Gesetz zur Frauenquote: Ziel­größe: Null Frauen

von Dr. Anja Hall

25.02.2017

Das Gesetz zur "Frauenquote" war heftig umstritten – gebracht hat es bislang aber nicht viel. Eine Studie von Allen & Overy zeigt: Bei der Umsetzung reizen die meisten Unternehmen ihre Spielräume aus - und verändern nur wenig.

 

Das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst" umfasst nicht nur die viel diskutierte fixe Geschlechterquote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte. Auch auf Vorstandsebene und in den obersten Führungsebenen werden die Gesellschaften in die Pflicht genommen. Spätestens seit dem 30. September 2015 müssen alle vom Gesetz adressierten Gesellschaften sogenannte Zielgrößen für einen Frauenanteil im Vorstand sowie in der ersten und zweiten Führungsebene unterhalb des Vorstandes festlegen.

Allen & Overy hat für eine Studie zur Umsetzung dieser Vorgaben die Lageberichte der 80 im DAX und MDAX gelisteten Gesellschaften für das Geschäftsjahr 2015 analysiert und ausgewertet. Neben den Festlegungen zu Zielgrößen und Fristen zu deren Erreichung im Vorstand und Aufsichtsrat hat Studienautorin Dr. Katharina Stüber, Senior Associate bei Allen & Overy, besonderes Augenmerk auf die Angaben für die beiden Führungsebenen unterhalb des Vorstands gelegt.

Bei den Gesellschaften, die in ihren Lageberichten Angaben zur Zielgröße im Vorstand gemacht haben, ergibt sich ein düsteres Bild: Ein Drittel der DAX-Gesellschaften, die Angaben zur flexiblen Frauenquote im Vorstand gemacht haben, entschied sich für eine Zielgröße von null. Bei den MDAX-Gesellschaften waren es zwei Drittel. Das bedeutet: In diesen Gesellschaften sind derzeit keine Frauen im Vorstand - und bei der Festlegung der Zielgrößen war auch nicht vorgesehen, weibliche Vorstandsmitglieder zu berufen.

Nur 3,7 Prozent der DAX-Gesellschaften, die Angaben machten, wollen innerhalb der selbst festgelegten Frist 30 Prozent weibliche Vorstandsmitglieder einsetzen. Für diese Zielgröße haben sich auch 7,3 Prozent der MDAX-Unternehmen entschieden.

Der Status quo als Zielgröße

Einige Gesellschaften – sowohl aus DAX als auch aus MDAX – informieren in ihren Lageberichten auch über den Status quo des jeweiligen Frauenanteils. 76,2 Prozent der im DAX notierten Gesellschaften haben sich demnach für eine Zielgröße entschieden, die dem Status quo entspricht – es ist also nicht geplant, bis zum Ablauf der Frist mehr Frauen in den Vorstand zu berufen. Im MDAX haben sich sogar 90,3 Prozent der Unternehmen dazu entschieden, den derzeitigen Stand als Zielgröße festzuschreiben.

"Die ambitionierten Ziele, die sich die Politik gewünscht hat, sehen wir nicht", resümiert Stüber. "Das war aber auch nicht unbedingt zu erwarten", meint sie. Denn in vielen Fällen ist für den Vorstand mit dem bereits vorhandenen Status quo geplant worden. Ein Grund ist die gesetzlich vorgegebene kurze Frist: Sie durfte bei der ersten Festlegung längstens bis zum 30. Juni 2017 dauern. "Würde ein Aufsichtsrat beschließen, einem reinen Männer-Vorstand innerhalb dieser Frist beispielsweise eine Frauenquote von zehn Prozent zu verordnen, dann käme das einem Misstrauensvotum gleich – sofern er nicht zugleich beschließt, den Vorstand zu erweitern", fügt Stüber hinzu.

Mit Verweis auf die kurzen Fristen haben allerdings manche Gesellschaften in ihren Lageberichten erklärt, dass der Aufsichtsrat nach Ablauf der vorgesehenen Frist beabsichtige, eine neue Zielgröße festzulegen: Einige Unternehmen planen demnach mit "mindestens einem weiblichen Vorstandsmitglied", heißt es in der Studie.

Mehr Bewegung auf den Führungsebenen

Geht es um Positionen im Vorstand, wählen also sowohl DAX- als auch MDAX-Gesellschaften öfter die Zielgröße "null Frauen". Damit ist nicht zu erwarten, dass in nächster Zeit weitere weibliche Vorstände eingesetzt werden. Anders sieht es bei der Besetzung der ersten und zweiten Führungsebene unterhalb des Vorstandes aus: Hier ist die Bereitschaft der Unternehmen größer, ihren Frauenanteil zu erhöhen.

Die Zielgrößen schwanken zwischen 3,9 und 40 Prozent, liegen im Durchschnitt aber bei 15,7 Prozent Frauenanteil auf der ersten Führungsebene (DAX) und 15,2 Prozent (MDAX). Auf der zweiten Führungsebene streben die Unternehmen eine Frauenquote von 20,8 (DAX) bzw. 20,6 (MDAX) an.

"Das Gesetz lässt den Unternehmen bei der flexiblen Frauenquote viel Spielraum, den sie auch genutzt haben", sagt Stüber. "Beim Thema Frauen in Führungspositionen liegt noch eine Wegstrecke vor uns. Dabei sollten die Unternehmen eigentlich – Stichwort Fachkräftemangel – ein wirtschaftliches Interesse daran haben, den Anteil an gut qualifizierten Frauen zu erhöhen."

Zitiervorschlag

Anja Hall, Gesetz zur Frauenquote: Zielgröße: Null Frauen. In: Legal Tribune Online, 25.02.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22199/ (abgerufen am: 24.04.2017)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 25.02.2017 11:32, Tobias

    Meine Freundin macht momentan ihre Dissertation und ist nicht darauf angewiesen, dass der Staat ihr den Hof macht und sie regelrecht in eine Chefetage reinprügelt. Das schafft sie von ganz allein mit ihrer Intelligenz und Menschenkenntnis. Sie ist eher beschämt, dass man Frauen durch so ein Gesetz zu hilfsbedürftigen Minderheiten macht. Fazit: Frauen, die nicht auf den Kopf gefallen sind, finden ihren Weg im Leben, ohne dass sie zum Spielball der Politiker werden!

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 25.02.2017 11:43, Margot

      Das Problem ist eine Verquickung der Begriffe.

      Ihre Frau hat es, wie auch immer, geschafft, sich einen Status zu erarbeiten. Viele Wege führen zum Ziel. Schon die Idee, einen bestimmten Weg staatlich protegieren (das heißt indirekt auch immer: staatlich verordnen) zu müssen, ist unfreiheitlich und v. a. auch anti-emanzipatorisch. Früher hat der Macho-Ekel der Frau vorgeschrieben, wie ihr Werdegang auszusehen hat. Heute macht es "Vater Staat".

      Die Verquickung verschiedener Begriffe ist das Problem. Nämlich Gleichberechtigung, Gleichstellung und Frauenförderung. Das sind sehr verschiedene, grundverschiedene, Begriffe, wenn man diese mit der uns Juristen eigenen Präzision einmal präzise ausdefiniert.

      Was Ihre Frau mit Sicherheit auch begrüßen wird, ist das Ziel der Gleichberechtigung. Erst das konnte sie in die Lage versetzen, ohne Unterdrückung, aber aus eigenen Kräften, ihren Weg zu machen. Das wäre unter den Vorzeichen der Adenauer Ära vermutlich so noch gar nicht möglich gewesen, die frühen Feministinnen mussten ganz andere Umstände erdulden, deren Zorn kann man auch gut nachvollziehen.

      Heute hat die Gleichberechtigung aber große Fortschritte gemacht. Also wenden sich die inzwischen errichteten Strukturen und politischen Bewegungen der sog. Gleichstellung zu. Dabei geht es im Kern darum, dass alle (attraktiven) Posten in der Gesellschaft und aller Status paritätisch, Fifty/Fifty, zwischen beiden Geschlechtern gleich aufgeteilt sein sollen. Jede auch nur statistische Abweichung von diesem angenommenen 50/50 Optimum wird grundsätzlich problematisiert.

      Und dann gibt es noch die Frauenförderung, engl. Affirmative Action. Das ist die Frauenquote - mit Frauenförderung geht strukturell und unabwendbar auch immer im gleichen Maße die Männerbenachteiligung einher.

      Und alle diese sehr verschiedenen Begriffe, die ich hier nur kurz anreißen wollte, werden in unseren Debatten vermischt. Oft unterhalten sich drei Leute miteinander, habe ich den Eindruck, die alle denken, sie reden im Grunde von der selben Sache, aber jeder von ihnen vertritt einen dieser drei Begriffe und damit doch sehr unterschiedliche Dinge.

      Daher muss ich durchaus gelegentlich schmunzeln, wenn Männer ganz stolz und quasi auf Applaus und "das hast du fein gemacht!"-Lob warten, wenn sie bekennen, sie seien "Feministen" - damit ist zumindest heutzutage aber nun einmal die Frauenförderung verbunden. Die Männerbenachteiligung. Die eigenen Interessen so fallen zu lassen hat nicht nur ein fast schon masochistisches Geschmäckle, sondern ist im Grunde eine Unverschämtheit gegenüber jeder emanzipierten Frau. Denn die Frauenförderung unterstellt stets subtil, dass Frauen ohne diese spezielle Förderung - und ohne, dass man die Männer künstlich "einhegt" und "zurück hält" - nicht weit kommen würden. Das ist im Grunde eine richtige Frechheit! Daher kann ich sehr gut nachvollziehen, dass Ihre Frau da eher beschämt, als begeistert, reagiert.

    • 25.02.2017 12:20, Leon

      Margot schrieb:

      "...Erst das konnte sie (Frauen) in die Lage versetzen, ohne Unterdrückung, aber aus eigenen Kräften, ihren Weg zu machen. Das wäre unter den Vorzeichen der Adenauer Ära vermutlich so noch gar nicht möglich gewesen..."

      Wie erklären Sie sich bei diesem Weltbild eigentlich die erfolgreichen Frauen der Adenauer-Zeit, beispielhaft seien hier nur Heidi Hetzer und Beate Uhse genannt, die es IN DER Adenauerzeit einfach ganz genauso gemacht haben wie viele Männer in jener Zeit und damit, oh Wunder, genauso erfolgreich waren wie diese Männer?

      Wie bringen Sie Ihr Weltbild mit dieser Realität zur Deckung?

      P.S. Es sind bei weitem nicht nur diese Zwei.

  • 25.02.2017 12:10, Leon

    Ist es denn wirklich so schwer zu verstehen?

    Für die Fach- und Führungsebene ist es völlig unerheblich, ob eine Fachkraft nun groß oder klein, Mann oder Frau, schwarz oder weiß ist.

    Geschlecht, Körpergröße, Farbe oder Herkunft spielen schlicht keine Rolle, wenn deutlich überdurchschnittliche Fachkenntnisse in Mathematik, Controling, Informatik oder Business-Strategien gefragt sind.

    Genauso wenig spielen Geschlecht, Körpergröße, Farbe oder Herkunft eine Rolle, wo überdurchschnittlich viel Einsatzbereitschaft, Motivation oder (technische) Kreativität gefragt sind.

    Wenn für den Fach- und Führungskräftebereich Experten gesucht werden, spielt das Geschlecht schlicht keine Rolle. Wenn in bestimmten Bereichen Frauen unterdurchschnittlich präsent sind, liegt das daran, dass sich zu wenig Frauen mit den speziellen Kenntnissen und Fähigkeiten und Motivationen bewerben.

    Deutlich wird das beim Blick auf die Statistiken z. B. zur Firmengründung oder zu Patentanmeldungen von Einzelpersonen. Hier überwiegen eindeutig die Männer.

    Um ein Unternehmen gegen alle Widrigkeiten zu gründen, um ein Unternehmen groß zu machen, um eine Erfindung zur Patentreife zu entwickeln braucht es bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten.

    Schaut man sich an, welche Fähigkeiten und Kenntnisse herausgehobene Fach- und Führungskräfte brauchen, dann sind es, oh Wunder, so ziemlich die selben.

    Das Anforderungsprofil stimmt in weiten Teilen überein.

    Wer ernsthaft mehr Frauen in Fach- und Führungspositionen haben will, muss zunächst mal dafür sorgen, dass genauso viel Frauen wie Männer mit den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten und, last not least, mit der entsprechenden Motivation, der Bereitschaft, sich entsprechend deutlich überdurchschnittlich zu engagieren, auch tatsächlich vorhanden sind.

    DA steckt zur Zeit das Problem.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 26.02.2017 08:04, Paddington

      Mit Verlaub aber was Sie da schreiben ist albern: Es mangelt den Frauen i.d.R. nicht an Kenntnissen und Fähigkeiten, genauso wenig wie an entsprechender Motivation. Das Problem ist eher, und das zeichnete die Frauen in der angesprochenen Adenauer Ära aus, an Risikobereitschaft. Etwas was eher mit Männer verbunden wird und in einem Zeitalter von Vollkaskoversicherung, Versorgungslücken und U3-Betreuung sehr aus der Mode gekommen zu sein scheint. Statt dessen wird von Frauen sehr häufig der bequeme Weg gewählt, damit Beruf und Familienplanung "unter einen Hut" gebracht werden können. Im Ergebnis stehen dann Fachkräfte zur Verfügung, da helfen dann auch keine "Auslandsemester" und noch so gute Abschlussnoten weiter, denen "der nötige Biss" für eine solche Führungsposition fehlt. Insofern bedarf es keiner Quote.

    • 27.02.2017 11:39, Haha

      @ Paddington:

      Achtung, genauer lesen: Leon schrieb NICHT, dass es Frauen an Kenntnissen und Fähigkeiten mangelte, sondern dass es in bestimmten (!) Bereichen zu wenig (!) Frauen mit bestimmten Kenntnissen und Fähigkeiten gäbe. Jeder Blick bspw. auf die Absolventen von MINT-Studiengängen bestätigt das. Ansonsten volle Zustimmung zu dem, was Sie schreiben.

    • 23.03.2017 13:13, Ingrid

      Bank: Ein Mann und eine Frau auf dem gleichen Level bewerben sich intern für ein Jahr London. Die Frau kann englisch, der Mann nicht. Wer wird geschickt? Natürlich der Mann, weil er "qualifizierter" ist. Anschließend hat er Auslandserfahrung und kann befördert werden. Solange Frauen von Anfang an beruflich benachteiligt werden, gibt es noch nicht genug Gesetze, um diese Missstände zu beheben. Warum gibt es nicht genügend Frauen mit den angeblich erforderlichen Zusatzqualifikationen? Weil sie ihnen systematisch vorenthalten werden. Viele Frauen werden dann auch noch als bequem, risikoscheu und .. siehe oben, diffamiert. Es ist kein Vergnügen, für die gleiche Arbeit oft 20 bis 30 % weniger Geld zu bekommen und auf den unteren Stufen festzusitzen, während ein Mann mit identischer Ausgangsposition "Kariere" macht.
      Nur wenn über die Aufsichtsräte die Vorstände zu mindestens 30 % weiblich werden mit gleicher Vergütung, sind wir auf dem richtigen Weg für die Frauenförderung von oben nach unten.

  • 25.02.2017 12:50, Holger

    Margot, Sie haben das sehr gut erläutert.
    Gerade im Alltag kommt es allein wegen der falschen Unterscheidung der Wörtern oft zu Missverständnissen.
    Ich frage mich, was sich bei der Quote gedacht worden ist. Eine Gleichheit, die auf Lasten der Gleichberechtigung entstehen soll, wird nach meiner Ansicht natürlich mit Widerstand begegnet.

    Auf diesen Kommentar antworten
Neuer Kommentar