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Achtsamkeit für Anwälte: In der Stille liegt der Erfolg

Interview von Désirée Balthasar

13.08.2015

Ob im Unternehmen oder in Kanzleien – Führungskräfte stehen unter enormem Druck. Verwaltungsrechtler Nikolaus Birkl arbeitet neben seiner Anwaltstätigkeit auch als systemischer Coach und führt seine Kollegen auf den Pfad der Muße.

LTO: Warum definieren Anwälte sich hauptsächlich über ihren geschäftlichen Erfolg?

Dr. Nikolaus Birkl: Das machen nicht nur Anwälte. Auch Ärzte oder Architekten sind typische Berufsgruppen, in denen ein großer Wettbewerbsdruck herrscht und der berufliche Erfolg über allem zu stehen scheint. Das Ego dieser Menschen wächst, wenn sie erfolgreich sind.

Das Problem dabei ist, dass Erfolg etwas ist, das im 'Außen' geschieht. Das bedeutet, dass ich mich auf Dauer von der Anerkennung anderer abhängig mache, und den Erfolg brauche. Das gilt übrigens nicht nur für den Beruf, sondern kann auch auf Freizeitbeschäftigungen wie Golfen oder Segeln übertragen werden. Sich davon zu lösen, mit sich selbst angebunden zu sein, das ist der Weg ins Glück.

LTO: Was bedeutet das: 'mit sich selbst angebunden' sein?

Birkl: Das bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu kommen, also achtsam zu sein. Ich spreche nicht von der Achtsamkeit, wie sie in esoterischen Kreisen propagiert wird, sondern von einer ganz bestimmten Art, präsent zu sein. Es ist kein Zustand, in dem man ununterbrochen leben kann. Oft sind es nur wenige Momente, in denen man deutlich und klar alle seine Sinne öffnet. Diese Achtsamkeit schaltet unseren Autopiloten aus.

Das Ruder in die Hand nehmen

LTO: Wie fühlt es sich an, wenn Sie Ihren Autopiloten ausschalten?

Dr. Nikolaus BirklBirkl: Nehmen wir eine klassische Stresssituation: Auf meinem Schreibtisch liegen fünf Akten mit nahen Fristen, ich sollte eigentlich schon drei Mandanten zurückgerufen haben, meine Sekretärin tritt ins Büro und fragt mich nach meinen Hotelpräferenzen für die nächste Reise - und ich habe das Gefühl, es geht gar nichts mehr.

In so einem Moment bitte ich meine Sekretärin, später wiederzukommen; ich schalte meine Telefone aus, setze mich ruhig und ganz aufrecht auf meinen Stuhl und lasse für etwa zwei Minuten die Augen halb geöffnet - während ich einfach nur still bin. Danach bin ich zumeist frisch und ausgeruht, alles wirkt wie geordnet.

LTO: Also eine Art Mini-Meditation?

Birkl: So könnte man es nennen. Natürlich dauert es bei manchen länger, bei einigen kürzer. Und ich kann auch nicht begründen, warum es funktioniert. Aber das tut es: Der Stress ist wie weggeblasen. Es ist für mich eine gute Methode, nicht vom äußeren Druck überrollt zu werden und das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen.

In meinen Seminaren gibt es immer Zeiten der Stille. Für diejenigen, die das nicht gewohnt sind, ist das anfangs sehr schwierig. Doch hinterher sagen sie, wie befreiend die Stille für sie war. Denn man darf nicht nur nichts sagen, sondern man muss es auch nicht tun.

Es gibt keine "richtigen" und "falschen" Entscheidungen

LTO: Warum benötigen ausgerechnet Führungskräfte mehr Muße?

Birkl: In Unternehmen sind sie diejenigen, die mit Entscheidungen beauftragt werden. Um im alltäglichen Berufsstress noch klar denken zu können, sind Zeiten der Achtsamkeit durchaus von Vorteil. Was ich als systemischer Coach aber auch sehe, ist eine ungünstige Fehlerkultur, die in vielen Unternehmen ausgeprägt ist. Sie hindert Führungskräfte besonders daran, mit gutem Gefühl eine Entscheidung zu fällen. Denn üblicherweise geschieht das in einem Umfeld, in dem es nur 'richtig' oder 'falsch' gibt und in dem Schuldzuweisungen ausgesprochen werden.

Eine Entscheidung beschreibt immer Entwicklungen in der Zukunft - doch weiß niemand, was geschehen wird. Und wenn es anders kommt, nutzt es nichts, Schuld zuzuweisen. Eher sollte man über die Geschehnisse reflektieren und neu entscheiden. Hierbei hilft auch wieder die achtsame Muße, denn sie befreit mich vom äußeren Druck.

LTO: Aber zu sagen, etwas sei 'richtig' oder 'falsch' ist doch bei Juristen sehr beliebt!

Birkl: Das stimmt, die juristische ist eine dualistische Wissenschaft. Es gibt wahr und falsch, gut und böse. Wenn etwas nicht richtig ist, ist es eben falsch. Es macht natürlich auch manche Dinge einfacher, denn Komplexität wird damit erheblich reduziert. Und in einem Rechtsstaat gibt es nun mal Regeln für alle, die jeweils möglichst gleiche Folgen haben sollen.

Also ist diese Sichtweise an sich nicht falsch, aber – bezogen auf das Leben – zeigt sie nur die halbe Wahrheit. Denn ein Partner in einer Kanzlei ist nicht nur Jurist, sondern auch eine Persönlichkeit mit sozialen Beziehungen und Bedürfnissen im Kanzleigefüge. Anwälte sollten nicht nur nach dem Partnerschaftsvertrag agieren, sondern überlegen, was sie wirklich wollen.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Achtsamkeit für Anwälte: In der Stille liegt der Erfolg . In: Legal Tribune Online, 13.08.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/16598/ (abgerufen am: 19.06.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 13.08.2015 19:45, Jochen Bauer

    Omm!

  • 13.08.2015 23:23, Karl

    Wenn der Leistungsdruck sehr stark wird, hilft es sich daran zu erinnern, dass man nichts in den Tod mitnehmen kann. Kein Geld und keine Ehren. Man kann nur loslassen und das kann man sogar schon davor.

  • 26.08.2015 14:54, eono

    Alle sollten sich mehr entspannen. Bewusster leben.
    Nicht nur Führungskräfte - Rechtsanwälte - auch Richter in Gerichten.
    Vor 20 Jahren kam mir mal der Gedanke, daß Gerichte doch auch mit
    Wellnessoasen - manche haben Platz drum herum - mit einem Tennisplatz etc.
    ausgestattet werden könnten.
    Die treten auf - wie Außerirdische aus anderen Welten. Krank.
    Niemand im normalen Geschäftsleben könnte/dürfte sich so verhalten wie Ri uva
    Sie sind wie Viele gar nicht fähig zwischen innen und außen zu unterscheiden.
    Bis 1 sollten sie gelegentlich schon zählen können sie selbst und ihre Umgebungen. Es fehlen Supervisoren.
    Es fehlen nicht nur Arbeitstechniken auch den Rae
    auch Konzentrationshilfen. Oft genügt mal das Fenster zu öffnen.
    Sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen zu lassen.
    Buttermilch/Saft zu trinken. Egal wie was - nur bitte immer bewusst für den
    eigenen Körper und die eigene innere Uhr.
    Auch ein Schild vor der Türe: Bitte nicht stören - damit man sich wenigstens
    mal 5- 10 Min. entspannen oder einem fremden Gegenüber ungestört wenigstens in etwa wirklich zu hören kann. Ruhe/Stille allein ist
    es aber nicht: Die muss auch innerlich sein. Dazu gehört Ehrlichkeit.
    Wenn das natürlich alles nur Typen sind die wie eine Spinne in ihrem Netz
    lauernd auf die Fliege warten - hat natürlich nichts Sinn.

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