Jaguar XJ

Ein schweres Erbe

von Ingo ReussVistenkarte

03.06.2010

Jaguar XJ

Kein Zweifel, der stilistische Bruch zum Vorgänger ist gewaltig. Mit Einführung des neuen XJ wirft Jaguar die Design-Tradition über Bord, beklagen Kunden. Aber gerade von denen will man weg. Sie gelten als altbacken, aber die jüngere Klientel muss erst mal gefunden werden. Und sie muss zahlungskräftig sein bei Preisen ab 77.000 Euro aufwärts. Verprellt die Neuauflage die Fans der englischen Nobelmarke?

Der Geschäftsführer von Jaguar Deutschland, Peter Modelhart, fürchtet sich nicht davor. Er betont, "wir müssen zukunftsfähig sein". Soll heißen, die Marktstrategen peilen eine hohe Eroberungsrate an – bei der Konkurrenz, versteht sich. Ein Jaguar braucht keine große Familienähnlichkeit, ist sich Designchef Ian Callum sicher. Mag sein, dass die scharfen Linien ziehen oder die bombastische Frontpartie mit den großen, an Macho-Sportwagen erinnernden Lufteinlässen.

Die A-Säule ist weit nach vorn gezogen, um die in der Kurzversion 5,12 Meter messende Limousine langgestreckt wirken zu lassen. Die Hecksäule verschwindet, wie bei einer schicken Motoryacht. Doch bei der Gestaltung der Karosse setzt der Designer auf ein hohes Risiko, besonders beim Heck, mit dem sich viele nicht so recht anfreunden können. Nicht zuletzt schränkt es beim Rangieren die Sicht nach hinten ein.

Was schwerer wirkt: Im Straßenverkehr wird der Neue kaum als Nachfolger der XJ-Luxuslimousine erkannt. Die Engländer, die jetzt zum Besitz des indischen Magnaten Ratan Tata gehören, sind sich dennoch sicher, dass die moderne Form zu Jaguar passt. Manager auf der Insel und auf dem deutschen Markt beschwören das Erbe der klassischen XJ-Limousine, aber Mut gehört in jedem Fall zu dem neuen Design.

Imposant ist der Auftritt auch unter dem Blechkleid. Die Karosserie besteht aus genietetem Aluminium, um das in der Klasse übliche Gewicht möglichst gering zu halten. Die Einstiegsvariante mit dem Sechszylinder-Diesel bleibt so deutlich unter zwei Tonnen. Die um gut zwölf Zentimeter längere Langversion mit noch mehr Platz im Fond wiegt kaum mehr.

Innendrin very british

Ungeahnte Leichtigkeit vermittelt der stärkere, mit Kompressor aufgeladene Achtzylinder. Sein feines 5,0-Liter-Aggregat, eine eigene Entwicklung, leistet souveräne 510 PS. Majestätisch gleitet der große Wagen dahin. Im EU-Mix verbraucht der Motor rund zwölf Liter pro 100 Kilometer (entsprechend 289 g/km Co2) und erfüllt wie alle anderen XJ-Motoren die Euro 5-Norm. Alle drei Motorisierungen verfügen über eine Sechsgang-Automatik, aber kein Start-Stopp-System.

Luftfederung an der Hinterachse und ein adaptives Dämpfersystem sind immer serienmäßig an Bord. Mit dem V8-Topmodell gleiten die Passagiere besonders komfortabel und luxuriös dahin. Zum Ausstattungsumfang gehören 20-Zoll-Aluräder und spezielle Sitze mit vielfältigen Komfortfunktionen. Der Kunde hat beim V8 Supersport die größten Auswahlmöglichkeiten im Hinblick auf Materialien und Farben. Gediegen wirkt der mit Alcantara-Leder bezogene Dachhimmel. Der zweiseitige Bildschirm kann von Fahrer und Beifahrer getrennt betrachtet werden; während der Fahrer die Navigation verfolgt, kann sich der Beifahrer eine TV-Sendung ansehen. Bei dunkler Lederausführung ist das Handschuhfach innen lila-farben ausgekleidet – very british, die Engländer lieben solche Töne ganz offensichtlich.

Im Verkaufsmix soll der V8 Supersport, für den rund 134.000 Euro fällig werden, einen Anteil von zehn Prozent erreichen. Zu den direkten Konkurrenten zählen die Jaguar-Marketingleute Maserati, Bentley und AMG-Mercedes S-Klasse. Für die Markteinführung hat sich Jaguar Deutschland einige Aktionen einfallen lassen. Interessierte können bis Mitte Juni für drei Stunden einen Chauffeur-Dienst genießen.

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Ingo Reuss, Jaguar XJ: Ein schweres Erbe. In: Legal Tribune ONLINE, 03.06.2010, http://www.lto.de/persistant/a_id/641/ (abgerufen am 24.05.2012)

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