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Buchrezension "Halt, stehenbleiben! Polizei!": Echtes Leben zwi­schen Pump­guns, Spreng­stoff und Rap­pern

Dr. Dr. Frank Ebert

30.10.2011

Erfolgsautor Richard Thiess überrascht und überzeugt mit seinem neuesten Werk. Es geht nicht um Mord und Totschlag, sondern um alltägliche Kriminalität in einer bunten Auswahl zum Teil bizarrer Ausformungen – und um die Methoden ihrer erfolgreichen Bekämpfung. Frank Ebert über ein Buch, das alles ist, außer Fiktion.

Nach seinem Bestseller "Mordkommission" gewährt Richard Thiess, der mal als Kaufhausdetektiv angefangen hat, einen spannenden Einblick in die Arbeit der Kriminalpolizei von München und ihre Ermittlungsmethoden. Der Autor bearbeitete in der Millionenstadt München über viele Jahre hinweg Eigentums- und Vermögensdelikte. Aber auch die Jugend- und Bandenkriminalität gehörten zum Aufgabenspektrum des Kriminalbeamten und so schildert er, wie er die Münchner Marienplatzrapper zur Strecke brachte, eine der größten Jugendbanden seinerzeit.

Thiess schildert aus seiner Arbeit über 40 authentische Fälle, oder genauer: Er erzählt Kurzgeschichten. In ihnen leuchtet das Aufgabenspektrum der Polizei in seiner ganzen Bandbreite auf.

Der unscheinbar klingende Untertitel ("Aus dem Leben eines Ermittlers") untertreibt. Er offenbart nichts vom Inhalt des Buchs, macht aber neugierig – und verspricht deutlich weniger, als das Buch tatsächlich hält. Der Leser ist auf jeder Seite gefesselt, er lebt spürbar im Bann der Nähe sämtliche Details. Der Autor versteht es meisterlich, in seinen Erzählungen die Spannung aufrechtzuerhalten und gekonnt zu steigern. Sein unnachahmlicher launiger Stil nimmt keine Pointen vorweg und verblüfft den Leser immer wieder. Besonders sympathisch: Überall dringt menschliche Einfühlsamkeit durch.

Bereits im Vorwort streicht Thiess die Exklusivität des Polizeiberufs heraus, der wie kaum ein anderer extremen Erlebnissen und Erfahrungen ausgesetzt ist, vor allem aber immer wieder auch aller Tragikomik des Menschlichen gegenübersteht.

Fast die Lebensgeschichte eines Mordkommissars

Keine Frage: Das Buch trägt autobiographische Züge. Auch und vor allem wenn der Autor bei seinen Berichten vom Polizeialltag im angenehmen Plauderton beiläufig Einblicke in seinen Werdegang gewährt oder mit dem Leser durch seine Arbeitswelt schlendert, manchmal selbstironisch, bisweilen humorig, stets jedoch glaubwürdig. Der Leser erfährt Unvorstellbares: von ganz normalen und außergewöhnlichen Menschen, von Mut und Zivilcourage, von ganz normalen und überaus skurrilen Taten und Tatorten. Diese spielen in ungewöhnlichen Wohnungen, in denen ihre noch seltsameren Bewohner hausen. Thies beschreibt organisatorische Schwachstellen, wie Schlamperei und Kumpanei, Naivität und fehlende Kontrolle, die diebischen Kaufhausdetektiven erst Straftaten im großen Stil ermöglichten, er erzählt von gescheiten und dümmlichen Ausreden, von Schlauheit und Raffinesse, aber auch von Cleverness und Dreistigkeit, von Dummheit und Dilettantismus – und immer wieder vom geradezu unglaublichen Leichtsinn der Mitmenschen.

Im Mittelpunkt der Geschichten stehen Kriminelle aller Schattierungen und ihre verwerflichen Taten. Es handelt sich bei ihnen scheinbar um Menschen wie dich und mich, bei näherem Hinsehen haben sie sich ihrer Umgebung aber lediglich angepasst. Der persönliche Vorteil und die Gier treiben sie innerlich an und um. Unablässig lauern sie auf passende Gelegenheiten, um zuzuschlagen. Von Drogensüchtigen ist die Rede und von den verheerenden Folgen ihrer Sucht, ein Zweck, der alle Mittel zu heiligen scheint, vor allem die Kriminalität, die nichts anderem als der Beschaffung weiterer Drogen dient. Das brutale Verhalten von Jugendgangs, wie der Münchener Marienplatzrapper, bietet atemberaubende Blicke in eine entgleitende, beinahe beängstigende Subkultur, derer Polizei und Justiz kaum noch Herr werden konnten. Anderen Verbrecherbanden ist es gelungen, Konzerne, Kaufhäuser und Krankenhausträger – lange Zeit unbemerkt – um millionenschwere Werte zu erleichtern. Derart komplexe Straftaten erfordern Köpfchen, Organisationstalent und Logistik. Zu allem entschlossenen Rechtsbrechern stehen Polizisten und Staatsanwälte gegenüber, die sie sachlich und rechtstreu zur Strecke bringen.

Von "Kommissar Zufall" und einer Pumpgun im Kinderbett

Es ist packend zu erfahren, wie die Polizei solchen Banden auf die Schliche kam, welche Strategien und Taktiken sie anwandte, um Strukturen und Arbeitsweisen zu erkennen, zu durchschauen, Täter und Hintermänner schließlich festzusetzen und ihrer verdienten Bestrafung zuzuführen. Gelegentlich bedarf es hierzu unkonventioneller, ja origineller Methoden, wie sie zwar in keinem Polizeilehrbuch stehen, wie sie aber der legendäre Franz-Josef Wanninger, ein filmischer Kollege des Autors, ebenfalls erfolgreich anzuwenden pflegte. Dass der Polizei manches Mal ein Zugriff trotz minutiöser Planung misslingt, etwa weil die Kollegen im Streifenwagen just im falschen Moment aufkreuzen, wird ebenso wenig verschwiegen wie der unvermeidliche "Kommissar Zufall", der der Polizei gelegentlich glücklich und unerwartet in die Hände spielt.

Aber auch eine unerwartete andere, eine rührende und mitleidsvolle Seite des Verbrechens kommt zum Vorschein. Menschen geraten mit dem Gesetz in Konflikt, weil ihnen die Fähigkeit zum geordneten sozialen Umgang fehlt oder abhanden gekommen ist. Einige Geschichten offenbaren unendliches Leid und schlimme menschliche Tragödien: Kinder stehlen aus purer Not, nur um zu überleben. Altersverwirrte Menschen fühlen sich verfolgt oder bedroht, ausgenutzt oder bestohlen und senden verzweifelte Hilferufe aus. Verdüsterte Seelen landen in unvorstellbarer Verwahrlosung oder steigern sich in Wahnaktionen hinein. Auch solcherlei  Kuriositäten gehören zum täglichen "Kampf gegen das Böse".

Dass Polizeieinsätze mitunter lebensgefährlich sein können, belegt der Autor eindrucksvoll, etwa wenn er nichts ahnend brisanten Sprengstoff in seinen Aktenkoffer packt oder bei einer Wohnungsdurchsuchung überraschend eine scharfe "Pumpgun" aus dem Kinderbettchen zieht.

Wer Spannung und Unterhaltung sucht, sich aber abseits von fiktiven Film- und Romanhandlungen für die wirkliche Arbeit der Polizei interessiert, wird mit diesem Buch voll auf seine Kosten kommen. Professionell von der ersten bis zur letzten Zeile.

Ministerialrat Dr. Dr. Frank Ebert ist Vertreter des öffentlichen Interesses beim Thüringer Innenministerium, Erfurt.

 

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Zitiervorschlag

Frank Ebert, Buchrezension "Halt, stehenbleiben! Polizei!": Echtes Leben zwischen Pumpguns, Sprengstoff und Rappern . In: Legal Tribune Online, 30.10.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/4689/ (abgerufen am: 25.06.2019 )

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