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Kanzlei-Organisation: Ein Panic Button gegen Über­las­tung

von Tanja Podolski

07.03.2018

Juristen über dem Limit drücken den Panic Button, doch eigentlich soll es so weit gar nicht mehr kommen: Eine Arbeitsrechtsboutique hat ein Tool entwickelt, mit dem die Arbeit fair auf alle Juristen verteilt werden soll.

Viel Geld, viel Arbeit – so sieht das Leben nach wie vor für die Juristen in den Wirtschaftskanzleien aus, und zwar unabhängig davon, ob man Partner oder Associate ist. Zufrieden sind die Anwälte damit nicht. Die Kanzleien suchen seit Jahren händeringend nach neuen Wegen, setzen die unterschiedlichsten Arbeitszeittypo3/#_msocom_4 - oder Urlaubsmodelletypo3/#_msocom_5 auf oder zahlen schlichtweg noch mehr Gehalt. Doch die perfekte Lösung hat bisher noch keiner gefunden.

Auch die Arbeitsrechtskanzlei Pusch Wahlig Legal (PWL) denkt ständig über neue Möglichkeiten nach, um zufriedene Mitarbeiter zu haben. Die Idee dahinter ist einfach: Wer zufrieden ist, bleibt der Kanzlei erhalten, liefert gute Arbeit in einer netten Arbeitsatmosphäre und spricht darüber – was wiederum das Recruitment erleichtert.  

Doch auch in einer Arbeitsrechtsboutique gibt es Stoßzeiten, in denen plötzlich alle Pläne zur Arbeitsorganisation und –verteilung mit nur einer Mandantenanfrage obsolet sind. "Die typische Reaktion ist dann, sich den nächsten Associate zu schnappen, der einem über den Weg läuft, und ihn in die neu angefallene  Arbeit einzubinden", erzählt Dr. Tobias Pusch, Gründungspartner von PWL.

Um genau diese Scheinlösung nicht zu wählen, hat die Kanzlei ein IT-Tool entwickeln lassen: Seit Dezember haben die Arbeitsrechtler eine App, in der alle Anwälte ihre Verfügbarkeit eingeben können. Für jeden Tag der Woche kann jeder eingeben, ob er noch zeitliche Kapazitäten hat oder bereits ausgelastet ist. Die Skala reicht von dunkelgrün (mehr als sechs Stunden verfügbar) über hellgrün (drei bis sechs Stunden verfügbar) über gelb (beschäftigt, eine bis drei Stunden verfügbar), orange (wenig verfügbar, eine Stunde) und schließlich rot, das für "gar nicht verfügbar" steht. Darüber hinaus kann sich jeder Mitarbeiter auf vollständig abwesend stellen.

Auf allen Handys blinkt es rot

Der Clou der App ist jedoch der Panic Button: Wer bereits keine Kapazitäten mehr hatte und dann die Anfrage eines Mandanten auf den Tisch bekommt, drückt diesen Knopf, der über die App mit allen Diensthandys verbunden ist – und alle Handys erstrahlen in rotem Blinklicht. "Die Idee ist, dass in so einem Moment sofort Kollegen ihre Unterstützung anbieten", erklärt Pusch.

Wer verfügbar ist, ist über die App schnell ersichtlich – und die Partner gehen dann proaktiv auf den überlasteten Kollegen zu. Im Probelauf lief das Programm lediglich über die App, seit März gibt es eine Webversion, über die jetzt alle Mitarbeiter, also auch Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter, eingebunden sind.

"Die Möglichkeit, den Knopf zu drücken, können und sollen alle nutzen", sagt Pusch, "die Arbeit von Anwälten ist nun einmal nicht genau planbar". Tatsächlich ist das seit dem Start bereits zwei Mal passiert, einmal hat einer der Partner Gebrauch davon gemacht. Er hatte sich durch eine harte Deadline für ein Mandat schon zeitlich eng auslasten müssen, als eine Anfrage für ein großes Restrukturierungsmandat bei ihm aufschlug. "So etwas kann man nie absehen", sagt Pusch.

Eine Frage des Vertrauens

Das Ziel des Tools ist jedoch, den Panic Button erst gar nicht drücken zu müssen. Vielmehr soll  eine Überlastung gar nicht erst entstehen. Das ganze Konzept beruht auf Vertrauen. "Als ich Anwalt wurde, las ich eine Studie über Anwälte in US-Kanzleien. Die Quintessenz war: Das ist die Branche mit dem größten Verdienst - und mit der größten Unzufriedenheit", erinnert sich Pusch.

Anwälte arbeiten in vielen Sozietäten nach wie vor als Einzelkämpfer mit geringer Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern. "Damals hatte ich die Idee, das einmal anders zu machen." Bei PWL hat das Team deshalb neben Profitabilität auch Werte definiert wie  Wertschätzung, gegenseitige Förderung im persönlichen Wachstum und Teamarbeit.  "Das IT-Tool für die Arbeitszeitorganisation ist ein Ausfluss dieser Werte", sagt Pusch, der die Kanzlei 2006 in Berlin gründete. Auch mit den inzwischen weiteren zwei Standorten in Frankfurt und Düsseldorf arbeiten die Anwälte vollständig integriert und ohne Silos. "Das ist alles ein Wechselspiel", sagt der 47-Jährige. "Wir vertrauen und wertschätzen einander und schon ist auch die Hilfsbereitschaft groß, wenn jemand Land unter ist."

Doch das ganz allein ist es nicht: Auch PWL zahlt den Associates seit diesem Jahr mehr Gehalt. Das Einstiegsgehalt liegt nun bei 70.000 bis 85.000 Euro. Bislang zahlte die Kanzlei ihren Berufsanfängern maximal 70.000 Euro. Allerdings liegt sie auch mit den neuen Zahlen noch deutlich unter den Gehältern anderer Wirtschaftskanzleien, ohne dafür Abstriche in der Qualität der Juristen machen zu wollen. "Insgesamt scheint unsere Idee aufzugehen", sagt der Anwalt. "Von allen Arbeitsrechtsboutiquen gibt es bei uns nach der jüngsten Associate-Umfrage der azur-Redaktion den größten TOP-Arbeitgeber-Faktor." Das Tool wurde bei der Auszeichnung der Kanzleien mit den azur awards explizit erwähnt. Drei Anfragen anderer Sozietäten hat die Kanzlei für das Tool seitdem erhalten.

Zitiervorschlag

Tanja Podolski, Kanzlei-Organisation: Ein Panic Button gegen Überlastung . In: Legal Tribune Online, 07.03.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/27375/ (abgerufen am: 22.04.2019 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 07.03.2018 12:31, RA G. Eimer

    Wer einen panic Button braucht hat nicht das Zeug zum Großkanzleianwalt. Dort werden nur die besten und zähesten Anwälte beschäftigt. Wer mit der Arbeitsbelastung nicht klarkommt soll in eine Behörde gehen oder ähnliches. Lächerlich...

    • 07.03.2018 12:46, ansichtssache

      "zähesten"? Oder diejenigen, die weder Freunde haben noch Freizeit benötigen.

    • 07.03.2018 12:46, B.

      Melden Sie sich in fünf Jahren wieder und informieren hier, ob Insolvenz, Entzug oder Therapie schon im Gange sind? Wenn Sie sich überhaupt noch melden können. Aus dem Grab oder als Pflegefall soll das schon manchem schwer gefallen sein. Sarkasmus beiseite: Jeder hat seine eigenen Werte. Leben Sie nur die Ihren, und lachen Sie ruhig, wenn andere neben Geld und Karriere noch Gesundheit und Familie o.ä. wertschätzen.

    • 07.03.2018 13:25, RA G. Eimer

      Oha... da fühlt sich jetzt jemand auf den Polyester-Schlips getreten. Ich bin diesen Neid von Kollegen gewöhnt. Geben Sie mir nicht die Schuld an ihren Examina. Nur weil ich Ihren Traum lebe müssen Sie nicht alles schlecht reden. Fahren sie mal mit ihren Freunden und Familie in den Harz. Ich verbringe meinen Urlaub lieber in St. Tropez.

      LG

    • 07.03.2018 14:13, Partner

      Das muss eine seltsame Großkanzlei sein, in welcher eine derart schlechte Interpunktion und fehlende Konsistenz im Text geduldet wird. Trollen Sie bitte an anderer Stelle! Danke.

    • 07.03.2018 14:19, F.L.

      St. Tropez ist sehr schön. Bei Ihren 20 Urlaubstagen (von denen Sie sich nur trauen, 10 zu nehmen) im Jahr sicher auch erschwinglich. Sehen Sie dort auch Sonne oder nur Blackberry?

    • 07.03.2018 15:10, RA G.Tonne

      Ihr kleinkarierten Möchtegernanwälte. Von Euch bekomme ich auch öfter die Frage gestellt, ob ich aufgrund meines Gehalts eigtl. Komplexe habe. Ich kann darauf nur müde lächelnd antworten, dass dem offfenkundig so ist! Ich habe reichlich Gerbäudekomplexe in Berlin, Hamburg und München.

    • 07.03.2018 15:47, K.

      Offenkundig ist eigentlich nur, dass Sie gern prahlen und unter verbaler Inkontinenz leiden. Alles andere erschließt sich nur Ihrem überlegenen Geist.

    • 07.03.2018 16:00, RA G.Tonne

      Geehrter Herr K., ich werde meinen spiritus superior einmal dazu befragen! Eventuell hat er auch noch ein wenig Kapazitäten für Sie übrig.

    • 07.03.2018 18:15, Tony S.

      @RA G.Tonne:

      Was sind "Gerbäudekomplex"; wird da geberbt?

      Unter Ihrem Namen konnte ich Sie leider nicht im RA-Register (BRAV) finden. Sicherlich ein Versehen meinerseits. Ich würde gerne einen Sachverhalt telefonisch klären - würden Sie mir Ihre Kontaktdaten zukommen lassen?

    • 08.03.2018 21:10, Mazi

      "07.03.2018 12:31, RA G. Eimer"

      So ist es in einer "normalen" Praxis. Offensichtlich gibt es in der Juristerei viele Hängematten. Die Kommentare ihrer Kollegen lassen den Schluss zu, dass der Vergleich mit "Gott und den Gerichten" scheint nicht von ungefähr zu kommen.

      Die Klage Ihres Kollegen Prof. Dr. Poseck, OLG-Präsident in Frankfurt, vom 12.02.2018 "Die Zivilgerichte besser aufstellen" ist m.E. zwar falsch, aber offensichtlich berechtigt.

      Ich unterstelle, dass in der Kanzlei von RA Eimer diese Themen nicht ernsthaft diskutiert werden. Wenn es hier einen Vorwurf gibt, dann ist es nicht der, dass den Richtern es an macht, sondern an Qualifikation mangelt. Allein die dortige Definition "Rechtsstandort Deutschland im Zivilrecht" ist für jeden Bürger grotesk, wenn er unterstellt, dass Richter Recht sprechen und nach § 339 StGB dazu verpflichtet sind, bei der Leitung oder Entscheidung einer Rechtssache weder zugunsten oder zum Nachteil einer Partei das Recht zu beugen.

      Insidern ist bekannt, dass obiger ehrenwerte Grundsatz i.d.R. in der Justiz nicht zu finden ist. Für mich ist dies nicht verwunderlich, muss man doch davon ausgehen, dass die Sache mit der Dienstaufsicht in der Justiz ebenfalls nicht wahrgenommen wird.

      Bevor ein Anwalt oder ein Gerichtspräsident "klagt", sollte vorher ermittelt werden, ob die Dienstaufsicht tatsächlich und effizient ausgeführt wird. 99 % der Beschwerden sollten damit ausgeräumt sein und der Urlaub im Harz ist mehr als angemessen und berechtigt.

    • 10.03.2018 09:36, Chef

      @„RA Geimer“: Der Trick ist doch, mit wenig Aufwand viel zu erreichen. Viel arbeiten kann doch jeder. Was soll daran so besonders sein? Zeugt im Übrigen von wenig Selbstbewusstsein und charakterlicher Stärke sich für jeden und alles krumm zu machen. Solche Mitmenschen gehören für mich zum Personal. Aber die Erkenntnis kommt ggf ja noch... .Kleiner Tipp am Rande: Immer schön auf die Fallhöhe achten!

  • 07.03.2018 13:52, M.D.

    "Auch die Arbeitsrechtskanzlei Pusch Wahlig Legal (PWL) denkt ständig über neue Möglichkeiten nach, um zufriedene Mitarbeiter zu haben."

    Freut mich zu hören.

    • 07.03.2018 14:09, D.M.

      Glauben Sie nicht, dass da irgendwelche finsteren Machenschaften hinter stecken, in denen NGOs verwickelt sind??

  • 07.03.2018 14:11, K.

    Schade, für einen Anwalt aus einer "Großkanzlei" ist derartige Großspurigkeit nicht sehr professionell. Bleibt zu hoffen, dass Ihre Mandanten Ihren Hochmut zu schätzen - oder zumindest zu bezahlen ;-) - wissen.

  • 08.03.2018 22:25, M.

    Es geht ja nicht darum, dass wer den Panikknopf drückt, keine Arbeitsbelastung auszuhalten vermag, sondern dass man sinnvoll Arbeit verteilt, sodass alle Fristen eingehalten werden und sich nirgendwo was staut. Auch der beste "zäheste" Anwalt kann nicht drei Sachen gleichzeitig machen. Nur so funktioniert eine Kanzlei wie eine geölte Maschine.

    • 09.03.2018 09:49, Mazi

      Sie haben geschrieben "geölte Maschine". Wahrscheinlich dachten Sie vielmehr an die Formulierung: "Es läuft wie geschmiert!".

      Sehr gut und respektvoll vorgelegt!

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