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Wirtschaftsjuristen auf dem Vormarsch: Der Transaction Lawyer, das unbekannte Wesen

von Désirée Balthasar

15.10.2014

So neu ist er eigentlich gar nicht, der Wirtschaftsjurist. Seit mehr als zehn Jahren gibt es den Beruf, der wirtschafts- und rechtliches Wissen vereint. Auch in den Kanzleien sind die Wirtschaftsjuristen angekommen, manche tauchen gar in öffentlichen Beraterlisten als 'Transaction Lawyers' auf. Doch längst nicht alle Kanzleien zollen ihnen so offen Anerkennung. Manche schämen sich ihrer gar.

"Anfangs wussten wir gar nicht so genau, wie wir sie am besten einsetzen sollen", erinnert sich Dr. Alexander Schwarz, personalverantwortlicher Partner bei Gleiss Lutz. "Doch unsere erste Wirtschaftsjuristin ist damals sehr gut in ihre Position reingewachsen. Wir haben also weitere Absolventen eingestellt und es hat sich für uns bewährt." Gleiss Lutz war eine der Kanzleien, die vor mehr als zehn Jahren die ersten Wirtschaftsjuristen einstellten. Und dabei blieben.

Heute zählt die deutsche Großkanzlei 23 Wirtschaftsjuristen in ihren Reihen. Die größte Gruppe ist im Kartellrecht angesiedelt, wo sie etwa Document Reviews und die Teamsteuerung in Bußgeldverfahren verantwortet. Jährlich stellt Gleiss Lutz drei bis vier von ihnen ein – im Marktvergleich eine außerordentlich hohe Anzahl.

Das Kind trägt viele Namen

Die juristischen Dienstleistungen fächern sich zunehmend auf. Deshalb nehmen auch Mitarbeiter ohne Anwaltszulassung immer wichtigere Rollen im Kanzleigefüge ein. Ihre Aufgaben reichen von der Durchführung einer Due Diligence über das Transaktions- und Projektmanagement, die Betreuung von Pitches und dem Document Review bis zur Recherche. Also alles, außer der direkten Rechtsberatung.

In Deutschland meist formal als Wirtschaftsjuristen bezeichnet, auch wenn sie das nicht zwangsweise studiert haben müssen, verschaffen englische Begriffe wie 'Transaction Lawyer', 'Transaction Support Lawyer', 'Professional Support Lawyer' oder 'Project Lawyer' dieser Position nicht nur auf dem Papier einen neuen Klang. Allerdings können damit auch Volljuristen gemeint sein, die derartige Aufgaben übernehmen. Weil es, anders als beim Rechtsanwalt, keine geschützte Berufsbezeichnung gibt, herrscht kanzleiübergreifend noch Unklarheit, was genau mit den einzelnen Bezeichnungen gemeint ist.

Bei Freshfields Bruckhaus Deringer etwa ist ein ganzes Team entstanden, in dem neben den Wirtschaftsjuristen zusätzlich Jura-Absolventen arbeiten, die nicht über das erste und zweite Staatsexamen verfügen. Und solche, die aus dem Ausland kommen und dort ihren Abschluss gemacht haben, in Deutschland aber nicht als Anwalt beraten dürfen. "Diese Mitarbeiter heißen bei uns 'Transaction Support Lawyer'", sagt Axel Kölsch, Chief Operating Officer bei Freshfields. In den vergangenen drei Jahren ist dieses Team auf ein Dutzend Beschäftigte angewachsen.

"Jeder tut das, was er am Besten kann. Die Transaction Support Lawyers arbeiten an Standardaufgaben, wie etwa dem Datenraummanagement, womit wir sicherstellen, dass die Qualität auf hohem Niveau bleibt. Gleichzeitig werden so die Associates entlastet", sagt Kölsch. "Das hält die Kosten moderat. Der Mandant sieht, dass wir vorsichtig mit seinem Geld umgehen."

Die Bandbreite reicht von ganz bis gar nicht

Bei Freshfields gibt es allerdings kaum direkte Berührungen zwischen dem 'Transaction Support Lawyer' und dem Mandanten. Bei Gleiss Lutz hingegen, wo die gegenseitige Gewöhnungszeit bereits ein Jahrzehnt überschritten hat, bewegen sich Wirtschaftsjuristen ganz selbstverständlich auf Augenhöhe mit ihren Kollegen und den Mandanten. Als Projektkoordinatoren beispielsweise stehen sie in ständigem Austausch mit allen Beteiligten: intern mit Anwälten, Referendaren und wissenschaftlichen Mitarbeitern und nach außen mit den Mandanten.

Außerdem nehmen sie bei Gleiss Lutz sogar führende Positionen ein, vor allem außerhalb der Rechtsberatung. So verfügt der Head of Operations über den Abschluss eines Wirtschaftsrechtlers, ebenso wie die Leiterin der internen Ausbildungsakademie. Doch der Weg dahin war weit: Die frühen Jahrgänge der Wirtschaftsrechts-Absolventen seien sich zu Beginn selber noch nicht ganz klar gewesen über ihre Berufsziele. "Mittlerweile sehen sie, dass es für sie ohne Anwaltszulassung gewisse Grenzen gibt", sagt Gleiss-Partner Schwarz. "Damit ist die Enttäuschung zurückgegangen, wenn sich berufliche Hoffnungen nicht erfüllt haben. Heute wissen sie, was sie erwartet." Und das ist: kein Partnertrack.

Zitiervorschlag

Désirée Balthasar, Wirtschaftsjuristen auf dem Vormarsch: Der Transaction Lawyer, das unbekannte Wesen . In: Legal Tribune Online, 15.10.2014 , https://www.lto.de/persistent/a_id/13492/ (abgerufen am: 19.09.2019 )

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Kommentare
  • 15.10.2014 16:57, Omnimodo facturus

    Transaction Lawyer und Wirtschaftsjuristen gleichzusetzen, ist verfehlt.
    Sind Wirtschaftsjuristen dadurch gekennzeichnet, dass sie neben dem rechtlichen Knowhow auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben, ist ein Transaction Lawyer hierzulande nichts anderes als ein Jurist, der entweder über schwächere Examensnoten verfügt, oder nicht beide juristischen Examina vorweisen kann. Daher ist der Verwendungszweck für Zweiteren Datenraumpflege und die Due-Diligence-Prüfung.
    Ein Wirtschaftsjurist hingegen zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass er neben der Rechtsmaterie auch noch eine Zusatzasbildung vorweisen kann. Daher darf er auch zusätzlich den Titel "Wirtschaftsjurist" führen. Dass ein Wirtschaftsjurist den Aufgabenbereich eines Transaction Lawyers ausführen kann, ist möglich, jedoch nicht zwangsläufig wie dies dieser Artikel suggeriert.

  • 16.10.2014 23:43, daboda

    Also ich als Wirtschaftsjurist (LL.M.) bin z.B. wie einige meiner ehem. Mitkommilitonen in der Insolvenzbranche - gewollt - gelandet. Auch hier ist das gleiche Problem: einerseits hat man schon erkannt, dass man in diesem Segment einen Juristen braucht, der auch rechnen kann. Dort werden solche Leute gesucht, geschätzt und adäquat vergütet. Andere Insolvenzkanzleien haben zwar erkannt, dass wir was aufm Kasten haben, aber, wir sind keine Volljuristen, also "nichts". Und andere sehen nur entweder Volljuristen oder z.B. Rechtsanwaltsfachangestellte. Dazwischen gibt es nichts. Und das nach mittlerweile doch schon über so einen langen Zeitraum. Die Unterschiede auch z.B. in Bayern und BaWü zu sehen ist auch verwirrend. Liegt aber vielleicht auch allein schon am Studienangebot in den unterschiedlichen Bundesländern.

    Ich musste erkennen, dass ich nach Abschluss meines Studiums bzw. schon zu Praxissemesterzeiten teilweise erst einmal mit meinem Studiengang und später Abschluss hausieren gehen musste und den Herren Volljuristen erst einmal erklären, was wir alles können und wissen (sollten) - und das wir auch rechnen können und eine Bilanz lesen.

    Fazit: Es wird wohl leider noch immer eine Weile dauern, bis es in den Köpfen der Volljuristen angekommen ist, dass auch Nicht-Volljuristen einiges leisten können.

  • 18.10.2014 13:42, lex specialis

    Die Fokussierung vieler Kanzleien/Wirtschaftsberatungsunternehmen auf Volljuristen die in der Regel keinerlei wirtschaftliche Ausbildung haben, ist für mich vollkommen unverständlich. Vor allem in Bereichen wie dem Insolvenzrecht usw.

    Ist aber auch ein sehr deutsches Phänomen - genauso wie die Tatsache, dass Volljuristen immer noch bevorzugt werden - der genauere Sinn erschließt sich einem dabei nicht wirklich - was hat eine Befähigung zum Richteramt mit wirtschaftlichen Anforderungen zu tun?
    Bleibt zu hoffen, dass sich dies in den nächsten Jahren ändern wird.

  • 18.10.2014 19:07, Test

    "Karriere" in Kanzleien kann man als Wirtschaftsjurist vergessen. Mehr als Sachbearbeiter ist nicht drin. Ich bin daher in den betriebswirtschaftlichen Bereich gegangen --> Steuerberatung/Wirtschaftsprüfung. Meiner Ansicht nach, das Einzig sinnvolle.

    • 28.10.2014 12:35, Konstantin

      Du musst es ja dann wissen....

    • 15.09.2018 12:21, Stan

      Da geh ich absolut d'accord. Ich habe in einer Compliance Abteilung gearbeitet auch neben und mit Volljuristen. Als Wirtschaftsjurist ist man für die "richtigen Juristen" eine Art Rechtsanwaltsfachangestellter ohne praktische Erfahrung, sodass man eigentlich noch unter den Renos angesiedelt ist - traurig, aber wahr!

  • 18.10.2014 19:10, Test

    Die Erfahrungen aus dem Bereich Insolvenzrecht kann ich ebenfalls bestätigen. Dies ist eben darin begründet, dass der Insolvenzverwalter immer Volljurist ist. Aufstiegschancen daher gleich 0. Immer nur dem Verwalter zuarbeiten, der dann die Lorbeeren erntet, auch wenn er oder sie von Tuten & Blasen bzw. Betriebswirtschaft keine Ahnung hat.

  • 20.10.2014 16:11, Dr. Lampe

    Entweder Volljurist/Rechtsanwalt oder gar nix. Bah Humbug!

    • 07.11.2014 11:23, Gar nix

      Sehr geistreich Herr Doktor...und so eloqent ;-)

  • 04.01.2015 21:48, Hastrich

    Volljuristen sind auch nur Teiljuristen (Prof. Dr. Slapnicar/FHS Schmalkalden).

  • 04.01.2015 21:59, Hastrich

    Eine Ausbildung im Hinblick auf das Berufsziel Richter/Staatsanwalt, wo nur 1 % der Absolventen einen Job finden; bringt nicht viel. Anwälte gibt es längst zu viele; außerdem
    bereitet das traditionelle Studium nicht ausreichend auf diesen Beruf vor.
    Die Zukunft haben Juristen, die einen klaren Berufsfocus haben. Das sage ich nach 40 Jahren Praxis. In der ganzen Welt sind Master/Bachelor die ädäquaten Abschlüsse (von
    USA bis China). Der dt. Weg mit den Staatsexamen zählt nirgendwo sonst.

  • 31.01.2015 20:02, Ingenieur

    Mich interessiert Folgendes, deshalb meine Fragen an die Wirtschaftsjuristen hier;
    Ich habe sowohl einen Abschluß als Dipl.-Ing. und als Dipl.-Wirt.-Ing. und würde aus reinem Interesse einen Aufbaustudiengang „Wirtschaftsrecht“ absolvieren, stelle mir aber die Frage, wie ist der Job, der den Ingenieur mit Wirtschaftsrecht vereint. Bisher ist mir noch keine derartige Stelle in Jobportalen jemals aufgefallen.
    Vielleicht gibt es hier einen guten Tipp.

    • 20.01.2019 22:11, ENN

      Ja, Patentanwalt. Hierfür braucht man aber kein Wirtschaftsrechtstudium.

  • 08.08.2016 12:30, practitioner

    Ich kann aus eigenen Erfahrungen berichten, dass die Arbeitsbereiche der in Großkanzleien vermehrt eingesetzten Transaction Lawyers sehr vielfältig sind. Je mehr der Betreffende kann, desto mehr wird er auch entsprechend seinen Fähigkeiten eingesetzt. Sein Tätigkeitsfeld ist also keineswegs ausschließlich auf Datenraumpflege und Due-Diligence-Prüfungen beschränkt, wie hier im ersten Kommentar behauptet wurde. Rechtliche Recherchen, die Vorbereitung und die Erstellung von Gutachten und Stellungnahmen für Mandanten gehören selbstverständlich genauso zu seinen Aufgaben. Hierbei gibt es keinerlei festgesetzte Beschränkungen. Da man um die Durchführung von Due-Diligence-Prüfungen angesichts ihrer Bedeutung für das Auffinden von Stärken und Schwächen des Kaufobjekts, der Analyse der entsprechenden Risiken sowie hinsichtlich der Wertfindung des Objektes aber wohl bei keinem M&A-Deal herum kommen wird, werden diese Tätigkeiten immer anfallen und auch als Associate wird man in diesem Bereich um die Durchführung dieser Tätigkeiten nicht herum kommen. Es lässt sich eher beobachten, dass sich das Tätigkeitsfeld der Transaction Lawyers kaum von dem der Associates in den ersten Berufsjahren unterscheidet. Häufig kommen zusätzlich Aufgaben im Bereich Knowledge Management oder Business Development hinzu. Weiterhin werden Transaction Lawyers je nach Arbeitsanfall häufig team- und standortübergreifend eingesetzt.

    Die meisten Personalabteilungen achten ferner sehr wohl darauf, dass die Bewerber eine wirtschaftsrechtliche oder betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation erworben haben. Diese Kandidaten haben hier sicherlich einen Vorteil gegenüber anderen Bewerbern. Einige Großkanzleien sind sogar dazu übergangen zukünftige Associates aus dem Bereich der Transaction Lawyers zu rekrutieren, wenn sich diese in der praktischen Arbeit bewährt haben. Auch hier scheint sich angesichts des bestehenden Mangels an qualifiziertem Nachwuchs die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass die Notenvergabe im ersten und zweiten Staatsexamen nicht immer die tatsächlich vorhandene Leistungsfähigkeit der Bewerber widerspiegelt.

    Ein weiterer Grund für den Einsatz von Transaction Lawyers ist es wohl, die Kosten von M&A Deals zu reduzieren (diese werden häufig mit einem Stundensatz abgerechnet, der denen der Associates in den ersten Berufsjahren entspricht). Daneben geht es allerdings auch um die Reduzierung der Personalkosten in den Kanzleien selbst. Da die Spitzen der Arbeitsauslastung gerade im M&A-Bereich durchaus variieren, erscheint es für viele Kanzleien aus wirtschaftlichen Gründen und gestiegenem Kostendruck seitens der Mandantschaft nicht immer opportun dauerhaft hohe Personalkosten einzugehen. Anders als Associates werden Transaction Lawyers häufig mit einer Wochenarbeitszeit von maximal 40 Stunden pro Woche eingestellt, was aber auch bedeutet, dass hier die Überstunden nicht durch das Grundgehalt abgegolten sind, i.d.R. bestehen hier arbeitsvertragliche Überstundenregelungen. Aus Sicht eines Berufseinsteigers stellt die Tätigkeit als Transaction Lawyer aus meiner Sicht also eine echte Alternative zum Einstieg als Associate im Bereich Corporate / M&A dar und bietet die gleichen Möglichkeiten entsprechende Berufserfahrungen zu sammeln. Neben flexibleren und planbareren Arbeitszeiten ermöglicht dies jungen Juristen, sich weiter zu qualifizieren und sich weitere berufliche Möglichkeiten in Kanzleien und auch in Rechtsabteilungen von Unternehmen zu erschließen.