OLG Hamm zu Sperma vom falschen Spender: Mutter von Halb­ge­schwis­tern erhält Sch­mer­zens­geld

04.04.2018

Eine Frau, die zwei künstliche Befruchtungen hat durchführen lassen, hat vom OLG Hamm ein Schmerzensgeld von 7.500 Euro zugesprochen bekommen. Sie wollte bei beiden Befruchtungen den selben Vater, die Kinder waren aber nur Halbgeschwister.

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat einer Frau, die nach einer ärztlicherseits pflichtwidrig durchgeführten künstlichen Befruchtung körperlich-psychische Belastungen davongetragen hat, ein Schmerzensgeld von 7.500 Euro zugesprochen (Urt. v. 19.02.2018, Az. 111 O 83/14). Die Frau hatte zwei künstliche Befruchtungen durchführen lassen und wollte, dass die Kinder den selben Spender abstammen. Später fiel jedoch auf, dass die Kinder keine Vollgeschwister waren.

Die in gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft lebende Klägerin schloss im Jahre 2006 mit den beklagten Ärzten einen Behandlungsvertrag für eine künstliche Befruchtung. Nach der Befruchtung mit Samen eines ihr unbekannten Spenders gebar sie im Januar 2007 ein Mädchen, das ihre Lebenspartnerin im Jahre 2008 als gemeinschaftliches Kind annahm.

Ende des Jahres 2007 wandte sich die Mutter für eine zweite künstliche Befruchtung wieder an die Praxis. Die Kinder sollten Vollgeschwister werden, das zweite Kind sollte also von demselben Vater abstammen wie die zuvor geborene Tochter. Im Januar 2009 wurde dann ein Junge geboren, der aber eine andere Blutgruppe als das Mädchen hatte. Später erfuhrt die Frau, dass die Kinder nicht von demselben Spender gezeugt worden waren.

Depression und Schuldgefühle

Die Nachricht, dass ihre Kinder keine Vollgeschwister sind, habe bei ihr eine körperlich-psychische Belastungssituation mit Erschöpfungszuständen, depressiven Episoden und Schuldgefühlen gegenüber beiden Kindern ausgelöst und eine psychotherapeutische Behandlung notwendig gemacht, so die Frau vor Gericht. Die beklagten Ärzte hielten das nicht für glaubwürdig und verwiesen auf andere mögliche Ursachen für die behaupteten gesundheitlichen Folgen, insbesondere auf die in der Zwischenzeit erfolgte Trennung von ihrer Lebensgefährtin.

Bereits das Landgericht stellte die gesundheitlichen Folgen nach Vernehmung der behandelnden Psychotherapeutin und Auswertung der Krankenunterlagen fest und sprach ihr ein Schmerzensgeld zu. Die gesundheitlichen Probleme seien auch auf die vertragliche Pflichtverletzung der Ärzte zurückzuführen. Dies rechtfertige ein Schmerzensgeld von 7.500 Euro.

Das OLG Hamm bestätigte die Verurteilung zur Zahlung des Schmerzensgeldes. Es könne dabei offenbleiben, ob der haftungsbegründende Schaden der Mutter bereits in der zweiten Insemination liege, die pflichtwidrig mit dem falschen Sperma durchgeführt worden und nicht von ihrer Einwilligung gedeckt gewesen sei. Jedenfalls hafteten die beklagten Ärzte für die körperlich-psychischen Auswirkungen der Pflichtverletzung, die die Mutter selbst getroffen hätten.

Dabei sei die Situation der Mutter - entgegen der Auffassung der Ärzte - nicht mit einem Schockschaden vergleichbar, der etwaige Beeinträchtigungen aus dem Miterleben der Schädigung eines Anderen erfasse. Vielmehr sei die Frau selbst gesundheitlich betroffen, die zu ihrer Behandlung notwendige psychotherapeutische Langzeittherapie sei durch die Pflichtverletzung mitverursacht worden. 

acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

OLG Hamm zu Sperma vom falschen Spender: Mutter von Halbgeschwistern erhält Schmerzensgeld . In: Legal Tribune Online, 04.04.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27869/ (abgerufen am: 21.09.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 04.04.2018 15:37, Dark Master

    wie wäre es mit einer natürlichen Befruchtung, so wie die Mutter Natur es auch vorgesehen hat? Abartiger ..........

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 04.04.2018 16:01, M.D.

      Das ist kein Argument, denn es kann auch medizinische Gründe für eine künstliche Befruchtung geben. Bedenklich ist vielmehr der Vorgang, dass man sich den genetischen Vater im Katalog aussuchen kann und bei einer Verwechslung "Schmerzensgeld" zugesprochen bekommt, weil ein Umtausch ausgeschlossen ist. Was soll das Kind mal später dazu sagen, oder darf man es diesbezüglich anlügen und sich dann auf "Datenschutz" berufen?

    • 04.04.2018 16:06, M.D.

      Man kann es auch etwas anders formulieren: Früher hieß das Problem "Kind als Schaden", aber das war wohl nicht politisch korrekt genug. Beim "Kind als Schmerzen" ist Ergebnis identisch (Geld), aber die Begründung wirkt schöner.

    • 04.04.2018 17:12, Das ist ja mal ein pfiffiger Einwand!

      Sie verzichten also auch auf Flugreisen, weil schließlich Mutter Natur uns keine Flügel gegeben hat?

    • 04.04.2018 17:46, Bobby B

      Ich verstehe ihre Argument nicht so ganz.
      Ich kann mir in meinem Leben nichts vorstellen was durch "Natürlichkeit" verbessert werden würde. Bei Smartphones, medizinischen Eingriffen, medizin, Brillen, den Brüsten meiner Frau und bei der Verbesserung meiner Lebensqualität kann ich getrost auf "Natürlichkeit" verzichten.
      Nur weil sie es "abartig" finden heißt es nicht, dass andere nicht einen großen Nutzen daraus ziehen können.

    • 05.04.2018 08:49, Kinderbuchverlag

      "wie wäre es mit einer natürlichen Befruchtung, so wie die Mutter Natur es auch vorgesehen hat?"

      Können Sie nicht lesen oder haben Sie in Biologie nicht aufgepasst? Im Artikel steht, >>>gleichgeschlechtliche Partnerschaft<<<. Wie soll da eine "natürliche Befruchtung" vollzogen werden?

  • 04.04.2018 16:07, Justsaying

    So unnötig, die Justiz hiermit zu obstruieren.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 04.04.2018 17:02, Und warum genau?

      Sie hätten also freiwillig ein Schmerzensgeld in der genannten Höhe gezahlt, wenn Sie die behandelnden Ärzte gewesen wären?

    • 04.04.2018 17:29, Justsaying

      So meinte ich es nicht. Ich finde es nur lächerlich, dass überhaupt auf Schadensersatz in einem solchen Fall geklagt wird. Es ist wohl kaum relevant, von wem das Sperma stammt. Wie kann das jemanden so belasten?

    • 05.04.2018 08:35, Das ist ja mal ein pfiffiger Einwand!

      Jetzt sehe ich Ihren Punkt: "Es ist wohl kaum relevant, von wem das Sperma stammt." Sind Sie sicher, dass die meisen Menschen bei ihrer Familienplanung genauso denken?

  • 04.04.2018 17:14, Jurist

    Das in dem Artikel genannte Aktenzeichen ist falsch. Beim OLG Hamm gibt es keine Aktenzeichen mit dem Buchstaben O.

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 04.04.2018 17:40, le D

      Ja, in der Tat - das ist das AZ des LG Münster. Hamm ist 3 U 66/16.

  • 07.04.2018 14:38, RA

    Die Entscheidung ist völlig richtig..kenne das Urteil nicht,aber als Anspruchsgrundlage kommt ganz nüchtern 280 BGB mit einer Nebenpflichtverletzung aus 241 II BGB in Betracht. Die Besonderheit in diesen Fall besteht sicherlich darin, dass tatsächlich eine Schadensposition nachzuweisen war: Die Mutter war durch das Vertauschen eben erkrankt. Dass dies einige hier nicht verstehen wollen oder können, ist unerheblich. Ich gehe weiter und denke, dass es auch nur jemand in der Situation der Mutter verstehen kann. Das sollte man einfach mal respektieren!

    Auf diesen Kommentar antworten
Neuer Kommentar
TopJOBS
Rechts­an­walt (m/w) Li­ti­ga­ti­on / Se­nior Ma­na­ger

Sonntag & Partner, Augs­burg

Rechts­an­walt (m/w) für den Be­reich Cor­po­ra­te

Norton Rose Fulbright LLP, Ham­burg

Rechts­an­walt (m/w) Li­ti­ga­ti­on

Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Brüs­sel und 10 wei­te­re

Rechts­an­wäl­te (m/w/d)

VBB Rechtsanwälte, Es­sen

Know how & Sup­port Ma­na­ger (m/w)

Norton Rose Fulbright LLP, Mün­chen

Rechts­an­wäl­te (w/m/d) für den Be­reich di­gi­ta­le Wirt­schaft (mit oder oh­ne Be­ruf­s­er­fah­rung)

DWF Germany Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Ber­lin

er­fah­re­ne Rechts­an­wäl­te (m/w/d) für Da­ten­schutz und IT

Aderhold Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Mün­chen und 1 wei­te­re

Rechts­an­wäl­tin­nen und Rechts­an­wäl­te als Be­ruf­s­an­fän­ger oder mit re­le­van­ter Be­ruf­s­er­fah­rung

SKW Schwarz, Mün­chen

Voll­ju­ris­ten (m/w) Li­ti­ga­ti­on

PERCONEX, Düs­sel­dorf und 2 wei­te­re

Neueste Stellenangebote
Re­fe­rent (m/w) in der Ab­tei­lung Li­zen­zen und Rech­te­ma­na­ge­ment
Voll­ju­rist (m/w)
Voll­ju­rist (m/w) Qua­li­ty & Risk­ma­na­ge­ment Zen­tra­le Rechts­ab­tei­lung
Rechts­an­walts­fach­an­ge­s­tell­te(n)
Voll­ju­rist (w/m) Be­ra­tung Ver­trieb und Ein­kauf
Le­gal Coun­sel/Syn­di­kus­rechts­an­walt (m/w)
Ar­beits­recht und Zi­vil­recht ei­nen Rechts­an­walt / ei­ne Rechts­an­wäl­tin