Digitale Transformation der Rechtsberatung: Kennen Sie Hat­sune Miku?

von Dr. Jochen Brandhoff

03.01.2017

2/2: Legal Tech in der Organisation der Kanzlei und Rechtsabteilung

Herkömmliche Kanzleimanagement-Programme wie Annotext, RenoStar und RA-Micro sind bei Anwaltskanzleien bereits verbreitet. Ist das schon Legal Tech? Viele Marktteilnehmer würden dazu nein sagen, weil ihnen die allgemeine Kanzleisoftware nicht innovativ genug ist. Es ist aber zu erwarten, dass sie schon in den nächsten Jahren mit innovativen Zusatzanwendungen etwa für besseres mobiles Arbeiten ausgestattet sein wird. Darüber hinaus wird sie bald als Cloud-Lösung, also als Software as a Service (SaaS) angeboten. Spätestens dann wird Kanzleisoftware eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Verbreitung von LegalTech spielen.

Seit 2014 sind außerdem spezielle Anwendungen für Kanzleien und Rechtsabteilungen entstanden, die ein effizienteres Arbeiten ermöglichen. Ein Beispiel ist Tools4Legal, eine IT-basierte Workflow-Lösung, mit der sich rechtliche Workflows und Prozesse standardisieren und automatisieren lassen.

Rechtliches Prozessmanagement (Legal Process Management – LPO) und Workflow-Management sind besonders bei komplexen Mandaten wie M&A-Transaktionen und Restrukturierungen sowie bei oft wiederkehrenden Sachverhalten wie der Schadensregulierung in der Versicherungsbranche sinnvoll. Dabei wird der Arbeitsablauf - zum Beispiel die Durchsetzung eines Anspruchs auf Schadensersatz - in einzelne Arbeitsschritte zerlegt. Diese werden verschiedenen Kategorien zugeordnet und dem jeweils am besten geeigneten Bearbeiter zugewiesen. Das kann beispielsweise ein Schadenssachbearbeiter, ein Rechtsanwaltsfachangestellter oder ein Rechtsanwalt sein. Eine Software unterstützt den gesamten Prozess.

Legal Tech bei der Anwaltswahl

Seit 2014 sind verschiedene Legal-Tech-Startups entstanden, die den Zugang zu spezialisierten Anwälten verbessern. Im Gegensatz zu bestehenden Online-Anwaltsverzeichnissen begnügen sie sich nicht mit allgemeinen Selbstangaben der registrierten Anwälte.

Advocado aus Greifswald und Legalbase aus Berlin bieten in ihren Online-Shops eine breite Palette standardisierter Rechtsdienstleistungen zum Festpreis an. Sie reicht von der Erstellung einer Patientenverfügung bis zur Prüfung des Wartungsvertrags für eine Photovoltaikanlage. MieterEngel aus Berlin bietet eine unbegrenzte Beratung im Mietrecht zu einem jährlichen Festpreis an – vergleichbar mit Mietervereinen. Die Preise für diese Rechtsprodukte sind im Vergleich zu den üblichen Stundensätzen und RVG-Gebühren niedrig. Denn hinter den Angeboten stehen spezialisierte, kleinere Kanzleien, denen die Plattformen einen vorstrukturierten Sachverhalt vorlegt.

Edicted aus Bremen entwickelt ein Programm, das Informationen über die Berufserfahrung der registrierten Anwälte auswertet und den Rechtssuchenden mit den geeignetsten Rechtanwälten aus ihrer Datenbank zusammenbringt. Im November 2016 hat sich die Verlagsgruppe C.H.Beck an dem LegalTech-Startup beteiligt.

Jura-Shops und Internetportale wie diese werden in einigen Jahren einen nennenswerten Teil der Umsätze auf dem Rechtsmarkt auf sich vereinen. Das gilt sowohl für die Beratung von Verbrauchern (B2C) als auch für die von Unternehmen (B2B).   

Legal Tech in der Rechtsanwendung

Schon heute gibt es Software, die Verträge, Verwaltungsakte oder andere in digitaler Form vorliegende Sachverhalte nach bestimmten Regeln durchsuchen und rechtlich relevante Tatbestände erkennt. Sie dringt in den Kern der anwaltlichen Arbeit ein, die Rechtsanwendung selbst.

Rightmart aus Bremen bietet zum Beispiel eine teilautomatisierte Prüfung von "ALG II"-Bescheiden an. Das Legal-Tech-Unternehmen ist in der Lage, auch die neueste Rechtsprechung des Bundessozialgerichts zu berücksichtigen - schneller als die meisten Kanzleien das können.

Ein weiteres Beispiel ist die Software von Leverton aus Berlin, die Mietverträge in vielen Sprachen analysiert. Sie findet blitzschnell die gesuchte Information aus einer Vielzahl aus Verträgen, zum Beispiel, welche Verträge unwirksame Vertragslaufzeiten enthalten. Das reduziert den Aufwand für die Verwaltung und für eine Due Diligence von Immobilienportfolios beträchtlich.

Noch existiert eine solche automatisierte Rechtsanwendung nur in wenigen, eng begrenzten Rechtsbereichen. Wo sie existiert, reduziert sie die Rechtsberatungskosten allerdings schon jetzt wesentlich. Für einen weiten Kreis von Rechtssuchenden wird qualifizierte Rechtsberatung auf diese Weise überhaupt erst erschwinglich. Denn Algorithmen sind in der Lage, rechtliche Komplexität besser zu beherrschen, als das unser Gehirn und unsere Sprache kann. Die juristische Arbeitsweise besteht aus einer Folge von Schritten, die in einem Computerprogramm als eine Kette von Anweisungen gut automatisiert werden kann. Dadurch ist Software in der Lage, juristische Probleme durch das Auswerten von Daten zu berechnen und zu entscheiden. 

In den kommenden Jahrzehnten wird Künstliche Intelligenz (KI) die Automatisierung der Rechtsanwendung stark vorantreiben. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren entscheidende Fortschritte bei der Entwicklung von sogenannten künstlichen neuronalen Netze erzielt. Heute existieren noch keine marktreifen KI-Anwendungen, in etwa zehn Jahren werden aber Programme angeboten werden, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz auch einige komplexe Rechtsfragen selbständig lösen können  – Rechtsfragen, die heute von hochpreisigen Wirtschaftskanzleien beantwortet werden.

Juristen, die auch in Zukunft erfolgreich sein möchten, müssen sich mit digitalen Technologien daher intensiv auseinandersetzen. Begriffe wie künstliche neuronale Netze, Machine learning, Computational Intelligence und autonome Intelligenz müssen ihnen vertraut werden.

Neue Berufe, neue Bereiche

Mit der Digitalisierung des Rechts werden juristische Berufsbilder verschwinden. Andere werden dagegen neu entstehen. Der Bedarf an einfachen anwaltlichen Tätigkeiten wird voraussichtlich bereits in den kommenden vier bis sechs Jahren spürbar zurückgehen. Dafür nimmt der Bedarf an Rechtsinformatikern, die sowohl das Rechtswesen als auch die Informationstechnologie von Grund auf verstehen, rasant zu. Für die Standardisierung von Rechtsdienstleistungen werden Legal Knowledge Engineers benötigt. Für komplexere rechtliche Prozesse werden Legal Process Analysts und Legal Project Manager verantwortlich sein. Die Einführung rechtlicher Technologie in Kanzleien und Rechtsabteilungen wiederum ist ein so aufwändiger IT-Prozess, dass sich spezialisierte Legal-Tech-Berater damit beschäftigen werden.

Die digitale Transformation der Wirtschaft wird auch neuen Rechtsberatungsbedarf auslösen. Targeted Advertising, Smart Data, die Smart Service Welt, autonomes Autofahren, autonomes Handeln und die digitale Vernetzung von Maschinen – diese und viele andere Themen werfen noch nie gelöste, interdisziplinäre Rechtsfragen auf, die Informatik, Telekommunikation, Handelsrecht, gewerblichen Rechtsschutz, Datenschutz und Haftung kombinieren. 

Für Rechtsanwälte werden digitale Technologien in naher Zukunft so selbstverständlich werden, wie sie es für die Fans von Hatsune Miku schon jetzt sind. Die digitale Transformation der Rechtsberatung wird die Beziehung zwischen Mandant und Anwalt in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren von Grund auf verändern – stärker, als sie sich in den vergangenen fünfzig Jahren gewandelt hat. 

Am Ende dieses Umbruchs werden nur jene Rechtsanwälte erfolgreich sein, die juristische Innovationen angenommen und umgesetzt haben. Für Rechtsuchende von der Konzernrechtsabteilung bis zum Verbraucher bietet der digitale Rechtsmarkt ganz neue Möglichkeiten, wirtschaftlicher zu ihrem Recht zu kommen.

Der Autor Dr. Jochen Brandhoff ist Rechtsanwalt und Gründer der Frankfurter Wirtschaftskanzlei Brandhoff Obermüller Partner. Er ist im Bereich Legal Tech als Business Angel tätig und Gesellschafter der rightmart Software GmbH, advocado GmbH und edicted GmbH. Er berät Rechtsabteilungen und Kanzleien zu Fragen der digitalen Transformation des Rechts und veranstaltet den Legaltech Expo & Congress.

Zitiervorschlag

Dr. Jochen Brandhoff , Digitale Transformation der Rechtsberatung: Kennen Sie Hatsune Miku? . In: Legal Tribune Online, 03.01.2017 , https://www.lto.de/persistent/a_id/21654/ (abgerufen am: 22.09.2021 )

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