Wissenschaftsplagiat: Wie aus Schlamperei ein Verdachtsfall wird

von Hermann Horstkotte

15.06.2011

VroniPlag Wiki ist wieder auf der Jagd, der gesuchte SPD-Plagiator scheint endlich gefunden. Er ist zwar nur ein ehemaliger Politiker und kein echter Promi wie die anderen  – dafür ist seine Doktorarbeit von 2010 im Original aber spurlos verschwunden. Eine erstaunliche Geschichte mit bekannten Elementen. Von Hermann Horstkotte.

"Wir suchen händeringend nach einem norddeutschen SPD-Politiker, der plagiiert hat", sagte kürzlich die Informatikprofessorin und Mutter aller deutschen Plagiatjäger, Debora Weber-Wulff. Sie zielte selbstironisch darauf, dass die bislang ins Visier geratenen Polit-Promis durchweg aus der Union und FDP im Süden stammen.

Aus der flapsigen Bemerkung ist jetzt aber fast Ernst geworden. Seit voriger Woche wird auf VroniPlag Wiki die juristische Dissertation eines ehemaligen Funktionärs der SPD-Jugend in Hamburg gelistet. Der Autor ist aber längst von der Politik in die Verwaltung gewechselt und zwischenzeitlich Laufbahnbeamter der Bundeswehr.

Gehen VroniPlag mit einem Fall wie diesem die großkalibrigen Abschuss-Kandidaten aus? "Völlig falsche Sicht", erläutert (unter Pseudonym) Martin Klicken, einer der Wiki-Administratoren. "Wir zeigen, wie jeder bei uns eine Seite mit Paralleltexten aufmachen kann, zunächst ohne Autorennamen. Ab zehn Prozent Nachweisen kommt der Fall mit vollem Namen auf unsere Hauptseite, egal, wen´s trifft." Genau so war es auch im Hamburger Fall.

Verwaltungsvereinfachung statt Qualitätssicherung

Die als Buch und im Internet greifbare Dissertation fiel schon äußerlich als vermurkst auf –  wegen eines fehlenden Literaturverzeichnisses. Das hätte den Doktorvätern auffallen müssen, wenn  sie ihr Einverständnis mit der letztendlichen Druckfassung gegeben hätten. "Eine solche Genehmigung ist nach der geltenden Promotionsordnung aber nicht mehr vorgesehen", erklärt der Hamburger Rechtsprofessor und frühere bundesweite Obmann gegen wissenschaftliches Fehlverhalten, Hans-Heinrich Trute. "Die frühere Ordnung sah ein Zustimmungserfordernis auch nur bei Auflagen vor, die ein gewisses Gewicht haben mussten."

Also konnte der  Doktorand nach der Prüfung ganz auf eigene Faust publizieren. "Lediglich an Traditionsfakultäten wie in Freiburg ist eine Imprimatur, die Druckerlaubnis durch die Fakultät, noch nötig", ergänzt der Plagiatexperte Volker Rieble. Ihre Abschaffung widerspricht der sonst gern beschworenen Qualitätssicherung, dient aber offenbar der üblichen Verwaltungsvereinfachung.

Laut Promotionsordnung der Uni Hamburg hängt die Doktorurkunde am Ende von den veröffentlichten Pflichtexemplaren ab. "Wie viel Exemplare abzuliefern sind" oder "in welcher Weise sie (digital) ersetzt werden können", legt die Fakultät zusammen mit der Unibibliothek fest. Aber offenkundig muss auch diese nicht prüfen, ob die Ablieferung formellen Mindestansprüchen genügt.

Die verschollene Doktorarbeit

Leider lässt sich nicht feststellen, ob wenigstens der Original-Prüfschrift ein Schriftenverzeichnis beigefügt war – denn sie ist verschollen. Das Prüfungsamt hat sie dem Kandidaten nach dem Doktorexamen, aber vor der Veröffentlichung ausgeliehen, um Randbemerkungen der Prüfer womöglich noch einzuarbeiten. Die kundenfreundliche Uni wollte es ihm offenbar nicht zumuten, nur in den Amtsräumen der Prüfungsbehörde in die korrigierte Promotionsschrift, immerhin eine amtliche Urkunde, Einsicht zu nehmen. Der ehemalige SPD-Politiker nahm das Prüfexemplar vielmehr mit in die USA und schickte es dann angeblich nach Hamburg zurück – dort ist die Post aber anscheinend nie angekommen.

Über diese Erstaunlichkeiten hinaus weist der Hamburger Fall aber auch besondere Arbeitsumstände auf, die wie bei den bisher auffällig gewordenen Doktoranden der Promotionsschrift einfach schnell zu Schlampereien verführen. Bezeichnenderweise entstand auch diese Dissertation nebenberuflich, unter dem etwa von Guttenberg beklagten Zeitdruck. Oft handelt es sich um randständige oder, wohlwollend gesagt, fächerübergreifende Themen.

Eine Arbeit wie die nun von den Plagiatsjägern geprüfte, die sich mit dem europäischen Rüstungsmarkt beschäftigt, hätte vielleicht auch ein Politologe (mit) begutachten können – oder gar sollen. Tätig wurden stattdessen nur zwei Jura-Professoren, die naturgemäß in der fachfremden Literatur gar nicht sattelfest sein können. Es erscheint dann fast unvermeidlich, dass Korrektoren auf heimliche Kopien hereinfallen. Das passierte vor kurzem beispielsweise auch einem Göttinger Kirchenrechtler, der die Doktorarbeit eines hohen politischen Beamten zum "Sozialsponsoring" annahm.

Interdisziplinarität außer Kontrolle?

Einen Gutachter einer anderen Disziplin zu bestellen, verursache aber "zu viel Umstände und Aufwand", so der Hamburger Fachbereichsvorsitzende Tilman Repgen auf Nachfrage der LTO. Wer also interdisziplinär promoviert, wird  inhaltlich weniger kontrolliert.

Die nötige Übersicht verschafft auch keine Plagiatsoftware, die sich ja nur auf Infos im Netz bezieht. VroniPlag leistet sich allerdings den Aufwand, notfalls ganze Bücher älteren und jüngeren Datums  einzuscannen, um Plagiatoren am Computer auf die Schliche zu kommen.

Ob allerdings ein Verdacht ohne die verschlampte Original-Prüfschrift  ausreicht, scheint derzeit ebenso unklar wie die Frage, wer eigentlich in einem solchen Fall wofür die Darlegungs- und Beweislast zu tragen hat.

Der Autor Hermann Horstkotte arbeitet als selbständiger Journalist mit Schwerpunkt Hochschulthemen in Bonn. Er ist zugleich Privatdozent an der Technischen Hochschule Aachen.

 

Mehr auf LTO.de:

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Zitiervorschlag

Hermann Horstkotte, Wissenschaftsplagiat: Wie aus Schlamperei ein Verdachtsfall wird . In: Legal Tribune Online, 15.06.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/3512/ (abgerufen am: 15.12.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 29.12.2016 17:45, Hermann Horstkotte

    Glückliches Ende: Brinkmann bleibt Doktor: http://spd-bad-schwartau.de/doktor-oder-doch-nicht/
    und ist inzwischen Bürgermeister in Bad Schwartau geworden.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 01.01.2017 22:59, Sim

    Sehr geehrter Herr Horstkotte, Sie schreiben 2011 "Ob ein Verdacht ohne die Verschlampte Orginalschrift ausreicht..", Sie erwecken bei mir damit den Eindruck das Sie als Journalist seinerzeit die Option " Im Zweifel für den Angeklagten" in Ihre Überlegungen eine Rolle gespielt haben könnte, diese Aussage nicht " rhetorisch" gemeint ist. Im Parallelfall den wir a.a.O diskutieren liegt die Orginalschrift des Prüfungsverfahrens ja auch nicht vor und die Arbeit steht -legal- zur öffentlichen Diskussion nicht zur Verfügung. Würden Sie den Fall Schubert analog einordnen? Gestatten Sie mir diese Frage, weil in der Berichterstattung zum Fall Schubert wirken Sie eindeutiger positioniert obwohl die Faktenlage dort ebenso diffus ist und der von Ihnen angeführte Link von mir in einer anderen Diskussion angeführt wurde.

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