Frauen in Führungsetagen: Die Quote ist nicht für Latte-Macchiato-Mütter

Die Deutsche Telekom AG beruft zwei Frauen in den Vorstand, während bei SAP die einzige Vorständin  schon wieder weg ist. Insgesamt ändert sich wenig in den Unternehmen, die abwarten, ob sie um die Quote herum kommen. Dabei fördert sie Leistungswillige – am Ende die einzige Möglichkeit, meint Jan Tibor Lelley. Ein Plädoyer gegen die Lebenslüge von der Work-Life-Balance.

 

Spricht man über Frauen in Führungspositionen von Unternehmen, war und ist Deutschland ein Entwicklungsland. Und daran änderte auch die im Jahr 2001 in der Wirtschaft geschlossene "freiwillige Vereinbarung" zur Frauenförderung nichts: Nach einem Bericht des Spiegels hat sich der weibliche Anteil in Führungsgremien bis heute nur marginal erhöht.

Eine jetzt bekannt gewordene Studie des Informationsdienstleisters Hoppenstedt unter dem Titel "Frauen in Führungspositionen", die die 300.000 größten deutschen Unternehmen erfasste, hält dazu fest:

Fünf  Frauen gab es bis Juli 2011 in den Vorständen der DAX-30 Konzerne, bei Daimler, E.ON, SAP und bei Siemens. Nach den aktuellen Plänen der Telekom wird zwar ab 2012 auch der Bonner Konzern zu diesem magic circle gehören. Doch mit dem jetzt erfolgten Rückzug von Angelika Dammann bei SAP sind es erst einmal wieder nur noch vier  Vorständinnen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sagte daher unlängst in einem Interview, der Fortschritt bei der Frauenquote in der Wirtschaft sei nur mit der Lupe erkennbar. Zwar hat sich den letzten Jahren der Frauenanteil im mittleren und oberen Management von acht Prozent auf 20 Prozent erhöht. Im Top-Management aber stieg er nur von drei auf sechs Prozent. Im Notfall müsse daher eine staatlich verordnete Quote helfen. Auch wenn die Bundeskanzlerin Anfang Januar noch abgewunken hat.

Warum freiwillig tun, wozu man auch gezwungen werden kann?

Das Arbeitskräftepotential in Deutschland schrumpft allein im Jahr 2011 um 120.000 Menschen. Und dieser Prozess wird sich noch beschleunigen. Die deutschen Unternehmen müssen sich also bewegen, wollen sie nicht in kürzester Zeit am Fachkräftemangel ersticken.

Doch schon jetzt können wir sehen, dass die deutsche Wirtschaft auch ihre letzte Chance bis 2013 nicht nutzen wird. Oder, um’s mit Golo Mann zu fragen: warum freiwillig tun, wozu man auch gezwungen werden kann?

Frauen kommen in den Führungsetagen, vor allem den Aufsichtsräten, noch immer vor allem aus der Arbeitnehmerschaft. Nicht nur das ist "ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft" (Hans-Olaf Henkel). Dieser Zustand ist vielmehr auch ein Attest offenkundiger Zukunftsunfähigkeit. Eine Nation, die 50 Prozent ihres hochschulgebildeten Humankapitals zur Kinderbetreuung nach Hause schickt, tritt zum globalen Wettbewerb besser gar nicht mehr an. Es ist ein erster Schritt, dass spätestens 2013 die Flexiquote in Kraft treten soll, wenn sich bis dahin der durchschnittliche Anteil von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten nicht verdreifacht hat.

Vergiftete Ratschläge

Doch geht es in dieser Diskussion tatsächlich nur um einen klar erkannten Frauenmangel in den Chefsesseln? Man hat so seine Zweifel. Viel zu oft wird beim Stichwort Frauenförderung nahezu automatisch auch die Forderung gestellt, doch endlich Büro und Kinder unter einen Hut bringen zu können.

Bei der Frauenquote aber geht es nicht darum, gut ausgebildeten weiblichen und männlichen Führungskräften mehr Familienzeit zu gönnen. Ziel ist es, den Frauenanteil in Führungspositionen massiv zu erhöhen. Und damit den Leistungsbereiten und Erfolgswilligen mehr Raum zu verschaffen.

Damit geht es konkret um die Bekämpfung des immer drängender werdenden Fachkräftemangels. Hier gibt es laut einer Studie des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) aus November 2010 ein Potential von 1,56 Millionen Vollzeitstellen. Diese könnten Unternehmen mit mittel (durch Berufsausbildung) oder höher (durch Studium) qualifizierten Frauen besetzen. Diese Frauen sitzen augenblicklich noch mit dem Wunsch zu Hause, wieder oder wieder verstärkt einem Beruf nachgehen zu dürfen. Weil diese Frauen jetzt vor allem als Mütter berufstätig sind.

Die selbe Studie empfiehlt dann aber ernsthaft als Erfolg versprechende Maßnahmen, überlange Arbeitszeiten - gemeint sind mehr als 35 Stunden in der Woche - und die "Präsenzkultur" in den Büros abzuschaffen. Der Weg zum Erfolg soll also sein, möglichst weniger zu arbeiten, ohne dass man negativ auffällt. Bessere Ratschläge gibt es fast nicht. Jedenfalls nicht, wenn man mehr erfolgreiche Frauen in Führungspositionen verhindern will. Denn niemand wird doch ernsthaft behaupten, beruflicher Erfolg sei nicht vor allem die Frucht von harter, zeitintensiver Arbeit.

Auf dem Holzweg: Die Quote für Vollkaskomentalität

Die Diskussion über die Frauenquote ist aktuell in der entscheidenden Phase. Und nach einer Seite tut sich ein Holzweg auf: Ein gerechtes und zwingendes Anliegen wie die Frauenquote, also ein Förderinstrument für Leistungswillige, wird von den Claqueuren der Vollkaskomentalität gekapert. Das sind jene, die auch immer schon mal nach oben wollten, nur nicht mit allzu viel Arbeit.

Es ist  der durchsichtige Versuch, Selbstverwirklichung auf Kosten anderer zu betreiben. Zu Recht ist hier von "Latte-Macchiato-Müttern" (Bascha Mika) die Rede – obwohl diese Attitüde natürlich bei vielen Männern genauso anzutreffen ist. Denn: Die Arbeit muss getan werden. Und sie wird getan - von Frauen wie Männern. Nämlich von den Frauen und Männern, die bereit sind, sich mit dem Hauptteil ihrer Lebenszeit für den beruflichen Erfolg einzusetzen. Die so ihren Kindern eine erstklassige Ausbildung ermöglichen oder ihre Familie ernähren. Oder die einfach nur die Arbeitsplätze der Kollegen sichern, die um Punkt 17 Uhr den Bleistift fallen lassen.

Für die anderen haben Ministerialbürokraten Tarnphrasen erfunden, zum Beispiel die "vollzeitnahe Teilzeit". Was sich erst interessant anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Euphemismus für eine Dreitagewoche, auch Di-Mi-Do oder extralanges Wochenende genannt.

Erfolg kennt kein Geschlecht

Und dann kann man sie fast schon hören, die Frauen-Verhinderer und Quoten-Hasser: Wie es denn komme, dass gerade im öffentlichen Dienst der Frauenanteil in Führungspositionen und auch sonst besonders hoch sei? Gerade dort, wo ja gern und wortreich vom Leistungsprinzip gesprochen werde, tatsächlich aber vor allem die Steuergelder ausgegeben würden, die die anderen (Frauen und Männer) in den Kinderzimmern und Vorstandsbüros verdienen.

Oder warum erfolgreiche junge Frauen aus der Verbeamtung (Richteramt ist da das Gleiche) auf Lebenszeit fliehen? Und als Partnerinnen in die viel zu oft als frauenfeindlich gescholtenen Wirtschaftskanzleien wechseln. Zur Stundenwoche 60plus und garantiert ohne Gleichstellungsbeauftragte. Und ob hinter dem Wunsch "keine Konferenzen nach 17 Uhr" tatsächlich nicht die Kindergartenöffnungszeit, sondern vielmehr der Lebensentwurf stecke, weniger zu arbeiten, aber zum Ausgleich mehr zu verdienen?

Beruflicher Erfolg ist aber nicht männlich oder weiblich. Er ist fast immer die Frucht harter Arbeit, von überdurchschnittlichem Zeiteinsatz, vom Ignorieren dessen, was man sonst die Work-Life-Balance nennt. Ein Begriff von selbstentlarvender Inhaltsleere, der unterstellt, Arbeit gehöre nicht zum Leben. Fleiß, Führungsstärke, Entschlossenheit sind keine männlichen oder weiblichen Eigenschaften. Sie sind die Kennzeichen des Gelingens.

Die Quote wird Deutschland daher gut tun. Sie wird jungen, gut ausgebildeten und ehrgeizigen Frauen den nötigen Raum verschaffen, um an die Spitze zu kommen. Und sehr wahrscheinlich wird sie auch zeigen, dass die erfolgreichen Frauen in den Chefetagen und Vorstandsbüros, die Ursulas, Miriams und Angelas dieser Welt, hart und viel arbeiten. Und dass sich harte und zeitintensive Arbeit mehr schlecht als recht mit Familie verträgt. Dann wäre Deutschland um eine Lebenslüge ärmer. Nicht schade drum.

Der Autor Dr. Jan Tibor Lelley, LL.M. ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner bei Buse Heberer Fromm.

 

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Zitiervorschlag

Jan Tibor Lelley, Frauen in Führungsetagen: Die Quote ist nicht für Latte-Macchiato-Mütter. In: Legal Tribune Online, 19.07.2011, http://www.lto.de/persistent/a_id/3793/ (abgerufen am: 24.04.2017)

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