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Katastrophen-Vorbereitungen: Kann die Apo­ka­lypse kommen?

Gastbeitrag von Nico Kuhlmann

09.05.2020

Klimawandel, Atomkrieg oder Pandemien - Nico Kuhlmann zeigt Vorbereitungen für die Zeit nach einer globalen Katastrophe. Unter den deutschen Kulturgütern für eine neue Welt findet sich auch das Grundgesetz.

Der Schutz der Zivilbevölkerung in Deutschland ist in erster Linie präventiv ausgestaltet. Katastrophen sollen verhindert werden. Wenn sie doch einmal eintreten, dann sollen alle Betroffenen auf die kurzfristig auftretenden Probleme vorbereitet sein.

Die Rechtsgrundlage dafür bildet in Deutschland neben dem aktuell sehr relevanten Infektionsschutzgesetz (IfSG) vor allem das Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG). Auf der Grundlage dieses Gesetzes arbeitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Das BBK gibt beispielsweise den Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen heraus. Zu diesem Ratgeber gehört unter anderem eine Checkliste mit Angaben dazu, wie viel Wasser und Lebensmittel jeder Bundesbürger zu Hause haben sollte und welche Gegenstände für den Fall eines Stromausfalls griffbereit liegen sollten.

Aber was passiert, wenn mal wirklich eine globale Katastrophe mit apokalyptischen Folgen eintreten sollte? Also nicht nur eine regionale Jahrhundertflut, ein nationaler Stromausfall oder Versorgungsengpässe für bestimmte Nahrungsmittel. Welche Vorbereitungen und Maßnahmen sind getroffen worden, um langfristig die intellektuellen und sonstigen menschlichen Errungenschaften zu sichern und nach einer Katastrophe zivilisatorischen Ausmaßes unsere Gesellschaft wieder aufzubauen und zu versorgen?

Robert Harris, der zweite Schlaf und der Teufelsstuhl

Im aktuellen Buch von Robert Harris, dem Autor von Vaterland, Enigma und der Cicero-Trilogie,  ist genau dieses Szenario eingetreten. Aufgrund einer bereits länger zurückliegenden globalen Katastrophe hat unsere Zivilisation mit allen technologischen Errungenschaften in "Der zweite Schlaf" aufgehört zu existieren. Die stark dezimierte Menschheit lebt wieder wie im Mittelalter vor dem Beginn der industriellen Revolution. Kein Strom, kein fließend Wasser und natürlich auch kein Internet mit all den Annehmlichkeiten und Nachschlagemöglichkeiten. Ein Großteil des Wissens ist verloren gegangen.

Der Leser erfährt nicht, welche Katastrophe die Menschheit heimgesucht hat. Der Protagonist des Buches, ein junger Priester in England, findet im Laufe der Geschichte lediglich einen Brief aus dem Jahr 2022, in dem drohende Katastrophenszenarien durchgespielt werden, vom Klimawandel über Atom- oder Cyberkrieg bis hin zu Pandemien. Das Buch erschien im Übrigen im September 2019 - also vor der gegenwärtigen Corona-Krise.

Dann verdichten sich im Buch die Hinweise, dass in einem Wald eine unterirdische Anlage aus der Zeit vor der Katastrophe existiert. In dieser Anlage könnten nach den vorhandenen Indizien Gegenstände eingelagert worden sein, die nun äußerst hilfreich wären. Was sich dort genau befinden soll, weiß man zwar nicht, aber allen Eingeweihten ist klar: Ausgraben um jeden Preis.

Das Buch ist eine Fiktion, aber auch in der Realität sind Vorbereitungen für den Fall der Fälle getroffen worden. Zwei Beispiele sind der Barbarastollen in Deutschland und ein Saatgut-Bunker im tiefgekühlten Norwegen.

Der Schutz der Kultur: Der Barbarastollen

Um Dokumente mit hoher national- oder kulturhistorischer Bedeutung zu schützen, betreibt die Bundesrepublik Deutschland seit dem kalten Krieg in der Nähe von Freiburg im Breisgau in 400 Meter Tiefe einen Kulturbunker: den Barbarastollen. Dieser ehemalige Versorgungsstollen wird vom BKK verwaltet und  ist mittlerweile das größte Archiv zur Langzeitarchivierung In Europa.

Im Barbarastollen werden nicht die Originaldokumente, sondern lediglich sogenannte Sicherungsfilme eingelagert. Dabei handelt es sich um Kopien der Dokumente auf Mikrofilm. Mikrofilme sind nicht nur verhältnismäßig lange haltbar, sondern können im Notfall auch mit dem bloßen Auge ausgelesen werden. Hilfreich ist lediglich ein wenig Licht und eine Lupe. Ein spezielles technisches Lese- oder Abspielgerät ist im Gegensatz zu digitalen Formaten aber gerade nicht erforderlich.

Diese Sicherungsfilme werden nach den rechtlichen Vorgaben der "Grundsätze zur Durchführung der Sicherungsverfilmung von Archivalien" (TA SiVerf) aus dem Jahr 1987 hergestellt. Die Bundesländer sind nach Art. 2 dieser Grundsätze für die Auswahl zuständig - Kultur ist in Deutschland eben Ländersache. Ausgewählt werden sollen nach Art. 3 dieser Grundsätze Bestände mit überregionaler Bedeutung. Ansonsten soll die Auswahl einen repräsentativen Querschnitt in zeitlicher, regionaler und sachlicher Hinsicht anstreben. Der Ermessensspielraum bei der Auswahl ist dementsprechend groß.

Ein Endlager, auch für deutsche Rechtsgeschichte

Die nach diesen Grundsätzen hergestellten Sicherungsfilme werden dann bei einem staub- und schadstofffreien Mikroklima und bei kontrollierter Luftfeuchtigkeit in luftdichte Edelstahlbehälter eingelassen. Jeder einzelne der mittlerweile über 2.000 Behälter enthält über 20 Km Filmmaterial und auf jedem einzelnen Meter Film sind durchschnittlich über 30 Aufnahmen. Auf diese Weise wurden bisher über 32.000 km Kilometer Mikrofilm hergestellt und eingelagert. Das entspricht bereits jetzt über einer Milliarde Filmaufnahmen. Unter den beschriebenen Bedingungen sollen diese Sicherungsfilme für mindestens 500 Jahre ohne Informationsverlust lagerfähig sein.

Beispiele verfilmter Dokumente sind neben unzähligen Gerichts- und Verwaltungsakten beispielsweise der Vertragstext des Westfälischen Friedens, die "Goldene Bulle" und die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. gegen Martin Luther. Aber auch die Baupläne des Kölner Doms, Handschriften von Johann Sebastian Bach oder ein Spielplan der Bayreuther Festspiele sind archiviert. Am Tag der Deutschen Einheit im Jahr 2016 wurden zudem das Grundgesetz und der vollständige Satz der dazugehörigen Akten eingelagert. Zu den gesicherten Dokumenten gehört unter anderem die erste Fassung des Grundgesetzes mit den Unterschriften der Mitglieder des Parlamentarischen Rates unter dem Vorsitz von Konrad Adenauer. Der gesamte Dokumentensatz mit allen Akten umfasst zirka 30.000 Seiten. Der Barbarastollen ist somit auch eine Art Endlager für deutsche Rechtsgeschichte.

Seit dem Jahr 1978 unterliegt der Barbarastollen als bisher einziges Objekt in Deutschland auch dem Sonderschutz des Art. 8 der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954. Die Vertragsparteien der Konvention verpflichten sich, die Immunität dieser Kulturgüter zu gewährleisten, indem sie sich jeder feindseligen Handlung gegen diese Güter enthalten.

Der Schutz der Pflanzenvielfalt: Der Saatgut-Bunker auf Svalbard

Der Svalbard Global Seed Vault ist demgegenüber ein Projekt zur langfristigen Einlagerung von Saatgut zum Erhalt und dem Schutz der Artenvielfalt von Nutzpflanzen. Dieser Saatgut-Bunker befindet sich in Norwegen auf der Insel Spitzbergen.

Im Jahr 2001 wurde der völkerrechtliche Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGRFA) abgeschlossen. Der Vertrag fordert die Errichtung eines multilateralen Systems für pflanzengenetische Ressourcen. Im Anschluss an diesen Vertrag wurde der Plan zum Saatgut-Bunker gefasst und umgesetzt.

In diesem weltweit größten Speicher für Saatgut werden seit 2007 nach und nach Samen der zur Ernährung wichtigen Nutzpflanzenarten wie Reis, Mais, Weizen und Kartoffeln eingelagert. Mehrere Millionen Samenproben sollen am Ende eingelagert werden. Nach einem Katastrophenfall kann dieses Saatgut dann wieder ausgeliefert und nachgezüchtet werden.

Nationale und internationale Saatgutbanken liefern das hier einzulagernde Saatgut, das aber im Eigentum des Lieferanten bleibt. Das Saatgut wird nur im Auftrag des Eigentümers entnommen, wenn das Saatgut vor Ort verloren gegangen ist. Die Saatgut-Lieferanten zahlen für die Speicherung im Übrigen nichts, die entstehenden Kosten trägt der norwegische Staat.

Das Saatgut wird gekühlt gelagert. Sollte das Kühlsystem einmal ausfallen, soll der Permafrostboden auf Spitzbergen dafür sorgen, dass die Temperatur nicht zu einem kritischen Punkt ansteigt. Dadurch liegt die Haltbarkeit beispielsweise bei Erbsensamen bei über 10.000 Jahren. Die Haltbarkeit anderer Samen ist zwar teilweise viel geringer, aber gealterte Samen werden regelmäßig ausgetauscht.

Die Illusion der Unverwundbarkeit

Im Buch von Robert Harris finden die Protagonisten im Endeffekt mit viel Geschick die gesuchte Anlage und trotz diverser Hindernisse und mit einfachsten Mitteln gelingt es ihnen, in das Innere vorzudringen. Was dort vorgefunden wird, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber doch so viel: Es war natürlich nicht das, womit alle rechnen.

In der Realität gehen vermutlich die meisten davon aus, dass der Barbarastollen und der Saatgut-Bunker reine Vorsichtsmaßnahmen bleiben, deren Existenz zwar irgendwie Sinn ergibt, deren Kernaufgabe aber nie abgerufen werden wird.

Diesbezüglich hielten sich bisher wohl alle Zivilisationen im Kern für unverwundbar. Das gilt für die Ägypter und die Babylonier und alle anderen Hochkulturen, die untergegangen sind. Die Warnung der Geschichte lautet unmissverständlich: Alles ist vergänglich.

Der Autor Nico Kuhlmann ist Anwalt bei Hogan Lovells Int. LLP in Hamburg

Zitiervorschlag

Katastrophen-Vorbereitungen: Kann die Apokalypse kommen? . In: Legal Tribune Online, 09.05.2020 , https://www.lto.de/persistent/a_id/41572/ (abgerufen am: 28.09.2020 )

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