LTO.de - Legal Tribune Online - Aktuelles aus Recht und Justiz
 

Veränderungen des Anwaltsberufs: "Heute herrscht Stille in den Fluren"

aufgezeichnet von Désirée Balthasar

23.03.2016

2/2: Claus von Rintelen (55), Kapellmann und Partner:

Als ich 1990 als Rechtsanwalt begann, war gerade das Verbot überörtlicher Sozietäten vom BGH gekippt worden, es bestand noch das Lokalisationsgebot. Das wurde erst 2000 abgeschafft. Die Zeit der Fusionen begann. Seitdem nahmen die internationalen Merger rapide zu.

Nicht nur die Kanzleien haben sich verändert, sondern mit ihnen ihre Tätigkeit. Es erfolgte eine Internationalisierung des Geschäfts, welche den Anwaltsalltag heute maßgeblich prägt. Zum Beispiel werden die Verträge immer aufgebauschter. Denn im angloamerikanischen Raum tendiert man dazu, alles detailliert festzuschreiben. Außerdem werden vermehrt Mediation und alternative Streitschlichtungsverfahren eingesetzt. So möchte man teure Gerichtsverfahren vermeiden und für alle Seiten eine Win-Win-Situation schaffen.

Auch das Recht selbst wandelt sich. Seit Langem ist zu beobachten, dass sich mehr und mehr Spezialbereiche entwickeln. Deshalb sind die Anwälte von heute wesentlich spezialisierter als in den Neunzigern. War man früher eher Generalist, ist man heute Experte. Das bedeutet gleichzeitig, dass in komplexen Verfahren die Größe der Teams steigt. Weil der Mandant für jedes Spezialgebiet einen Experten erwartet.

Informationsflut: Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Schon bevor ich nach Hamburg kam, war ich in Düsseldorf für die Bibliothek zuständig. Alle relevanten Informationen waren in Büchern oder Zeitschriften zu finden. Auch in Hamburg habe ich eine Bibliothek aufgebaut. Doch diese hat nichts mehr gemein mit einer typischen Kanzleibibliothek von vor zwanzig Jahren. Die meisten juristischen Informationen sind heute über Datenbanken erhältlich. Hierfür geben wir inzwischen die Hälfte des Bibilotheketats aus.

Insgesamt hat die Fülle an Informationen extrem zugenommen. Allein die Anzahl der Fachzeitschriften scheint unendlich groß geworden zu sein. Für jedes Spezialthema wird eine neue Fachzeitschrift geschaffen. Das gilt gleichermaßen für Bücher. Wo früher ein oder zwei Kommentare zu dem VVG vorhanden waren, stehen heute gleich zehn verschiedene Kommentare. Und wurden früher 150 Seiten zu einem Thema wie der VOB geschrieben, sind heute 3.000 Seiten bedruckt.

Dass so viel veröffentlicht wird und das Meiste online durchsuchbar ist, hat die Informationsbeschaffung auf der anderen Seite erheblich erleichtert. Die Gerichtsentscheidungen stehen innerhalb kürzester Zeit allen zur Verfügung. Vor allem sind es viel mehr als früher. Daher heißt es, aus dem Wust veröffentlichter Urteile die relevanten Informationen herauszufiltern. Das scheint mir heutzutage die eigentliche Herausforderung zu sein.

Google hat den Nachwuchs verdorben

Ein Anwalt muss heutzutage in Datenbanken effizient recherchieren und methodisches Wissen sinnvoll anwenden können. Bei den jungen Anwälten merkt man aber, wie sehr die Google-Suche sie verdorben hat. Viele suchen zu trivial und werten zu viele Treffer aus, anstatt methodisch vorzugehen. Kennt man die Grundfragen eines Rechtsproblems nicht, kann man nicht vernünftig recherchieren. Die Suche frisst dann viel Zeit. Sinnvoll wäre es, weniger Ergebnisse systematisch zu erfassen und zu subsumieren. Methodische Datenbankrecherche brauchte ich vor dreißig Jahren übrigens noch nicht. In meinen Anfangszeiten war es üblich, erfahrene Kollegen nach einschlägiger Literatur zu fragen.

Rechtsrecherche ist aber nur ein Teil unseres Berufs. Der Großteil der Arbeit besteht daraus, Informationen zu beschaffen. Dabei geht es darum, den relevanten Sachverhalt aufzuarbeiten. Erst wenn dieser vollständig analysiert wurde, ist man überhaupt in der Lage, eine rechtlich zutreffende Entscheidung zu treffen. Ansonsten kann man auch einfach eine Münze werfen. Denn Jura ist immer noch eine Wertungswissenschaft und das Ziel sind gerechte Entscheidungen.

Was sich also nicht geändert hat: Die richtigen Fragen stellen. Denn nach wie vor besteht nur ein kleiner Teil der Lösung darin, sich durch eine uferlose Rechtsprechung zu arbeiten. Wer über ein breites juristisches Wissen verfügt, der tut sich leichter.

Dr. Claus von Rintelen (55) ist seit 1995 bei der mittelständischen Bau- und Immobilienrechtskanzlei Kapellmann und Partner. Seit 2008 ist von Rintelen im Hamburger Büro tätig, zuvor arbeitete er in Düsseldorf. Seine Schwerpunkte sind das Bau- und Architektenrecht sowie das Versicherungsrecht.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Veränderungen des Anwaltsberufs: "Heute herrscht Stille in den Fluren" . In: Legal Tribune Online, 23.03.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/18883/ (abgerufen am: 20.08.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 23.03.2016 16:50, Utopia

    Stille auf den Fluren. Ein schöner Traum. Wenn doch die Anwälte auch bei Gericht mal sachlich und ruhig aufträten, statt zu oft fehlende Kompetenz durch Lautstärke und Unsachlichkeit wettzumachen zu versuchen...

    • 23.03.2016 20:26, BGBExperte

      Erläutern Sie doch bitte kurz, was in Ihrem Beitrag die kompetente Sachlichkeit ausmacht.

  • 23.03.2016 21:00, Utopia

    Verbringen Sie mal einen Tag am AG München und Sie werden mir uneingeschränkt zustimmen...
    ...Kompetenz hin oder her (die hat nicht jeder für jeden Bereich - ich auch nicht) aber den leider weit verbreiteten anwaltlichen 'Brüllfroschreflex' sollte man dringend wegzüchten...

    • 23.03.2016 23:16, Reibert

      Selbstverschuldetes Leid. Die Verhandlungsleitung obliegt dem Richter. Die entsprechenden Machtmittel sind ihm hierzu, während der Sitzung, in die Hand gegeben.

  • 24.03.2016 15:04, Utopia

    @Reibert: Unter dem (kreativen) Einsatz dieser Mittel (mein Lieblingsspaß: Verhandlungsunterbrechung um 10 Uhr bis 16 Uhr bei auswärtigen Anwälten) leidet am Ende des Tages doch nur der Mandant...

    (Den natürlich das Auswahlverschulden trifft, wenn er zur Kanzlei 'Groß, Maul und Partner' geht... Aber man geht zu seinen Gunsten ja jedenfalls beim ersten mal davon aus, dass er es nicht besser wusste...)

  • 24.03.2016 19:16, Was denn nun anstatt der Bücher?

    Nicht umsonst ist Herr Beck einer der 100 Reichsten in der BRD! Das Buch ist sehr wohl nach wie vor in 80% aller Kanzleien genauso wie das Faxgerät das Maß aller Dinge. Was auch sonst? Leider hat sich das E-Book bei den "Raben§" noch nicht so richtig etabliert, genauso wenig wie Nutzung von Mail - letzteres mag aber auch an den hinterwäldlerischen Gerichten liegen. Es wird immer noch brav mit Papier gearbeitet wie zu Gutenbergs Zeiten - kein Fortschritt. Die E-Mail ist ja gar nicht so unsicher wie immer behauptet wird. Außer Geheimdiensten hört niemand den Mailverkehr ab, denn die schiere Menge ist der beste Schutz!
    Also mich würde schon mal interessieren, was in diesen Großkanzleien anstatt Buch getan wird. Es gibt ja nicht all zu viele Fachbücher in den Online Modulen bei Beck, Haufe, Elzevir und wie sie alle heißen.

    • 25.03.2016 14:38, eJustice

      Der Gesetzgeber hat eJustice (eRV und eAkte) für spätestens 2020 (jedenfalls im Bereich Zivilrecht) bundesweit vorgeschrieben (mit Opt-In für frühere Zeitpunkte). Die Gerichte setzen diese Vorgabe um. Wo ist das jetzt hinterwäldlerisch?

      Auf der Gegenseite wehrt sich die Anwaltschaft mit Klagen gegen das ePostfach. Ja was nun? Hü oder Hott?

  • 29.03.2016 10:30, Man kann sich nur an den Kopf fassen

    Wenn die Kollegen von Clifford Chance heute nicht mehr in die Bücher gucken und vermeintlich Unwichtiges "mal eben von der Festplatte in den Köpfen löschen", muss man sich wohl ernsthaft Sorgen um die Beratungsqualität machen. Ich wüßte auch gerne vorab, welches Wissen für kommende Beratungsmandate nicht mehr von Bedeutung ist - aber wer will das zuverlässig vorhersehen? Derart sorglos kann man wohl nur als Transaktionsanwalt daher plappern, dessen Wissen und Können nur allzu selten zur Überprüfung durch ein Gericht gestellt wird ...

    • 04.04.2016 13:23, Peter

      Nur dass der Herr Litigation und keine Transaktionen macht ;)
      Solch verbitterte Aussagen können nur von einem kommen, der über das befriedigend nicht hinausgekommen ist und evident neidvoll zu den Großen hinaufblickt.
      Zur Sache: 50-70% der relevanten Literatur (gängige Kommentare, Handbücher, Zeitschriften und such Rspr) findet sich in den großen Abos von Beck und Juris. Dass ich tatsächlich mal in die Kanzlei Bücherei oder mir was aus anderen Büros scannen lassen muss, weil es etwas nur in Papierform gibt, ist unglaublich selten und lästig. Darüber hinaus ist die sinnvolle Nutzung der Suchfunktion ein enormer Gewinn bei jeder Recherche. Wie viele Aufsätze in eher klein aufgelegten Zeitschriften man sonst übersehen hätte, die wie die Faust aufs Auge passen, die Recherche in der Folge verkürzt haben und damit den Mandanten logischerweise weniger Geld kosten...

    • 28.06.2016 15:44, Heiner Wurst

      Ich suche eine Festanstelllung als Rechtsanwalt oder wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Großkanzlei (>100 Berufsträger) im Raum München und Umgebung. Das Gehalt sollte im hohen sechstelligen Bereich liegen + Bonus. Was ich mitbringe? Zwei mal 6,7 Punkte und einen LLM der University of Queensland (Schwerpunkt: Internationales Surf-Recht). Mit herzlichen kollegialen Grüßen, H.D. Wurst