Fachlicher Austausch online: Frag' deinen Kol­legen

Gastbeitrag von Simon Ahammer und Nico Kuhlmann

30.04.2018

Von der Ausbildung an sind Juristen auf eine recht eigenbrötlerische Arbeitsweise getrimmt. Verschiedene Online-Projekte könnten dies ändern und die Einzelkämpfer-Mentalität aufweichen, meinen Simon Ahammer und Nico Kuhlmann.

Juristen sind von Haus aus erfolgreich domestizierte Einzelkämpfer. Mit Beginn des ersten Semesters bestehen die universitären Leistungsnachweise ausschließlich aus Klausuren und Hausarbeiten, die allein und ohne fremde Hilfe erstellt werden müssen. Einige Hochschulen verlangen sogar eine eidesstattliche Versicherung, dass die Arbeit selbstständig verfasst wurde und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt wurden. Kommilitonen um Rat zu fragen ist teilweise offiziell verboten.

Die Prüfungen des Ersten und des Zweiten Staatsexamens werden natürlich auch allein bestritten. Selbst bei den mündlichen Prüfungen, die abhängig vom Bundesland mit mehreren Kandidaten gleichzeitig stattfinden, herrscht nur selten ein miteinander, sondern meist ein gegeneinander. Jeder ist sich selbst der Nächste und wer eine Schwäche zeigt, büßt Punkte ein.

Kein Wunder also, dass in deutschen Kanzleien und Rechtsabteilungen die meisten Juristen den Großteil des Tages allein im Büro sitzen, um über rechtliche Fragen zu brüten. Die Fähigkeit zur Teamarbeit wird zwar in fast jeder Stellenausschreibung gefordert, aber die Realität sieht oft anders aus. Die über Jahre und Jahrzehnte antrainierte Scheu andere zu Fragen sitzt tief. Ein Austausch mit Kollegen findet oft nur statt, wenn es unbedingt sein muss.

Das kollegiale Nebenzimmer

Doch es geht auch anders. Einen informellen Austausch über die Grenzen der eigenen Kanzlei hinweg ermöglicht beispielsweise seit 2015 die mit über 1.500 Mitgliedern ziemlich populäre Facebook-Gruppe "Rechtsanwälte - das kollegiale Nebenzimmer". Wer dieser Gruppe beitreten will, muss eine Zulassung als Rechtsanwalt vorweisen - man ist also unter sich. Zudem gilt: Was in der Gruppe passiert, bleibt auch in der Gruppe.

Dort werden täglich neue Fragen gestellt, die dann regelmäßig ausführlich und engagiert von der Anwalts-Community diskutiert werden. Die Sachverhalte werden dabei anonymisiert vorgetragen, um das Mandantengeheimnis zu wahren. Die Anwälte nutzen diese Gruppe unter anderem dazu, sich auszutauschen, um Einzelprobleme zu besprechen oder auch einmal neue Gedankengänge kennenzulernen. Die eigentliche Arbeit erledigen die Anwälte danach natürlich selbst.

Eine eigene Plattform für den Austausch

Einen strukturierteren Ansatz für einen konstruktiven Austausch im Internet verfolgt nun ein Team, das sich beim Berlin Legal Tech Hackathon 2018 gefunden hat. Die Juristen und Entwickler haben sich von Stack Overflow inspirieren lassen und versuchen eine ähnliche Online-Plattform zur Selbsthilfe für Juristen zu bauen.

Bei Stack Overflow handelt es sich um eine 2008 gegründete und äußerst erfolgreiche  Plattform, auf der Benutzer unterschiedlichste Fragen zum Thema Softwareentwicklung stellen können. Andere Nutzer können dann nicht nur auf diese Fragen antworten, sondern die Antworten können durch die Nutzer auch bewertet und ihrer Bewertung nach angezeigt werden. Dadurch erhöht sich die Transparenz und die Sichtbarkeit der hilfreichen Beiträge. Stack Overflow hat mittlerweile acht Millionen registrierte Nutzer weltweit, über 15 Millionen gestellte Fragen und insgesamt 23 Millionen Antworten.

Dieses Konzept soll nun auf die Rechtsbranche in Deutschland übertragen werden. Auf JurKnow, welches sich gegenwärtig in einer frühen Alpha-Phase befindet, sollen Anwälte ihre Fragen stellen können, wenn diese eine erste Einschätzung benötigen, bei einem Problem einmal nicht weiter wissen oder eine zweite Meinung hilfreich sein könnte. Um den Besonderheiten der Rechtsbranche und den gegebenenfalls bestehenden Berührungsängsten Rechnung zu tragen, werden Fragen immer anonym veröffentlicht, die Verfasser von Antworten und Kommentaren sind hingegen namentlich identifizierbar. Die gesamte Diskussion mit allen Antworten ist dann für alle angemeldeten Nutzer sichtbar. Allerdings gilt auch bei dieser Plattform: Nur zugelassene Berufsträger haben Zugang.

Hilfsbereitschaft erhöht die Reputation

Kernstück der Plattform ist das Reputationssystem. Für das Stellen einer Frage, die Abgabe eines Kommentars oder das Lösen des Problems werden dem Beitragenden für alle Nutzer sichtbar Punkte auf einem Konto gutgeschrieben. Wird die Antwort zudem vom Fragesteller als die Beste bewertet, gibt es sogar Sonderpunkte.

Demgegenüber werden aber auch Punkte abgezogen, wenn der Beitrag von den anderen Nutzern als unkonstruktiv bewertet wird. Dadurch sollen unqualifizierte Bemerkungen verhindert werden. Schließlich soll es für die Nutzer noch ein Siegel als Wissensexperte geben, wenn eine bestimmte Anzahl von Reputationspunkten in einem Rechtsgebiet gesammelt wurden.

Ein solches Reputationssystem führt regelmäßig zu einem spielerischen Wettlauf zwischen den engagierten Nutzern einer Plattform darum, wer die meisten Punkte einsammeln kann. Diese Dynamik funktioniert bei Juristen, die den Wettkampf-Gedanken wie kaum eine andere Berufsgruppe verinnerlicht haben, vermutlich sogar besonders gut.

Reputationspunkte als Differenzierungsmerkmal

Die gesammelten Punkte dienen aber nicht nur zur internen Differenzierung. Vielmehr werden die bestbewerteten Nutzer auch auf der öffentlichen Landingpage der Plattform, nach Rechtsgebieten sortiert, für jeden im Internet angezeigt.   

Rechtssuchende haben dadurch die Möglichkeit, einen ersten Einblick darin zu bekommen, wer zu den Wissensexperten im jeweiligen Rechtsgebiet gehört. Der Unterschied und damit der Vorteil zu sonstigen Plattformen besteht darin, dass die Anwälte nicht von Mandanten, sondern von anderen Berufsträgern bewertet werden.

Mehr kollegialer Austausch

Niemand weiß alles. Aber falscher Stolz und die Angst vor einem Ansehensverlust stehen oft einem offenen Austausch unter Kollegen entgegen. Dabei kann eine erste Einschätzung oder ein neuer Blickwinkel auf ein unlösbar erscheinendes Problem eine immense Hilfe sein.

Ein wenig mehr kollegialer Austausch - egal auf welche Art und Weise - würde den Juristen nicht schaden. Im Gegenteil, es würde die Beratungsqualität insgesamt weiter verbessern.

Der Autor Simon Ahammer (@simmuc) ist Leiter Legaltech beim Verlag C.H.BECK in München und war Mitglied der Gruppe JurKnow beim Legal Tech Hackathon 2018 in Berlin.

Der Autor Nico Kuhlmann (@NicoKuhlmann) ist Blogger für den legal-tech-blog.de und Rechtsreferendar bei Hogan Lovells US LLP im Silicon Valley.

Zitiervorschlag

Nico Kuhlmann, Fachlicher Austausch online: Frag' deinen Kollegen . In: Legal Tribune Online, 30.04.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/28355/ (abgerufen am: 14.11.2018 )

Infos zum Zitiervorschlag
Kommentare
  • 30.04.2018 11:48, WA

    :D was in der Gruppe passiert, bleibt auch in der Gruppe und bei Facebook!
    Ich bevorzuge die direkte Ansprache der Kollegen, obwohl sich das mitunter bei spezielleren Themen recht schwierig gestaltet.
    Naja der kommende Anwaltstag in Mannheim wird schon etwas dazu beitragen, die Fehlerkultur unter den Kollegen zu diskutieren...

    Auf diesen Kommentar antworten
    • 01.05.2018 10:58, Fritz

      Recht ist, was Richter sagen. Deshalb sollte ein Rechtsinformationssystem mit einer Dokumentation von Gerichtsentscheidungen beginnen. Nicht nur schoene Entscheidungen, ueber die wir uns alle einig sind, sondern auch jeder richterliche Schrott sollte dokumentiert werden. Kuenstliche Intelligenz kann den Schrott markieren. Schrott ist doch, womit der Anwalt in der Praxis konfrontiert ist. Eine solche "Datenbank des richterlichen Schrotts" wuerde beiden Seiten helfen.

  • 01.05.2018 11:07, Fritz

    Der Anwalt war nie ein Einzelkaempfer. Schon bei der Anfertigung der Hausarbeiten lernt er die "Seminarmeinung" kennen. Fuer den Richter ist es vielleicht die "Kantinenmeinung". Die Kunst besteht darin, einen eigenen Weg zu finden. Ein "Reputationssystem" ist viel zu primitiv gedacht. Das Menschliche laesst sich nicht in einen Algorithmus pressen. Wenn es so waere, gaebe es uns schon lange nicht mehr. Es ist doch schon fraglich, ob man die Manigfaltigkeit des Lebens in Gesetze packen kann. Unbestimmte Rechtsbegriffe, juristisches Denken, das zu formalisieren ist schlicht unmoeglich. Unter Menschen eine "Facebookmeinung" herzustellen, ist aber moeglich.

    Auf diesen Kommentar antworten
  • 06.05.2018 10:13, Influencer

    Ich weiß nicht. Wenn als Anwalt Deine Kanzlei läuft, hast Du für sowas keine Zeit. D.h. da werden sich solche tummeln, bei denen es aus irgendeinem Grund nicht läuft.

    Ausgerechnet die sollen dann ihre Kollegen/Konkurrenten beraten, mit dem Ziel, eben diese dann beim "Reputationssystem" auszustechen? Also letztlich in Konkurrenz um die Mandate, bei denen sie eben ihrem Kollegen "geholfen" haben?

    Ganz davon ab: der Betreiber will mit der Plattform laut Artikel ein Zeichen gegen das "Einzelkämpfertum" setzen. Aber doch letztlich selbst von der Arbeit anderer Leute verdienen. Bzw. vielleicht auch von Finanziers, die weniger vom Internet verstehen als er selbst. Auch ein Projekt, dass sich "leider" nicht durchsetzt, wird ja erstmal bezahlt, von irgendjemand.

    Irgendwo ist da noch ein Bruch in der Logik.

    Auf diesen Kommentar antworten
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