Leo Tolstoi zum Geburtstag: Das Recht als Rechtfertigung von Gewalt

Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi ist nicht nur als Bestsellerautor, sondern auch als Verfasser sozialkritischer Texte weltberühmt geworden. Sein zentrales Anliegen war die Kritik am Staat und dessen Rechtssystem. Der studierte Jurist Tolstoi war ein Vertreter des Rechtsnihilismus, einer Position, welche das Recht kategorisch ablehnt. Am 9. September 1828 wurde Tolstoi geboren.

Tolstoi zählt zu den bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Sein Hauptwerk ist das Epos "Krieg und Frieden" (1865-1869), das als einer der weltbesten Romane aus der historischen, biografischen und Memoirenliteratur hervorging. Damit übte er entscheidenden Einfluss auf die Literaturgattung des historischen Romans aus.

Als Sohn des Grafen und Gutsbesitzers Nikolai Iljitsch Tolstoi wuchs er zunächst auf dem elterlichen Gut Jasnaja Poljana auf. Nach dem frühen Tod der Eltern lebte der dreizehnjährige Tolstoi ab 1841 bei einer Tante in Kazan. 1844 begann er zunächst wenig erfolgreich mit dem Studium orientalischer Sprachen an der Universität Kazan und wechselte schließlich zu den Rechtswissenschaften über. Tolstoi interessierte sich jedoch mehr für das gesellschaftliche Leben in Kazan als für seine Studien und verließ 1847 die Universität ohne Abschluss.

Anschließend betätigte sich der junge Graf auf dem familiären Gut mit dessen Verwaltung. Militärdienst und erste literarische Erfolgen folgten. 1857 unternahm er eine Reise in die Schweiz, nach Frankreich, Italien und Deutschland. In der Zeit von 1860 bis 1861 hielt sich Tolstoi abermals im Ausland auf.

Nach seiner Rückkehr gründete er auf dem Familiensitz eine Schule. Er betätigte sich dabei nicht nur als praktischer Pädagoge im Unterricht für Bauernkinder, sondern verfasste auch unterrichtstheoretische Schriften. 1862 ehelichte er Sophia Andrejevna Behrs, die Tochter eines Moskauer Arztes. In den 60er und 70er Jahren entstanden schließlich die literarischen Werke von Weltruf.

Juristerei als "schädliche und demoralisierende Beschäftigung"

Tolstoi engagierte sich umfassend im sozialen Bereich. Er organisierte Hilfen für Bauern, stand öffentlich für die Gewaltfreiheit in der Politik ein und setzte sich gegen Leibeigenschaft und Todesurteile ein.

Der Schriftsteller verachtete vor allem das russische Rechtssystem. Einem Petersburger Jurastudenten riet er im April 1909, diese "nicht bloß müßige und verdummende, sondern schädliche und demoralisierende Beschäftigung aufzugeben."

In Tolstois Augen stellte das Recht nichts als die Rechtfertigung von Gewalt dar. Es sei in seinen Grundlagen selbst unsittlich und daher auch ungeeignet, der Sittlichkeit dienen zu können.

"Das bürgerliche Recht", so Tolstoi, "ist das Recht der einen auf Bodenbesitz, auf tausend und zehntausend Desjatinen (1 Desjatine = 1,09 Hektar) und auf den Besitz von Arbeitsmitteln; und es ist das Recht derer, die keinen Boden und keine Arbeitsmittel haben, ihre Arbeit und ihr Leben denen, die den Boden und das Kapital beherrschen, zu verkaufen, und dabei vor Not und Hunger zu sterben."

Über das Strafrecht befand er, es sei "das Recht der einen, diejenigen zu verbannen, einzusperren, zu hängen, bei welchen sie es für nötig erachten, dass sie verbannt, eingesperrt, gehängt werden. Für die verbannten, eingesperrten und gehängten Menschen aber ist es das Recht, solange nicht vertrieben, eingesperrt oder aufgehängt zu werden, wie es denjenigen, welche die Möglichkeit haben, es zu tun, nicht als nötig erscheint."

Recht als "institutionalisierte Gewalt"

Als eines der auslösenden Motive für Tolstois nihilistische Haltung gegenüber dem Recht wird ein Vorfall von 1866 betrachtet, als der Schriftsteller in Tula vor Gericht einen Soldaten namens Šabunin verteidigte. Der Angeklagte hatte, nachdem er von einem Offizier schikaniert worden war, diesen in betrunkenem Zustand geschlagen. Auf diesen Angriff auf einen Vorgesetzten stand gemäß russischem Militärstrafrecht die Todesstrafe.

Tolstoj bestritt die Tat von Šabunin nicht, machte jedoch mildernde Umstände geltend und plädierte wegen des betrunkenen Zustandes seines Mandanten auf Unzurechnungsfähigkeit. Dieser Einlassung wurde jedoch nicht gefolgt und Šabunin anschließend zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Das Recht empfand Tolstoi in all seinen Ausprägungen als "institutionalisierte Gewalt", es diente nach seiner Auffassung nur dazu, die Gewaltanwendung der Stärkeren zu rechtfertigen. Auch in seinem Werk wird diese Einstellung sichtbar.

Zum Beispiel in dem 1899 entstandenen Roman "Auferstehung" basiert die Handlung auf einem authentischen Gerichtsfall und thematisiert die Läuterung der Protagonisten durch moralisches Handeln. Ein adliger Gutsherr, als Geschworener bei Gericht, erkennt in einer angeklagten Prostituierten ein von ihm verführtes Mädchen wieder. Er fühlt sich mitschuldig an ihrem Schicksal und bemüht sich erfolglos um eine Urteilsrevision. Er erfährt die ganze Unvollkommenheit des damaligen Rechtssystems und folgt ihr schließlich in Zwangsarbeit und Verbannung.

Die letzten Jahre

Tolstois Werke der 80er und 90er Jahre bekunden seine Entwicklung zu einem Christentum unter rationalistischem und ethischem Blickwinkel, in dem er dennoch mystische Elemente und orthodoxe Traditionen zuließ. Seine kritische Haltung zur traditionellen Kirche führte 1901 schließlich zur Exkommunikation.

Im gleichen Jahr lehnte er den Literatur-Nobelpreis ab.

Leo Tolstois lebenslange Suche nach der richtigen Lebensform kulminierte 1910 darin, dass er seine Frau verließ, da diese nicht bereit war, sich von den gemeinsamen Besitztümern zu trennen. Während dieser Flucht vor dem Familienleben ereilte ihn am 7. November 1910 auf der Bahnstation von Astapovo aufgrund einer Lungenentzündung der Tod.

Zitiervorschlag

Jürgen Seul, Leo Tolstoi zum Geburtstag: Das Recht als Rechtfertigung von Gewalt . In: Legal Tribune Online, 09.09.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1415/ (abgerufen am: 29.11.2022 )

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