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Gründerjahre einer Großkanzlei: "Eine wilde Zeit"

von Dr. Anja Hall

22.06.2016

Ralf Thaeter hat sich viel vorgenommen. Seit drei Jahren arbeitet der frühere Gleiss-Lutz-Partner daran, der britischen Kanzlei Herbert Smith Freehills zu einer schlagkräftigen Deutschlandpräsenz zu verhelfen. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Cambridge im Frühjahr 2014, eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema Kanzlei-Management, die Anwesenden stellen sich vor: Managing Partner von großen, internationalen Law Firms und Leiter von globalen Praxisgruppen. Einer der Teilnehmer versetzt die illustre Runde in ungläubiges Staunen – mit ein paar dürren Worten: "Guten Tag. Mein Name ist Ralf Thaeter und ich habe die Aufgabe, für Herbert Smith Freehills die deutschen Standorte aufzubauen."

Wenn Thaeter heute an diese Episode zurückdenkt, muss er schmunzeln. Damals arbeitete für Herbert Smith Freehills (HFS) in Deutschland gerade einmal eine Handvoll Anwälte, im Vergleich zu den Kanzleien der anderen Teilnehmer also ein Klacks. Aber an den Blicken der Law-Firm-Manager war nicht etwa Geringschätzung abzulesen - im Gegenteil: "Aus ihren Gesichtern sprach: Da hast du dir ganz schön was vorgenommen", erinnert er sich.

Markteintritt durch Fusion…

Nehmen sich ausländische Kanzleien den Markteintritt in Deutschland vor, dann starten sie meist, indem sie sich einen lokalen Fusionspartner suchen oder große Teams von anderen Sozietäten abwerben. Im vergangenen Herbst schloss sich beispielsweise das komplette Berliner Büro von Olswang der US-Kanzlei Greenberg Traurig an, die bis dahin hierzulande nicht vertreten war. In Frankfurt holte eine weitere US-Kanzlei, Goodwin Procter, ein Team von Ashurst für den Deutschlandstart Anfang 2016.

Eine ähnliche Strategie hat Morrison & Foerster schon vor gut drei Jahren verfolgt. Sie überzeugte sieben der acht Berliner Partner von Hogan Lovells von einem Kanzleiwechsel. Die unerfreuliche Folge für Hogan Lovells: Die Kanzlei hat, genau wie nun Olswang, seither kein Büro in der Hauptstadt mehr.

... will Herbert Smith Freehills nicht

Strategisch birgt ein derartiges Vorgehen Vorteile: Der neue Player im Markt gewinnt auf einen Schlag eine ansehnliche Präsenz und ein - im Idealfall - gut eingespieltes Team mit stabiler Mandantenbasis. Für Herbert Smith Freehills war das aber keine Option. Der Anspruch der Sozietät sei, zu den führenden Büros in Deutschland zu gehören, sagt Thaeter, und: "Wir wollen nach vorne".

Das würde zwar wohl auch jede andere der neuen Kanzleien hierzulande von sich behaupten, doch der Managing Partner von HSF Deutschland bleibt dabei: Man werde nur im Ausnahmefall große Teams anwerben, denn alle Anwälte müssten persönlich, von ihrer fachlichen Ausrichtung und dem Business Case zur Kanzlei passen. Und sie müssen die wohl größte Hürde für einen Kanzleiwechsel nehmen, den Conflict Check: Die Mandate des Bewerbers werden auf mögliche Interessenskonflikte mit den bestehenden Mandanten der Kanzlei hin abgeklopft. Nicht selten scheitern Partnerwechsel bloß an diesen Konflikten, sagen Branchenkenner.

Je größer das Team, desto unwahrscheinlicher, dass wirklich alle Anwälte diese Kriterien erfüllen - und von denen, die das nicht tun, müsse man sich dann wieder trennen. "Das Wort 'rausmanagen' mag ja sehr harmlos klingen", sagt Thaeter. "Das ist es aber nicht. Solch ein Prozess dürfte für alle Beteiligten sehr qualvoll sein", findet er.

Allein im Büro mit Laptop und Blackberry

HSF hat sich in Deutschland für einen schrittweisen Aufbau entschieden, und deshalb verläuft Ralf Thaeters erster Arbeitstag im April 2013 recht einsam: Er sitzt mit Laptop und Blackberry in einem Büro, das er bei einem Business-Center-Anbieter angemietet hat. Er, ein Gesellschaftsrechtler und M&A-Experte, ist der erste und einzige Anwalt von Herbert Smith Freehills in Deutschland – aber er soll es nicht mehr lange bleiben.

Als Thaeter den beruflichen Neustart wagt, ist er Anfang 50. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete er in der Corporate-Praxis von Gleiss Lutz, dem ehemaligen deutschen Allianz-Partner von Herbert Smith Freehills, wo er eine "fantastische Zeit" hatte, wie er selbst sagt. Als Gleiss-Partner hatte Thaeter bei vielen internationalen M&A-Transaktionen mit HSF zusammengearbeitet.

Dann kommt es zum Bruch zwischen Gleiss und Herbert Smith, wie die Kanzlei damals – vor der Fusion mit Freehills - noch hieß: Herbert Smith will die Zusammenarbeit vertiefen und mit Gleiss und dem niederländischen Allianzpartner Stibbe fusionieren, aber das lehnt die Partnerschaft von Gleiss Lutz Ende 2011 mehrheitlich ab.

In der Folge wird die Allianz aufgelöst, und Herbert Smith plant, unmittelbar nach dem Ablauf einer zuvor vereinbarten Frist zum 1. April 2013 eine eigene Deutschland-Präsenz zu eröffnen. Die Übernahme dieser Aufgabe ist für  Thaeter eine Entscheidung, die manche wohl als Himmelfahrtskommando bezeichnen würden.

Zitiervorschlag

Anja Hall, Gründerjahre einer Großkanzlei: "Eine wilde Zeit" . In: Legal Tribune Online, 22.06.2016 , https://www.lto.de/persistent/a_id/19760/ (abgerufen am: 29.10.2020 )

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