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Nackt im Kölner Dom protestiert: AG Köln verurteilt Femen-Aktivistin zu Geldstrafe

03.12.2014

Die Studentin, die letztes Jahr während der Weihnachtsmesse auf den Altar des Kölner Doms gesprungen war, wurde nun wegen Störung der Religionsausübung verurteilt. Das Gericht sprach von einer "kaum zu überbietenden" Störung.

Fast ein Jahr nach dem Vorfall, welcher weltweite Beachtung fand, verurteilte am Mittwoch das Amtsgericht (AG) Köln die 21 Jahre alte Femen-Aktivistin wegen Störung der Religionsausübung zu einer Geldstrafe von 1.200 Euro (Urt. v. 03.12.2014, Az. 647 DS 240/14).

Im Sommer dieses Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, nachdem die Studentin während des Gottesdienstes am ersten Weihnachtstag des vergangenen Jahres Parolen gerufen hatte - kaum bekleidet und mit der Aufschrift "I am god" (Ich bin Gott) auf den nackten Brüsten. Die aus der Ukraine stammende Gruppe Femen kämpft immer wieder mit solchen Auftritten für Frauenrechte und gegen Sexismus. 

Mit nackten Brüsten gegen Kardinal Meisner

Mit 60 Tagessätzen à 20 Euro folgte das Gericht im Wesentlichen der Bewertung der Staatsanwaltschaft, die eine Geldstrafe von 1.600 Euro gefordert hatte. Die Studentin der Zahnmedizin verteidigte ihr Verhalten. Sie habe damit gegen die Missachtung von Frauenrechten in der katholischen Kirche und gegen Kardinal Joachim Meisners Einstellung zum Thema Abtreibung protestieren wollen. Sie selbst sei Atheistin, aber christlich sozialisiert.

In ihrer Nacktheit könne sie nichts Falsches erkennen, schließlich habe Michelangelo die Sixtinische Kapelle auch mit Nackten ausgemalt, sagte sie. Die "Brutalität" der "Kirchenmenschen" habe sie überrascht. Ein Gottesdienstbesucher hatte sie geohrfeigt. Das Verfahren gegen ihn wurde gegen Zahlung von 500 Euro eingestellt.

Meisner: "Sowas kann mich nicht schrecken!"

Der Adressat ihrer Unmutsbekundungen, Joachim Meisner, musste am Mittwoch nicht als Zeuge erscheinen. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hatte er sich aber im Vorfeld zu Wort gemeldet: "Ich bin 80 Jahre alt. Ich habe so viel erlebt: erst die Nazizeit, dann die ganze kommunistische Zeit - da kann mich sowas doch nicht schrecken", so Meisner, der inzwischen im Ruhestand ist.

Während der Protest der 21-Jährigen den Geistlichen selbst offenbar unbeeindruckt ließ, kann man dies für andere am Gottesdienst Beteiligte nicht behaupten. Dompropst Norbert Feldhoff klärte diesbezüglich zuletzt über die verstörende Wirkung auf, die der Anblick der nackten, schreienden Frau etwa auf die Messdiener gehabt habe: "Ein Messdiener hatte mehrere Wochen Angst, zum Dienst zu kommen, und wollte nur noch bei den Eltern schlafen."

Das Gericht beurteilte die Angeklagte am Mittwoch nach dem Erwachsenenstrafrecht, auch wenn sie zur Tatzeit erst 20 Jahre alt war. Der Vorsitzende Richter sagte, sie habe den Gottesdienst in besonders grober und kaum zu überbietender Weise gestört. Die Oberstaatsanwalt sprach von einem "Ideologie-Delikt". Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

una/dpa/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

Nackt im Kölner Dom protestiert: AG Köln verurteilt Femen-Aktivistin zu Geldstrafe . In: Legal Tribune Online, 03.12.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/14007/ (abgerufen am: 14.10.2019 )

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Kommentare
  • 03.12.2014 18:32, FF

    'Dompropst Norbert Feldhoff klärte diesbezüglich zuletzt über die verstörende Wirkung auf, die der Anblick der nackten, schreienden Frau etwa auf die Messdiener gehabt habe: "Ein Messdiener hatte mehrere Wochen Angst, zum Dienst zu kommen, und wollte nur noch bei den Eltern schlafen."'

    Da muss man sich die Witze schon mit viel Mühe verkneifen. Ist mir gerade nur teilweise gelungen.

    • 04.12.2014 08:33, warlord

      Wir wissen ja nicht, WIE die Olle ausgesehen hat...

  • 03.12.2014 20:17, zweifler

    Der Anblick eines weiblichen Körpers ist eine "kaum zu überbietende Störung"? Dass die Kirche sich in ihrer Doppelmoral suhlt ist ja nichts Neues... aber dass ein weltliches Gericht ihr darin folgt... nunja.

  • 04.12.2014 08:42, warlord

    Soso, Protest in der Kirche gegen Frauenunterdückung und die Haltung zur Abtreibung...

    Warum das ganze nicht mal in einer Moschee? Da muss Sie keine Strafe eines weltlichen Gerichts fürchten. Nicht einmal die Staatsanwaltschaft könnte ermitteln. Es bestünde ein absolutes Verfahrenshindernis in Form des Ablebens. Denn sie käme nicht lebend (und das zu Recht) aus dem Gotteshaus heraus.
    In der Kirche hat ihr jemand nur "eine gelangt", die 60 Tagessätze sind auch in Ordnung. So sind sie, die "AktivistInnen": Dort Krawall machen, wo es nicht weh tut.

  • 04.12.2014 20:17, Christian

    Es gibt schlimmere Jugendsünden. Wie viele werfen Steine, Flaschen, prügeln auf andere ein. Wenn ein Messdiener beim dem Anblick soeinen Schock erleidet möchte ich gar nicht wissen wie er bis dato aufgewachsen ist.

    Es ist niemand körperlich verletzt worden. Die Störung dauerte nur kurz, es wurde nichts beschädigt, dahingegen hat sich ein erwachsener Mann dazu hinreißen lassen eine junge Frau ins Gesicht zu schlagen.

    Und nur weil dies in einer Mosche angeblich schlimmer abgelaufen wäre ist das noch lange nicht in Ordnung. Wir werden regiert von einer "christlichen" Partei. Das was der Dom repräsentiert steht auch ein wenig für unsere Werte und Normen. Natürlich spricht das einerseits dafür sich dort besonders rücksichtsvoll zu verhalten. Andererseits würde ich auch ein ebenso rücksichtsvolles Verhalten verlangen.

    Das sich hochrangige Berufsgläubige nicht wirklich negativ äußern liegt wohl ganz einfach daran, dass man selbst noch ganz ganz andere Leichen im Keller hat.

    Es ist ein Störung un in der Art ist es kaum zu überbieten, keine Frage. Ob man einer Studentin die sich für etwas einsetzt (ganz egal ob gut oder schlecht) nun mit ein paar Tagessätzen auf den Pfad der Tugend zurückbringt waage ich mal ganz stark zu bezweifeln. Abschreckend wird das Ganze auch nicht sein. Worin liegt nochmal gleich der Sinn von Strafe?

    Und besonders grob war das auch noch! Ob ein BH etwas geändert hätte? Oder Protest im Dom in Zimmerlautstärke, vielleicht wäre es dann nur eine OWI gewesen?

    Nene, täglich muss die Polizei ausrücken weil Leute ihre Musik aufdrehen und über Stunden immerw ieder Menschen belästigen. Aber stehte ine Aktivistin ein paar Sekunden im Dom und macht auf sich aufmerksam ist die Welt erschüttert. Sowas geht wirklich nicht.

    Manchmal kann man sich nur noch an den Kopf fassen. Achja und der Dom, eine der teuersten Großbaustellen der Bundesrepublik, wird finanziert von... ich glaube der Allgemeinheit, da ist es doch selbstverständlich das nur Glaubenskonforme dieses Gebäude für ihre Zwecke missbrauchen dürfen. Aktivistinnen, niemals! Lieber lassen wir dort weiterhin Menschen prädigen die per se der Gesellschaft und deren Probleme mehrer Jahrzehnte hinterherhinken.

    Ist natürlich deutlich sinnvoller den Raum (Dom/Kirche) wo noch ernsthaft über Verhütung, Abtreibung, usw. diskutirt wird zu schützen und zu wahren. Eine normale Diskusion scheint in manchen Kirchenkreisen eben nicht möglich. Sonst wäre wohl niemand auf die Idee gekommen für das Thema zu solchen Mitteln zu greifen. Das ist der eigentliche Skandal.

  • 04.12.2014 21:14, Nicolo Machiavelli

    Fraglich ist, was hat I am God auf nackte Koerper mit dem Protest gegen Sexismus, Gewalt in der Kirche etc. zu tun hat. Ich finde diesbzgl. einfach keine passende interpretation.

    • 04.12.2014 23:47, Christian

      Übererserzt heisst das wohl "Ich bin Gott". Mit wenig Interpretation sollte das eventuell bedeuten das jeder Mensch Gott ist... und ggf bei Themen wie Verhütung oder Abtreibung selbst entscheiden kann denn es sind nicht alle Menschen so das sie einen Gott benötigen nach dessen Normen man sich richtet und dessen angebliche Normen in Kirchen verbreitet wird.

  • 04.12.2014 23:21, Rechtsanwaltservice

    Und die eklige Verlogenheit unserer Juristen! Insb. des Rafinates der da Richter wird. Erstens ist das halten eines Gottesdienstes an sich schon ein Witz, da da Götzendienste erbracht werden zu jemandem hin, den es erwiesenermaßen nicht gibt. Zudem ist der Christus am Kreuz als öffentliche zur Schaustellung von Folter etwas, was Messdienern in die Knochen fahren kann aber nicht ein nackter Mensch. Schon das BVerfG hat eindeutig festgestellt, daß die Darstellung des menschlichen Körpers nicht unanständig ist!! Wenn der Messdiener deshalb nicht schlafen kann ist das ein Folge der Behandlung, die seine Eltern ihm danach haben angedeihen lassen, noch wahrscheinlicher aber eine Lüge! Und warum soll dadurch die Kirchenshow gestört worden sein? Ein intelligenter Priester hätte das Verhalten der Frau dankbar in seine Predigt einbauen können ...

  • 05.12.2014 10:46, Opho

    Der Strafe ist gerecht. Die Religionsausübung ist geschützt, da Religionsfreiheit herrscht. Niemand ist gezwungen in eine Kirche zu gehen und wer protestieren will, kann es auf einem öffentlichen Platz gerne tun.

    Die Nacktheit lenkt doch nur von dem Straftatbestand ab, der auch vollendet gewesen wäre, wenn die Frau angezogen gewesen wäre. So ist dies nur eine Frage der Schuldschwere.

    Im übrigen ist es ein deutliches Zeichen von Intoleranz und Ignoranz, wenn man die Gefühle anderer verletzt, nur weil man deren Ansichten nicht teilt. Toleranz fängt erst da an, wo sie einem schwer fällt.

    • 05.12.2014 18:46, Christian

      Genau das ist es doch. Ist es vielleicht tolerant wenn die Kirche durch ihre Vertreter die Gesellschaft dahingehend beeinflusst das Kinder nicht abgetrieben werden dürfen? Und wieso ist trotz Gewaltenteilung der Dom volksfinanziert? Wenn die Leute ihre Religion in ihren eigen finanzierten Umgebungen abhalten, bitte. Es kann einlasskontrollen usw. Geben.

      Andererseits ist ein Zusammenschluss von Menschen die Abtreibung entgegenstehen Verhütung jahrelang missbilligte ihre Diener dazu zwingt keinen sex zu haben... sich mit diversen pädophielenskandalen ... nicht zu vergessen die Behinderung der Aufklärung diese Skandale...

      In jedem falle sollte man da tolerant sein. Proteste dagegen sind vollkommen intollerant. Wir bieten den Menschen noch das teuerste Bauwerk in bester Lage in einer Millionenstadt und schützen fleissig das weiter gemacht wird. Jawoll wir sind tolerant.

    • 06.12.2014 14:32, Opho

      @ Christian:
      Toleranz bedeutet, dass man Meinungen anderer zulässt, aber man muss diese jedoch nicht teilen. Auch bedeutet Toleranz nicht, dass man nicht nach seinen eigenen Grundsätzen leben darf, man darf nur seine eigenen Grundsätze nicht anderen aufzwingen. Die Kirchen zwingen keinem ihre Lehren auf, man kann mitmachen oder es bleiben lassen, nur ein Rosenpicken gibt es nicht. (Nach dem Motto: Ich will in einem katholischen Kindergarten Kinder erziehen, aber ich will mich selber nicht an die katholischen Grundregeln halten.)

      Gleiches gilt für die Abtreibungsfrage, natürlich können Sie ein solches Recht befürworten aber man kann sich auch dagegen aussprechen. Bitte beachten Sie, dass sich auch das BVerfG mit der Abtreibung schwer tut, da der Schutz des ungeborenen Lebens ein Auftrag aus dem Grundgesetz an den Gesetzgeber ist. Die Abtreibung im Rahmen der Fristenlösung (§ 218a Abs. 1 StGB) ist wohl rechtswidrig.

      Ihr Aufzählung in Abs. 2 wiederholt schön die typischen Klischees, es fehlt eigentlich nur noch der Ablasshandel und die Inquisition. Niemand verbietet den Protest, auch auf dem öffentlichen Platz vor dem Dom, wir haben Meinungsfreiheit. Nur Meinungsfreiheit heißt nicht, dass ich jede Veranstaltung stören darf, um anderen meine Meinungsäußerung aufzuzwingen.

  • 08.12.2014 12:42, Hasso Lieber

    Nur eine rhethorische Frage: Welche Kommentare gab es eigentlich von katholischer Seite, als die russische Punk-Band Pussy Riot (neben zahlreichen anderen Auszeichnungen) in Köln den Sonderpreis der LIVE1 Krone (Programm gehört zum WDR) für ihre künstlerischen Auftritte (u.a. Punk-Gebet in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale) erhielt? Und zu Opho: Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie mit Ihrem Seitenhieb auf Geschiedene in katholischen Diensten kirchliche Regeln über staatliches Recht stellen. Quod erat domonstrandum.
    Hasso Lieber

  • 08.12.2014 16:11, Opho

    @ Hasso Lieber: Ihnen ist hoffentlich klar, dass das "staatliche Recht" hier den Kirchen genau die Regelungsmöglichkeit gibt. Das staatliche Recht eröffnet den Kirchen gerade diese Möglichkeit. Hier wird gerne vergessen, dass gerade staatliche Gerichte, die allgemeine Gesetze anwenden, so entschieden haben.

    Zu Pussy Riot: Ein Kunstpreis rechtfertigt wohl kaum eine strafbare Handlung. Dies sind zwei verschiedene Dinge. Ein gerechtfertiger Protest macht eine Handlung nicht künstlerisch Wertvoll und die Straftat eines Künstlers entwertet nicht dessen künstlerisches Werk (verallgemeinert gesprochen). Ein Kunstpreis für mutigen Protest oder ähnliches hat mE keinen Wert. Die Handlung von Pussy Riot wäre auch in Deutschland verboten gewesen, nur beachten sie bitte die unterschiedlichen staatlichen Reaktion zwischen einem demokratischen Rechtstaat und einer gelenkten Demokratie (60 Tagessätze vs. 2 Jahren Haft, ruhiges Verfahren vs. Schauprozesss)

    • 08.12.2014 23:15, Hasso Lieber

      Wer sagt, dass ich dem BVerfG nicht das Gleiche vorwerfe nach seinem Beschluss vom 22. Oktober 2014 (2 BvR 661/12)? Wer eine Verfassungsinterpretation vornimmt, die weder die Glaubensauffassung der Mehrheit der katholischen Glaübigen widerspiegelt noch dem Verständnis des Papstes vom Verhältnis des Arbeitsrechtes zu Glaubensgrundsätzen entspricht, muss sich fragen lassen, welchen Bezug zum praktischen Leben er hat. Die Unterwürfigkeit deutscher Staatsorgane zu kirchlichen Dogmen ruft selbst in sog. katholischen Staaten des römischen Raumes Staunen hervor. Der Staat hat weltanschaulich neutral zu sein. Diesem Grundsatz genügt weder die Rechtsprechung des BVerfG noch die Staatspraxis.
      Zu Pussy Riot: Ich teile Ihre Auffassung, dass die Meinungsfreiheit keine Straftaten rechtfertigt (vom Widerstandsrecht abf´gesehen, von dem wir aber meilenweit entfernt sind). Hier geht es um die "unheilige" Gepflogenheit, die Straftat gegen den Gegner zu verherrlichen (auch wenn die zwei Jahre Haft gegen Pussy Riot die Untertänigkeit der russischen Justiz gegenüber der Exekutive widerspiegelt und nicht zu akzeptieren sind), im eigen Land aber zu verurteilen. Es geht nicht um die Beurteilung oder Entschuldigung strafbarer und vor allem geschmackloser Aktionen, sondern um die Bigotterie der Beurteilung.

  • 09.12.2014 10:07, Opho

    @ Hasso Lieber: Dann sind wir in Sache Pussy Riot der selben Meinung. Hinsichtlich des BVerfG sind wir verschiedener Meinung, aber das wäre ein anderer Artikel zum kommentieren.

  • 02.01.2015 17:42, Thomas Küchenmeister

    Ich bin bekennender Atheist, halte mich aber an den Spruch" Jeder mag nach seiner Fasson glücklich werden."
    Eine weltanschauliche Tätigkeit wie einen Gottesdienst zu stören, ist gegenüber einem Gläubigen unmöglich.
    Das sollte in jedem Staat der Welt gelten.

  • 02.01.2015 18:10, Hasso Lieber

    Ein Oberstaatsanwalt in der Sitzung eines Jugendrichters? Wenn die Sache so bedeutend war, warum hat die StA dann nicht mindestens vor dem Jugendschöffengericht angeklagt, damit wenigstens mehrere Richter über die Einschätzung der Tat richten konnten und nicht einer, dessen Vorstellungskraft ùber "kaum zu überbietende" Taten bereits hier aufhört.