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Der Fall Kachelmann: Lügen-Haft?

von Prof. Dr. Matthias Jahn

29.07.2010

Das OLG Karlsruhe hat eine Fortdauer der Untersuchungshaft des Wettermoderators Jörg Kachelmann abgelehnt. Was aber sind die Maßstäbe für die Beantwortung der zentralen Frage nach der Glaubhaftigkeit der Angaben jener Opferzeugin, die Sabine W. genannt wird? Prof. Dr. Matthias Jahn zeigt, dass die Juristen hier viel von der Aussagepsychologie gelernt haben.

Während der zuständige 3. Strafsenat des Karlsruher Oberlandesgerichts (OLG) darüber befand, ob gegen Jörg Kachelmann ein dringender Tatverdacht vorliegt, werden sich die drei Richter vielleicht an ihre juristische Ausbildung zurückerinnert haben.

Franz von Liszt, einer der berühmtesten deutschen Kriminalwissenschaftler, inszenierte im Jahr 1901 ein legendäres Hörsaalexperiment, das auch heute noch in Vorlesungen zum Strafprozessrecht nachgespielt wird. Nach einem fingierten Revolverattentat zwischen zwei hitzköpfigen Diskussionsteilnehmern wurden die Studenten und Rechtsreferendare zu dem Vorfall als Zeugen befragt. Das Ergebnis war vernichtend, die Erinnerung in einzelnen Punkten bei jedem zweiten der Anwesenden grob falsch.

Das Ergebnis: Die fehlerlose Erinnerung des Zeugen ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. "Redlich, aber falsch", diese unter Juristen bekannte Losung kündet von der Fragwürdigkeit des Zeugenbeweises – in dem Münchener Strafverfahren um den Tod von Dominik Brunner an der S-Bahn Station Solln gibt es dazu derzeit reiches Anschauungsmaterial. Für den Beschuldigten verschärft sich die Lage nochmals, wenn in der Situation „Aussage gegen Aussage“ nicht nur die Redlichkeit, sondern sogar der Realitätsgehalt der Belastungsmomente zum Thema wird.

Leichen im Keller und verlassene Ex-Freundinnen – Glaubwürdigkeit ist nur ein Indiz

Der Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen müssen aber bei ansonsten schwieriger Beweislage gerade in streitigen Fällen wie in der Sache Kachelmann nachvollziehbare Kriterien zugrundeliegen. Dabei ist zunächst begrifflich zu unterscheiden zwischen der Glaubwürdigkeit einer Person, also einem Persönlichkeitsmerkmal, und der Glaubhaftigkeit einer Aussage als solcher.

Ist prozessentscheidend, ob die Aussage eines Zeugen glaubhaft ist, kann sich das Gericht spätestens in der Hauptverhandlung eines Sachverständigen bedienen. Gegenstand von dessen aussagepsychologischer Begutachtung ist aber nicht die Frage nach der allgemeinen Glaubwürdigkeit des Untersuchten im Sinne einer Eigenschaft der Person. Es geht vielmehr nur um die Beurteilung, ob auf ein bestimmtes Geschehen bezogene Angaben tatsächlichem Erleben entsprechen.

Die Glaubwürdigkeit eines Zeugen ist demnach nur ein Indiz für die Glaubhaftigkeit seiner Aussage. Ans Licht gezerrte Episoden aus dem Lebensumfeld von Opferzeugen sind daher für die juristische Beurteilung zunächst einmal ebenso irrelevant wie laienpsychologische Ferndiagnosen über die durchschnittliche Belastungstendenz der Angaben verlassener Freundinnen.

Juristen und Psychowissenschaften

Was zählt, sind vielmehr methodische Mindeststandards, die der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Grundsatzurteil bereits vor mehr als einem Jahrzehnt festgelegt hat. Damals ging es um ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern (BGHSt 45, 164).

Geboten ist die Hinzuziehung eines psychologischen oder psychiatrischen Sachverständigen demnach jedenfalls im Hauptverfahren – im Fall Kachelmann also wohl ab September vor dem Landgericht Mannheim – dann, wenn der Sachverhalt Zweifel am Ausreichen der Sachkunde des Gerichts weckt.

Psychologen werden daher insbesondere dann herangezogen, wenn die Glaubhaftigkeit der Aussage des einzigen Belastungszeugen zu beurteilen ist, ohne dass weitere Sachbeweise existieren, die Frage von Freispruch oder Verurteilung also allein auf dieser Aussage beantwortet werden muss. Ebenso kann ein Sachverständiger zu beauftragen sein, wenn Aussagemotive wie Rache nicht von vornherein ausgeschlossen werden können und auch dann, wenn bei Sexualstraftaten der entgegenstehende Wille der Geschädigten in Frage gestellt wird.

Selten genug, aber im Fall der Zeugin Sabine W. dürften wohl alle drei Motive nicht sofort von der Hand zu weisen sein. Das erklärt die bislang über die Medien unter reger Beteiligung der Verteidigung von Jörg Kachelmann geführte Gutachterschlacht, die in der Hauptverhandlung ihre Fortsetzung finden dürfte.

Die Nullhypothese, Realitätskriterien und Lügensignale

Das Grundprinzip des Psychogutachtens besteht darin, die Glaubhaftigkeit der spezifischen Aussage so lange zu verneinen, bis das Ergebnis mit den Fakten des Falles nicht mehr vereinbar ist.

Der Sachverständige nimmt daher zu Beginn der Begutachtung zunächst an, die Aussage sei unwahr. Der BGH bezeichnet dies als die Nullhypothese. Um in diesem Verfahren die Qualität von Angaben überprüfen zu können, haben sich in der Aussagepsychologie zwei Hauptkriterien etabliert. Kriterien für den Realitätsgehalt einer Zeugenaussage sind zum Beispiel die Konkretheit und Anschaulichkeit der Schilderungen, ihr Detailreichtum, die Schilderung unerwarteter Komplikationen, das Fehlen von Klischees und Stereotypen sowie für den Fall, dass mehrere Aussagen vorliegen, Übereinstimmungen, Widersprüche, Ergänzungen und Auslassungen.

Eine bewusst lügende Person konstruiert ihre Aussage hingegen aus gespeichertem Allgemeinwissen. Da dies eine schwierige Aufgabe ist, gibt es auch dafür Indizien. Klassische Lügensignale sind etwa Verlegenheit und Zurückhaltung des Aussagenden bis hin zu Verweigerungs- oder Fluchttendenzen (übrigens auch in der Körpersprache). Auch das so genannte Vorwegverteidigungs- ("Wenn Sie mir vorwerfen würden, dass ich ...") und das Entrüstungssymptom ("Eine Unverschämtheit, mir zu unterstellen, dass ich ...") sprechen dafür, dass eine Person bewusst die Unwahrheit sagt. Schließlich können auch die Kargheit, die Abstraktheit und die Detailarmut einer Darstellung ein Indiz für eine Lüge sein.

Genügt ein Gutachten den methodischen Standards des BGH, kann es das Tatgericht seiner Beweiswürdigung zugrundelegen, wenn es ihm inhaltlich folgen möchte. Bei sich widersprechenden Stellungnahmen der Sachverständigen kann aber auch die Einholung eines klärenden "Obergutachtens" erforderlich werden – der Einzelfall entscheidet.

Keine voreiligen Schlüsse!

Allerdings ist bei allen Schlussfolgerungen Vorsicht geboten: Sowohl bei Realitätskriterien als auch bei Lügensignalen handelt es sich nur um Indikatoren mit für sich genommen nur wenig über dem Zufallsniveau liegender Bedeutung.

Deshalb ist es auch wenig erhellend, wenn sich in den Medien aus den im Fall Kachelmann vorgelegten Gutachten aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und Faktenschnipsel finden.

Nicht ein einzelnes Kriterium ist am Ende entscheidend für Freispruch oder Verurteilung von Jörg Kachelmann. Das Gericht muss und wird vielmehr eine Gesamtwürdigung vornehmen, die sich auf alle Informationen aus den Gutachten, die Meinungen der Sachverständigen und nicht zuletzt seine eigenen Eindrücke vom Realitätsgehalt der Aussage der Belastungszeugin stützen wird. Es ist, trotz allen sachverständigen Streits, am Ende immer noch der Richter, der die Verantwortung für das Urteil trägt.

Der Autor Prof. Dr. Matthias Jahn ist Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Wirtschaftsstrafrecht und Leiter der Forschungsstelle für Recht und Praxis der Strafverteidigung (RuPS) der Universität Erlangen. Er ist selbst im Nebenamt Richter am Oberlandesgericht Nürnberg .

Zitiervorschlag

Matthias Jahn, Der Fall Kachelmann: Lügen-Haft? . In: Legal Tribune Online, 29.07.2010 , https://www.lto.de/persistent/a_id/1087/ (abgerufen am: 05.12.2019 )

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Kommentare
  • 01.08.2010 19:33, Redaktion Legal Tribune ONLINE

    Ist es nicht neben allen gutachterlichen Einlassungen urteilsrelevant, bei einem verheirateten Angeklagten, der jahrelang mehrere intime Sexualverhältnisse ohne Wissen der Partnerinnen nebeneinander führte, von einem hohen Potential an - eingeübter - persönlicher Unglaubwürdigkeit auszugehen? Muss nicht hier die im Lebensstil ausgedrückte Unglaubwürdigkeit mehr Berücksichtigung finden als verteidigende Selbstdarstellungen? Ist da nicht die Tatbezogenheit einer Würdigung eines ausschnitthaften Verhaltens eine viel zu enge juristische Sichtweise? Wenn ihm strafprozessual auch noch hinsichtlich seiner Verteidigung die Lüge ausdrücklich zugestanden wird, kann man ihm dann auch nur noch die Hälfte seiner diesbezüglichen Einlassungen glauben?

  • 02.08.2010 22:18, Eva Maria Neugebauer

    Das halte ich für fragwürdig bis falsch.
    Eine Person die lügt - hat in 1. Linie Ziele.
    Sie lügt mit jedem Satz und behäuft ihr Zielobjekt
    mit An-Beschuldigungen, Unterstellungen, Dummheiten,
    Frechheiten ...diesem wiederum ist das alles zu dumm
    und hält sich zurück ...was ihn vor Gericht zum
    Schuldigen macht.
    Andererseits - käme mir das Gericht mit haarsträubenden Unsinn - was anderes sollte ich
    eigentlich antworten oder wie entgegnen ...
    verärgert wie ich bin als: "Das ist eine Unverschämtheit mir zu unterstellen das ..."
    ALLE LESER dieses Artikels "WISSEN" nun genau
    daß ich es bin die lügt. Eigentlich war es das
    Gegenteil und genau anders herum.
    ICH DENKE AUCH NICHT DAS MAN ÜBERHAUPT SO VERFAHREN KANN ... So funktioniert das nicht!
    In so einem Fall ala "Wetterfrosch" beruft man sofort eine Verhandlung ein und setzt die 2 an einen
    Tisch ...lässt sie reden ...die Beiden ...
    und behält als Gericht zunächst mal nur die Diskussionsleitung.
    (Ich erkenne ob jemand lügt am Tonfall ...
    auch daran wie ich mich selber fühle ...)
    Dagegen hätte doch gar nichts gesprochen.
    Ich las zu keinem Zeitpunkt - das jemand z.B
    im Koma liegen würde - sonstige schwere Verletzungen
    hätte die erst noch behandelt werden müssten und die
    zu Folgeschäden führten oder ähnliches ...
    Sehr viel gekonnter als die Beteiligten Personen
    lügen Gerichtsgutachter - Richter FREIE ERFINDER ..
    und später sog. "Betreuer" und ähnliches ...
    die werfen da mit ihren Begriffen §§ Artikeln um sich so daß Jeder der will daraus ganze Bibliotheken
    weiter erfinden kann in Variationen ...
    Bleibt zu hoffen und zu wünschen das die Juristen
    in dem Fall einigermassen seriös sind und ihr Handwerk verstehen ...
    LÜGNERN kommt man NUR mit Konzentration und eigenem guten Gedächtnis auf die Spur ... man muss sie permanent festlegen ...

    Und sollte irgend Jemand sagen:
    Diese Person ist doch völlig unbekannt - wildfremd -
    kann gar nichts sagen - mit der hatte ich nie was zu tun ...
    DANN VEREHRTE JURISTEN GLAUBEN SIE ES UM GOTTES WILLEN- GEHEN SIE DEM NACH - ÜBERPRÜFEN SIE DAS
    UND HALTEN SICH DARAN -
    anstatt da ewig herum zu spinnen und sich zum Spielball von Idioten machen zu lassen ...
    was dann irgendwann zu dem Gedanken führt: Gerichte können auch ganz geschlossen werden.

    Was die Glaubwürdigkeit von Zeugen anbelangt ...
    Ich weiss nicht wieviele Jahre/Jahrzehnte die Fahrschulen im Unterricht den Fall: Zeugenaussagen
    nach einem Unfall oder Fahrerflucht zum Besten gaben. So konsterniert wie sich Juristen heutzutage
    hinstellen - machen das die Fahrschulen anscheinend
    nicht mehr. - Das von Zeugen u. U. überhaupt nichts
    kommt - wusste man in D. bis zu den 80ern.
    DA SCHLIMME IST
    das von den MEISTEN MENSCHEN im ganzen Leben fast
    überhaupt nichts kommt - NIE
    was die Frage stellt: WER IST DENN EIGENTLICH IM ERNSTFALL FÜR DIE WAHRHEITSFINDUNG ZUSTÄNDIG?
    Wenn nicht die Juristen ...
    Wenn die aber nicht mal Frage/sonstige Arbeitstechniken drauf haben ...wie ich es in 2 Ländern beobachte seit 1990/91
    dann: Eben nie!
    Wenn aber pro Jahr 22.000 Unschuldige ins Gefängnis kommen - die Dunkelziffer dürfte doppelt so hoch sein - jener die nicht als Unschuldige erkannt werden - die werden dann entlassen sind bereits Mobbingopfer und Opfer von Denunzianten kommen sofort wieder rein usw...
    das selbe gilt für die Psychiatrien ...
    ist doch die Frage gestattet: Ob die Schäden mit und durch die Juristen nicht größer sind als ohne!
    ><

  • 02.08.2010 22:29, Eva Maria Neugebauer

    Außer einem Kratzer am Hals -
    der auch von einem "Daumennagel" sein könnte -
    las ich nichts an Körperverletzung.
    Es geht also um verletzte Eitelkeit -
    in einer Paarbeziehung ...
    in der die Paare ja schon öfter zusammen beigewohnt hatten ...Jahre ...
    Aber: Hr. K. wird behandelt ... eh .. wie ...
    als hätte er das extremst mögliche getan -
    verbrochen ...
    Es kommt mir nicht zu hier "Geringfügigkeit" ins
    Spiel zu bringen ...oder die Frage nach der "Unschuldsvermutung"
    nur wie sich Juristen an Fällen hochziehen - die
    überhaupt nichts hergeben ..DAS IST SEHR AUFFÄLLIG
    und klar: Alles Andere wäre ja Arbeit ...
    und Arbeiten wollen wir ja nicht ...
    Frei zu erfinden - Gutachter zu beauftragen -
    jemd. ins Gefängnis zu stecken - damit hat man ja
    schon mal was getan ...das wirkt alles beeindruckend
    - toll aufgebauscht - ich vermute mal die übliche
    LUFTblase der NICHTS als Extremisten ...oder:
    "Aus jeder Mücke einen Elefanten machen!"

  • 04.08.2010 23:36, Lutz Petermann

    Hallo Frau Neugebauer,
    Ihre Schreibe ist nicht nur stilmäßig eine Zumutung sondern auch inhaltlich. Ich weiß natürlich nicht, welche berufliche Qualifikation Sie haben. Ich muss allerdings vermuten, dass diese mit Recht (jus) nichts zu tun hat. In meiner 33-jährigen Praxis als Anwalt/Strafverteidiger habe ich noch keinen Fall erlebt, in dem jemand zu unrecht verurteilt wurde, dagegen unzählige, in denen ein Schuldiger nach dem Rechtssatz in dubio pro reo freigesprochen wurde. Ihre Horrorzahlen sind frei erfunden. Wenn es zu Fehlurteilen in Eizelfällen kommt, sind diese der meschlichen Fehlbarkeit zuzuschreiben, müssen deshalb hingenommen werden.
    Lutz