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AG München zu gescheitertem Schienensuizid: Schmerzensgeld für traumatisierte Lokführerin

27.04.2015

Weil eine 23-Jährige sich das Leben nehmen wollte, indem sie vor eine S-Bahn sprang, leidet die Zugführerin seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dafür muss die unter Betreuung stehende Bayerin, deren Selbstmordversuch scheiterte, nun Schmerzensgeld zahlen, entschied das AG München am Freitag. 

Das Amtsgericht (AG) München hat am Freitag eine Frau zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt, die mit einem gescheiterten Suizidversuch durch einen Sprung vor eine S-Bahn psychische Schäden bei der Zugführerin verursacht hat (Urt. v. 24.04.15, Az. 122 C 4607/14).

Die 23-jährige beklagte Münchnerin hatte sich mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen, vor eine S-Bahn geworfen, überlebte den Unfall jedoch. Die Klägerin war zum Unfallzeitpunkt die Triebwagenführerin. Sie erlitt einen erheblichen psychischen Schock und leidet seitdem an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Von der Suizidentin verlangte sie nun Schmerzensgeld. Die Münchnerin, die unter Betreuung steht, zahlte nicht. Sie trägt vor, dass sie zum Zeitpunkt des Unfalls nicht in der Lage war, frei eine Willensentscheidung zu treffen, da sie an einer krankhaften Störung der Geistestätigkeit gelitten habe.
Die zuständige Richterin am AG München gab dennoch der Zugführerin Recht und verurteilte die 23-Jährige zur Zahlung von 1.500 Euro Schmerzensgeld.

Schuldunfähigkeit nicht für den Tatzeitpunkt nachgewiesen

Das Gericht stellte fest, dass sie durch ihren Suizidversuch bei der Zugführerin eine Körperverletzung verursacht hat. Deren psychische Fehlverarbeitung des Unfalls sei eine ganz typische Reaktion auf Unfälle dieser Art und durch das Ereignis ausgelöst. Für die 23-Jährige sei vorhersehbar und erkennbar gewesen, dass sie bei dem Sprung vor den einfahrenden Zug bei dem Zugführer einen psychischen Schaden verursacht.

Die von ihr behauptete Erkrankung habe sie demgegenüber nicht ausreichend nachgewiesen. Sie hatte dem Gericht zwar diverse Schreiben des behandelnden Arztes vorgelegt, wonach sie im November 2011 in einer Klinikambulanz war und stationär vom 26. Januar bis 2. Februar 2012 wegen selbstverletzender Verhaltensweisen (Ritzen) und einer Tablettenintoxikation in einer Klinik behandelt wurde. Außerdem legte sie ein ärztliches Attest vom 14. Januar 2013 vor, wonach sie an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderlinetyp leidet.

Keine Nachweise legte sie aber, so das AG München, trotz entsprechender Hinweise des Gerichts dafür vor, dass sie zum Unfallzeitpunkt am 14. Februar 2012 so sehr erkrankt war, dass sie keinen freien Entschluss fassen konnte. Daher musste das Gericht seiner Ansicht davon ausgehen, dass die Beklagte schuldhaft gehandelt hat.

Regelmäßig wird in solchen Fällen nach dem Grund für den Suizidversuch unterschieden: Führt eine spontane Reaktion auf eine schwere Lebenskatastrophe zum Selbstmordentschluss, mag die Fähigkeit zur freien Willensbestimmung zeitweilig ausgeschaltet sein. Anders dürften die Dinge wiederum beim so genannten Bilanzselbstmord liegen, der sich etwa in umfangreichen Abschiedsbriefen dokumentiert.

acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

AG München zu gescheitertem Schienensuizid: Schmerzensgeld für traumatisierte Lokführerin . In: Legal Tribune Online, 27.04.2015 , https://www.lto.de/persistent/a_id/15365/ (abgerufen am: 11.04.2021 )

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Kommentare
  • 28.04.2015 10:36, Lionel Hutz

    Welche Form von Zivilprozessrecht wendet das AG hier eigentlich an? Wenn die Beklagte einwendet, sie sei schuldunfähig gewesen, kann der Beweis hierfür natürlich durch behandelnde Ärzte als Zeuge erbracht werden, vernünftigerweise sollte aber ein Sachverständigengutachten erholt werden, das bekanntlich das Gericht zu beauftragen hat.

    Man weiß nun nicht, ob die Beklagte anwaltlich vertreten war und der Prozessbevollmächtigte hier gepennt hat, so wie es sich liest, war sie aber vermutlich nicht vertreten. Bei der Naturalpartei gebietet es m.E. die gerichtliche Fürsorgepflicht der Dame zu verraten, dass sie doch sinnvollerweise ein Sachverständigengutachten als Beweismittel bezeichnen soll. Den Rest müsste dann ja wiederum das Gericht erledigen (außer der Zahlung eines Kostenvorschusses).

  • 30.04.2015 17:42, Andreas L

    Man kann sogar noch weiter gehen. 2011 war ein Lokführer erfolgreich, sogar von den Eltern des Selbstmörders um die 15.000 EUR zu bekommen als Schmerzensgeld.

    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article13508779/Lokfuehrer-will-Geld-von-Eltern-eines-Selbstmoerders.html

    Das hatte seinerzeit einige Wellen geschlagen, weil viele Leute es für unzumutbar hielten, trauernden Eltern Schmerzensgeld aufzubrummen, aber ich hielt die Entscheidung für logisch konsequent.

  • 24.05.2018 15:35, Grit Decker

    Erst heute bin ich zufällig auf diesen Bericht gestossen.
    Auf der einen Seite wird der freie Entschluss der Suizidwilligen und somit deren volle Schuldfähigkeit propagiert, auf der anderen Seite ist es seitens der Ärzteschaft bis dato üblich, dem zum Suizid entschlossen Menschen grundsätzlich immer und überall die freie Entschlussfähigkeit abzusprechen und in der geschlossenen Psychiatrie Zwangs zu internieren.
    Mehrfach erleben müssen - und bis dato macht mich eine derartige Vorgehensweise zornig- richtig zornig.