Rezension zu Gerhard Strates "Der Fall Mollath": Natürlich kein neutrales Buch

von Prof. Dr. Henning Ernst Müller

12.12.2014

Viel ist geschrieben worden zu Gustl Mollath – und nun noch ein bisschen mehr. Unter dem Titel "Der Fall Mollath" legt sein einstiger Verteidiger Gerhard Strate seine eigene Darstellung des historischen Justizskandals vor. Darin geht er vor allem mit der forensischen Psychiatrie hart ins Gericht, und liefert ein lesenswertes Fazit aus ungewöhnlicher Perspektive, findet Henning Ernst Müller.

 

Eine Vorbemerkung: Mit dem Fall Mollath habe ich mich selbst intensiv befasst und mich mehrfach dazu geäußert. Mit Herrn Mollath und seinem Strafverteidiger Strate stimmte ich dabei in vielen Detailfragen und in der Gesamtbewertung überein, ohne dass ich in die Verteidigung einbezogen war. Im Vorwort des besprochenen Buchs wird mir neben anderen persönlich gedankt für meine Kommentare zum Wiederaufnahmeverfahren. Insofern bin ich als Rezensent natürlich nicht ganz unbefangen.

Das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Mollath ist öffentlich besser dokumentiert als wohl jedes andere bisher durchgeführte Strafverfahren in Deutschland. Die Verteidigung hat - ebenso wie zuvor schon einige Unterstützer Mollaths - durch die Publikation von Schriftsätzen, Hauptverhandlungsmitschriften und anderen Dokumenten für eine einzigartige Transparenz in diesem Justizskandal gesorgt. Dies hat es jedem Interessierten ermöglicht, das Verfahren detailliert zu verfolgen.  

In einem Gespräch, das ich kurz vor Herausgabe des Buchs mit Rechtsanwalt Strate führte, bestätigt er meine Vermutung, dass die intensive Öffentlichkeitsarbeit ganz entscheidend zum Erfolg im Fall Mollath beigetragen habe. Eine solche offene Debatte biete sich zwar nicht in jedem Verfahren an – gerade das Wiederaufnahmeverfahren sei jedoch prädestiniert dafür.

Beklemmende Schilderung des Ausgeliefertseins

Der ausführliche öffentliche Dialog ließ es fraglich erscheinen, ob Strate jenen, die daran teilnahmen, in seinem Buch überhaupt noch Neues würde mitteilen können. Andere Bücher zum Fall Mollath waren bereits erschienen ("Die Affäre Mollath" von Ritzer/Przybilla; "Staatsversagen auf höchster Ebene" von Pommrenke/Klöckner), als Strate selbst noch mitten in den Vorbereitungen zur neu anberaumten Hauptverhandlung steckte. Die Darstellung des Strafverteidigers bietet jedoch eine Binnensicht, die man sonst nur selten in Buchform bekommt. Und es gelingt Strate fast durchweg, die Spannung zu erhalten, obwohl das Ergebnis des Prozesses ja bekannt ist.

Gerhard StrateZumindest für die allgemeine Öffentlichkeit noch eher unbekannt könnten die Ereignisse sein, die Strate mit dem Begriff der "Entrechtung" bezeichnet. Es geht um den Umgang mit dem zunächst zur Beobachtung (nach § 81 Strafprozessordnung, StPO) und später vorläufig (nach § 126 a StPO) untergebrachten Bürger Gustl Mollath. So entsteht ein beklemmendes Gefühl, wenn die das Recht beugenden Handlungen eines Vorsitzenden Richters am LG und die Willfährigkeit einer Amtsrichterin gegenüber den Psychiatern beschrieben werden.

Strate macht deutlich: Hier wurde ein Mensch einem System ausgeliefert, in dem seine zulässigen und sachlich begründeten Beschwerden nicht einmal mehr bearbeitet wurden. Im diametralen Gegensatz zur rechtsstaatlichen Intention richterlicher Kontrollfunktionen mutierte das Verfahren an dieser Stelle zu einer kafkaesken Realität, in der ausgerechnet die Richter zu Beteiligten an der Rechtlosstellung Mollaths wurden, die sich in einer siebeneinhalbjährigen Unterbringung manifestierte.

Vollständige Absage an die forensische Psychiatrie

Eine überraschend stark hervorgehobene Rolle im Buch nimmt Strates Kritik an der forensischen Psychiatrie ein. Offenbar hat sich der Fokus seiner Aufmerksamkeit von der detaillierten Justizkritik, die im Wiederaufnahmeantrag im Vordergrund stand, auf eine mehr allgemeine Kritik der forensischen Psychiatrie verlagert. Ausgehend von drei forensisch-psychiatrischen Gutachten im Fall Mollath wird die gesamte Fachrichtung als "Wissenschaft der Stigmatisierung" (S. 59) beurteilt. Sie trage "dem uralten Bedürfnis Rechnung, Individuen oder willkürlich definierte Menschengruppen vom allg. geltenden Rechtssystem auszuschließen" (S. 61). Zweck der Begutachtung sei "einzig und alleine die Befriedigung archaischer Instinkte" (S. 62). Strate schreibt der Branche "Pathologisierungswahn" gepaart mit "Omnipotenzfantasien" zu (S. 75). Insgesamt bedeutet dies nichts weniger als die vollständige Delegitimierung der forensisch-psychiatrischen Gutachtertätigkeit durch Strate.

Ob diese umfassende Abrechnung angemessen ist, scheint mir fraglich. Aber mit seiner Fundamentalkritik holt Strate gleichsam nach, was im Prozess weniger präsent war: Die Verteidigung wollte die "Kiste Psychiatrie" in der Hauptverhandlung eigentlich geschlossen halten. Und als das Gericht doch einen Psychiater zu Mollaths Geisteszustand anhörte, war dessen Stellungnahme so wenig zielgerichtet, dass eine zu harte Kritik daran jedenfalls verteidigungstaktisch untunlich schien: Die Verteidigung wollte ja die Möglichkeit eines Freispruchs "in dubio pro reo" nicht torpedieren.

Der Hinweis Strates auf einzelne aufrechte Persönlichkeiten in der forensischen Psychiatrie (S. 204) und auch die Tatsache, dass er sein Buch dem Psychiater Johann Simmerl aus Mainkofen gewidmet hat, erscheint vor dem Hintergrund seiner fundamentalen Kritik etwas verwunderlich: Denn eigentlich gelte für die forensische Psychiatrie der Ausspruch Adornos: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" (S. 171).

Auch wenn sich daher der gegenteilige Eindruck bei der Lektüre gelegentlich aufdrängt, erklärte Strate im Gespräch, es handele sich nicht um ein "Anti-Psychiatrie-Buch".

Zitiervorschlag

Prof. Dr. Henning Ernst Müller, Rezension zu Gerhard Strates "Der Fall Mollath": Natürlich kein neutrales Buch. In: Legal Tribune Online, 12.12.2014, http://www.lto.de/persistent/a_id/14096/ (abgerufen am: 27.09.2016)

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 12.12.2014 14:04, LTO-Leser

    1) Was soll die "Vorbemerkung" des Rezensenten zur eigenen Befangenheit, wenn daraus nicht die einzig mögliche Konsequenz gezogen wird, nämlich die Rezension zu unterlassen?

    2) Ein Strafverteidiger, der über einen "eigenen Fall" ein Buch schreibt, macht sich notwendigerweise der Illoyalität schuldig - wenn nicht dem Mandanten gegenüber, dann der Leserschaft, tertium non datur. Auch solche Bücher würden besser nicht geschrieben.

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  • 12.12.2014 14:29, Ursula Prem

    Der Schlüssel für den von Prof. Müller erkannten scheinbaren Widerspruch (Fundamentalkritik an der forensischen Psychiatrie versus Hinweis auf einzelne aufrechte Psychiaterpersönlichkeiten) findet sich meiner Ansicht nach am Ende von Kapitel 19, auf S. 205. Dort schreibt Strate, bezogen auf die Frage der ethischen Festigkeit von Psychiatern:

    »Damit erweist sich gerade eine Eigenschaft, die mit keinem Zertifikat der Welt erworben werden kann, als ihre wichtigste Qualifikation. […]«

    Die wichtigste Qualifikation eines Psychiaters sieht der Autor also in einem Bereich, der mit universitären Mitteln gar nicht zertifizierbar ist, sondern sich erst im alltäglichen beruflichen Handeln enthüllt. Dann, wenn es bereits zu spät ist. Diese Tatsache ist im Falle der Psychiatrie umso gravierender, als auch die fachlichen Inhalte (naturgemäß) auf einem schwankenden Boden stehen, was den unterschiedlichen menschlichen Charakteren jede Menge Spielraum zur freien Entfaltung lässt, mit den bekannten Folgen.

    Dass sich auch in einem grundlegend fehlerhaft konstruierten System anständige Menschen finden, die nach bestem Wissen und (vor allem) Gewissen agieren, war zu allen Zeiten Fakt. Da ein einzelner Aufrechter ein System jedoch nicht so einfach verändern kann, wäre es deshalb ungerecht, die Kritik an ihn zu adressieren. Ein Umstand, dem der Autor durch diese Hinweise Rechnung trägt, in meinen Augen.

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  • 13.12.2014 11:24, RA Edmund Schönenberger

    "Wie viele Mollaths es wohl sonst noch geben mag" - darüber kann ich nach vierzigjähriger gerüttelter Erfahrung als Verteidiger von Zwangspsychiatrisierten und Gründer des Vereins PSYCHEX ein Liedlein singen!

    Fazit: Die Zwangspsychiatrie hat mit „Fürsorge“, Recht oder Gerechtigkeit nicht das Geringste zu tun, sondern sie ist ein reines Herrschaftsinstrument.

    http://edmund.ch/more/1/FundamentalkritikZwangspsychiatrie.pdf

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    • 12.07.2015 15:03, Klaus-Dieter Voss

      Ich kann Ihnen nur beipflichten, solange die Polizei, Staatsanwaltschaften Vernehmungen und Gerichtsverhandlungen nicht digital aufzeichnen müssen, ist nichts von Straftaten dieser Institutionen nachzuweisen und somit keine Gerechtigkeit möglich und das in einer sogenannten Demokratie. Wir entwickeln uns immer stärker in eine Bananenrepublik. Beamte müssen geschützt werden, um den Guten Ruf des Beamten zu schützen. Das schlimme ist, das anständige Beamte mit beschmutzt werden, denn es sind nicht alle so.

  • 23.12.2014 07:18, Eva Martin

    Da stellt sich ein Prof. Dr. Henning Ernst Müller, der sich als Strafrechtler hoffentlich nicht nur "mit dem Fall Mollath intensiv befasst" haben wird, hin und findet es "überraschend", dass Strate in seinem Buch die forensische Psychatrie so stark und "umfassend" kritisiert, zweifelt daran, dass diese Kritik "angemessen" ist, und will sich in dieser doch so wichtigen Frage, UNSICHER wie er ist, nicht festlegen.

    Das BVerfG hat im Zusammenhang mit familiengerichtlichen Gutachten, wenn auch erst in den letzten Jahren und nach öffentlichkeitswirksamen Aktionen des Petitionsausschusses des Europäischen Parlaments sowie überdeutlichen Formulierungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, mehrfach klargemacht, das auch ein Richter, um es mal salopp zu formulieren, ein Minimum an gesundem Menschenverstand braucht, um u.a. psychologische oder psychatrische Gutachten bewerten zu können. Offenbar scheint neben Richtern auch vielen Juraprofessoren dieser gesunde Menschenverstand nebst Rechtssinn abzugehen. Sonst hätte die Kritik nämlich schon lange umfassend und stark sein müssen. Dass diese Kritik nicht aus der Justiz und auch nicht aus den Rechtswissenschaften heraus entstanden ist, sondern erst durch den massivsten Protest vieler einzelner außerhalb das Systems, sollte zu Rückschlüssen Anlass geben.
    Koalitionsvertrag S. 154: "Wir wollen [...] die Qualität von Gutachten insbesondere im familiengerichtlichen Bereich verbessern."
    http://www.fernuni-hagen.de/psychologie/qpfg/rds.shtml

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