OLG Hamm zu Behandlungsfehler: Gynä­ko­loge muss Kind 400.000 Euro zahlen

03.05.2018

Wegen Versäumnissen eines Gynäkologen wurde ein Kind zu spät entbunden und kam mit körperlichen und geistigen Schäden zur Welt. Das OLG Hamm verurteilte den Arzt zu einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 400.000 Euro. 

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm hat entschieden, dass einem Kind, das 2008 aufgrund eines ärztlichen Behandlungsfehlers mit einer schweren Hirnschädigung zur Welt kam, ein Schmerzensgeld in Höhe von 400.000 Euro zusteht (Urt. v. 19.03.2018, Az. 3 U 63/15).

Die Mutter des Klägers ließ sich während ihrer Schwangerschaft von einem Münsterländer Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe untersuchen und behandeln. Ein im November 2008 in der Praxis des Arztes erstelltes CTG (Kardiotokografie, "Wehenschreiber") ergab einen auf eine Sauerstoffunterversorgung des Kindes hinweisenden pathologischen Befund, das Kind hätte demnach schnellstmöglich entbunden werden müssen. Der Arzt nahm das CTG allerdings erst nach ca. 50 Minuten zur Kenntnis und führte dann weitere Untersuchungen zur Überprüfung des Befundes durch. Danach forderte er die Mutter auf, mit ihrem eigenen Auto nach Hause zu fahren, ihre Tasche zu holen und eine Entbindungsklinik in Münster aufzusuchen.

Letztendlich wurde das Kind mit einer Verzögerung von 45 Minuten entbunden und trug schwere körperliche und geistige Schäden davon. Das OLG gab der Klage des Kindes auf Schadensersatz nun überwiegend statt und verurteilte den Arzt insbesondere zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 400.000 Euro.

Verzögerung führte zu Hirnschaden

Der Arzt habe die Mutter in der Gesamtschau grob fehlerhaft behandelt, so der 3. Zivilsenat. Er habe das CTG zu spät zur Kenntnis genommen und hätte die Mutter aufgrund des Hochrisikobefunds der Untersuchungen gegebenenfalls mit Hilfe eines Rettungswagens in eine nahe gelegene Entbindungsklinik einweisen müssen. Außerdem habe der Arzt es versäumt, der Mutter den Ernst der Lage und die Erforderlichkeit, schnellstmöglich ein Krankenhaus aufzusuchen, hinreichend zu verdeutlichen.

Die Verzögerung bei der Entbindung sei jedenfalls mitursächlich für den eingetretenen Hirnschaden, entschied das OLG. Der dem Arzt obliegende Beweis dafür, dass der Hirnschaden auch ohne Behandlungsfehler eingetreten wäre, wurde nicht erbracht.

Der Fall könnte bald auch den Bundesgerichtshof beschäftigen, da der Arzt bereits eine Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt hat.

acr/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

OLG Hamm zu Behandlungsfehler: Gynäkologe muss Kind 400.000 Euro zahlen . In: Legal Tribune Online, 03.05.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28441/ (abgerufen am: 17.07.2018 )

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Kommentare
  • 04.05.2018 01:34, Tüdelütütü

    Körperschaden als Mangelfolgschaden?

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 04.05.2018 09:11, Alice

      Mangelfolgeschaden? Evtl. sollten Sie Kommentare in Zukunft nüchtern und ausgeschlafen verfassen ...

    • 04.05.2018 12:02, Tüdelütütü

      Wieso soll keine Diskussion im Arztrecht über Haftungsbegrenzungen etwa für Mangelfolgeschäden möglich sein? Wer ist bei Arztverträgen Vertragspartner und kann welche Einwände geltend machen? Kann es im Arztrecht haftungsbeschränkungen entsprechend dem Arbeitsrecht geben usw.? So völlig unbestreitbar zwingend klar muss das eventuell gar nicht wirken.

    • 04.05.2018 15:26, FinalJustice

      Weil das nicht der Systematik des Behandlunsvertrags- und Arzthaftungsrechts entspricht. Diese Sachen sind seit langer Zeit recht abschließend ausdiskutiert, da muss man kein (altes) allgemeines Schuldrecht bemühen, das vorwiegend im Kauf- und Werkvertragsrecht zu Hause ist. Arbeitsrechtliche Haftungsbeschränkungen gegenüber dem Patienten konstruieren zu wollen, das liefe dieser Systematik zuwider und hätte zudem keinerlei (rechtsdogmatische) Vorteile.
      I.Ü. liegt zweifelsfrei auch deliktische Haftung vor, zumal der Geschädigte hier so oder so nicht der Vertragspartner ist (wenn man überhaupt von vertraglicher oder quasivertraglicher Haftung ausgehen mag ggü. dem Kind). Medizinrecht ist eben durchaus berechtigter Weise ein eigenes Rechtsgebiet.

  • 04.05.2018 17:19, Tüdelütütü

    Ein Arzt kann einem Patienten als Drittem u.U. teils Einwände wegen Aufwand aus dem Verhältnis zu Krankenhaus, kassenärztlicher Vereinigung, Krankenkasse usw. entgegenhalten, soweit solche mitverantwortlich sein können o.ä.

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