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Erwerb einer etablierten Kanzlei: Das gemachte Nest

von Sabine Olschner

17.11.2016

Eine bestehende Kanzlei übernehmen oder eine eigene Anwaltspraxis gründen: Vor dieser grundsätzlichen Frage stehen Rechtsanwälte, die sich selbstständig machen wollen. Was ist bei einem Kanzleierwerb zu beachten?

Gründe für den Verkauf einer Kanzlei gibt es viele: Der Anwalt geht in Ruhestand; er will sich beruflich verändern und nicht mehr als Anwalt arbeiten; er plant einen Umzug in eine andere Stadt … Gleich welcher Grund vorliegt: Für die Kanzlei wird ein Nachfolger gesucht. Eine gute Gelegenheit also für Anwälte, die gern eine eigene Kanzlei leiten möchten, aber nicht den mühevollen Weg einer Neugründung aus dem Nichts heraus gehen wollen - ohne eine bestehende Reputation etwas aufzubauen, ist schließlich nicht leicht.

Der Kauf einer laufenden Kanzlei hingegen bietet viele Vorteile: Der Anwalt kann die Mandanten seines Vorgängers übernehmen, er bekommt eingearbeitete Mitarbeiter, die die bewährten Arbeitsabläufe kennen, Kanzleiräume und Technik sind vorhanden. Klingt doch nach einem perfekten Deal – oder? Die Probleme, die bei einer Kanzleiübernahme auftreten können, liegen allerdings im Detail. Daher sollten Interessierte sich vorab genau über das Kaufobjekt informieren.

Mindestens 20 Prozent Rendite

Jochen Muth, Experte in der Kanzleivermittlung für Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechtsanwälte, rät Anwälten, die einen Kanzleiankauf erwägen: "Man sollte sich die Rechtsgebiete und die Mandantenstruktur des Vorgängers genau anzuschauen: Passen diese zu meinen eigenen Erfahrungen und Vorstellungen? Bearbeitet mein Vorgänger vielleicht Spezialgebiete, die ich gar nicht abdecke? Sind die Mandanten gewerblich, sodass ich längerfristig mit ihnen planen kann, oder sind es einmalige Aufträge von Privatleuten?", zählt der Geschäftsführer der Fuldaer Unternehmensvermittlung einige der Aspekte auf, die zu beachten sind.

Wichtig ist auch ein Blick in die betriebswirtschaftlichen Auswertungen: Welcher Umsatz wird mit welchen Rechtsgebieten erzielt? Wie gestaltet sich die Kostenstruktur? Welche Forderungen stehen offen? Hier empfiehlt Muth einen Blick auf die Umsatzrendite: "Liegt diese unter 20 Prozent, stimmt etwas nicht mit der Kanzlei", so seine Warnung.

Nicht immer ist es leicht, eine Kanzlei von außen zu beurteilen. "Daher nutzen einige Kaufinteressenten die Gelegenheit, den Inhaber zunächst über eine Anstellung oder als Freiberufler kennenzulernen, bevor sie sich für den endgültigen Kauf entscheiden", berichtet Jochen Muth. Auch eine Beteiligung statt des Kaufs der kompletten Kanzlei ist möglich – oder eine vorläufige Beteiligung, die erst später auf 100 Prozent aufgestockt wird. Dies bietet dem "Neuen" die Chance, die Mandanten kennenzulernen und sie an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie es künftig mit einem neuen Rechtsanwalt zu tun haben werden.

Zitiervorschlag

Sabine Olschner, Erwerb einer etablierten Kanzlei: Das gemachte Nest . In: Legal Tribune Online, 17.11.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21182/ (abgerufen am: 22.05.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 17.11.2016 11:11, Eigenartig

    Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass der Gesetzgeber § 613a BGB aufgehoben und ins Arbeitsschutzgesetz integriert hat. Vielen Dank für diese neuen Erkenntnisse!

    • 18.11.2016 10:50, LTO-Redaktion

      Danke für den Hinweis, wir haben das korrigiert!

  • 22.12.2017 15:35, Der Meister

    ???

    § 613 a steht nach wie vor im BGB

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