Strafaussetzung zur Bewährung beantragt: Jakob von Metz­lers Mörder will ent­lassen werden

von Pia Lorenz

09.08.2017

Die Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von Metzler liegt fast 15 Jahre zurück. Der verurteilte Mörder will auf Bewährung frei kommen, obwohl bei seiner Verurteilung die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden war.

 

Es ist 14 Jahre her, dass das Landgericht (LG) Frankfurt den Mann, der damals noch Magnus Gäfgen hieß, schuldig des Mordes an dem 11-jährigen Bankierssohn Jakob von Metzler sprach, ihn zu lebenslanger Haft verurteilte und die besondere Schwere der Schuld feststellte.

Dennoch hat der verurteilte Mörder nun beim LG in Kassel, wo er seine Strafe verbüßt, einen Antrag auf Aussetzung seiner Strafe zur Bewährung gestellt. Diese ist zwar auch bei lebenslanger Freiheitsstrafe nach Ablauf von 15 Jahren möglich, setzt aber voraus, dass nicht die besondere Schwere der Schuld festgestellt worden ist, § 57a Strafgesetzbuch (StGB). Dennoch ist es für den Strafverteidiger Prof. Helmut Pollähne "jetzt der richtige Zeitpunkt, den Antrag zu stellen". Die besondere Schwere der Schuld bedeute normalerweise 15 Jahre plus X. Um heraus zu finden, wie viel das X bei dem verurteilten Mörder Jakob von Metzlers bedeute, müsse dessen Anwalt jetzt den Antrag stellen. "Sonst erfährt er nicht, wie lange er noch mindestens sitzt." 

Der ehemalige Jurastudent hat seinen Geburtsnamen Magnus Gäfgen mit Blick auf seine Resozialisierungschancen nach der Haft inzwischen geändert. Er verbüßt seine Strafe in Kassel, wo die Strafvollstreckungskammer nach Angaben des Gerichts jetzt auf seinen Antrag die Mindestverbüßungsdauer für den inzwischen 42-Jährigen klärt.

Dabei prüft sie, ob der Verurteilte weiter eine Gefährdung für die Gesellschaft ist und voraussichtlich erneut Straftaten von einigem Gewicht begehen wird. Laut Strafverteidiger Udo Vetter aus Düsseldorf gehören dazu psychologische Komponenten wie Aggressionen und kriminelle Energie. Es werde auch geschaut, ob der Täter eine Therapie gemacht, gearbeitet, eine Ausbildung oder ein Studium absolviert hat. Auch Reue oder Einsicht in das eigene Tatverhalten können zugunsten eines Verurteilten berücksichtigt werden.   

Der Mörder, der sich auf die Menschenrechtskonvention berief

Die Tat und das anschließende Strafverfahren gegen Gäfgen, der den elfjährigen Bankierssohn im September 2002 entführt und anschließend ermordet hatte, um von dessen Eltern ein Lösegeld zu erpressen, hatten damals große Aufmerksamkeit in den Medien erregt.

Seine Verurteilung beruhte im Wesentlichen auf einem Geständnis, das Gäfgen in der Hauptverhandlung abgegeben hatte. Zuvor hatte das LG festgestellt, dass die von ihm während seiner polizeilichen Vernehmung gemachten Einlassungen nicht verwertet werden durften, weil die Polizei verbotene Vernehmungsmethoden angewandt, ihm konkret unmittelbaren Zwang angedroht hatte, um ihn dazu zu bringen, den Aufenthaltsort des entführten Jungen zu nennen, von dem die Beamten glaubten, er lebe noch. Der damalige stellvertretende Polizeipräsident Wolfgang Daschner wurde später wegen Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat (§ 357 StGB), der handelnde Hauptkommissar wegen Nötigung im Amt verurteilt. 

Gäfgen zog unterdessen nach seiner Verurteilung durch alle Instanzen. In Deutschland verlor er vor dem Bundesgerichtshof und seine Verfassungsbeschwerde wurde nicht zur Entscheidung angenommen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg stellte zwar einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention fest, bewertete das Verfahren aber im Ganzen als fair. Daraufhin erstritt Gäfgen 3.000 Euro Entschädigung für die erlittene Folter-Androhung

Mit seinem Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens drang er jedoch nicht durch. Der im Ermittlungsverfahren festgestellte Verstoß habe keinen Einfluss auf sein Geständnis in der Hauptverhandlung gehabt, auf dem die Verurteilung im Wesentlichen beruhe, entschied das Oberlandesgericht Frankfurt im Jahr 2012 (Beschl. v. 29.06.2012, Az. 1 Ws 3/12).

pl/LTO-Redaktion

Mit Materialien von dpa

Zitiervorschlag

Pia Lorenz, Strafaussetzung zur Bewährung beantragt: Jakob von Metzlers Mörder will entlassen werden. In: Legal Tribune Online, 09.08.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/23883/ (abgerufen am: 18.08.2017)

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Kommentare
  • 09.08.2017 20:04, Siggy

    Dieser Hurensohn.

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  • 09.08.2017 20:05, Siggy

    Dieser Hurensohn

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  • 09.08.2017 21:44, Justin

    So schnell kommt der nicht raus.
    Die besondere Schwere der Schuld würde festgestellt. Zehn Jahre sitzt der mindestens noch.

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  • 09.08.2017 21:49, Ja und?

    Entsprechende Anträge bekommen Strafvollstreckungskammern jede Woche. Er hat eine besondere Schwere der Schuld im Urteil stehen, also wird es wohl ich auf Anhieb klappen. Wiedervorlage: zwei Jahre.

    Immer diese ollen Kamellen. Das war wann? 1840? Gefühlt jedenfalls. Next!

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  • 10.08.2017 02:44, Erich S

    Er sollte freikommen. Er hat gesessen, sein Studium abgeschlossen, wird diesen Fehler sicher nicht noch mal begehen
    Zweite Chance und gut.

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    • 10.08.2017 07:25, M.D.

      Nach der Urfassung des StGB wäre es die Todesstrafe gewesen. Freundlicherweise wurde das nach dem Krieg durch die lebenslängliche Freiheitsstrafe ersetzt. Die ist dank der Freundlichkeit des BVerfG aber freundlicherweise nicht mehr lebenslang.

      Ich finde, da geht noch was. Wie wäre es mit einer Aussetzung zur Bewährung. Wenn der Täter drei Jahre lang niemanden umbringt, gilt er als vollkommen rehabilitiert und bekommt für seine Willensstärke das Bundesverdienstkreuz.

  • 10.08.2017 10:26, JvG

    Liebe LTO-Redaktion,

    warum stellt ihr Herrn Gäffgen unverfremdet dar? Hierfür gibt es K E I N E N Grund. Auch Straftäter haben ein APR.

    mfG

    JvG

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    • 10.08.2017 10:39, Angela Merkel

      Les den Artikel, dann weißt Du, dass es sich nicht um Gäfgen handelt.

    • 10.08.2017 17:07, Leo

      Ich zumindest sehe nichts im Artikel was klar angibt, wer auf dem Bild zu sehen ist. Eventuell wird es platformabhängig verschieden dargestellt.
      Sollte es sich nich um Gäfken handeln, halte ich das Bild für ungeeignet. Der Artikel befasst sich mit Gäfken, darum nimmt der Leser an, dass es sich um Gäfken handelt. Man hätte zumindest eine Bildunterschrift hinzufügen sollen, die klar angibt, um wen es sich handelt. Besser wäre es aber ein anderes Bild ohne Personen zu nehmen, denn die meisten Leute lesen den Artikel nicht und sehen nur Überschrift und Bild.
      Sollte es sich tatsächlich um Gäfken handeln, sollte man ihn wegen seines Persönlichkeitsrechtes zumindest unkenntlich machen.Das wird oft gemacht, allerdings hat das Bild selbst dann eigentlich keinen Nutzen. Darum kann man dann auch ein anderes ohne Personen nehmen.

    • 11.08.2017 14:42, McSchreck

      Das Bild ist als und zeigt Herrn Gäfgen. Heute heißt er anders und sieht sicher auch anders aus.

  • 10.08.2017 11:27, Tristan H.

    Wem bei der Vorstellung, dieser Mann käme nach 15+ Jahren wieder frei, das Blut kocht, der sollte sich mal mit dem Sinn von Strafe auseinandersetzen. Daran hapert es wohl.
    Die Gesellschaft hat regelmässig kein Interesse daran, selbst Mörder bis an ihr Lebensende in Haft zu halten. Ob in diesem Fall weitere Haft nötig ist, muss das Gericht nun prüfen.
    Wenn der mit ca. 45 Jahren freikommt, kann er vielleicht noch 20 Jahre produktiv arbeiten und Steuereinnahmen generieren, anstatt jährlich den Staat 100.000+ Euro an Haftkosten zu belasten.

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    • 10.08.2017 12:47, Warg

      Naja, wir sprechen hier immerhin von einem Kindsmörder aus Habgier - ein wenig Unverständnis für lediglich 15 Jahre Haft ist da zumindest verständlich.

      produktiv arbeiten? Nach dem Knast-Aufenthalt?
      Würden SIe ihn denn anstellen? Oder soll er selbst eine Kanzlei aufmachen?
      Als Werbebanner schlage ich dann vor "Ich hau Sie spätestens nach 15 Jahren raus, EGAL was Sie getan haben".

      Möge das Gericht über sein Schicksal entscheiden, aber ich denke nach dem von Gäfgen gezeigten Verhalten zahle ich gerne noch ein paar Jahre Haftkosten.

    • 10.08.2017 17:00, Mike M.

      Strafzweck ist auch eine gerechte Tatvergeltung, zudem positive und negative Generalprävention. Sonst nräuchten wir NS-Verbrecher gar nicht mehr zu verfolgen. Jakob von Metzler ist immer noch tot, auch nach 15 Jahren. Die Motive von Magnus G. waren zudem grob eigensüchtig. Welches Signal sendet man aus, wenn jemand wie er so früh freikäme? ... was allerdings nicht passieren wird.

  • 10.08.2017 12:28, Oliver Ermert

    Ich bin grundsätzlich der Meinung, daß Kommentare nicht gelöscht werden sollen. Die Meinungsfreiheit ist schließlich ein hohes Gut. Wenn ein Kommentar aber ausschließlich aus einer Beleidigung besteht wie jener von "Siggy" ("Dieser Hurensohn") sollte man doch die Taste "entf" drücken.

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  • 10.08.2017 12:48, plumpaquatsch

    Also in Hessen ist ja manches möglich. Dort kam auch der Mörder von Sedlmayr nach 16 Jahren vorzeitig frei, obwohl besondere Schuldschwere festgestellt war. Sein Mittäter, der in Bayern einsaß (ohne besondere Schuldschwere) kam erst ein Jahr später frei.

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  • 10.08.2017 14:02, WissMit

    Die Lebenserwartung der Menschen ist gestiegen. Die minimale Einsitzdauer aber nicht. Ich finde, es sollten schon 20 - 25 Jahre sein. Vor allem bei der besonderen Schuldschwere.

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    • 10.08.2017 16:54, Leo

      Die Tatsache, dass Menschen im Durchschnitt länger leben, heißt nicht, dass dadurch 15 Jahre im Gefängnis angenehmer werden. Der hat ein drittel seines Lebens im Gefängnis gesessen. Als er reinkam war Schröder noch Bundeskanzler. Alles was er seit dem erlebt hat, hat sich hinter Gittern abgespielt. Das ist keine Kleinigkeit. Und er wird wahrscheinlich noch eine ganze Weile hinter Gittern sein.

  • 10.08.2017 15:55, ehapas

    Der Sinn von Strafe ist ja durchaus ambivalent zu betrachten (Schutz, Vergeltung, Aufarbeitung, Abschreckung,...). Deshalb haben diejenigen, denen das Blut kocht ggf. sehr wohl den Sinn von Strafe verstanden, Sie hingegen sicher nicht. Welches Interesse die Bevölkerung an diesen Regelungen hat, ist ebenfalls unklar, das entsprechende Regelungen nie von einer Volksabstimmung o.ä. legitimiert wurden. Ich jedenfalls kann nur schwer damit leben, dass jemand der so etwas getan hat, so schnell wieder frei kommen soll (bei durchschnittlicher Lebenserwartung immerhin noch ca 35 Jahre in Freiheit). Und bei 2048 lebenslang verurteilten Straftätern können wir die Kosten sicherlich so gerade eben als Gesellschaft übernehmen. Zumindest tausendmal lieber, als erarbeitete Steuern von diesem "Menschen" Gäfgen...

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  • 10.08.2017 16:51, JvKirchmann

    Die Entscheidung eines Strafgerichts in einem solchen Fall sollte folgende Punkte berücksichtigen:

    Die besondere Schwere der Schuld ergibt sich ja auch unter anderem aus dem schrecklichen Zynismus, mit dem dieser angehende Jurist seinerzeit die Polizei hinters Licht geführt hat. Der vernehmende Polizist hat die Wucht des Rechtsstaates in einer Weise zu spüren bekommen, für die gestandene Verfassungsjuristen nur sehr mühsam eine Art Verständnis aufgebracht haben, das ausschließlich darauf beruhte, dass schon die Androhung von Gewalt in der Vernehmung unterbleiben müsse, um das Vertrauen in den Staat nicht zu schädigen. Dennoch laste ich das Schicksal eines bis dahin offenbar tadellosen Polizisten, der sich hier von der Dramatik des Falles hatte zu den Drohungen hinreißen lassen, letztlich dem Monster Gäfken an.
    Natürlich darf Gäfken alle Register des Rechtsstaates ziehen. Nur: Nachdem er nun einmal unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld wegen einer besonders verabscheuungswürdigen Tat verurteilt worden ist, darf man das Ziehen eben all dieser Register durchaus auch als deutliches Zeichen dafür sehen, dass er offenbar uneinsichtig ist, also auch keine Reue zeigt. Denn Reue bedeutet die Bereitschaft, die Sühne für die eigene Untat auf sich zu nehmen. Der erlaubte Rückschluss: Der Mann ist und bleibt eine Gefahr für die Gesellschaft.
    Ganz wichtig ist mir auch der generalpräventive Aspekt. Wir wissen, dass das Morden schicksalshaft sein kann und selbst die Todesstrafe nicht geeignet ist, abzuschrecken. Aber gar keinen Abschreckungseffekt hat doch die vorzeitige Entlassung dieses Mannes. Gerade die wenigen, welche wie Gäfken das erforderliche kalte Blut besitzen, eine solche Tat zu begehen, könnten sich eben doch angesprochen fühlen. Weil man damit rechnen darf, dass solche Kandidaten tatsächlich erst einmal richtig durchrechnen, wie sie das Risiko, gefasst zu werden, gegen den eventuell zu erzielenden Vorteil abzuwägen.

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    • 10.08.2017 20:01, Oliver Ermert

      Weil er alle "Register des Rechtsstaats" gezogen hat, d. h. von seinen Rechten Gebrauch gemacht hat, fehlt es ihm an Reue und deswegen ist von der besonderen Schwere der Schuld auszugehen? Sie haben das Rechtsstaatsprinzip ja voll verstanden. Gratuliere!

    • 11.08.2017 14:41, McSchreck

      Die Kritik an Ihrem Beitrag würde ich im Hinblick auf die "Formulierung" teilen, in der Sache gebe ich Ihnen aber Recht. Der Mann auf dem Foto, der früher Gäfgen hieß, hat sich in den ersten Jahren - seitdem ist wenig von ihm zu hören - permanent als "Opfer" inszeniert. Wie schlimm, er wurde bedroht....(um das Leben eines Kindes zu retten, dass vermeintlich noch am Leben war, bei Minustemperaturen irgendwo draußen). Und der sich - obwohl sicher Täter - ganz cool verhielt - natürlich wusste er anders als die Polizei, dass er den Jungen schon getötet hatte, er also niemanden mehr retten konnte.

      Dieses Missverhältnis, mit der eigenen Schuld und der minimalen eigenen Belastung durch eine Drohung umzugehen, ist mir extrem negativ aufgefallen.

      Enscheiden wird ein Gericht, vielleicht hat der Mann, der früher Gäfgen hieß und den das alte Foto zeigt, sich ja gebessert. Aber das wäre auch nötig, vorher will ich so einen Typen nicht in Freiheit sehen.

  • 11.08.2017 18:31, Hänschen

    Was kostet Kindesmord? 15 Jahre. Man kann ein Kind umbringen und soll nach 15 Jahren wieder rauskommen??

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