Donnerstag, 30.10.2014

Aufregung über US-Notwehrrecht unberechtigtStand your ground

von Constantin Baron van LijndenVistenkarteProfil bei Google+

23.07.2013

Mann mit Pistole

Nach dem Freispruch von George Zimmerman, der im vergangenen Jahr den 17-jährigen* Afroamerikaner Trayvon Martin erschossen hatte, ist die Empörung groß. Hierzulande machen viele das amerikanische Notwehrrecht für das als ungerecht empfundene Urteil verantwortlich – und verkennen dabei, dass die deutsche Rechtslage sogar weiter geht als die amerikanische.

Eine Woche liegt das Urteil in der Anklage gegen George Zimmerman im Bundesstaat Florida nun zurück. Man musste kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass auf den Freispruch eine Welle des Protests folgen würde. Zu politisch aufgeladen waren die Umstände der Tat: Ein 28-jähriger Koordinator der Nachbarschaftspolizei mit zu vermutendem Heldenkomplex und möglichen rassistischen Vorbehalten folgt einem 17-jährigen* schwarzen Jugendlichen auf offener Straße und erschießt diesen in der darauffolgenden Konfrontation.

Neben dem angeblichen latenten Rassismus amerikanischer Gerichte war schnell ein zweiter Missstand gefunden, der das Urteil der Jury erklärlich machen sollte: Die amerikanischen Regeln zur Notwehr, die sogenannte "stand your ground"-Doktrin. So echauffiert sich etwa Martin Klingst auf Zeit.de über "Floridas abstruses Selbstverteidigungsrecht", Marcus Pindur vom Deutschlandfunk meint, dass die Grenze von Notwehr und Rechtsanmaßung verwische, Johannes Kuhn spricht auf sueddeutsche.de vom "Reich der grenzenlosen Selbstverteidigung" und Bernd Pickert von taz.de hat in dem "Skandal die Konsequenz verfehlter Politik" ausgemacht.

Nun mag man von der Rechtslage (die übrigens so nur in etwa der Hälfte aller US-amerikanischen Staaten gilt) halten, was man will. Sicher lässt sich auch vertreten, dass, wer angegriffen wird, zunächst einen Fluchtversuch unternehmen sollte, bevor er der Attacke mit drastischen, im Extremfall tödlichen Mitteln entgegentritt. Was indes verwundert, ist der Unterton moralisch-rechtlicher Überlegenheit, der aus vielen Kommentaren zu dem Thema hervorklingt.

Entrüstung aus Unkenntnis

Denn was den Autoren offenbar verborgen bleibt, ist die Tatsache, dass das deutsche Notwehrrecht sogar weiter geht als jenes, nach welchem Zimmerman freigesprochen wurde. Was in Übersee unter dem Schlagwort "stand your ground" firmiert, wird in Deutschland mit den Worten "Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen" beschrieben, und bedeutet genau dieses: Das Opfer eines rechtswidrigen Angriffs muss nicht versuchen, sich diesem zu entziehen, sondern kann zurückschlagen und seine Position verteidigen.

Zwar muss der Angegriffene im deutschen – wie auch im amerikanischen – Recht unter mehreren, gleich effektiven Verteidigungsmitteln das mildeste wählen. Jenseits dieser Einschränkung findet eine Verhältnismäßigkeitsprüfung mit einer Güterabwägung jedoch grundsätzlich nicht statt. Es ist daher beispielsweise hier wie dort zulässig, den Diebstahl auch einer geringwertigen Sache mit einem gezielten Faustschlag zu beenden oder in einer physischen Konfrontation zu einem Schlagstock oder Ähnlichem zu greifen, wenn ebenso wirksame, aber schonendere Mittel nicht zur Verfügung stehen.

Beide Rechtsordnungen sehen jedoch eine gewisse Einschränkung für den Gebrauch von tödlicher Gewalt vor. In Florida ist diese ausdrücklich normiert: Die Tötung des Angreifers ist nur dann zulässig, wenn der Verteidiger annehmen darf, dass sie zur Abwehr einer Gefahr für sein eigenes Leben oder das eines anderen, schwerer körperlicher Schäden oder einer schweren Gewalttat unerlässlich ist. Liegt die Intensität des Angriffs unterhalb dieser Schwelle, so darf der Angegriffene keine tödliche Gewalt einsetzen und muss notfalls die Flucht ergreifen.

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  1. Seite 1: Niedrigere Voraussetzungen nach deutschem Notwehrrecht
  2. Seite 2: US-Rechtsexperten haben Freispruch erwartet
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Zitiervorschlag

Constantin Baron van LijndenProfil bei Google+, Aufregung über US-Notwehrrecht unberechtigt: Stand your ground. In: Legal Tribune ONLINE, 23.07.2013, http://www.lto.de/persistent/a_id/9188/ (abgerufen am 30.10.2014)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare

23.07.2013 12:07
Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu und bin auch etwas irritiert über die Darstellung in den deutschen Medien.

An einer Stelle kann ich Ihnen jedoch nicht ganz folgen: Sie differenzieren m.E. nicht exakt genug zwischen der Notwehrprovokation (sog. Absichtsprovokation) und der "sonstigen vorwerfbaren Verursachung einer Notwehrlage". Bei letzterer soll es nach Ansicht des BGH bereits genügen, dass der Notwehrtäter durch "sozial zu missbilligendes Vorverhalten" dazu beigetragen hat, dass er in eine Notwehrlage gerät (vgl. sog. Jamba-Fall). Wenn man einmal davon absieht, dass dieser Begriff reichlich unbestimmt ist und deshalb in Konflikt mit Art. 103 II GG steht, könnte man ein solches im vorliegenden Fall durchaus diskutieren. Denn ein selbsternannter "Nachbarschaftswächter" hat keinerlei Hoheitsrechte, die ihm die Befugnis verleihen würden, aus seiner Sicht "verdächtige Menschen" (=schwarzer Jugendlicher mit Hoodie) im öffentlichen Raum zu kontrollieren. Eine solche Kontrolle würde ich mir verbitten und mich auch ggfs. tätlich dagegen wehren, zumal hier durchaus die Schwelle zum Straftatbestand (Nötigung etc.) überschritten sein kann. Die Vorgeschichte ist deshalb keineswegs "wohl bedeutungslos". In diesem Zusammenhang ist auch daran zu erinnern, dass Zimmermann bei seinem ersten Notruf einen rassistischen Begriff verwendete. Es liegt also nicht ohne weiteres auf der Hand, dass Martin sich völlig grundlos auf Zimmermann stürzte. Vielmehr sehe ich Anhaltspunkte dafür, dass letzterer den Angriff in vorwerfbarer Weise provoziert hat.
Jurist Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von Jurist 23.07.2013 14:41
Lieber Jurist,

dann müssten Sie allerdings auch erwähnen, was eine solche "fahrlässige" Notwehrprovokation als Rechtsfolge bewirkt: Nämlich gerade keinen vollständigen Ausschluss des Notwehrrechts, sondern ähnlich wie bei den tödlich wirkenden Waffen ein aus drei Stufen bestehendes Notwehrrecht (1. Täter muss ausweichen, wenn möglich - 2. Schutzwehr, wenn möglich - 3. Trutzwehr). Auch wenn man also annimmt, dass Zimmermann den Angriff fahrlässig provoziert hat, so müsste man ihm trotzdem nachweisen, dass er in der konkreten Situation hätte ausweichen oder sich hätte schützen können, ohne Martins körperliche Unversehrtheit zu beeinträchtigen. Auch wenn der Täter den Angreifer schwer gekränkt hat, muss er es nicht pauschal hinnehmen, von diesem massiv angegriffen und in seinem Leben bedroht zu werden. Hätte Zimmermann Martin genötigt (§ 240 StGB), so wäre ggf. der Angriff Martins anfänglich selbst aus Notwehr gerechtfertigt; Martin hätte dann aber die Grenzen der Notwehr deutlich überschritten, wenn er Zimmermanns Kopf mehrfach auf den Bordstein geschlagen hat. Auch dagegen wäre eine Notwehr Zimmermanns möglich.
Das Ganze ist deshalb vor allem eine Einzelfallbewertung. Angesichts der Umstände des Falles würde ich es jedenfalls nicht überraschend finden, wenn Zimmermann auch von einem deutschen Gericht mit einer Bewertung nach dem StGB freigesprochen würde.
jaypi
Antwort auf den Kommentar von Jurist 23.07.2013 16:25
Liebe/r jaypi,

das ist richtig. Wozu eine Einschränkung im Einzelfall führt, kann man als Außenstehender ohne Kenntnis der genauen Umstände nur schwer beurteilen. Mir ging es nur darum, die Einschränkung nicht vorschnell auszuschließen.

Die Einschätzung, dass ein Zimmermann wohl auch von einem deutschen Gericht freigesprochen worden wäre, halte ich allerdings für etwas optimistisch, was die Kenntnis deutscher LGe vom Notwehrrecht angeht. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland regelmäßig Notwehrtäter verurteilt werden, weil sie ein Messer gegen einen unbewaffneten Angreifer eingesetzt haben, ist eher schwer vorstellbar, dass ein LG einen tödlichen Schuss (ohne Warnung etc.) als erforderlich einschätzt. In einem solchen Fall kann man nur auf den BGH hoffen (NStZ 2012, 272), der aber auch nicht immer abhilft (NStZ 2011, 186).
Jurist

23.07.2013 12:32
Dass das Tatopfer 19 Jahre alt war, ist eine (schon mehrfach wiederholte) Erfindung der LTO. Trayvon Martin war drei Wochen vor der Tat 17 Jahre alt geworden.

Ob sich von der Einlassung Zimmermans nicht so viel widerlegen ließ, dass es zumindest für die Annahme einer Notwehrprovokation reichte, war zudem doch sehr die Frage.

Der Artikel geht schließlich auch darüber hinweg, dass ein potentiell tödlicher Waffeneinsatz nach deutschem Recht immer ultima ratio ist; dies betrifft auch die Art und Weise des Waffeneinsatzes (vorherige Androhung, Einsatz auf nicht-tödliche Weise).

Schließlich: Natürlich muss eine Rechtsordnung bei der Ausgestaltung ihres Notwehrrechts berücksichtigen, mit welchen Waffen das Notwehrrecht üblicherweise ausgeübt wird. Die Kombination eines überscharfen Notwehrrechts mit einem extrem liberalen Waffenrecht - mit der Folge, dass es eben sehr häufig gerade um Schusswaffeneinsatzt geht - wird deshalb völlig zu recht kritisiert.
LTO-Leser Auf diesen Kommentar antworten

23.07.2013 12:36
Ein wirklich guter Artikel!
Clemens Auf diesen Kommentar antworten

23.07.2013 16:10
Vielleicht hätte man den Umstand, dass das Tragen und Verwenden einer Schusswaffe zur Selbstverteidigung hierzulande verboten, in den USA hingegen erlaubt ist, an den Anfang der Kommentierung stellen sollen. Denn genau daran macht sich meines Erachtens die empörte öffentliche Wahrnehmung auch hierzulande fest, nämlich wenn bei fehlender "Waffengleicheit" ein sofortiger tödlicher Schuss als legitimes Mittel der Selbstverteidigung in Betracht gezogen wird. Ähnliches kann man sicher auch beim Berliner Fall des von einem Polizisten erschossenen psychisch Kranken "zumindest einmal hinterfragen". Eine Urteilsfindung dürfte sich aber immer schwierig gestalten, wenn man nicht selbst zugegen war.
CKeleven Auf diesen Kommentar antworten

23.07.2013 17:17
Typisches Juristen-BLA-BLA. Ein verbaler Streit bzw. Auseinandersetzung zwischen Menschen kann immer passieren und ist nichts ungewöhnliches in unserer überbevölkerten Welt.Solange keine Beleidigung oder gar Androhung von Gewalt erfolgt, ist daran nicht großes auszusetzen. Wie aber, liebe Juristen, soll man reagieren wenn der Streit eskalierte und man sich ernsthaft bedroht fühlt und angegriffen wird? Man wird kaum Zeit haben um juristische Spitzfindigkeiten auszuloten um o.g. rechtlichen Prüfungen standzuhalten. Deshalb denke ich sollte jeder Angreifer, der einem Anderen körperliche Gewalt antun will, mit dem Äußersten rechnen müssen.
uthan Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von uthan 23.07.2013 17:51
Dann freue ich mich schon auf die 1000 Toten an den Wochenende, wenn es mal wieder "rundgeht" nach dem Disco ;).
Der Angreifer muss mit dem Äußersten NOTWENDIGEN rechnen. Alles andere wäre ein Rückfall ins Mittelalter.
Der Artikel lässt einfach ausgeblendet, dass man in Amerika nun einmal Waffen im Baumarkt kaufen geht...
XY
Antwort auf den Kommentar von uthan 23.07.2013 18:18
Da spricht sich jemand für den sofortigen Kopfschuss aus.
CKeleven

24.07.2013 00:34
Ob Zimmermann ein Rassist ist oder nicht, ist mir egal.

Aber er ist als selbsternannter Hilfspolizist -- aber ohne entsprechende Ausbildung im De-Eskalieren -- mit scharfer Waffe losgezogen.

Ich würde ihm nicht Mord vorwerfen. Sondern Leichtfertigkeit mit Todesfolge.
Wolf-Dieter Auf diesen Kommentar antworten

24.07.2013 02:29
www.fightingsticks.de verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
wie Legal Tribune Online feststellt
www.fightingsticks.de Auf diesen Kommentar antworten

24.07.2013 14:02
Auch für Schwarze kann eine Notwehrlage vorliegen.

Wenn ein selbsternannter Hilfspolizist wahllos jemanden verdächtigt Verbrechen zu begehen und nachstellt, kann je nach dem Grad der körperlichen und verbalen Attacken und Hartnäckigkeit der Verfolgung eine Notwehrlage gegeben sein. § 127 StPO greift nur ein, wenn jemand auf frischer Tat betroffen oder verfolgt ist. Das Schlüsselwort lautet hier frische (tatsächliche, nicht nur imaginäre) Tat.

Auch ist ein Erlaubnistatbestandsirrtum in Betracht zu ziehen, wenn der Verfolgte Angst vor seinem Verfolger bekommt und das Bestehen einer Notwehrlage annimmt, auch wenn diese objektiv nicht vorliegt.

Zu guter Letzt: Würden Sie sich provoziert fühlen, wenn ihnen jemand aus heiterem Himmel nachstellt und sie fragt ob Sie denn vorhaben Verbrechen zu begehn, weil sie ein weisser Junge sind? Würden Sie sich beleidigt fühlen? Dann ist es jedenfalls gerechtfertigt, die Grundsätze über die Notwehrprovokation anzuwenden. Nach diesen ist zunächst nur Schutz- nicht Trutzwehr zulässig.

Ich sollte Anwalt werden lol.
nichtallesschwarzweisssehen Auf diesen Kommentar antworten

24.07.2013 14:15
Korrektur, der BGH lässt auch einen dringenden Tatverdacht für § 127 StPO ausreichen, dieser ist allerdings auf tatsächliche Anhaltspunkte, nicht auf Rassistenwahnvorstellungen zu stützen.
nichtallesschwarzweisssehen Auf diesen Kommentar antworten

24.07.2013 19:04
Der Punkt ist, dass nicht klar ist, wenn von den beiden den Kampf angefangen hat. Laut Zimmermanns Aussage näherte Trayvon sich nachdem er angeblich verschwand, die Aussage der Freundin, die sich angeblich(Zeit kennt man, aber der es gibt keine Aufnahme) bis in die ersten Momente der Konfrontation deutet eher das Gegenteil an. Außerdem ist es nicht klar, wer um Hilfe rief, denn auch wenn wie Zeugen beobachteten Trayvon sich auf Zimmermann befand, bedeutet es nicht, dass er der Angreifer war.

Letztendlich stimmt die Behauptung dieses Artikel nur, wenn die Aussage Zimmermanns der Wahrheit entspricht, dass Trayvon nicht mehr verfolgt hatte und zu Auto zurückkehrte.
Das Urteil selbst ist richtig, da keine ausreichenden Beweise vorliegen, doch das bedeutet nicht, dass es nicht die Möglichkeit gab Beweise nach der Tat zu finden.
Veta Auf diesen Kommentar antworten

24.07.2013 19:06
Hier werden die Bilder der Verletzungen von Zimmerman verlinkt. Wenn nicht davon ausgegangen wird, dass diese Verletzungen selbst zugefügt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass er attackiert wurde, also wegen Martin Verletzungen erlitt. Wie sieht es mit den Verletzungen von Martin aus? Keine Verletzungen und ein tötlicher Schuss? Viele Verletzungen und ein tötlicher Schuss?
Die Vorgeschichte mag wohl nicht bedeutungsvoll sein, was ich bezweifle, da unter anderem daraus Motive erkennbar sein können, was mich aber stutzig macht ist, dass mit einer Schusswaffe,
1. überzeugend gedroht werden kann,
2. Warnschüsse abgegeben können, und
3. schmerzhafte Verletzungen, aber nicht tötliche, hinzugefügt werden können.

Für diese drei Punkte kann es eventuell in einem Gerangel zu spät sein, bin ich Bürgermiliz und verfolge verdächtige Personen, so habe ich doch die Pflicht wachsam zu sein, oder nicht?

Gruß,
Karl
Karl Auf diesen Kommentar antworten

25.07.2013 14:38
Noch so ein überflüssiger Artikel des Herrn Baron. Die Darstellung des Notwehrrechts ist unpräzise und lückenhaft. Streitig in diesem Fall war ja gerade der Lebenssachverhalt und nicht die Subsumtion. Zudem klammern Sie in Ihrem Artikel aus, dass Rechtslaien (Geschworene) die Beurteilung des Sachverhalts und die Subsumtion vorgenommen haben.

Den Artikel hätte jemand aus dem 2.Semester besser schreiben können.
Gast Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von Gast 25.07.2013 16:52
lieber "Gast", warum so agressiv ? Selbst wenn man als Jurist aus der Jurisprudenz sich angegriffen fühlen sollte, der Polizist und die Putativnotwehr waren sicher kein Ruhmesblatt der dt. Rechtsgeschichte ;o)
Ullrich

25.07.2013 16:04
Na, soo restriktiv wird die Einschätzung einer Notwehrsituation dann aber auch nicht immer gesehen.
In Deutschland liegt das Gewaltmonopol Gott-sei-Dank beim Staat. Zwar läuft der Durchschnittsbürger nicht mit einer Waffe 'rum dafür aber die Polizei im Einsatz.
Da kann dann ein Schuss in den Rücken durchaus Notwehr sein. Zumindest wenn der "Täter" ein bayerischer Polizist ist und ein bayerisches Gericht darüber zu befinden hat.
Wobei ich durchaus nicht verkenne, dass ein Polizeieinsatz die Beamten an psychische Grenzen bringen kann und ich bewundere die Art, wie von den Polizeibeamten damit umgegangen wird.
Das ist also kein Bezug auf den Fall "Martin" sondern auf den Umgang mit subjektiven Notwehrsituationen durch unsere Rechtssprechung.
holki Auf diesen Kommentar antworten

25.07.2013 16:42
Tja, eigentlich kiennt jeder das DEUTSCHE Pendant: Polizeibeamter streckt auf gut 30m flüchtenden Täter mit gezieltem Schuß in de Rücken nieder - tödlich! Das dt. juristische Ergebnis: Freispruch, denn der Polizist nahm noch immer eine Bedrohungs- / Notwehrlage an.
Ullrich Auf diesen Kommentar antworten

25.07.2013 18:39
Ein Beitrag zur Aufklärung wäre auch gewesen, wenn Sie klargestellt hätten, dass dieser Fall NICHT (!) nach der stand your ground Doktrin entschieden wurde. Der Angeklagte hat sich nicht darauf berufen, weil er angeblich nicht hätte fliehen können, selbst wenn er gewollt hätte.
Allerdings hatte dies ja offensichtlich nicht einmal die Jury verstanden, wie sich später im Rahmen eines anonymen Interviews auf CNN herausstellte...
Was die europäische Überheblichkeit - gerade bzgl. des US Rechts - angeht, da haben Sie vollkommen Recht. Da schwingt sehr oft ein wenig latenter Anti-Amerikanismus mit, der sich oft mit krasser Ignoranz verbindet.
Naphta Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von Naphta 25.07.2013 19:35
Die Arroganz leitet sich berechtigterweise daraus ab, dass Rechtslaien (Geschworene) über den Sachverhalt juristisch urteilen müssen.
Gast
Antwort auf den Kommentar von Naphta 26.07.2013 16:15
Die Geschworenen entscheiden in den USA allerdings nicht über die juristischen Fragen, sondern über die Fakten. Ich wüsste auch nicht warum ein Richter nach den Vorträgen der Parteien besser beurteilen kann, ob zB Herr Zimmerman zuerst angegriffen hat. Im Gegenteil: Vielleicht können das die durchschnittlichen Bürger sogar besser beurteilen, weil sie die Situation eher nachvollziehen können, bessere Menschenkenntnis haben usw. Ein Jurist lernst sowas weder in Dtl. noch in den USA, sondern muss sich auf eigene Erfahrungswerte und fremde Gutachten stützen. Und die Lebenswelt eines Topjuristen, der Richter werden konnte, ist womöglich auch eine ganz andere, als die eines der Angeklagten oder Opfer.
Und schließlich anerkannt auch die deutsche Rechtsordnung diese Punkte, weswegen auch im deutschen Recht Laienrichter einbezogen werden.
Naphta

27.07.2013 19:52
Als Nichtjuristen hat mich die Sache, dass der Sich-Notwehrende keine Verhältnismäßigkeitsprüfung vornehmen muss (außer bei krassem Mißverhältnis/Bagatellabgriffen) doch sehr überrascht. Vielleicht kann einer der anwesenden Juristen zu folgenden konstruiertem Fall mal was sagen:

Ein dunkelhäutiger Mann A. wird von zwei Polizisten B. & C. rassistisch beleidigt und die Polizisten hören damit auch nicht auf. A. hat aufgrund der Bewaffung von B. & C. keine "milden" Mittel zur Verfügung, seine Ehrverletzung, die mehr als eine Bagatelle ist, zu beenden.

Als letzte Notwehr entreißt A. überfallartig dem Polizisten B. die Dienstwaffe, um ihm zu drohen; da er aber fürchten muss dass nun C. auch seine Waffe ziehen wird, erschießt er beide Polizisten.

Gebotene Notwehr durch A. gegen seine schwere Ehrverletung??
Normann PlaßVistenkarte Auf diesen Kommentar antworten

29.07.2013 10:54
Obama hat nach dem Urteil zu Recht die Frage gestellt, ob die Jury im Falle eines weißen Angreifers zu dem gleichen Urteil ( Freispruch ) gelangt wäre ?
Peter Siegfried Golüke
Peter Golüke Auf diesen Kommentar antworten
Antwort auf den Kommentar von Peter Golüke 30.07.2013 08:23
Tja, wieviel Vertrauen hat ein Präsident eigentlich in die Rechtsstaatlichkeit seines Landes? Si tacuisses!
Ullrich

29.07.2013 17:54
>> Die Kombination eines überscharfen Notwehrrechts mit einem extrem liberalen Waffenrecht - mit der Folge, dass es eben sehr häufig gerade um Schusswaffeneinsatzt geht - wird deshalb völlig zu recht kritisiert. <<

Das passt sehr gut zusammen. Mehr Freiheit bedeutet immer auch mehr Verantwortung. Außerdem ist ein Rückzug eher zumutbar, wenn man eine Schusswaffe trägt und eine Verschlechterung der Verteidigungsposition durch die Fluchtbewegung nicht ins Gewicht fällt.
Alexander Rafalski Auf diesen Kommentar antworten

24.10.2013 17:49
Der Artikel und die Hinweise auf Parallelen zu deutschem Recht sind gewiss erleuchtend und ernüchternd.

Aber ein Punkt wird hier außen vor gelassen, wegen dem ich mich übrigens ohne Frage gegenüber unseren amerikanischen Nachbarn moralisch überlegen fühle.
Die USA sind eine bewaffnete Gesellschaft. Die Waffenkultur ist gesellschaftlich, politisch und ideologisch übergreifend weit verbreitet und allgemein akzeptiert. Verdecktes und offenes Tragen von Schußwaffen durch Privatpersonen in der Öffentlichkeit sind keine Seltenheit.

Ist in solch einem Umfeld ein weitreichendes Stand Your Ground Gesetz nicht ganz einfach barbarisch? Jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit mit der Schußwaffe auszutragen, wie im Fall Trayvon Martin geschehen, ist genau die Folge eines solchen Gesetzes in solch einer Gesellschaft, auch noch zu einer Zeit, in der Rassismus wieder Tagesthema ist.

Oh und selbstverständlich spielt Rassismus grade bei diesem Fall eine Rolle.
Ein anderes tragisches Beispiel dazu: Marissa Alexander wurde zu 20 Jahren verknackt, weil sie ihren aggressiven Ehemann mit einem Warnschuss in die Luft vertrieben hatte. Das Gericht erlaubte ihr nicht, sich mit Stand Your Ground zu verteidigen. Welche Hautfarbe hatte sie wohl?
Auf diesen Kommentar antworten

02.05.2014 08:22
Was für ein Blödsinn. Der Besitz bzw. das mitführen von Schusswaffen ist in Deutschland nicht erlaubt, von einigen Ausnahmen mal abgesehen. Und Schlagstöcke sind verboten.

Es gab sogar schon Fälle wo Opfer und Täter die Rolle tauschten nur weil das eigentliche Opfer einen Kampfsport ausübte.

in Deutschland gibt es keine Möglichkeit sich legal zu wehren
Steffen Auf diesen Kommentar antworten

17.05.2014 11:33
Der Fall (2010) Renter erschoss EINEN RÄUBER († 16) Totschlagprozess.
Nach dem dieser Prozess bereits seit einiger Zeit laeuft sehe ich nicht das die beiden Rechtssysteme und Urteilskriterien vergleichbar sind.
Thomas Auf diesen Kommentar antworten

16.08.2014 05:40
www.nmtagblatt.com verlinkt auf diesen Artikel mit folgendem Linktext:
http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/george-zimmerman-trayvon-martin-…
www.nmtagblatt.com Auf diesen Kommentar antworten
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