Knasthotel "Alcatraz"
Einzelzelle ab 49 Euro pro Nacht
23.04.2010
Eigentlich wollte der Kaiserslauterer Wirtschaftsanwalt Dr. Michael Koll nur einem guten Bekannten einen kleinen Gefallen tun. Ein befreundeter Hotelier suchte eine "außergewöhnliche Immobilie" in der rheinland-pfälzischen Barbarossastadt und bat den Juristen um Mithilfe. Koll stieß auf die Justizvollzugsanstalt, die seit 2002 nicht mehr als solche genutzt wurde, und war angetan von deren nonkonformem Herbergspotential. 
In dem ehemaligen Bezirksgefängnis von 1857 saßen zu aktiven Zuchthaus-Zeiten Kleinkriminelle oder Untersuchungshäftlinge auf Zwischenstation, darunter so prominente Insassen wie die RAF-Mitglieder Klaus Jünschke und Manfred Grashof, die 1988 nach 16 bzw. 17 Jahren begnadigt wurden. Gerüchteweise hat sogar der Begründer des Kommunismus, Karl Marx, dort zwangsresidiert, was sich allerdings bislang nicht beweisen ließ.
Tatsache ist, dass Koll sämtliche juristische Verkaufsverhandlungen mit der Stadt Kaiserslautern führte und dann vor Ort zwei weichenstellende Entscheidungen traf. Erstens: Ein Großteil der Zellen blieb erhalten und die typischen Charakteristika eines Gefängnisses wurden hervorgehoben und mit modernsten Design- und Komfortansprüchen an ein gehobenes Mittelklassehotel kombiniert. Kolls zweite Entscheidung: "Ich steige ins operative Geschäft mit ein."
Zwei gute Entschlüsse, denn der Zweitjob als Hotelier brachte neue Perspektiven in das Leben des 51-jährigen Juristen. Das Knast-Konzept kommt bestens an. "Seit Jahresanfang verzeichnen wir einen Zuwachs von 50 Prozent", sagt Koll.
Gitterfenster, Gefängnisbetten und Nasszellen
36 Gefängniszellen, 20 weitere Komfortzimmer und Suiten sowie Tagungsräume für bis zu 200 Personen bietet das "Alcatraz". Zum authentischen Zellen-Feeling gehört die originale Zellentür (von innen aufschließbar!), Gitterfenster mit spezieller, nicht-durchsägbarer Legierung, sowie echte Gefängnisbetten, die in der Schlosserei der JVA Frankenthal gefertigt werden. 
Auch die Nasszellen-Situation ist dem Original nachempfunden, denn es gibt – wie in Gefängnissen üblich – Gemeinschaftsduschen. Allerdings je eine für Damen und Herren, für zwölf Einheiten pro Etage und "auf höchstem ästhetischen und hygienischen Niveau", wie der Hausherr betont.
Neben Flachbild-TV und WLAN-Anschluss beinhaltet das 49-Euro-Paket pro Einzelzelle auf besonderen Wunsch ein Knast-Frühstück, bestehend aus zwei Scheiben Brot, Kaffee, Margarine und Marmelade. Den weniger Hartgesottenen steht das Frühstücksbuffet zur Verfügung, links vorbei am vergitterten Empfang.
Prominente Tagungsgäste aus der Justiz
Hatte das Knasthotel anfangs noch Geheimtipp-Charakter, wird es heute vor allem im Seminarbereich von Firmen genutzt, die das Besondere suchen. Masterklassen von Universitäten checken hier ebenso ein wie japanische Studentengruppen samt Juraprofessor. Auch die Tagung des rheinland-pfälzischen Justizministers, inklusive Oberlandesgerichtspräsidenten und den Präsidenten der Landgerichte, war schon zu Gast und laut Koll begeistert: "Weil der ein oder andere das Gebäude noch aus seiner Tätigkeit kannte."
Als Bonbon bietet das "Alcatraz" schwarz-weiße Knacki-Schlafanzüge und die Fahrt in einem echten Peterwagen, einem grünweißen Gefängnisbus der Marke Setra aus den 80er Jahren, der Gäste beispielsweise vom Flughafen abholt. Specials wie Krimidinner und Kabarett-Highlights mit inhaltlicher Knastanlehnung sollen den Eventhotel-Charakter hervorheben.
In Deutschland gibt es mittlerweile einige Nachahmer, aber Koll denkt nicht an Expansion. "Zwei Jobs reichen mir völlig", sagt der Anwalt. "Und als erstes Knasthotel sehe ich uns nicht nur temporär, sondern auch qualitativ und innovativ."
Zitiervorschlag
Gil Eilin Jung, Knasthotel "Alcatraz": Einzelzelle ab 49 Euro pro Nacht . In: Legal Tribune ONLINE, 23.04.2010, http://www.lto.de/persistant/a_id/100/ (abgerufen am 17.05.2012)
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