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Trendence-Umfrage: Groß­kanz­leien werden unbe­liebter

von Dr. Anja Hall

24.10.2018

Den Großkanzleien laufen die Bewerber weg – dieses Fazit ziehen die Marktforscher von Trendence in ihrem aktuellen Absolventenbarometer. Unter den zehn beliebtesten Arbeitgeber für Juristen rangieren aber immer noch sechs Law Firms.

Die diesjährige Auflage der Umfrage beruht auf Angaben von 2.200 Jura-Studenten, Referendaren und junge Volljuristen. Das Ergebnis könnte vor allem die Großkanzleien beunruhigen: Weniger als die Hälfte der Nachwuchsjuristen will noch in einer Kanzlei arbeiten, stattdessen werden Anstellungen im Öffentlichen Sektor beliebter. Besonders stark von dieser Entwicklung betroffen seien Großkanzleien aus Frankfurt und Düsseldorf, so das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Trendence. Kleine und mittlere Kanzleien würden dagegen beliebter.

Ein Blick auf das Ranking der zehn beliebtesten Arbeitgeber bestätigt diesen Befund allerdings nicht – zumindest nicht auf den ersten Blick. Am liebsten wollen die Umfrageteilnehmer demnach beim Auswärtigen Amt arbeiten; 20,2 Prozent der Befragten gaben dies an. Auf Platz 2 im Ranking der beliebtesten Arbeitgeber folgt die internationale Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer mit 13,7 Prozent der Nennungen. Die Europäische Kommission (13,3%), das Bundeskriminalamt (13,0 Prozent) und Hengeler Mueller (10,7 Prozent) landen auf den Plätzen 3 bis 5. Die Top 10 komplettieren die Wirtschaftskanzleien Gleiss Lutz, Clifford Chance, Linklaters und CMS sowie der Autobauer BMW.

Bewerber achten vermehrt auf Ethik

Im Vergleich zu einer ähnlichen Trendence-Umfrage im Jahr 2016 jedoch wird offensichtlich, dass die großen Wirtschaftskanzleien in der Gunst der Jung-Juristen massiv verloren haben: Auf die Frage, bei welcher Kanzlei sie sich am ehesten bewerben würden, nannten damals immerhin noch 21 Prozent der Umfrageteilnehmer Freshfields. Auf den Plätzen 2 und 3 folgten vor zwei Jahren CMS mit 17,4 Prozent der Nennungen und Hengeler Mueller mit 14,4 Prozent.

Im "Trendence Graduate Barometer German Law Edition" von 2017 lag Freshfields hinter dem Auswärtigen Amt mit noch immerhin 18,2 Prozent aller Nennungen auf dem zweiten Platz. Es folgten die EU-Kommission und das BKA. Auf den Plätzen 5 bis 10 rangierten Hengeler, Clifford, Linklaters, Gleiss, CMS und Hogan Lovells.

Allein gegenüber dem Vorjahr hat Freshfields damit 4,5 Prozentpunkte verloren – laut Trendence so viel wie kein anderer Arbeitgeber in den vergangenen fünf Jahren. Die Bewerber hätten zunehmend die Unternehmensethik der Kanzlei bemängelt, die vor allem mit polarisierenden Mandaten auffalle, schreiben die Marktforscher. Freshfields steht unter anderem mit der Beratung von Volkswagen im Dieselskandal im Fokus der Öffentlichkeit. Auch die Beratung im Zusammenhang mit den Cum-Ex-Steuertricks zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Die Staatsanwaltschaft ließ deshalb im vergangenen Jahr sogar Kanzleiräume durchsuchen.

Ethische Gründe seien bei der Wahl des Arbeitgebers heute so wichtig wie seit mehr als zehn Jahren nicht, stellten die Marktforscher fest: Drei Viertel aller Nachwuchsjuristen würden die Unternehmensethik bei ihrer Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber berücksichtigen.

Deutsche Kanzleien legen zu

Als "Ausnahme unter den Großkanzleien" nennt die Trendence-Umfrage Noerr. Die Kanzlei schaffte es auf den zwölften Platz im Ranking mit 5,5 Prozent der Nennungen. Nachwuchsjuristen würden die Entwicklungs- und Karriereperspektiven, die Kollegialität und Wertschätzung bei Noerr deutlich besser als noch im vergangenen Jahr bewerten, fanden die Marktforscher heraus. Auch mittelgroße deutsche Kanzleien wie Flick Gocke Schaumburg (Rang 24) und Luther (Rang 27) werden beliebter. Sie hätten die besten Platzierungen seit mindestens zehn Jahren erreicht, heißt es in der Studie weiter.

Trendence hat für das Absolventenbarometer 55.000 Studierende in Deutschland nach ihren Wunscharbeitgebern und Karriereplänen befragt. Die Daten werden dann nach Fächergruppen ausgewertet. Für das Ranking der beliebtesten Arbeitgeber im juristischen Bereich wurden Antworten von 2.200 Nachwuchsjuristen berücksichtigt, die in diesem Jahr an der Studie teilgenommen haben.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Trendence-Umfrage: Großkanzleien werden unbeliebter . In: Legal Tribune Online, 24.10.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/31673/ (abgerufen am: 24.06.2019 )

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