Kanzleigründung Baer Legal: "Wir hätten schon viel früher anfangen sollen"

von Stefan Schmidbauer

03.06.2022

Seit dem 1. April ist Baer Legal am Markt. Schwerpunkte des Beratungsangebotes sind die Sektoren Medien und Entertainment. Wer und was steckt hinter der Neugründung?

Rund zwei Monate ist es her, dass sich Dr. Stephan Bücker und Stefan Räthe zusammengetan und Baer Legal gegründet haben. Die beiden eint eine gemeinsame Vergangenheit bei Baker Tilly. Primäre Zielgruppen der Kanzlei mit Niederlassungen in Köln und München sind Unternehmen und Kreative aus den Branchen Medien und Entertainment.

Gemeinsam mit Laura Maria Remmert, Tabea Wagner, Malin Wnendt und Marlyne Mohr widmen sich die Gründungspartner dem Beratungsbedarf von Mandantinnen und Mandanten auf den Gebieten Corporate/M&A, Venture Capital, Media/Entertainment und des geistigen Eigentums.

Die Lebensläufe von Bücker und Räthe kommen ohne Auffälligkeiten daher: Bücker ist Fachanwalt für gewerblichen Rechtschutz und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. Er gehörte von 2015 bis 2022 Straßer Ventroni Freytag an. Mit Eröffnung der Kölner Niederlassung im Jahr 2020 übernahm der 45-jährige dort die Leitung des Standortes.

Räthe war in den Rechtsabteilungen von goetzpartners und ProSiebenSat.1 tätig und hat unter anderem beratend an den Übernahmen von Stylight und der Jochen Schweizer GmbH durch ProSiebenSat.1 Media mitgewirkt.

Zusammen mit ihrem Team beschäftigen sich der Surfer Bücker und der Downhill-Biker Räthe unter anderem mit den Auswirkungen des Rechtsstreits um ein zweisekündiges Sample aus dem Kraftwerk-Song "Metall auf Metall" oder gehen der Frage nach, welche Konsequenzen sich aus dem Urteil im Prozess um die Urheberrechte des Ed-Sheeran-Songs "Shape of you" ableiten lassen.

Baer Legal will Akzente setzen und unkonventionell sein. Im Austausch mit LTO erklärt Stephan Bücker seine Interpretation des "Wir" in einer Kanzlei und warum ein freier Geist auch in einem Dienstleistungssektor seinen Platz finden kann.

LTO: Baer Legal tritt an, um die klassischen Strukturen des Anwaltsmarktes zu verändern. Was macht für Sie diese klassischen Strukturen aus, was stört Sie daran und welche Möglichkeiten sehen Sie, diese aufzubrechen?

Bücker: Wir sehen hier grundsätzlich zwei grundlegende Strömungen. Entweder: groß, überreguliert, wenig dynamisch und oft auch gegeneinander, oder: klein, chaotisch, unorganisiert, unsichtbar mit Franchise-Vibes, sprich Einzelgänger ohne Korpsgeist.

Was wir damit meinen ist, dass wir zu wenig Wir, zu wenig Team und damit auch zu wenig Kommunikation und Cross-Selling sehen. Wir wissen, dass wir aktuell noch eine kleine und feine Einheit sind. Wir wissen, dass wir eben diese Punkte nicht nur aussprechen müssen, sondern ausleben müssen.

Die Möglichkeiten, die wir haben? Tun! Wir sprechen über Targets und denken bei der Platzierung unserer Angebote in der Wir-Form. Wir formulieren Angebote aus der Bedarfssicht der Mandanten und sehen für den Mandanten keine Holschuld in Sachen Recht, sondern eine Bringschuld von uns.

Wir sind proaktiver Sensibilisierer, ohne dass wir Angst machen und wir wissen: Den Mandanten interessiert nicht, was wir können, sondern was er davon hat, dass wir das können. Bei uns soll von Anfang an jeder am Erfolg partizipieren und jeder soll auch unternehmerisch denken und zum Erfolg beitragen. Zudem sind wir fast 100% digital unterwegs, was die Umwelt und den Geldbeutel, auch der Mandanten, schont.

Im Selbstbild Ihrer Kanzlei dreht sich vieles um die Freiheit. Es fällt auch der Begriff "Freigeister". Wie frei kann der Geist sein, wenn der Job es verlangt, fremde Interessen zu vertreten?

Wir sind nicht nur Freigeister, sondern auch Dienstleister. Es geht ja nicht darum, die eigene Freiheit über das Mandantenbedürfnis zu stellen, sondern unsere Freiheit orientiert sich am 'Wie'. Wir sehen in der Akzeptanz unserer Umsetzungsfreiheit auch die Grundlage für Erfolg in Sachen Diversität. Für uns ist Freiheit, die Freiheit des Andersdenkenden, wie Rosa Luxemburg so trefflich formulierte. Und wir setzen auf Vertrauen. Im Mandantenverhältnis ist uns klar, dass Vertrauen die Voraussetzung ist, um frei im Mandat zu arbeiten.

Baer Legal legt Wert auf Werte, Sie setzen auf Integrität und Transparenz. Was passiert, wenn ein Mandat nicht mit diesen Werten in Einklang zu bringen ist und waren Sie schon an diesem Punkt?

Nein, zum Glück waren wir noch nicht an diesem Punkt. Und, wenn ein Mandant nicht in unsere Wertewelt passt, kann er nicht unser Mandant sein.

Potenzielle Mitarbeitende lockt Baer Legal mit dem Versprechen, eine "menschliche und moderne Form des Arbeitens zu ermöglichen". Das klingt gut, aber gleichzeitig nach einer Selbstverständlichkeit. Was läuft in Ihrer Kanzlei konkret anders als bei den Wettbewerbern?

Wir sind mehr als Kollegen. Wir gehen verantwortungsvoll und freundschaftlich miteinander um. Wir brauchen keine hierarchischen Zwischenböden, sondern funktionieren als Team. Diesen Spirit spüren die Mitarbeitenden schnell. Wir denken nicht in "Gefällen". Konkret bedeutet das, dass wir uns einfach mögen. Sympathie macht vieles leichter – auch zum Beispiel mal kritisch zu diskutieren. Und klar, eigentlich klingt es wie eine Selbstverständlichkeit, aber erlebt haben wir es alle schon anders.

Wir leben unsere Wertewelten, halten Kontakt zum Mitarbeitenden und nehmen gern auch Anteil am Leben unserer Leute. Mit uns kann man sprechen und das sagen wir nicht nur, sondern das spüren unserer Mitarbeitenden jeden Tag. Jedes Team-Mitglied hat die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und Anregungen und Wünsche zu äußern. Diese werden dann in unseren wöchentlichem Jour Fixe unter allen besprochen. Darüber hinaus gibt es keine fixe Office-Zeit – auch keine versteckte. Wenn Arbeit da ist, wird sie verteilt und erledigt. Wenn keine da ist, kann man mittags auch an den See fahren.

Gab es in den ersten Wochen seit dem Start einen Moment in dem Sie darüber nachgedacht haben, einen Rückfahrschein zu lösen?

Nein, eher im Gegenteil. Wir hätten schon viel früher anfangen sollen. Das Feedback ist bisher überwältigend. Wir werden sehr gut wahrgenommen und bekommen aus dem Markt immer mehr Mandatsanfragen. Das ehrt uns und führt auch dazu, dass wir weiterhin Team-Mitglieder suchen, die gemeinsam mit uns was erschaffen wollen. Natürlich bekommt wohl jeder, der so einen Schritt geht, auch irgendwann mal Respekt vor dem, was er dann angestoßen hat.

Aber ganz ehrlich? Was kann passieren? Wir haben alles optimal vorbereitet, wir kennen uns als Partner schon lange und sind uns verbunden, haben uns Gedanken im Bereich Business Development und Wirtschaftlichkeit gemacht, haben Mandate und hervorragende Mitarbeitende. Aber natürlich gibt es Herausforderungen, denn der Bedarf ist hoch und auch wir suchen Leute in allen möglichen Bereichen und sich innerhalb der Kanzlei echten Managementaufgaben zu widmen, ist auch ein Prozess. Aber über einen Rückfahrschein haben wir nicht nachgedacht, nein.

Beteiligte Kanzleien

Zitiervorschlag

Kanzleigründung Baer Legal: "Wir hätten schon viel früher anfangen sollen" . In: Legal Tribune Online, 03.06.2022 , https://www.lto.de/persistent/a_id/48634/ (abgerufen am: 04.12.2022 )

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