, ok – das klingt nun alles ziemlich destruktiv. Schauen wir uns also an, was die Forschung über professionelles Präsentieren weiß und positiv an Tipps beitragen kann, um das Niveau von Präsentationen zu heben. Bleiben wir dabei beim Einsatz von PowerPoint:

Erstens sollte jede Textfolie durch eine Bildfolie ersetzt werden. Hören und sehen (nicht: lesen!) aktiviert unterschiedliche Regionen unseres Gehirns, kann also sehr gut gleichzeitig betrieben werden. Deshalb können Sie Auto fahren und ihrem Beifahrer zuhören! Wenn der Vortragende also ein Bild zeigt und dieses erläutert, verliert er sein Publikum nicht. Das Bild muss aber auch allein den gesamten Raum einnehmen, also ohne Überschriften, Kanzlei-Logos oder gar alberne Copyright-Vermerke. Die gezeigten Bilder vermitteln dem Publikum dabei auch ein ästhetisches Gefühl und sollten deshalb nicht irgendwoher zusammengeklaubt sein, sondern einer professionellen Datenbank entstammen. Noch ein Test: Kennen Sie Fotolia, Shutterstock oder Gettyimages? Nein? Dann gibt es einen ganz einfachen Weg, wie Sie Ihre nächste Präsentation auf ein neues Niveau heben können.

Zweitens sollten Sie, wenn Sie schon kein Bild zeigen können, die Textfolie auf ein einziges Wort reduzieren. Das geht immer! Und da die Folie eigentlich Ihnen als Referenten dient, nicht dem Publikum, sollte Ihnen dieses Wort als roter Faden des Vortrags genügen. Das Wort "Steuerersparnis" in richtig fetten Buchstaben quer über die Slide geschrieben, beeindruckt Ihre Zuhörer viel nachhaltiger als die Überschrift "Steuerersparnispotential bei dieser Transaktionsstruktur", gefolgt von den Unterpunkten "Ertragssteuer nach deutschem und amerikanischem Recht", "Gewerbesteuereffekte - kurz-, mittel- und langfristig" sowie "Sonstiges". Erzählen Sie einfach, worin die Steuerersparnis besteht. Das eine Wort im Hintergrund bleibt haften.

Die Corporate Identity tapfer ignorieren

Drittens, der einfachste und gleichzeitig wirkungsvollste Hinweis: Beschreiben Sie Ihre Folien nicht länger Schwarz auf Weiß. Ignorieren Sie tapfer alle Werbevorgaben Ihres Unternehmens (neudeutsch: Corporate Identity), schreiben Sie Weiß auf Schwarz! Warum? Weil jetzt nicht länger eine riesige weiße Fläche hinter Ihnen flimmert und alle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt - und von Ihnen als Person wegzieht. Mit zwei mal drei Metern strahlendweißer Fläche können Sie nicht konkurrieren, wenn es um die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer geht. Ändern Sie das, indem Sie schlicht die Farben tauschen. Jetzt stehen wieder Sie im Mittelpunkt und hinter (nicht: vor) Ihnen die auf die schwarze Fläche projizierte Kernbotschaft.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist höchste Zeit, dass Anwälte und Rechtsabteilungen die Relevanz von Können, die Relevanz von Schlüsselqualifikationen (neudeutsch: Soft Skills) erkennen. Bei allem Respekt für das Kirchenrecht (Wissen): Es ist wichtiger, die Fähigkeit zu einem gutem Vortrag zu haben (Können) als das Wissen um die Machtbefugnisse des Papstes nach kanonischem Recht. (Nicht nur) weil juristisches Wissen technologiebedingt an Bedeutung verliert, müssen Rechtsabteilungen und Anwaltskanzleien in das Können Ihrer Mitarbeiter investieren, und zwar massiv. Seminare zu den "Neuesten Entwicklungen im Recht der Kapitalgesellschaften" sind sicher wertvoll, aber nicht halb so relevant wie Schulungen zu vermeintlich weichen Themen wie "Effektives Schreiben", "Verhandeln" oder eben "Professionelles Präsentieren". Und wenn Sie das alles nicht glauben oder mit viel Wissen um gute Argumente anders sehen, dann wünsche ich Ihnen nur noch eines: Viel Glück!

Prof. Dr. Jörg Risse, LL.M. (Berkeley) ist Partner der Sozietät Baker McKenzie. Er unterrichtet Schlüsselqualifikationen (neudeutsch: advocacy skills) an der Universität Mannheim und an der Humboldt Universität zu Berlin. 

Zitiervorschlag

Jörg Risse, LL.M., Ein Weckruf: Präsentiert professioneller, Anwälte! . In: Legal Tribune Online, 26.04.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/22712/ (abgerufen am: 18.10.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 26.04.2017 12:02, Leser

    Ein sehr schöner Beitrag.

  • 26.04.2017 15:00, Sonico

    Ihr seid gigantisch LTO. Es ist mir eine Ehre, hier kommentieren zu dürfen. Wissenschaft in modernem deutsch klingt in meinen Ohren (fast) wie manch Gedicht von Goethe. So macht lernen wirklich Spaß und man kann es sich leicht merken und hoffentlich selbst auch beherzigen im Versuch der Umsetzung. Danke, Prof. Dr. Jörg Risse.

  • 27.04.2017 07:58, Zeno Hilbring, LL.M.

    Endlich sagt es jemand mit Ahnung!

  • 27.04.2017 18:05, Leser

    Netter Artikel, allerdings stellt sich mir unweigerlich die Frage, warum, wenn doch, wie im Artikel beschrieben, das 'Können' wichtiger als das 'Wissen' ist und Partner diverser Großkanzleien, wie bspw. Prof. Risse dies auch wissen, sich die Einstellungspolitik nicht weg vom 'Wissen' hin zum 'Können' wandelt?
    Es wird vorrangig auf die Note geschaut und Bewerber, die mehr von dieser ominöse Schlüsselqualifikationen haben, aber nicht die richtige Note, nicht einmal eingeladen oder eingestellt werden.

    Ist die These nun falsch oder die gängige Praxis?

  • 28.04.2017 13:46, stephan jakob

    brilliant - wie immer