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LGBT-Engagement in Kanzleien: "Der Mehr­heit ist nicht klar, wie sich die Min­der­heit fühlt"

von Désirée Balthasar

24.07.2017

2/2 Normalität anstelle von Lügengeschichten

Homosexuelle Menschen hingegen verstecken sich mitunter im beruflichen Umfeld, doch das ändert sich allmählich. In der Vergangenheit war häufig von einer 'Privatangelegenheit' die Rede. "Heute möchte das nur noch eine absolute Minderheit verschweigen", erzählt Latham-Associate Stübinger.

"Die Mehrheit fühlt sich einfach wohler, wenn sie offen leben kann. Dabei geht es gerade nicht darum, die eigene Homosexualität ständig an die große Glocke zu hängen", sagt er, "sondern um Normalität. Das heißt im Alltag etwa, nicht mit falschen Pronomen oder wilden Satzkonstruktionen vom Geschlecht des Partners abzulenken oder sich in Lügengeschichten zu verstricken."

Stübinger will sich so lange in LGBT-Initiativen engagieren, bis sich niemand mehr aufgrund seiner sexuellen Identität verstecken muss. "Wir werden uns so lange für Toleranz einsetzen, bis es auch für Menschen in kleineren Einheiten selbstverständlich ist, offen leben zu können." Er sieht durchaus Parallelen zur Frauenförderung: So lange Frauen nicht die Hälfte der Macht bekämen, werde weitergekämpft.

Sich nicht zu verstellen, setzt Energie frei – auch für den Beruf

Die Frage, ob jeder offen leben kann, betrifft nicht nur eine entspannte Plauderei mit Kollegen. Es geht auch um knallharte Business-Faktoren. Laut verschiedenen Studien büßen Menschen, die sich am Arbeitsplatz verstellen (müssen), 30 Prozent ihrer Produktivität ein, berichtet Scholz. "Nach meinem Trans-Outing hatte ich selbst ebenfalls das Gefühl, nicht mehr auf der Bremse zu stehen. Das hat bei mir viel Energie freigesetzt", sagt er.

GSK-Partner Butt verweist auf die Vorteile für die Arbeitgeber: "Wenn die Mitarbeitenden sich wohl fühlen und ihr volles Potenzial ausschöpfen können, dann profitieren die Kanzleien ungemein davon. Ansonsten besteht ja auch immer die Gefahr, wertvolle Mitarbeiter zu verlieren." Einige Kanzleien setzen ihr LGBT-Engagement auch schon gewinnbringend ein, um auf Pitches bei Konzernen aus USA oder Großbritannien zu punkten.

Inzwischen spricht sich das LGBT-Engagement der Kanzleien herum. "Mandanten haben mir positives Feedback gegeben und angeregt, die Diskussion auf noch breiterer Ebene zu führen", erzählt Butt. "Und Mitarbeiter aus eher konservativen Unternehmen haben sich für die Möglichkeit bedankt, von unserer Erfahrung zu profitieren, wenn sie selbst derartige Netzwerk aufbauen möchten."

Bewusstsein für Minderheiten schärfen

Die Kanzlei Hogan Lovells, ebenfalls Gründungsmitglied des LGBT+ LegalNetworkGermany, gründete kürzlich ein eigenes Netzwerk, das die 23 Standorte der Kanzlei umspannt. Es nennt sich 'Pride+' und möchte "im Berufsleben eine Kultur der Akzeptanz und des Verständnisses vermitteln". Dazu gehöre, Unterstützung zu zeigen, ein sicheres, freies und offenes Arbeitsumfeld zu bieten, auf Probleme der Gemeinschaft aufmerksam zu machen und Stereotypen und Vorurteilen entgegenzutreten.

"Wir wollten keine betroffene Selbsthilfegruppe gründen, sondern ein offenes Netzwerk ins Leben rufen", erzählt Bernhard Kuhn, Frankfurter Partner im Immobilienwirtschaftsrecht. "Auch wollten wir kein Minderheitenticket vergeben, sondern vor allem ein Bewusstsein schaffen. Denn wie bei jedem Minderheitenthema ist der Mehrheit nicht klar, wie sich die andere Seite in manchen Situationen fühlt."

Ebenso wie dem LGBT+ Legal Network Germany ist es auch Hogan Lovells wichtig, in ihr Netzwerk auch Nicht-LGBT-Personen zu involvieren. Zum einen, um eine kritische Masse herzustellen, damit die Initiative nicht wieder einschläft. "Außerdem möchten wir weitere Themen adressieren, die damit zusammenhängen. Unconscious bias etwa, also unbewusste Vorurteile, und die damit verbundene Sorge um berufliche Nachteile", sagt Kuhn.

Die könnten etwa entstehen, wenn bei vermeintlich ablehnenden Mandanten keine LGBT-Anwälte auf das Mandat gesetzt werden. Kuhn ermuntert hier, offen mit den Mandanten umzugehen, denn: "Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass manche Vorurteile gar nicht vorhanden waren, die ich erwartet hätte."

Längst kein Trendthema mehr

Die Unterstützung von Seiten der Kanzleien begrüßt Kuhn grundsätzlich. Jedoch könne das Management nur begrenzt unterstützen, meint er. Die eigentliche Arbeit hänge maßgeblich von engagierten Einzelpersonen ab. "Vor Jahren noch wurde das Ganze als private Sache abgetan", erzählt Kuhn. "Doch der Bedarf ist nach wie vor da. Insbesondere die jüngeren Kollegen möchte ich dabei unterstützen, sich am Arbeitsplatz frei und offen zu bewegen."

Die Frage, ob es sich bei LGBT+ lediglich um ein Trendthema handelt oder ob es tatsächlich in der Anwaltschaft ernst genommen werde, beantwortet Kuhn mit Verweis auf BGH-Richterin Prof. Dr. Johanna Schmidt-Räntsch, die seit ihrer Geschlechtsangleichung als Frau lebt: "Wenn es in der Justiz angekommen ist, dann ist es in der Anwaltschaft allemal angekommen", sagt er.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, LGBT-Engagement in Kanzleien: "Der Mehrheit ist nicht klar, wie sich die Minderheit fühlt" . In: Legal Tribune Online, 24.07.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/23573/ (abgerufen am: 07.03.2021 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 24.07.2017 14:55, RA Nicolas

    Ich habe nicht verstanden, was diese Netzwerke konkret wollen. Ich arbeite seit über zehn Jahren als Anwalt in Großkanzleien. Natürlich gab und gibt es dort auch homosexuelle Kollegen und Mitarbeiter. Da braucht sich niemand zu verstecken, es ist allerdings auch kein großes Thema, weil es mit der Arbeit nichts zu tun hat.

    • 24.07.2017 15:12, FinalJustice

      Diese Erfahrung habe ich ähnlich gemacht. Ich kenne einige homosexuelle Kollegen und keiner von denen hat sich jemals versteckt oder ein Geheimnis daraus gemacht, allerdings auch nie an die große Glocke gehängt. Das soll nicht heißen, dass es das nicht gibt und vielleicht ist es in den wirklich großen Wirtschaftskanzleien ein Problem wegen des Images (warum auch immer, nur eine Mutmaßung). Solange da keiner "flaming homosexual" ist, sehe ich auch keinen sonderlichen Raum für Diskriminierungen - und dann wäre auch nicht das "homosexual" das Problem, sondern das "flaming". In der Geschäftswelt gehört ein Mindestmaß an Professionalität im Auftreten zum guten Ton, wer sich darüber hinwegsetzt, das wird nicht diskriminiert, weil es egal ist, warum er es macht. Ich gehe davon aus, dass es in diesen Kreisen genauso wenige extrem penetrante Homosexuelle gibt, wie es von oben bis unten tättowierte und gepiercte Punks mit bunten Haaren oder Neonazis mit Springerstiefeln und TS-Jacke gibt.
      Bei Transsexuellen mag das noch mal eine andere Kiste sein, aber auch da kommt es meiner Auffassung nach extrem auf die Darstellung an.

  • 24.07.2017 21:01, Dark Master

    Diese Homos sind ja wie Veganer. Können einfach das Maul nicht zu halten.
    special snowflakes, my ass.

    • 25.07.2017 08:14, Alice

      Die die es tun werden einem einfach nicht auffallen.

    • 25.07.2017 12:17, Snowflake

      Danke, dass Sie die Notwendigkeit eines LGBT+ Netzwerkes so deutlich unterstreichen.

  • 30.07.2017 21:29, Gerhard Krause

    @Alice: Ist das ein Problem, wenn die nicht auffallen? Für mich wäre es nur eins, wenn es für die eins ist, nicht aufzufallen.
    @Snowflake: So ein Netzwerk ist bei einem Marktanteil von ca. 7 % sicherlich nützlich und vielleicht nicht lästiger als andere Marketinginstrumente.
    @Dark Master: Bisher habe ich das Niveau in diesem Forum als angenehm empfunden, Sie müssen das nicht unbedingt in unheiliger Allianz mit RA Heinrich V auf SPON-Niveau bomben.

  • 14.08.2017 15:57, Großkanzleianwalt

    Interessanter und toller Artikel - und wirklich traurig, was für Reaktionen er hier zum Teil hervorruft. Zumal die Frage "Warum machen Kanzleien das überhaupt?" im Artikel ganz klar erläutert wird. Da drängt sich der Verdacht auf, dass ein paar straight white males die Sorge haben, dass es ausnahmsweise mal für 1% der Zeit nicht ausschließlich um sie geht... das ist vor allem ziemlich peinlich.

    Die Kanzlei, in der ich arbeite, hat auch solche Netzwerke, und es kommen hier sowohl LGBT-Personen als auch straight allies zusammen und sind in der Kanzlei intern und nach außen hin aktiv - um auf relevante Themen aufmerksam zu machen, die unser Miteinander als Kollegen, unsere Arbeitsweise und unseren Social Impact als Kanzlei angehen. Da gibt es vieles, was unmittelbaren Mehrwert für alle bietet, egal ob Homo oder Hetero, ob Mann oder Frau. Die Resonanz der Kollegen ist durchweg positiv - und hier wird niemandem etwas aufgedrückt, oder irgendeine "gay agenda" durchgeprügelt. Es geht iim Endeffekt um Normalisierung, und dafür sind solche Initiativen unbestreitbar der richtige Weg!

    Wenn wir irgendwann tatsächlich bei völliger Gleichstellung auch im Berufsleben angekommen sind, Frauen den gleichen Anteil an Partnern stellen wie Männer, und keiner mehr die Nase komisch rümpft (oder noch schlimmer, einen peinlichen Herrenwitz vom Stapel lässt), wenn eine weibliche First Year vom Urlaub mit ihrer Verlobten erzählt - dann können wir mal darüber nachdenken, ob es diese Netzwerke noch braucht. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg, und bis wir da sind, ist jeder, der hier solchen Initiativen die Daseinsberechtigung abstreitet, leider nichts anderes als ein homophober Ewiggestriger!

  • 14.09.2017 17:47, Plus

    Solch ein Netzwerk nützt nur etwas, wenn auch die Mitarbeiter*Innen auch aufgeklärt werden bezüglich LGBTQIA+ Themen. Ich habe bei einer der genannten Kanzleien vor kurzem angefangen und ich muss anmerken, dass ich mich etwas unwohl fühle bei den heteronormativen (und damit einhergehend auch sexistischen und amatonormativen) Kommentaren, die ich schon von einigen Personen hier gehört habe. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Kommentare aus Unwissenheit und nicht Böswilligkeit gesagt werden, weshalb unbedingt Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, idealerweise von diesem Netzwerk und nicht von uns Minderheiten. Meine Einwände gegen diese Kommentare wurden bisher immer abgetan. Es ist außerdem wichtig zu wissen, dass L, G, und T nicht die einzigen Teile der Community sind.