Internet-Fernseher
Google nimmt sich das Wohnzimmer vor
11.11.2010

Mit Web auf dem Fernseher ist es ein wenig so wie mit dem inzwischen berühmt-berüchtigten Internet-Kühlschrank: Immer wieder wird dieser als das "nächste große Ding" präsentiert, das kurz vor dem Durchbruch steht. Die Kunden fragten sich aber nur eines: "Wozu?" Ebenso mangelte es in jüngster Vergangenheit nicht an Versuchen, das Fernsehgerät online anzubinden. Streaming- und Set-Top-Boxen oder in den TVs integrierte Lösungen: Nichts davon überzeugte bisher.
Immer mehr Inhalte kommen direkt aus dem Internet – besonders bei Videos. Web-Videotheken und Streaming-Dienste wie hulu.com sind inzwischen sehr beliebt, YouTube ist sowieso längst Alltag. Menschen wollen eben heute immer häufiger dann fernsehen, wann sie Zeit haben und nicht, wann es ihnen die TV-Sender vorschreiben.
TV trifft Web und Apps
Nun nimmt sich Webgigant Google der Sache an und startet noch diesen Herbst – zunächst in den USA – eine eigene Fernseh-Plattform mit dem wenig überraschenden Namen Google TV. Es basiert auf dem Smartphone-Betriebssystem Android und dem Browser Chrome. Damit bietet das System ziemlich genau das, was man sich als Mischung dieser Komponenten vorstellen kann: Fernsehen, WWW und Apps.
Eine besondere Rolle werden die Fernseh-Apps spielen. Erfahrungsgemäß ist ein bloßes Browserfenster auf dem TV-Bildschirm zum Surfen alles andere als optimal. Gefragt sind maßgeschneiderte Lösungen. Und genau die stellt Google auch in den Vordergrund: Zahlreiche Mini-Anwendungen sollen bereits zum Start mitgeliefert werden, darunter Apps für Twitter, Börsenkurse und Sport.
Als Content-Partner konnte Google in den USA bereits etliche namhafte TV-Sender gewinnen: Der Abo-Kanal HBO wird mit "HBO GO" rund 600 Stunden Programm anbieten. Turner Broadcasting (TNT, CNN, Cartoon Network) wird für Video optimierte Fassungen seiner Webseiten zur Verfügung stellen. Besonderes Interesse an Google TV haben auch Online-Videotheken: Video-On-Demand-Dienste wird es von den Branchengrößen Amazon und Netflix geben.
YouTube ist natürlich auch dabei, schließlich gehört die Videoplattform Google selbst. Den Zugriff darauf erlaubten zwar schon frühere Internet-TV-Lösungen, allerdings sahen die niedrig aufgelösten Videos auf den HD-Riesenfernsehern im Wohnzimmer unerträglich unscharf aus. Inzwischen sind auf YouTube aber immer häufiger hochaufgelöste Videos zu finden, die auch auf einem großen Bildschirm gut aussehen.
Erste Hersteller an Bord
Die Hardware kommt natürlich nicht von Google selbst, das wird den Partnern überlassen. Als erste Hersteller konnte man Logitech sowie den japanischen Elektronik-Riesen Sony gewinnen. Revue, die Box der Schweizer Zubehörspezialisten für 299 Dollar, funktioniert wie eine um die Google TV-Funktionalität erweiterte Streaming-Box: Multimedia-Inhalte lassen sich also auch wie bisher kabellos vom PC ins Heimkino übertragen.
Sony ist dagegen vor allem am Verkauf von TV-Geräten interessiert. Dementsprechend wird das Line-Up für und mit Google TV von Fernsehern dominiert. Vier Modelle in Größen von 24 bis 46 Zoll (Preisspanne von 600 bis 1400 US-Dollar) werden das System unterstützen, mit Ausnahme des kleinsten sind sie LED-beleuchtet und bieten eine Auflösung von 1080p. Wer bereits ein TV-Gerät besitzt, kann aber immerhin zum Blu-ray-Player NSZ-GT1 (400 US-Dollar) greifen, um damit Google TV zu nutzen.
Fernbedienungen mit Tastatur
Für den Erfolg entscheidend ist die Bedienbarkeit: Naturgemäß ist Internetsurfen eng mit dem Tippen von Buchstaben verbunden. Da stößt eine herkömmliche Fernbedienung an ihre Grenzen. Dementsprechend bieten sowohl Sony als auch Logitech spezielle Lösungen an. Bei Sony erinnert das Steuergerät an einen Videospiel-Controller mit Buchstaben und Zahlenfeldern , bei Logitech ist es ein kleines kabelloses Keyboard. Beide Systeme lassen sich auch per Smartphones (Android-Handys und iPhone) bedienen.
In Deutschland ist die Einführung von Google TV für das kommende Jahr angekündigt. Wie die Plattform hierzulande aussehen könnte, ist aber völlig offen. So verhandelt Google in den USA derzeit intensiv mit dem beliebten Videoportal hulu.com . Deutsche Nutzer hätten davon aber ohnehin nichts, da hulu.com aus lizenzrechtlichen Gründen nie in Deutschland zu sehen sein wird.
Der Autor lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Zwischen 1996 bis 2009 war Witold Pryjda u. a. als Redakteur für Digital-Lifestyle-Themen bei der Kleinen Zeitung in Graz und beim Internet-Magazin Tomorrow tätig.
Zitiervorschlag
Witold Pryjda, Internet-Fernseher: Google nimmt sich das Wohnzimmer vor. In: Legal Tribune ONLINE, 11.11.2010, http://www.lto.de/persistant/a_id/1917/ (abgerufen am 21.05.2012)
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