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Diskussion um Helmpflicht für Fahrradfahrer: Mit kühlem Kopf den Ver­kehrs­ri­siken begegnen

Der Fahrradhelm gehört mittlerweile zum vertrauten Bild auf deutschen Straßen, viele würden nie mehr "oben ohne" fahren. Andere dagegen lehnen ihn per se ab oder bezweifeln einfach seine Wirksamkeit. Die StVO lässt dem Radler bisher die Wahl. Nach einem Beschluss der Verkehrsministerkonferenz soll das auch in nächster Zeit so bleiben. Von Adolf Rebler.

§ 21 a Abs. 2 der Straßenverkehrsordnung (StVO) schreibt das Tragen eines Helmes nur für die Fahrer von Krafträdern oder offenen drei- oder mehrrädrigen Kraftfahrzeugen (Quads) mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von über 20 km/h und ihre Mitfahrer oder Beifahrer vor.

Diese Helmpflicht für Motorradfahrer, die 1976 auf Mopedfahrer und 1978 auf Mofafahrer ausgedehnt wurde, war in erster Linie eingeführt worden, um die Verletzungsgefahr bei Unfällen zu mindern und um Menschenleben zu retten. Ein weiterer maßgeblicher Grund war, die Allgemeinheit vor den finanziellen Folgen zu bewahren, die entstehen können, wenn Schwerverletzte längerer oder dauernder Pflege bedürfen oder wenn infolge eines Unfalls eine berufliche Tätigkeit nicht oder nur mehr eingeschränkt ausgeübt werden kann.

Seit den 1990er Jahren gibt es immer wieder Überlegungen, eine Helmpflicht auch für Fahrradfahrer gesetzlich zu verankern. Der aktuelle Vorstoß ging von Thüringen aus, allerdings hatte die Initiative keinen Erfolg: Statt einen Helmzwang einzuführen, will die Verkehrsministerkonferenz lediglich eine Empfehlung geben und setzt auf Aufklärung und Selbstbestimmung.

Fehlende Helmpflicht in Haftungsprozessen regelmäßig unbedeutend

Auch die meisten Nachbarländer haben keine Helmpflicht für Fahrradfahrer; jedenfalls Österreich will noch im Mai dieses Jahres eine Helmpflicht für Kinder unter zehn Jahren einführen.

Dabei ist der Nutzen von Fahrradhelmen sehr umstritten. Während der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) eine Helmpflicht strikt ablehnt und dies mit einem drohenden Rückgang der Fahrradnutzung begründet, kamen Studien des britischen Verkehrministeriums zu dem Ergebnis, dass ein Fahrradhelm nachweisbar schützt und die Anzahl der Kopfverletzungen um bis zu 88 Prozent reduziert.

Auch die Anzahl der tödlich verletzten Radfahrer sinkt spürbar. Andererseits gibt es aber auch Studien, die dem Helm keine wesentliche Schutzwirkung beimessen oder sogar behaupten, dass der Helm durch Erhöhung der Rotationsgeschwindigkeit das Verletzungsrisiko sogar noch erhöht.

Einig ist man sich nur darin,  dass die StVO definitiv keine Helmpflicht für Radfahrer kennt: § 21a Abs. 1 StVO spricht nur von Krafträdern beziehungsweise Kraftfahrzeugen. Die gesetzliche Regelung ist also eindeutig. Trotzdem kann das für einen Zivilprozess, in dem es um Schadensersatz bei einem Unfall geht,  völlig bedeutungslos sein.

Bereits das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat mit Urteil vom 26. September 2000 (Az. 27 U 93/00) klargestellt, dass (für eine Entscheidung eines Zivilgerichts) "der Gesichtspunkt, dass eine entsprechende gesetzliche Regelung nicht besteht, keine entsprechende Rolle" spiele, "weil sich eine allgemeine Überzeugung derart notwendigen Eigenschutzes auch unabhängig davon hätte bilden können."

Um dies zu verstehen, muss man sich die "Aufgabe" der StVO vor Augen zu führen: Die StVO ist öffentliches Sicherheitsrecht, regelt Verkehrbeziehungen und "interessiert" sich – so hart dies klingen mag – grundsätzlich nur bedingt für das Schicksal des Einzelnen. Die StVO hat also öffentliche Interessen im Sinne.

Gesetzgeber muss Entscheidung nach Risikoabwägung treffen

Und so gibt es Gerichte (OLG Nürnberg, Urt. v. 23.10.1990, Az. 3 U 2574/90; OLG Hamm, Urt. v. 26.09.2000, Az. 27 U 93/00), die in der Tatsache, dass ein Radler keinen Helm trägt, kein Mitverschulden bei einem Unfall ableiten und solche (Landgericht (LG) Krefeld, Urt. v. 22.12.2005, Az. 3 O 179/05 ; OLG Saarbrücken, Urt. v. 09.10.2007, Az. 4 U 80/07 - 28, 4 U 80/07), die es einem Radfahrer als Obliegenheitsverletzung (also als Verletzung einer Pflicht gegen sich selbst) anlasten, wenn er keinen Helm trägt.

Teilweise wird auch darauf abgestellt, ob es sich um eine "sportlich ambitionierten" Fahrer handelt (OLG Düsseldorf, Urt. v. 12.02.2007, Az.  I- 1 U 182/06, 1 U 182/06 ) oder "nur" um einen Alltagsradler. Danach braucht der Alltagsradler keinen Helm, der sportliche Fahrer schon. Die Logik dieser Argumentation ist fraglich. Zum einen: Was ist ein "sportlich ambitionierter Fahrer"? Zum anderen: Kann es nicht sein, dass beim professionellen Radler das höhere Risiko des schnelleren Fahrers durch besseres Equipment und geübtere Fahrweise ausgeglichen wird?

Der Bundesgerichtshof hat sich dazu bisher nicht abschließend geäußert (Urt. v. 04.11.2008, Az. VI ZR 171/07). Zu Recht scheinen aber die Gerichte wieder einen Schwenk zu vollziehen und sich darauf zu besinnen, dass ein Radfahrer gesetzlich nicht verpflichtet ist, einen Helm zu tragen und dass dies grundsätzlich dagegen spricht, ihm bei einer Oben-Ohne-Fahrt einen Strick daraus zu drehen (etwa LG Itzehoe, Urt. v. 30.04.2010, Az. 6 O 210/08).

Im Ergebnis kann der Gesetzgeber die Frage der Helmpflicht weiter offen lassen. In einem freiheitlichen Rechtsstaat hat die Gesetzgebung nur sehr eingeschränkt die Pflicht, den Einzelnen zu schützen, auch vor sich selbst Eine gesetzliche Helmpflicht für Radfahrer ist Gegenstand einer Risikoabwägung: Ist es – trotz aller sonstigen Regeln wie Vorfahrtsrecht, einer Radwegbenutzungspflicht im Einzelfall – notwendig, Radfahrer zusätzlich mit einer Helmpflicht im Straßenverkehr zu "belegen"? Oder soll vielmehr der "mündige Bürger" die Entscheidung selber treffen? Der Verordnungsgeber hat sich (zumindest derzeit noch) für letzteres entschieden.

Die neuerliche Ablehnung einer Helmpflicht durch die Verkehrsministerkonferenz wird für die Gerichte ein starkes Signal sein, auch in Zivilprozessen aus dem Nichttragen eines Helmes keine negativen Folgerungen zu ziehen. Wichtiger als eine gesetzliche Helmpflicht ist im Übrigen nach wie vor die Beachtung des in § 1 Abs. 1 StVO niedergelegten Grundsatzes: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht."

Der Autor Adolf Rebler ist Regierungsamtsrat in Regensburg und Autor zahlreicher Publikationen zum Straßenverkehrsrecht.

 

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Zitiervorschlag

Adolf Rebler, Diskussion um Helmpflicht für Fahrradfahrer: Mit kühlem Kopf den Verkehrsrisiken begegnen . In: Legal Tribune Online, 12.04.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/3007/ (abgerufen am: 11.12.2019 )

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Kommentare
  • 12.04.2011 12:25, Dieter Müller

    Pünktlich zu Beginn der Fahrradsaison schreibt Herr Rebler einen passenden Artikel zum Stand der Diskussion um die Helmpflicht. Vielen Dank erst einmal für die aktuellen Informationen und guten Gedanken. Nachvollziehbar ist für mich der Standpunkt der offensichtlich nur oberflächlich gebrieften Verkehrsminister allerdings nicht, noch weniger überzeugend ist allerdings das lasche und unsachliche Statement des ADFC. Beide Institutionen berücksichtigen aus meiner Sicht in keiner Weise die beiden Grundrechte der Radfahrer auf Leben und körperliche Unversehrtheit aus Artikel 2 Absatz 2 Grundgesetz. Nach Aussage der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie könnten nahezu 90% aller Schädelhirnverletzungen bei Radfahrern durch das Tragen eines Fahrradhelmes vermieden werden. Zudem hat sich nach deren Erkenntnissen in den Jahren von 1970 bis 2007 die Anzahl der verletzten Fahrradfahrer von 40.531 auf 78.579 fast verdoppelt. Ich denke, diese durchschlagenden Argumente genügen vollauf für die Einführung einer Helmpflicht. Es ist für mich auch vollkommen unbegreiflich, warum die Einführung einer Helmpflicht bei Skifahrern nach dem öffentlichkeitswirksamen tragischen Skiunfall des früheren thüringischen Ministerpräsidenten allseits begrüßt wurde, im Straßenverkehr aber seit Jahren beharrlich auf erhebliche Widerstände stößt. Muss erst ein Promi zu Tode kommen oder einen einfachen Bürger töten, damit die Diskussion auf sachlicher Basis geführt werden kann?

  • 12.04.2011 13:08, Ervin Peters

    Herr Rebler hat es angedeutet: In der StVO geht es um Regelungen die die Verkehrsicherheit bei der Nutzung des öffentlichen Raumes zu machen. Es geht damit und die Vermeidung von Unfällen und die verringerung der Schwere von Unfällen, bzw. des Risikos das es zum Unfall kommt.
    Eine wesentliche Unterscheidung ist die zwischen Eigengefährdung und Fremdgefährdung des Verhaltens bei der Nutzung des öffentlichen Raumes. Die Eigengefährdung ist in gewissen Rahmen durch unsere Freiheitsrechte, also Wahlfreiheit z.B. des Fahrzeugs und seiner Ausrüstüng, gedeckt. Die Fremdgefährdung ist es nicht, sie ist der Haupt-Wirkungsbereich der gesetzlichen Regelungen.
    Hier ist der Kernpunkt der diese sehr angestrengende Diskussion begleitet:
    Die Initiativen zur Helmpflicht setzen auf die Verminderung der Folgen der Fremdgefährdung anderer Verkehrsteilnehmer, anstatt wirkungsvolle Maßnahmen zur Reduktion der Fremdgefährdung auch nur anzuerkennen. Das heißt, die Motivation der Erhöhung der Verkehrssicherheit erscheint vorgeschoben, weil andere Maßnahmen (Geschwindigkeits- und Abstandskontrollen, Tempo 30/70/100, Beifahrerpflicht in LKW) garnicht angegangen werden.
    Die Faktenlagen zur Schutzwirkung von Helmen ist, wie es Herr Rebler beschreibt, durchwachsen, und langjährige statistischen Aufzeichnungen aus Neusselland zeigen das es allenfalls, also mit wohlwollender Interpretation, eine geringe Verschiebung hin zu weniger Kopfverletzungen gibt.
    Da sich der Radverkehrsanteil zwischen 1970 und 2007 mehr als verdoppelt hat ist auch zu erwarten, dass es mehr Unfälle und Verletzte unter Radfahrerbeteiligung gibt. Die Lebenszeit die durch die Bewegung und das Wohlbefinden beim Radfahren gewonnen wird ist weit höher als die die durch Unfälle verloren geht, deshalb ist es für den ADFC den Radverkehrsanteil zu heben. Mit steigendem Radverkehrsanteil sinkt auch das Risiko von Radfahrern, welches schon jetzt nur in der Größenordnung dessen von Kraftfahrern liegt.

  • 12.04.2011 15:24, Michael Ivanowitsch

    Wer Radfahrer auf die Fahrbahn zwingen will, demzufolge gegen Radwege zu Felde zieht und selbige auch noch widerspruchslos der Benutzung durch Mofas frei gibt, der braucht sich ja nun wirklich nicht wundern, daß der Ruf nach einer Helmpflicht immer lauter wird.

    ADFC? Nein, danke!

    Gruß
    Ivanowitsch (Radfahrer mit 10.000 KM/Jahr)

  • 12.04.2011 15:59, Ervin Peters

    ...egal ob mit oder ohne Helm, sicherer als das Befahren fahrbahnbegleitender Radverkehrsanlagen. Siehe diverse Untersuchungen der BAST und anderer Institutionen weltweit.
    Der ADFC will auch hier ersteinmal nur, dass diese Sachverhalte bekannt werden ohne Radfahrer auf die Fahrbahn zu zwingen.
    Auch hier gilt: Wer sich auf Fahrbahnbegleitenden Radverkehrsanlagen gefährden möchte, kann es tun, solange er andere, in diesem Falle Fußgänger, nicht unnötig gefährdet, behindert oder belästigt.

    Aber es darf kein Radfahrer dazu gezwungen werden sich unnötig selbst zu gefährden, was die Konsequenz der Radwegebenutzungspflicht ist.

    Aus diesem Grunde ist das Urteil des BVwG, das nur die Gesetzeslage von 1998 bestätigt, vom ADFC unterstützt und begrüßt worden.

    Vom ADFC wird vom empfohlen die Fahrbahn geeignet, das heist mit den erforderlichen Sicherheitsabständen von 80cm - 1,5m nach rechts zu nutzen, weil er dort am besten wahrgenommen wird.
    Notfalls renitentes und gefährdendes Kraftfahrerverhalten zur Anzeige zu bringen und damit einer aufklärenden schulung durch die Polizei zuführen - den ein Teil der Kraftfahrer weis ein eklatantes Defizit in der Kenntnis der StVO auf, wenn es um die Begegnung mit Radfahrern geht.

    Also nix Eigentor. Grundlage für eine menschenwürdige Mobilität der Zukunft.

    Ervin Peters, adfc-weimar.de, 13.000km/a

  • 12.04.2011 16:27, Ingo Keck

    Die Behauptung "Auch die Anzahl der tödlich verletzten Radfahrer sinkt spürbar" als Effekt der Radhelme ist nachweisbar falsch und angesichts der vielen Publikationen dazu in der Fachliteratur frage ich mich warum sich diese Falschaussage so hartnäckig in der Presse hält. Die bisher größte Untersuchung von Rodgers aus den USA fand einen positiven Zusammenhang zwischen zunehmender Helmnutzung und steigender Todesrate bei Radfahrern.(1) Also dank Helm mehr tote Radfahrer.

    Auch die Behauptung "kamen Studien des britischen Verkehrministeriums zu dem Ergebnis, dass ein Fahrradhelm nachweisbar schützt und die Anzahl der Kopfverletzungen um bis zu 88 Prozent reduziert" ist falsch. Die 88 Prozent stammen tatsächlich aus einer amerikanischen Studie publiziert 1989 in New England Journal of Medicine (2) und sind ein Artefakt aus dem Vergleich von zwei ungeeigneten Gruppen - der Fehler in der Studie ist so offensichtlich (die Helmträger hatten einfach deutlich leichtere Unfälle als die Kontrollgruppe, so dass sie auch 72% weniger Verletzungen ausserhalb des Kopfes hatten!), dass man sich fragt warum diese Studie noch nicht von den Autoren oder dem Journal zurückgezogen wurde.

    Schaut man sich die Studien an, die Vorher-Nachher-Vergleiche in Ländern mit stark steigender Helmnutzung machen, findet man durch die Bank ein Ergebnis: Mit zunehmender Helmnutzung steigt das Risiko einer Kopfverletzung.(3) (siehe z.B. aber auch (4) für einen Pressebericht) Diese Beobachtung ist auch die einfachste Erklärung dafür, warum in vielen Ländern in den letzten Jahren Radfahren im Vergleich zum zu-Fuss-Gehen gefährlicher geworden ist.

    (1) Rodgers GB. Reducing Bicycle Accidents: A Reevaluation of the Impacts of the CPSC Bicycle Standard and Helmet Use. Journal of Products Liability, 1988,11:307-317.

    (2) A case control study of the effectiveness of bicycle safety helmets
    Thompson RS, Rivara FP, Thompson DC. New England Journal of Medicine, 1989 v320 n21 p1361-7. 1989.

    (3) Robinson DL. Accident Analysis & Prevention, 1996 Jul;28(4):463-75. 1996.

    (4) Julian E Barnes, A Bicycling Mystery: Head Injuries Piling Up, New York Times, 29th July 2001

  • 14.04.2011 19:02, Dieter Müller

    Früher oder später wird die Helmpflicht kommen. Die Gegner einer solchen Pflicht führen ihre Rückzugsgefechte auf verlorenem Boden wie die Geschichte des Verkehrsordnungsrechts beweist. Der zunehmende Druck aus Brüssel zur Senkung der Getötetenzahlen im Straßenverkehr wird dafür sorgen, dass auch die letzten Register des Verkehrsordnungsrechts in Deutschland irgendwann gezogen werden müssen. Man erinnere sich nur an die im Ergebnis erfolglosen, aber schier endlosen Diskussionen um die Einführung der Gurtpflicht und dann nochmals um die Einführung einer Bußgeldbewehrung für Verstöße gegen die Gurtpflicht, die bekanntlich auch in erster Linie vor Eigenverletzungen schützt. Letztendlich wurde die Gurtpflicht eingeführt und wenige Jahre danach die Bußgeldbewehrung obendrauf gepackt, weil manch ein angeblicher Verfechter von Freiheitsgrundrechten erst von staatlicher Seite zu seinem Glück gezwungen werden muss. Im Ergebnis wurden Tausende Leben gerettet und Verletzungen abgemildert. Die Gurtpflicht ist heute allseits akzeptiert. Die Diskussion um die Einführung der Helmpflicht für Motorradfahrer verlief in ähnlichen Bahnen und niemand kann allen Ernstes behaupten, dass diese Helmpflicht nicht ebenfalls zahlreiche Leben gerettet hätte. Sinnlos ist es allerdings, wenn Eltern ihre Kinder zu einer Helmpflicht verdonnern und selbst nebenher fahrend aus falsch verstandener Eitelkeit auf das Tragen von Schutzhelmen verzichten.

  • 14.04.2011 19:59, Michael Ivanowitsch

    Fährt ein Radler auf der Fahrbahn, einen "Sicherheits"abstand von 1,5 m zum rechten Fahrbahnrand einhaltend, kommt dabei z.B. wg. eines Schlagloches zu Fall und wird vom nachfolgenden Kfz, welches nicht mehr rechtzeitig ausweichen kann (Radler fuhr ja in Spurmitte) tödlich überfahren, dann, ja dann nutzt diesem Radler wohl kein noch so teurer Helm.

    Helmpflicht? Wofür? Der Radler ist doch tot. Helmpflicht also eindeutig nutzlos.

    Ja, es darf gelacht werden. Es gibt eine vielbeachtete Studie, wonach der Seitenabstand von Kraftfahrzeugen bei behelmten Radfahrern geringer sein soll, als bei nicht behelmten Radfahrern. Diese "Studie" wurde in der Vergangenheit bei jeder Helmdiskussion auch von ADFClern heruntergebetet wie das Vaterunser in der Kirche. Sie hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Das ganze war ein ausgemacher Quatsch und bar jeglicher Seriosität!

    Wenn also in ADFC-Beiträgen von australischen, amerikanischen oder neuseeländischen "Studien" die Rede ist, dann nur deshalb, um zu zeigen, daß
    auch die eingefleischtesten ADFCler Kopfbedeckungen tragen. Zwar keine Helme, sondern Narrenkappen. Aber das wird schon noch. ;-)


    Gott zum Gruße
    Ivanowitsch

  • 14.04.2011 22:19, Ervin Peters

    Wie kann man eigentlich schlüssig von einem Grundrecht der Radfahrer auf Leben und körperliche Unversehrtheit aus Artikel 2 Absatz 2 Grundgesetz auf eine Helmpflicht kommen?

    Ein Recht _kann_ ausgeübt werden muß aber nicht. Es ist schon jetzt so, dass jeder, der möchte einen seinen Anforderungen genügenden Helm beim Radfahren, Treppensteigen oder Autofahren aufsetzen kann und darf - ich denke das ist zum Helmtragen für die, die es wollen und gut finden, hinreichend.
    Und für die, die es nicht wollen auch, weil sie es ja nicht müssen.

    Interesanter ist der andere Aspekt, der sich aus eben diesen Grundgesetz-Paragraphen ergibt: Das Recht darauf durch andere nicht gefährdet zu werden.
    Damit sind die Gefahren beim Gefährder abzustellen, das BVerfG spricht davon den Störer einzuschränken, und nicht beim Gefährdeten die potenziellen Folgen der Gefahr zu vermeiden sind.
    Wenn also die Sicherheitsabständen in dem unteren Beispiel nicht eingehalten werden, was hat dann zu geschehen? Eine Rüstung für den Radfahrer, damit er ohne schwerwiegende Verletzungen überrollt werden kann oder sollte der Autofahrer aus dem Verkehr gezogen werden und lernen wie groß der Sicherheitsabstand zu sein hat?

    ...

    Im Straßenverkehr sind die Gefährder die Sicherheitsabstandsverweigerer, Geschwindigkeitsübertreter, Sichtfahrgebotsmißachter, Gehwegfahrer, Mobiltelefonierer an der Lenkeinrichtung, u.v.m, destatis.de gibt mit den Unfallstatistiken Auskunft.

  • 15.04.2011 00:02, Michael Ivanowitsch

    Soll ein Kfz einen ausreichenden Abstand zum vorausfahrendem RAdfahrer halten, so müsste dieses sich der Geschwindigkeit des Radfahrers anpassen. Wie schnell fährt die Radlerzunft durchschnittlich? 15 km/h? 20 km/h? Und nach Vorstellung des ADFC soll der Autofahrer mit 100 PS unter der Haube geduldig hinterher zuckeln? Radfahren soll auch der Entspannung dienen und zum gesundheitlichen Wohlbefinden beitragen. Wie soll sich ein Radfahrer wohlfühlen in der der Gesundheit abträglichen Abgasschleppe vorausfahrender Kraftfahrzeuge und der Angst im Nacken?

    Und wo finden denn die ADFC-Fahrradtouren statt? Doch nicht auf vielbefahrenen Straßen, sondern möglichst auf RADWEGEN(!), verkehrsarmen Nebenstraßen und befestigten Feldwegen. Und wieviele der Teilnehmer tragen dabei einen Helm? Viele! Und es werden immer mehr. Mit realistischem Gruß Ivanowitsch

  • 15.04.2011 09:54, Ervin Peters

    Herr Ivanowitsch, sie haben wohl einige Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung nicht begriffen. Der öffentliche Raum dient dazu das Menschen und Waren von verschiedenen As nach Bs gelangen. Wie das geschieht, warum das geschieht ist erstmal den Menschen, ihren Möglichkeiten, ihren Fähigkeiten und ihren Wünschen überlassen und diese stehen alle Gleichberechtigt nebeneinander. Es gibt Ausnahmen, das sind Fahrten aufgrund von hoheitlichen Aufgaben und Rettungseinsätzen. Die StVO regelt das Zusammenspiel auf diesem grundsätzlich gleichberechtigten Niveau zwischen Fahrzeugführern, die aus den schon erwähnten Gründen andere eben nicht durch ihr Verhalten gefährden dürfen - Unabhängig von Fahrzeug und Motorleistung. Das ist eigentlich selbstverständlich und auch natürliches zwischenmenschliches Verhalten.

    Ich habe selbst mit meinen Dienstfahrzeugen die gelegentlich auch weit über 300PS haben keine Probleme diesen Grundsatz einzuhalten und kann auch hinter Radfahrern hinterherfahren, mich an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, Sicherheitsabstände beim Überholen und auch das Sichtfahrgebot einhalten. Diese Fahrzeuge sind allerdings für die meisten realen Transportaufgaben und Wege völlig falsch konstruiert, da gebe ich ihnen Recht. Aber warum sollen Radfahrer sich unnötig beschränken, behindern und gefährden lassen, nur weil andere ungeeignete Fahrzeuge bevorzugen?

    Betrachtet man die Realität unseres innerörtlichen Verkehrs, kann man auf die Idee kommen sich zu fragen warum man 2t Material mit einem Schnitt von 18km/h und einem enormen Energieaufwand (entsprechend 100-600g CO²/km) durch die verstopften, verlärmten und verpesteten Innenstädte fährt um im Mittel 1.2 Menschen über eine mittlere Strecke unter 10km zu transportieren, wenn dies mit einem Rad genauso schnell, umweltfreundlicher, ressourcenschonender, mit sehr viel geringerem Energieeinsatz (1-3gCO²) und sehr positiven gesundheitlichen Nebeneffekten möglich ist. Hier scheinen andere der Realität verlustig gegangen zu sein, jedenfalls nicht der ADFC, der mit seinen engagierten Mitgliedern für eine menschenwürdige Mobilität der Zukunft steht.

  • 15.04.2011 10:52, Uwe Heinrichs

    Beim Radfahren führt das Tragen eines Helmes nach meiner Erfahrung zu folgenden Konsequenzen:

    1. Die Risikobereitschaft nimmt zu (man ist ja - zu einem Teil - "geschützt")

    2. Der Abstand überholender Pkw nimmt ab, die Unfallgefahr steigt (beides bereits wissenschaftlich bewiesen)

    3. Die Attraktivität des Transportmittels Fahrrad nimmt ab - mit Helm ist einfach umständlicher als ohne Helm

    Insbesondere den ersten Punkt (Kompensationseffekt) kann ich an mir selbst beobachten. Mit Helm fühlt man sich weniger "nackt" und geht z.B. beim MTB höhere Risiken ein obwohl der Helm nur einen kleinen Teil des Körpers/Kopfes schützt. Auf der Straße ist das auch zu beobachten, Leute die besonders dämlich Radfahren (falsche Straßenseite, rote Ampel ohne zu schauen, kein Vorfahrt achten etc.) sind meist ausnahmslos behelmt oder betrunken (selten beides...). Im Ergebnis führt eine Helmpflicht , u.a. durch den Kompensationseffekt und die anderen genannten Gründe - daher nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit.

    Es geht bei der Diskussion doch auch überhaupt nicht um die Sicherheit der Menschen. Stände es wirklich im Fokus möglichst viele Kopfverletzungen/Verletzte zu vermeiden, müsste man über eine PKW-Helmpflicht nachdenken. Das Risiko von Kopfverletzungen im PKW ist statistisch und faktisch höher als beim Radfahren. Nicht ohne Grund werden im Motorsport Helme getragen.

    Die Helmplfichtdiskussion beim Radeln wird im Hintergund auch durch die Autolobby vorangetrieben und da stecken massive wirtschaftliche Beweggründe dahinter.

    Deutschland ist ein freies Land und sollte seinen Bürgern ein Mindestmaß an Freiheit belassen. Jeder soll die Risiken, denen er sich aussetzt selber bewerten, dafür brauche ich nicht den Staat, der regelt ohnehin schon zuviel...

  • 16.04.2011 12:21, Bodo Eggert

    Neben den bereits genannten Auswirkungen von Fahrradhelmen möchte ich noch einige Punkte ansprechen:

    1) Fahrradhelme sind nicht für jede Art Sturz hilfreich, sondern können auf Grund ihrer Form insbesondere bei Stürzen auf den Rücken oder aufs Gesicht zu Verletzungen am Genick beitragen. Deshalb sollten auch Skater keinen Fahrradhelm tragen.

    Wenn ich mir dann ansehe, wie meine schwereren Fahrradunfälle bisher abgelaufen sind, nämlich Stürze nach vorne oder auf den Rücken, dann sehe ich da eine Gemeinsamkeit, die für mich gegen das Tragen von solchen Helmen spricht. Auch im Fernsehen sehe ich oft genau die Verletzungen, die durch das Tragen von Helmen begünstigt werden sollen.


    2) Ich habe die Zahlen der Hannelore-Kohl-Stiftung (die für Helme wirbt) zu den tatsächlichen Unfallzahlen in Relation gesetzt. Herausgekommen ist, daß wenn Helme keine schädliche Wirkung haben, die Helmträger mehr als 312 % so viel Unfälle haben müssen, wie Nicht-Helmträger. Wenn sie bei einem Unfall schützen, müßten entsprechend mehr Unfälle mit Helm passieren.

    Daraus ergibt sich, daß die behauptete Schutzwirkung nicht in dem Maße vorliegt, sondern wesentlich geringer sein muß. Daß Helme im Durchschnitt sogar schaden ist zunächst nicht intuitiv plausibel, deckt sich aber sowohl mit den Zahlen nach Einführung der Helmpflicht in Australien (dort sank die Zahl der Fahrradfahrten wesentlich stärker, als die Zahl der Kopfverletzungen) als auch mit meiner Beobachtung, daß ich schon durch längere Haare (3 cm) und die resultierende Wärme in meiner Konzentration beeinträchtigt werde.

    3) Da ein Mitschreiber den Abstand zum Fahrbahnrand angesprochen hat: Ich habe es schon oft erlebt, daß, wenn ich zu weit rechts fahre, ein Autofahrer trotz Gegenverkehr überholt und dann auf meiner Höhe kurz vor dem Gegenverkehr nach rechts zieht. Besonders begabte Zeitgenossen schaffen das auch ohne Gegenverkehr, ich weiß nicht, ob die Leute Angst vor der Mittellinie haben?

    Seit ich in der Mitte der Fahrspur fahre, kommt das praktisch nicht mehr vor. Dabei war das garnicht der Grund, sondern verschiedene Überlegungen. So habe ich mir z.B. ausgerechnet, wie viel Platz ich brauche, wenn vor mir eine Autotür sich öffnet oder ein Kind auf die Fahrbahn tritt. Dabei kam ich auf drei bis vier PKW-Längen, um mit 30 km/h bei sofortiger Reaktion noch vorbeizukommen, und ich benötige die gesamte Fahrspur (auf der ich möglicherweise gerade überholt werde), um wieder gegenzulenken. Ich denke nicht, daß ich so ein Risiko eingehen sollte.

    Selbstverständlich gehört auch dazu, daß ich darauf achte, anderen Verkehrsteilnehmern das Überholen zu ermöglichen. Es muß nicht unbedingt in einer schwer einsehbaren Kurve sein, aber z.B. vor roten Ampeln, wenn gerade ein oder zwei PKW folgen, kann man diese sicher vorbeilassen.

  • 18.04.2011 13:23, Michael Schneider

    Aus eigener Erfahrung kann ich angeben, dass selbst Geschwindigkeiten von 50 km/h durchaus erreicht werden, schneller als ein Mofa und mit dem Kopf in Verkehrsschildhöhe voran! Und das soll ohne Helm sicherer sein? Nach Studien, die möglichst alt sind und möglichst weit weg irgendwann einmal gemacht wurden? Naja...

    Gefährlich sind, auch nach meiner Erfahrung: Hundeausführer mit ungezogenem Raubtier an 20m-Laufleine, gerne auch auf den Nur-Rad-Weg einschl. deren Hinterlassenschaft, taube und beratungsresistente Mitbürger, die Klingelzeichen nicht wahrnehmen (wollen) und bei Radwegen auf Gehwegen zusätzlich noch der ungepflegte Zustand derselben, ergänzt durch Mülleimer, die natürlich den ganzen Tag mitten auf dem Weg stehen, Glasscherben vom letzten Outdoorgelage der Dorfjugend, und selbstverständlich auch hier Mitbürger, die rückwärtsgehend durch das Gartentor kommen, Beifahrer, die ohne Blick nach hinten die Autotür aufreissen, bin-gleich-wieder-weg-Parker, die ihre Karre stundenlang auf dem Radweg stehen haben und die neue Sorte Autofahrer, die beim Einbiegen nicht nach links, sondern nach rechts schauen aber langsam über den Radweg hinweg auf die Strasse rollen. Diese Sorte Mitbürger ist wohl auch blind, weil sie 40 lux helle Scheinwerfer nicht sehen können...

    Unter meinem Helm ist das Wichtigste, was ich besitze, nämlich ich selbst. Andere Schutzkleidung ist vernachlässigbar, ich denke schließlich nicht mit dem Knie oder dem Gesäß. Die Argumentation des ADFC ist hanebüchen, jeder noch so billige Helm ist besser als kein Schutz! Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, Radfahren sei eine alternative Fortbewegungsart und daher von jeglichen Vorschriften freizustellen.

    Normalradler & Helmträger, ca. 8000 km/Jahr

  • 23.04.2011 13:49, Bodo Eggert

    Ich soll einen Helm tragen, weil Sie trotz der offensichtlichen Unsicherheit auf Radwegen fahren? Wie wäre es, wenn zuerst die Verkehrsbehörden ihrer Pflicht nachkommen und die Radwege so gestalten, wie es Vorschrift ist, nämlich unter Anderem mit 75 cm Abstand zu Fußwegen, 2 m Regelbreite (bei Gegenverkehr entsprechend mehr), einem Untergrund, der mindestens so gut ist, wie die Fahrbahn, und 30 cm Abstand zu festen Hindernissen? Dann ist, genau wie auf der Fahrbahn, gar kein Helm notwendig. Und wahrscheinlich stellt sich dann heraus, daß auch kein Radweg "notwendig" ist, da man so nicht mehr auf Kosten der Radfahrer Platz für Autos schaffen kann.

  • 24.04.2011 11:36, Michael Schneider

    Solange die von Ihnen gewünschten Zustände Utopie bleiben, plädiere ich für eine Helmpflicht. Sie können natürlich weiterhin den Teil der Realität ausblenden, der Ihrem Weltbild nicht entspricht.