Reiseführer für Juristen

Was der Londoner Nebel sonst verborgen hält

von Constantin KörnerVistenkarte

04.01.2012

Reiseführer für Juristen

Die pulsierende Weltmetropole an der Themse gilt heute vor allem als Shoppingparadies und Kulturhochburg. Mit seiner langen Geschichte als Sitz der drei Staatsgewalten bietet sie auch reichlich Anschauungsmaterial für den rechtsgeschichtlich interessierten Reisenden. Den  richtigen Weg weisen, will ihm der London-Führer "Tod, Themse und Tower". Constantin Körner hat darin geblättert.

London, das ist eine lange Geschichte aus Schönem und Schrecklichem, Heiterem und Tragischem. Im Mittelalter ging es bunt, laut und schmutzig zu. Bereits um 1700 mauserte es sich zur größten Metropole Europas. Weite Teile der Bevölkerung lebten in bitterer Armut. Kriminalität gehörte zum Alltag. Wer in den ärmeren Gegenden Londons unterwegs war, so wird überliefert, musste sich bewaffnen, als würde er in den Krieg ziehen. Straftaten wurden gnadenlos geahndet: Mörder grundsätzlich gehenkt. Diebe, Falschspieler und Betrüger ins Gefängnis geworfen oder an den Pranger gestellt. Nach der Exekution kochte man die Häupter und stellte sie zur Abschreckung an der London Bridge, aufgespießt auf Pfählen, zur Schau.

In dieses historische Szenario taucht der Leser des "London-Führers für Juristen" ein. Autorin Barbara Sternthal  führt ihn in einzelnen Kapiteln zu den Stätten, an denen  "Könige, Lords und Commons"  Gesetze schufen, "Richter, Barristers und Solicitors" wirkten und  "Galgenvögel, Missetäter und Halunken" ihr Unwesen trieben.

Wo der Henker seine Arbeit tat

Erste Pflichtstation: die Houses of Parliament. Während der Parlamentsferien im Sommer und an Samstagen werden Führungen, auch auf deutsch, angeboten. Dabei verleihen die antiquierten Sessel aus zerschlissenem, grünem Leder, auf denen die Abgeordneten noch immer Platz nehmen, dem Plenarsaal eine ganz besondere Aura.

Halt macht Sternthal natürlich auch bei Old Bailey, der als heute vielleicht berühmtester Strafgerichtshof der Welt gilt. Als Symbol für eine Einheit aus irdischem Recht und göttlicher Gerechtigkeit für alle, unabhängig von Standeszugehörigkeit oder Vermögen, wurde dessen Kuppel gestaltet. Als würde sie über dem Bau schweben, leuchtet in Gold die Figur der Justitia, hier mal ohne Augenbinde. "Defend the Children of the Poor & Punish the Wrongdoer" ist über dem Haupttor zu lesen. Touristen dürfen Verhandlungen besuchen, aber Taschen und Mobiltelefone müssen draußen bleiben. Diese gibt man am besten bei "The Viaduct Tavern", dem Pub gegenüber, zur Verwahrung ab. Auch empfiehlt Sternthal, die Gerichtsbediensteten um eine Kellerführung zu bitten. Dort sind noch Zellen des alten Newgate-Gefängnisses zu sehen.

Juristisch zunächst unverdächtig scheint der Marble Arch. Doch dort, wo Touristen heute den mamornen Bogen passieren, befand sich über 600 Jahre der öffentliche Galgenplatz Londons. Heute erinnert nur noch eine unscheinbare Tafel im Boden gegenüber Marble Arch daran.

Wo der Barrister seine Perücken kauft

Einige Seiten widmet der Reiseführer der Geschichte des "Legal Dress" in britischen Gerichten. Die Allonge-Perücken, nach einem Patent aus dem Jahr 1822 aus Pferdehaar in Handarbeit hergestellt, gehen auf den französischen König Louis XIV. zurück. Dieser sei zu eitel gewesen, um sein schütteres Haar öffentlich zur Schau zu stellen. Weil die Pariser Mode damals auch in England der letzte Schrei war, landeten die Haarteile bald auch auf den Köpfen britischer Juristen.Eine beliebte Anlaufstelle für Barrister und Richter ist der alteingesessene Perückenhändler "Ede & Ravenscroft" in der Chancery Lane.

Als Geheimtipp nennt der Reiseführer das Courthouse Doubletree Hilton, nur ein paar Meter abseits der Regent Street. Einst wurden Zivilrechtsfälle etwa gegen Mick Jagger im Great Marlborough Street Magistrate´s Court verhandelt. Heute wird das Gebäude als Hotel genutzt. In der Lobby und der Bar wurden viele Einrichtungsdetails des ehemaligen Gerichts erhalten.

Spätestens seit den Romanen über den Kriminalisten Sherlock Holmes ist "Scotland Yard" wohl jedem ein Begriff. Diese Bezeichnung für die  Metropolitan Police, schildert Sternthal, geht auf die einstige Adresse des Hauptquartiers in der Straße "Great Scotland Yard" zurück. Heute, nach zwei Umzügen, steht die Behörde nicht weit entfernt am Broadway, einer Seitenstraße der Victoria Street.

Im Jahre 1829 wurde das Polizeiwesen dem Innenministerium unterstellt und so erstmals als Behörde organisiert. Die tausendköpfige Polizeitruppe, die Verbrechen sowohl verhindern als auch aufklären sollte, taufte man nach ihrem Gründer Sir Robert "Bobby" Peel "Bobbies" - heutzutage wegen ihrer markanten Helme beliebter Hingucker für Touristen.

Mit diesen und weiteren Anekdoten gelingt es Sternthal , zahlreiche Fakten über die Geschichte Londons zu vermitteln, ohne dabei den Leser zu ermüden. Ansprechend gestaltet, lockern zahlreiche Fotos oder etwa historische Zeichnungen den Fließtext auf. Wichtige Personen oder Sehenswürdigkeiten werden jeweils in einem Info-Kasten kompakt erläutert. Zwar verfügt der Anhang über ein Personenregister. Wünschenswert wäre hier aber noch ein Stichwortregister, um etwa die Passage im Buch über eine bestimmte Sehenswürdigkeit schneller finden zu können. "Tod, Themse und Tower" macht jedenfalls Lust, sich beim nächsten London-Besuch auf eine rechtshistorische Entdeckungstour zu begeben.

 

Mehr auf LTO.de:

Buchrezension "Halt, stehenbleiben! Polizei!": Echtes Leben zwischen Pumpguns, Sprengstoff und Rappern

Erinnerungen eines Anklage-Gesellen: Die Gürteltierpfleger vom Kriminalgericht Berlin-Moabit

Max Uthoff: Kabarettbühne statt Anwaltskanzlei

DruckenSendenZitierenKommentieren

Zitiervorschlag

Constantin Körner, Reiseführer für Juristen: Was der Londoner Nebel sonst verborgen hält . In: Legal Tribune ONLINE, 04.01.2012, http://www.lto.de/persistant/a_id/5230/ (abgerufen am 24.05.2012)

Infos zum Zitiervorschlag

Rechtsgebiete




    Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Wolters Kluwer Deutschland

    Kommentare

    Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel

    Kommentieren
    24

    Veranstaltungen und Seminare

    25.05.2012, MainzMainz Media Forum

    11.06.2012 - 13.06.2012, BerlinSummer Academy State Aid

    12.06.2012 - 13.06.2012, BrüsselEnforcement of EU-Animal Welfare Legislation

    14.06.2012 - 16.06.2012, MünchenDeutscher Anwaltstag 2012

    18.06.2012, Mainz12. Mainzer Mediengespräch

    LTO-Quiz

    © Rido - Fotolia.com

    Was die Abkürzung AVB bedeutet, wissen Sie vielleicht noch, auch wenn Sie seit dem Examen das Versicherungsrecht eher ad acta gelegt haben. Aber was ist mit dem Begriff der Moral Hazards? Und wo ist das internationale Versicherungsrecht noch gleich geregelt? Testen Sie hier, ob Sie Ihr Staatsexamen heute noch bestehen würden!

    Die LTO App - jetzt im iTunes Store

    Ihre Meinung

    Hells Angels und Co. im Visier der Länder

    Sollten Rockerclubs mit kriminellen Mitgliedern generell verboten werden?

    Foto: Roberto Pfeil/dapd
    Ja.

    Ein Vereinsverbot wäre dann angemessen.

    Nein.

    Andere Vereine mit kriminellen Mitgliedern werden auch nicht verboten.

    Egal.

    Dazu habe ich keine Meinung.

    Zum Ergebnis

    Artikel der Woche

    Auch vor dem Kadi vorläufig gesiegt
    DFB-Sportgericht bestätigt Fortuna-Aufstieg
    Von: Ass. iur. Johannes Arnhold

    Fortuna Düsseldorf steigt in die Bundesliga auf, Hertha BSC Berlin muss den Gang in Liga 2 antreten. Was auf dem Fußballplatz bereits vergangenen Dienstag entschieden wurde, hat am Montag  auch das DFB-Sportgericht in Frankfurt bestätigt. Obwohl Hertha in Berufung gehen will, wohl eher eine endgültige Entscheidung – auch wenn sie einen Aspekt nicht berücksichtigt, kommentiert Johannes Arnhold.

    mehr

    Rechtsgebiete:

    LTO-Newsletter

    Das Wichtigste im Recht - einmal pro Woche kostenlos mit dem LTO-Redaltionsnewsletter

    Ihre E-Mail-Adresse: