LPRS-Forum Recht und Medien: PR-Profis, Medienanwälte, Zuckerbrot und Peitsche

von Christopher Hauss

25.04.2012

Über Verdächtige in Strafverfahren berichtet die meinungsschnelle Presse ausführlich, von ihrer Entlastung erfährt das Publikum kaum. Wie Medien in Strafprozessen wirken und was sie bewirken können, war Thema des 7. LPRS-Forums in Leipzig. Allerdings wussten die Zuschauer danach deutlich mehr über das Selbstverständnis von Anwälten und PR-Profis als über Grenzen und Möglichkeiten von Pressearbeit bei Gerichtsverfahren.

Längst haben nicht mehr nur Prominente wie Jörg Kachelmann damit zu kämpfen, in den Medien vorgeführt, selbst nach einem Freispruch medial aber faktisch nicht wieder entlastet zu werden. Auch die Verhaftung eines Unschuldigen im Mordfall Lena hat gezeigt, welch katastrophale Folgen falsche Verdächtigungen und eine zu schnell einberufene Pressekonferenz für Betroffene haben können.

"Wird die Justiz zum Spielball der modernen Mediengesellschaft?" fragte daher das unter anderem mit PR-Profis, Promi-Anwälten und Journalisten besetzte 7. Forum der Leipziger Public Relations Studenten e.V. am vergangenen Freitag. 

Für Rechtsanwalt Ralf Höcker, der unter anderem so prominente Mandanten wie den Wettermoderator Kachelmann vertritt, sind die Frontlinien klar gezogen: "Anwälte sollten die Pressearbeit für ihre Mandanten selbst machen und sie nicht den PR-Leuten überlassen. Wir haben nicht nur das Zuckerbrot, sondern eben auch die Peitsche." Mit Unterlassungserklärungen und einstweiligen Verfügungen könne man die Gegenseite leicht weichklopfen.

Schlacht zwischen PR-Profis und mediengewandten Rechtsanwälten

Pressearbeit erscheint bei ihm eher als Dekoration. Jens Nordlohne sieht das naturgemäß anders. Er ist Kommunikationsberater und spezialisiert auf PR in Rechtssachen: "Wir kämpfen eher mit dem Florett als mit der Keule. Im Mittelpunkt steht der Dialog. Manchmal genügt ein Anruf an der richtigen Stelle und Klagen lösen sich in Luft auf."

Alles beim Alten also? PR von der Venus und der Rechtsanwalt vom Mars? Erst ein Nebensatz von Ralf Höcker zeigt, dass es so einfach nicht ist: "Wichtig ist doch nur, dass bei Gericht nichts anderes kommuniziert wird als in der Öffentlichkeit." So richtig der Satz im ersten Moment klingt, so unsinnig ist er bei näherem Hinsehen.

Podiumsgast Brigitte Koppenhöfer hat sich im Mannesmann-Prozess, dem wohl spektakulärsten Wirtschaftsfall der Nachkriegsgeschichte, einen Namen als unabhängige Richterin gemacht. Im Laufe der Verhandlung wurde sie zudem selbst Ziel der Berichterstattung. "Kein Respekt vor großen Namen", titelte die FAZ und die WELT lobte sie als "Justitias mutige Retterin". Sie gilt als erfahren im Umgang mit der Presse. Und doch sagte sie: "Manchmal habe ich meinen eigenen Prozess in den Medien nicht wiedererkannt." Woran liegt das?

"Manchmal erkenne ich meinen eigenen Prozess in der Zeitung nicht wieder"

Während die Strafjustiz nur in den Kategorien schuldig und nicht schuldig denkt, funktioniert Berichterstattung anders. Hier gibt es deutlich mehr Grautöne als Schwarz und Weiß, mehr Mutmaßungen als handfeste Beweise. Und darauf muss sich letztlich auch die Kommunikation einstellen und vor dem Richter andere Schwerpunkte setzen als vor der Kamera.

Zum ernsten Problem ist das für den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geworden. Er hat sich bei seiner Öffentlichkeitsarbeit auf den renommierten Medienrechtler Gernot Lehr verlassen – und ist damit baden gegangen.

Eine allein auf die rechtlichen Tatsachen zugeschnittene Kommunikation muss Schiffbruch erleiden, weil sie nicht das Interesse von Lesern, Hörern und Zuschauern berücksichtigt, geschweige denn das von Journalisten. Dabei ist es dann nebensächlich, ob die Kommunikation von Mars oder Venus aus geführt wird.

Keine Diskussion über die Verantwortung von PR

Obwohl die jüngste Zeit genügend Negativbeispiele bereit hält, kam die Diskussion über das Ziel von prozessbegleitender PR zu kurz. Das liegt auch daran, dass Strafprozesse vergleichsweise selten geführt werden und damit auch nicht zum Brot- und Butter-Geschäft der PR-Agenturen gehören.

Eine größere Rolle spielen beispielsweise Insolvenzverfahren. "Da geht es dann darum, den Ruf des angeschlagenen Unternehmens zu schützen, damit während der Restrukturierungsmaßnahmen die besten Mitarbeiter nicht weglaufen, die Kreditlinie gestrichen wird oder alle Kunden abspringen", so der PR-Fachmann Nordenlohe. In diesem Bereich sind Medien und PR recht gute Partner, bestätigte auch der FAZ-Journalist Joachim Jahn auf dem Forum. Kein geeigneter Aufhänger für die große Debatte über Recht und Moral von PR.

Wenn allerdings die Strafverfolgungsbehörden mit den Medien enger zusammen arbeiten, als mit Richtern oder dem Anwalt des Beschuldigten, kann das ein rechtsstaatliches Verfahren gefährden. Und hier wäre auch die prozessbegleitende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gefragt, Verantwortung zu übernehmen. Doch diese Debatte steht noch aus.

Der Autor Christopher Hauss ist Jurist und Berater für strategische und politische Kommunikation bei der Berliner Agentur mfm - menschen für medien, die Ministerien, Bundestags- und Landtagsfraktionen, einzelne Politiker in Bund und Ländern sowie Unternehmen und Verbände berät. Er ist Dozent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung (BAköV).

Zitiervorschlag

Christopher Hauss, LPRS-Forum Recht und Medien: PR-Profis, Medienanwälte, Zuckerbrot und Peitsche . In: Legal Tribune Online, 25.04.2012 , https://www.lto.de/persistent/a_id/6076/ (abgerufen am: 26.07.2021 )

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