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OVG NRW zu Unglück auf Gorch Fock: Eltern ver­un­glückter Kadettin schei­tern auch in zweiter Instanz

15.09.2016

Nach dem Tod ihrer Tochter vor acht Jahren bekommen die Eltern der Bundeswehr-Kadettin Jenny Böken keine Entschädigung. Die junge Frau war auf dem Segelschulschiff Gorch Fock während einer Nachtwache über Bord gegangen und ertrunken.

Acht Jahre nach dem Tod der Bundeswehr-Kadettin Jenny Böken auf der "Gorch Fock" hat das Oberverwaltungsgericht (OVG) Nordrhein-Westfalen Münster eine Klage der Eltern auf Entschädigung zurückgewiesen. Nach einem rund zwölfstündigen Prozesstag sah es das Gericht am Mittwochabend als erwiesen an, dass Böken 2008 auf dem Segelschulschiff nicht unter besonders lebensgefährlichen Umständen gestorben sei.

Diese Feststellung wäre aber notwendig gewesen, damit den Eltern aus Geilenkirchen bei Aachen nach dem Soldatenversorgungsgesetz 20.000 Euro zugestanden hätten. Das Gericht ließ keine Revision zu (Urt. v. 15.09.2016, Az. 1 A 2359/14). Dagegen können die Kläger beim Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) Nichtzulassungsbeschwerde einlegen.

Nach Auffassung des Gerichts lag nach messbaren Gesichtspunkten wie den Wetterbedingungen keine besondere Gefahr für die Besatzung vor. Laut mehreren Zeugenaussagen segelte die Gorch Fock bei Windstärke 7 ruhig bei einer leichten Neigung im Wasser. Böken war im September 2008 nördlich von Norderney bei einer Nachtwache über Bord gegangen. Ihre Leiche wurde elf Tage später bei Helgoland in der Nordsee gefunden. Die genauen Todesumstände blieben auch nach der Verhandlung in Münster ungeklärt. Die Staatsanwalt Kiel wertet den Todesfall Böken bis heute als Unglück.

Der Vorsitzende Richter hatte bereits zu Beginn vor zu großen Erwartungen gewarnt. Die Verhandlung werde die genauen Todesumstände von Böken im Jahr 2008 nicht aufklären können, sagte er. Das bestätigte sich nach der Aussagen von acht Zeugen am Mittwoch.

"Böken war Stammgast im Lazarett"

Nach übereinstimmenden Aussagen lag das Schiff am Abend des 3. September ruhig im Wasser, als Böken vorne auf der Gorch Fock im Ausguck stand. Das Gericht befragte mehrere Soldaten, die 2008 zum Beispiel bei der Übergabe der Wache gegen 22.00 Uhr dabei waren. Eine damalige Kadettin schilderte die Wetterlage und Sichtverhältnisse. Es sei trocken und der Himmel sei klar gewesen.

Ob Böken den Kameraden an diesem Abend von Unterleibsschmerzen erzählt hatte? Diese Frage verneinten die Zeugen. Bei Detailfragen gaben eine heutige Bundeswehr-Ärztin und eine Soldatin allerdings Erinnerungslücken an. Dass Böken im Dienst immer mal wieder eingeschlafen sei, sei aber durchaus Thema an Bord gewesen. Der ehemalige Kommandant der Gorch Fock sagte als Zeuge aus. Es habe an dem Abend keinen Grund gegeben, die Besatzung besonders zu sichern, sagte Kapitän Norbert Schatz. An dem Abend sei es trocken gewesen, das Schiff habe stabil und ruhig in der Nordsee gelegen. Es seien 10 von 23 Segeln gesetzt gewesen. Schwimmwesten müssten nach Vorschrift nur angeordnet werden, wenn es Eisbildung, Nebel oder schwere See gebe. "Nichts davon war an dem Abend erfüllt."

Nach Aussage einer damaligen Sanitäterin war Böken auf der Gorch Fock häufig im Lazarett gewesen. Sie sei dort Stammgast gewesen. Noch am Tag vor dem Unglück habe sie notiert, dass sie sich Sorgen um die junge Frau mache, sagte die heute 38-Jährige. Die Zeugin arbeitet heute nicht mehr bei der Bundeswehr. Der im Anschluss befragte Schiffsarzt bestritt diese Darstellung. Die Sanitäterin habe ihm mitgeteilt, dass es der Kadettin wieder besser gehe, sagte er vor Gericht. Nach Meinung der klagenden Eltern war ihre Tochter gesundheitlich angeschlagen und nicht diensttauglich gewesen. Auch dies wies das Gericht zurück und bestätigte damit eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts (VG) Aachen aus der ersten Instanz.

dpa/una/LTO-Redaktion

Zitiervorschlag

OVG NRW zu Unglück auf Gorch Fock: Eltern verunglückter Kadettin scheitern auch in zweiter Instanz . In: Legal Tribune Online, 15.09.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/20585/ (abgerufen am: 14.04.2021 )

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Kommentare
  • 15.09.2016 12:54, Leon

    "...Dass Böken im Dienst immer mal wieder eingeschlafen sei, sei aber durchaus Thema an Bord gewesen...."

    Doch Narkolepsie? Aber hätte die Bundeswehr das von sich aus untersuchen müssen, nachdem sie vorher mehrfach eingeschlafen war?

    Selbst Ärzte sind mit der Narkolepsie häufig nicht vertraut.

    Hätte sich die Kadettin auf der anderen Seite ggf. selbst um eine Schwimmweste kümmern können?

    Der Fall ist tragisch, selbst wirkliche Lehren können daraus nicht gezogen werden, weil die genauen Ursachen für das Unglück nicht bekannt sind.

    • 16.09.2016 11:19, GrafLukas

      Oder einfach Übermüdung auf einer Nachtwache. Merke: Nicht jeder, der auf Arbeit einschläft, leidet und Narkolepsie, und so eine Nachtwache ist sicherlich auch auf einem Segelschiff so wie sonst überall auch schlicht langweilig.

    • 30.06.2018 22:52, Ulrike

      Es gab weder einen Unfall noch einen Suizid, was schon am fehlenden Salzwasser im gesamten Körper der Toten erwiesen wurde. Und doch: Ärzte kennen das Thema Narkolepsie - da wären Sie der einzigste, der nicht vertraut damit ist. Schwimmwesten und Toppsgurts sind auf der GF grundsätzlich nicht vorgeschrieben -Vorgesetzte haben über den Einsatz zu bestimmen. Eine Schuld liegt nicht an der Kadettin! Auch Übermüdung war es nicht:
      Es war eine GHB-Vergiftung, für die ihre Kameraden verantwortlich sind, die auch schon eine Woche zuvor denselben Anschlag auf Jenny Böken verübt haben - danach aber "hochdosiert".
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    • 09.07.2018 20:41, Katrin

      Warte mal, welche Lehren daraus gezogen werden, und was das für dich bedeutet.

  • 15.09.2016 15:03, Rechtsanwalt Alexander Würdinger, München

    Immerhin ging die Entscheidung des BVerfG vom 6.10.2014 auf der strafrechtlichen Schiene in die Rechtsgeschichte ein. Denn in dieser Entscheidung wurde der "Anspruch auf Strafverfolgung Dritter" bestätigt.

  • 09.07.2018 20:40, Katrin

    Langweilig auf der Back?
    Außer: man wird umgebracht!
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  • 09.07.2018 20:45, Ulrike

    Übermüdung, Narkolepsie?
    Vielleicht kam auch Atropin und GHB dazu?
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