Anwalt in der Krise: Ende der Schon­zeit

von Tanja Podolski

18.09.2017

Einst haben die Anwälte ihre Mandanten in Krisen beraten. Heute geraten sie selbst in den Fokus –wegen übler Nachrede, echter persönlicher Verfehlung oder möglicher Beratungsfehler. Doch es gibt Strategien für den Ernstfall.

 

Bei großen wirtschaftlichen Umwälzungen waren die Anwälte einst nur die unsichtbaren Berater im Hintergrund. Sichtbar waren sie höchstens vor Gericht, doch auch da fast unantastbar in den schwarzen Roben der Gerechtigkeit. Und eines waren sie ganz sicher nicht: kritischer Presse ausgeliefert.

Diese Zeiten sind vorbei. Den Auftakt machte der Fall Haarmann Hemmelrath. Die damals international renommierte, zu den besten des Landes zählende Kanzlei sah sich dem – wie sich später herausstellte unberechtigten - Vorwurf ausgesetzt, zu einer Steuerkonstruktion falsch beraten zu haben.

Die Klage der ehemaligen Mandantin Werhahn lief komplett ins Leere – doch ebenso leer waren schließlich die Kanzleiräume. Die Sozietät, einst die größte Deutschlands und eine der renommiertesten im Steuerrecht, war 2005 am Ende.

Anwälte am medialen Pranger

Seitdem wurden diverse Kanzleien und einzelne Anwälte an den medialen Pranger gestellt. Gelegentlich war es sehr Persönliches, was zu gesellschaftlichem Unmut führte: Unterstellte Befangenheit durch amouröse Partnerschaften zwischen Anwalt und Richter, unterstellte Begünstigungen durch Beziehungen zwischen Kommunalpolitiker und beratendem Anwalt, eine Schlägerei auf dem Oktoberfest.

Längst können derartige Vorkommnisse nicht mehr kanzleiintern gelöst werden, sondern finden früh den Weg in die Medien. Der Aktienkauf durch das Land Baden-Württemberg, dessen früherer Ministerpräsident Stefan Mappus dann gegen Gleiss Lutz und den zuständigen Partner erfolglos klagte, der noch längst nicht abgeschlossene Abgasskandal, aufgrund dessen die Kanzleiräume bei Jones Day durchsucht wurden und natürlich der Cum-Ex-Skandal mit besonderem Fokus auf die Rolle der beratenden Anwälte sind nur die öffentlich bekanntesten Fälle.

Komplexes Recht und die neue Anwaltsrolle

"Es wird härter für Anwälte", sagt Uwe Hornung, Partner bei Clifford Chance. Seine Kanzlei hat seinerzeit Werhahn gegen Haarmann Hemmelrath beraten, auch wenn er selbst zumeist Kollegen, die zivilrechtlich von ihren Mandanten in Anspruch genommen werden, vertritt. "Gegen die Juristen wird zwar heute strenger als gegen andere vorgegangen, aber sie werden auch nicht mehr geschont", meint der 56-Jährige. "Die Staatsanwaltschaften schauen allerdings ebenso wie die Mandanten genauer als früher hin, ob auch bei der Kanzlei was zu holen ist, seien es Informationen bei Durchsuchungen oder eben Schadensersatz für die Mandanten", so Hornung.

Für Dirk von Manikowsky hat die Situation "den Aspekt der ‚Geister, die ich rief". Er ist Partner bei Hering Schuppener, einem der bedeutenden Beratungsunternehmen für Kommunikation hierzulande, wenn es um Krisen in Unternehmen geht. "Nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes und insbesondere während der Finanzmarktkrise vor knapp zehn Jahren suchten die Medien verstärkt nach Erklärungen. Hochkomplexe, oft juristische Zusammenhänge mussten den Lesern verständlich gemacht werden", sagt von Manikowsky. Die Anwälte wurden für Expertenmeinungen konsultiert.

Aber nach den Berichten über die bankrotte alte Dame, die mit der Investition in riskante Zertifikate oder Schiffsfonds mit langen Laufzeiten ihre Altersversorgung verloren hatte, sei dann auch die Rolle der Berater in den Fokus gerückt. "Banker und Anwälte wechselten von der Experten- auf die  Anklagebank der Redaktionen", sagt er.

Hinzu kommt, dass die Rechtfragen komplexer geworden sind – und damit tatsächlich leicht Fehler passieren. "Die Art der Mandate und das Volumen sind ganz andere und auch im Recht verbergen sich viel mehr Fallstricke als früher", sagt Bertin Chab, Rechtsanwalt und Leitender Justiziar bei der Allianz Versicherungs-AG in der Schadenabteilung für die Vermögensschadenhaftpflicht. So müsse heute etwa viel stärker als früher das EU-Recht berücksichtigt werden.

Zitiervorschlag

Tanja Podolski, Anwalt in der Krise: Ende der Schonzeit. In: Legal Tribune Online, 18.09.2017, https://www.lto.de/persistent/a_id/24571/ (abgerufen am: 15.12.2017)

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Kommentare
  • 18.09.2017 15:52, Wo ist denn die Grenze

    von rechtlich vertretbaren Handlungen und fahrlässigen Beratungsfehlern? Im Grunde kann doch alles vertretbar sein, soweit der Anwalt das plausibel begründet. Sonst dürfte es ja nie wieder eine Weiterentwicklung im Recht geben.

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    • 19.09.2017 09:43, LaForge

      Das muss man dich nicht groß erläutern. Etwas, das zwar rein dogmatisch vertretbar ist, z. B. von "der Lehre" in ihrem Elfenbeinturm vertreten wird, aber komplett gegen jahrzehntelange, höchstrichterliche Rechtsprechung läuft, gar durch das Bundesverfassungsgericht längst abschließend geklärt wurde. Darüber dann nochmal ein Fass aufzumachen und den Mandanten zum Gang durch den Rechtsweg anzustacheln, das hat dann auch nichts mehr mit Weiterentwicklung des Rechts zu tun.

      Und aufgrund inzwischen vieler Jahrzehnter höchstrichterlicher, bundesrepublikanischer Rechtssprechung plus europäischem Recht, das in der Ausbildung der allermeisten Juristen, die jetzt im Beruf sind, noch keine Rolle spielte, verliert man ohne ständige Fortbildung durchaus mal den Überblick und gibt grundfalsche Einschätzungen zur Rechtslage.

      Wenn ich zB ein Onlineversender bin und mein Anwalt rät mir, aufgrund einer sehr streitbaren Auslegung der einschlägigen §§ des BGB dazu, eine Frage des Widerrufsrechts auszuprozessieren und ich laufe dann vor eine Wand, weil mein Anwalt schlicht den Anwendungsvorrang des Europarechts, in dessen Licht auch die §§ des BGB zum Verbrauchsgüterkauf auszulegen sind, nicht beachtet hat, dann kann der sich einfach nicht damit herausreden, dass er es auf Rechtsfortbildung abgesehen hatte. Er hat schlicht und ergreifend einen groben, fachlichen Fehler gemacht.

      Für meinen Geschmack wird die Anwaltshaftung bisher viel zu selten ausgereizt. Es gibt einfach, auch wenn das nicht in die Propaganda vom "Einheitsjuristen" passt, eine extrem große, qualitative, Spannbreite am Rechtsdienstleistungsmarkt. Und wie oft hat man sich schon mit einem Fall befassen müssten, den ein Kollege so richtig in die Sch... geritten hat. Von mir aus würde ich deren Ex-Mandanten auch nicht auf die Möglichkeit der Anwaltshaftung stoßen, man möchte ja kein Kollegenschw*** ein. Aber ich sag mal so, würde man in anderen Berufen so schlampig arbeiten, wie das da mitunter geschieht, dann würde das nicht so folgenlos bleiben. Irgendwie ist die Hemmschwelle, einen Anwalt zu verklagen, immer noch recht hoch.

  • 18.09.2017 17:00, M.D.

    Das ist schon tragisch. Beihilfe zu Steuerhinterziehung und Wirtschaftskriminalität wird halt immer schwieriger.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 18.09.2017 18:51, Heinrich V.

    Das ist doch klar wie Kloßbrühe, dass die ganzen Anwälte sich so dumm anstellen. Bei diesen ganzen Pflegefällen, die in die deutschen Universitäten strömen kann dies niemanden mehr verwundern. Die sind alle vollkommen überfordert. Heutzutage sitzen Ausländer jeglicher Coloeur und Kinder aus bildungsfernen Prekariatsfamilien neben Kindern aus Akademikerfamilien. Das hat es zu meiner Zeit nicht gegeben. Und diese Prekariatskinder werden dann auch noch mit staatlichen Mitteln gefördert. Beherrschen weder die deutsche Rechtschreibung noch die deutsche Grammatik und wollen dann Jurist werden. Das ist krank, meine sehr verehrten Damen und Herren.

    Mit freundlichen Grüßen

    RA Heinrich V

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 18.09.2017 21:27, isso

      is auch so

    • 20.09.2017 11:55, David

      Heinrich, keine gequält wirkende Bezugnahme auf die AfD? Was ist los bei Ihnen?

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