LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Zeitforscher zum Arbeiten als Anwalt: "Wir haben nicht zu wenig Zeit, son­dern zu viel zu tun"

Interview von Désirée Balthasar

21.01.2016

Für ein Leben unter der Knute der billable hour sei der Mensch nicht gemacht, sagt Zeitforscher Karlheinz Geißler. Zeitmanagement-Programme würden oft mehr Stress erzeugen, als sie beseitigen. Doch es geht auch anders.

LTO: Anwälte bewegen sich täglich in einem engen zeitlichen Korsett aus Mandantenbesuchen, Gerichtsterminen, Fortbildungen und kanzleiinternen Meetings. Wie kann man mit den vielen Verpflichtungen entspannt umgehen?

Geißler: Insofern die Einzelnen darauf Einfluss nehmen können, hängt es wesentlich davon ab, ob die zeitlichen Erwartungen fest verankert, also verbindlich vorgeschrieben oder ob die Arbeitszeiten frei wählbar sind. Das heißt im ersten Fall, ob zum Beispiel der Vorgesetzte erwartet, dass alle um acht Uhr mit der Arbeit beginnen oder nicht vor 20 Uhr das Büro verlassen. Bei dieser Zeitordnung  müssen alle gleich funktionieren, die Möglichkeiten des Einzelnen über seine Zeit zu entscheiden sind begrenzt.

Im zweiten Fall wählen die Anwälte Beginn und Ende ihrer Arbeitszeit und damit die Festlegung ihrer Termine (in Grenzen) selbst. In Unternehmen käme dies der Gleitzeit gleich. Doch wir haben die Erfahrung gemacht: Die Fähigkeiten, die Gleitzeiten in ihrem Potential zu nutzen, sind bei den Betroffenen relativ schwach ausgeprägt.

Karlheinz Geißler

LTO: Viele Kanzleien preisen Home-Office als flexible Lösung für individuelle Zeitwünsche. Und Sie sagen nun, die Menschen könnten damit nicht umgehen?

Geißler: In der Arbeitswelt wird Flexibilität als Zeitfreiheit verkauft, das ist sie aber nicht. Flexibilität ist die elastische Organisation der zeitlichen Notwendigkeiten.  Die Menschen haben nicht gelernt, individuell den Tag zu beginnen. Schon in der Schule wird jedes Kind, egal ob Frühaufsteher oder Langschläfer, ob lernfähig oder nicht, um Punkt acht Uhr oder früher in der Schule erwartet. Es ist eine von außen aufgezwungene Gewohnheit, die aber nicht dem individuellen Zeitmuster des Körpers und der Kurve der Leistungsfähigkeit entspricht.

LTO: Wie sähe so ein persönliches Zeitmuster aus?

Geißler: Menschen haben einen eigenen Aktivitäts-Passivitäts Rhythmus. Die einen erreichen schon früh am Tag ihr Produktivitätshoch, die anderen später. Auch auf die Jahreszeiten reagiert der menschliche Körper. Unsere meist in der Landwirtschaft tätigen Vorvorfahren schliefen im Sommer nur fünf Stunden und im Winter dafür zehn. Die Tagesrhythmik und in Grenzen auch die der Jahreszeiten beeinflussen die menschliche Leistungsfähigkeit und sein Wohlbefinden

LTO: Schwer vorstellbar in der heutigen Arbeitswelt, dass jemand im Winter zehn Stunden schläft und erst dann ins Büro geht..

Geißler: Das stimmt leider. Obwohl man seinem eigenen Rhythmus mit individuellen Arbeitszeiten bereits etwas entgegenkommen könnte. Noch vernünftiger wäre es, seine eigenen Termine nach der individuellen Arbeitsfähigkeit, also gemäß der eigenen Leistungskurve, einzuteilen. Leider kennt die kaum jemand, obgleich sie mit etwas Selbstbeobachtung leicht herauszubekommen ist.

LTO: Woraus besteht eine Leistungskurve?

Geißler: Die Chronobiologen sprechen von zwei Produktivitätshochs am Tag, mit individuellen Ausfransungen. Das erste ist etwa zwischen 09:30 und 12 Uhr, das zweite zwischen 15:30 und 18 Uhr. Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sind in diesen Zeiten hoch. Man kann den eigenen Stresslevel niedrig halten, wenn man die Arbeit dementsprechend organisiert, z.B. wichtige Termine in diese Zeiten legt.  Zwischen 13 und 14 Uhr liegt ein Leistungstief. Hier empfiehlt sich eine Mittagspause die länger ist, als die in Deutschland übliche 30 Minutenpause.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Zeitforscher zum Arbeiten als Anwalt: "Wir haben nicht zu wenig Zeit, sondern zu viel zu tun" . In: Legal Tribune Online, 21.01.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18218/ (abgerufen am: 31.10.2020 )

Infos zum Zitiervorschlag