Igor Stravinsky

Opernhäuser statt Gerichtssäle

von Ass. jur. Jürgen SeulVistenkarte

06.04.2011

Igor Stravinsky

Er war Komponist und Kosmopolit, Exilant und Reaktionär. Sein musikalisches Talent brachte den Juristen Igor Stravinsky die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Künstlern wie Cocteau und Picasso, Debussy und Ravel ein. Stravinsky prägte verschiedene Stilrichtungen der modernen Musik, indem er sie entweder formte oder beeinflusste. Er starb am 6. April vor 40 Jahren.

Der am 17. Juni 1882 in Oranienburg bei St. Petersburg geborene Igor Feodorowitsch Stravinsky wuchs in einem künstlerisch ambitionierten großbürgerlichen  Elternhaus auf. Der Vater war als Bassist ein angesehenes Mitglied der kaiserlichen Oper in St. Petersburg. Die Familie war wohlhabend, lebte den Sommer über auf einem eigenen Landgut und verbrachte die Wintermonate in der damaligen russischen Hauptstadt.

Zu den wesentlichen Erziehungszielen der Eltern gehörten Frömmigkeit und gute Leistungen auf dem Gymnasium. Von großer Wichtigkeit zählte daneben die ausgezeichnete musikalische Erziehung des Sohnes. Mit zehn Jahren beschloss Igor anlässlich eines Opernabends, bei dem er Peter Tschaikowsky gesehen hatte, Musiker zu werden; ein Lebenstraum, der zunächst trotz aller Begabung nicht die Zustimmung der Eltern fand.

Verstärkt wurde die Liebe zur Musik durch die bewunderten Auftritte des Vaters in der Oper und durch regelmäßige Besuche von Symphoniekonzerten in der Provinzstadt Samara, wo Igor gelegentlich die Ferien bei einem Onkel verbrachte.

Der Jurastudent Stravinsky

"Weder von meinen Eltern noch von mir", so schreibt Stravinsky in seiner Autobiografie, "wurde zu jener Zeit die Frage meiner inneren Berufung mit klaren Worten erörtert. Aber kann man überhaupt den Weg voraussehen, den die Laufbahn eines Komponisten nehmen wird, mit all dem Zufälligen, was ihr anhaftet? Wie die meisten Menschen ihres Standes trachteten meine Eltern danach, mir die Erziehung zu geben, die es mir ermöglichen sollte, in der Verwaltung oder in irgend einem bürgerlichen Beruf mein Brot zu verdienen. Deshalb wünschten sie, dass ich nach der Reifeprüfung an der Petersburger Universität der Rechte studieren sollte."

Keine wirklich originelle, aber in gewissem Sinne vernünftige Auffassung, die von den Eltern manch anderer Künstlerjuristen (z.B. bei Cézanne oder Schumann) geteilt worden ist. Und so begann Stravinsky 1899 mit dem Jurastudium.

Einen besonderen Reiz konnte er diesem "Vernunftsstudium" nicht abgewinnen.

"Die Jahre", so Stravinsky später, "in denen ich mich meiner Reifeprüfung und dem anschließenden Universitätsstudium widmen musste, waren, wie man sich denken kann, nicht sehr reizvoll für mich, denn meine Interessen lagen auf anderem Gebiet."

In die Zeit der juristischen Studienjahre fiel dann – 1902 – auch jenes Ereignis, das vermutlich das entscheidendste seines Lebens werden sollte: Der Jurastudent Stravinsky verbrachte die sommerlichen Semesterferien mit der Familie zur standesgemäßen Erholung in Deutschland, genauer gesagt: in Bad Wildungen. Von hier aus besuchte er den berühmten russischen Komponisten Nikolaj Rimskij-Korsakow, dessen Sohn er auf der Universität kennen gelernt hatte, in Heidelberg. Hauptbeweggrund des herbeigewünschten Treffens war der Traum von der eigenen großen Komponistenkarriere.

"Insgeheim hatte ich den Plan, mit ihm [Rimskij-Korsakow] über meine innere Berufung zu sprechen. Ich musste ihm meine ersten Versuche vorspielen, doch ach. Er nahm sie nicht so auf, wie ich gehofft hatte. [...] Er sagte, ich solle vor allem weiter Harmonielehre und Kontrapunkt studieren, damit ich lernen möge, das notwendige Handwerk zu beherrschen. [...] Und schließlich fügte er freundlich hinzu, könne ich mich immer an ihn wenden, wenn ich einmal um Rat verlegen sei."

Aufstieg zu einem weltberühmten Komponisten

Folgsam intensivierte Stravinsky in den nächsten Jahren unter fortwährender Mentorschaft und Anleitung von Rimskij-Korsakow seine musikalischen Studien und beendete im Frühjahr 1905 auch erfolgreich sein Jurastudium, ohne sich danach auch nur ansatzweise noch mit der Jurisprudenz zu beschäftigen.

Im "Herbst verlobte ich mich und ich heiratete im Januar 1906. Nach meiner Heirat fuhr ich fort, bei Rimskij-Korsakow studieren."

Bis 1908 war Stravinsky Schüler von Rimskij-Korsakow. Diesem verdankte er auch den Kontakt zum russischen Ballett-Reformer Serge Diaghilew. Für dessen Truppe "Ballets Russes", mit dem Diaghilew ein völlig neues Ballettkonzept mit integraler Tanzkunst, Musik und Bühnenbild zu einem Gesamtkunstwerk formte, steuerte Stravinsky die Ballett-Kompositionen "Der Feuervogel", "Petruschka" und "Das Frühlingsopfer" bei, was ihn bereits vor dem Ersten Weltkrieg weltberühmt werden ließ.

Überliefert ist auch der denkwürdige Skandal der Uraufführung des "Frühlingsopfers" von 1913, dessen Ohrenzeuge Claude Debussy angesichts des Dissonanzenreichtums und der rhythmischen Explosivität wehklagen ließ: "Ich höre nicht mehr!"

Das Leben im Exil

Die politischen Ereignisse wie die Oktoberrevolution und der Zweite Weltkrieg veranlassten Stravinsky zu einem Leben im Exil. So verbrachte er die Zeit zwischen 1915 bis 1920 in der Schweiz, danach bis 1939 in Frankreich. Überliefert ist aus jener Zeit eine kurze Liaison mit der Modeschöpferin Coco Chanel – eine Episode, die 2009 in dem französischen Kinofilm "Coco Chanel & Igor Stravinsky" zu sehen war.

Die letzten Jahrzehnte verbrachte Stravinsky in den USA, deren Staatsbürger er 1946 auch wurde. Der Komponist gilt als Wegbereiter einer innovativen Tonsprache; sein Lebenswerk als Synthese und Spiegel einer Epoche.

Am 6. April 1971 starb Igor Fjodorowitsch Stravinsky in New York. Beerdigt ist er auf dem Friedhof der Toteninsel San Michele bei Venedig.

Der Autor Jürgen Seul lebt als freier Publizist und Redakteur in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er verfasste zahlreiche Publikationen u. a. zum Architektenrecht, Arbeitsrecht sowie zu rechtshistorischen Themen.

 

Mehr auf LTO.de:

Heinrich Heine: Aus den "Memoiren" eines Jurastudenten

Zum Geburtstag von Wassily Kandinsky: Am Anfang war der Heuhaufen

Leo Tolstoi zum Geburtstag: Das Recht als Rechtfertigung von Gewalt

DruckenSendenZitierenKommentieren

Zitiervorschlag

Ass. jur. Jürgen Seul, Igor Stravinsky: Opernhäuser statt Gerichtssäle. In: Legal Tribune ONLINE, 06.04.2011, http://www.lto.de/persistant/a_id/2964/ (abgerufen am 22.05.2012)

Infos zum Zitiervorschlag

Rechtsgebiete




    Es gelten die Datenschutzbestimmungen von Wolters Kluwer Deutschland

    Kommentare

    Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel

    Kommentieren
    22

    Veranstaltungen und Seminare

    22.05.2012 - 23.05.2012, Leipzigheute13. Kongress Neue Verwaltung

    25.05.2012, MainzMainz Media Forum

    11.06.2012 - 13.06.2012, BerlinSummer Academy State Aid

    12.06.2012 - 13.06.2012, BrüsselEnforcement of EU-Animal Welfare Legislation

    14.06.2012 - 16.06.2012, MünchenDeutscher Anwaltstag 2012

    LTO-Quiz

    © Rido - Fotolia.com

    Was die Abkürzung AVB bedeutet, wissen Sie vielleicht noch, auch wenn Sie seit dem Examen das Versicherungsrecht eher ad acta gelegt haben. Aber was ist mit dem Begriff der Moral Hazards? Und wo ist das internationale Versicherungsrecht noch gleich geregelt? Testen Sie hier, ob Sie Ihr Staatsexamen heute noch bestehen würden!

    Die LTO App - jetzt im iTunes Store

    Ihre Meinung

    Hells Angels und Co. im Visier der Länder

    Sollten Rockerclubs mit kriminellen Mitgliedern generell verboten werden?

    Foto: Roberto Pfeil/dapd
    Ja.

    Ein Vereinsverbot wäre dann angemessen.

    Nein.

    Andere Vereine mit kriminellen Mitgliedern werden auch nicht verboten.

    Egal.

    Dazu habe ich keine Meinung.

    Zum Ergebnis

    Artikel der Woche

    Auch vor dem Kadi vorläufig gesiegt
    DFB-Sportgericht bestätigt Fortuna-Aufstieg
    Von: Ass. iur. Johannes Arnhold

    Fortuna Düsseldorf steigt in die Bundesliga auf, Hertha BSC Berlin muss den Gang in Liga 2 antreten. Was auf dem Fußballplatz bereits vergangenen Dienstag entschieden wurde, hat am Montag  auch das DFB-Sportgericht in Frankfurt bestätigt. Obwohl Hertha in Berufung gehen will, wohl eher eine endgültige Entscheidung – auch wenn sie einen Aspekt nicht berücksichtigt, kommentiert Johannes Arnhold.

    mehr

    Rechtsgebiete:

    LTO-Newsletter

    Das Wichtigste im Recht - einmal pro Woche kostenlos mit dem LTO-Redaltionsnewsletter

    Ihre E-Mail-Adresse: