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Anreize zur Organspende: Frei­wil­lige Hilfe muss sich lohnen

Carsten Dochow

07.07.2011

Nachdem die umstrittene Widerspruchslösung offenbar nicht mehrheitsfähig ist, zeichnet sich in der Diskussion um eine Reform des Transplantationsrechts eine Tendenz zur Entscheidungslösung als politischer Minimalkonsens ab. Effektiver und nachhaltiger könnte gegen den Organmangel allerdings ein ausdifferenziertes Bonus-Anreiz-Modell helfen, meint Carsten Dochow.

Die Idee der Entscheidungslösung ist, dass der Bürger zu bestimmten Zeitpunkten über seine Bereitschaft für oder gegen eine postmortale Organspende befragt werden soll. Nach den bisherigen Vorschlägen soll dies zum Zeitpunkt der Ausgabe des Personalausweises, des Führerscheins oder der Krankenversicherungskarte erfolgen.

Es handelt sich also um eine schlichte Erinnerung an die Möglichkeit der postmortalen Organspende und gerade nicht um ein Modell, das auf eine Erklärungspflicht des Einzelnen abstellt.

Bürger sind bereits gut informiert

Dabei bezweckt das Transplantationsgesetz (TPG)  bereits in der geltenden Fassung die Vermittlung von Informationen zur Organspende (§ 2 Abs. 1 TPG). Vermutlich aus finanziellen und organisatorischen Gründen konnte die gewünschte Erhöhung des Organaufkommens dadurch aber trotzdem nicht erreicht werden.

Mit dem neusten Vorschlag kann nun allenfalls erreicht werden, dass das Thema Organspende zu einem festgelegten Zeitpunkt, nämlich beim Erhalt persönlicher Dokumente, erneut in das Bewusstsein des Einzelnen gerufen wird.

Ein Blick auf die Statistik legt jedoch den Verdacht nahe, dass die Bevölkerung bereits gut mit Informationen versorgt ist, zumindest wissen 95 Prozent, dass es einen Organspendeausweis gibt. Zudem stehen immerhin 74 Prozent einer Organspende aufgeschlossen gegenüber; tatsächlich verfügen jedoch nur acht bis 25 Prozent der Bürger über einen Organspendeausweis. Vielfältige andere Motive müssen daher zum Ausbleiben von Organspendeerklärungen führen.

Mit Debatte zur Widerspruchslösung droht weiterer Stillstand

Nun gibt es zwar Gründe, die aus dem politischen und wissenschaftlichen Diskurs der letzten Jahrzehnte hinreichend bekannt sind, und die abermals für die Einführung der Widerspruchslösung ins Feld geführt werden - allerdings keine guten. Die oftmals der Laiendebatte entspringende vorschnelle Forderung nach einer Adaption des spanischen Erfolgsmodells verkennt schon strukturelle Unterschiede vor allem in der Atmosphäre, in der die entsprechenden Fragen gestellt werden. Ferner werden abweichende sozio-kulturelle Gegebenheiten nicht berücksichtigt.

Die in Spanien grundsätzlich abweichende Haltung zur Organspende kann nicht schlicht kraft Gesetzes den Bürgern in Deutschland verordnet werden. Nichts Geringeres als die grundlegende Akzeptanz der Transplantationsmedizin stünde sonst auf dem Spiel.

Die bemerkenswerten 34,4 spanischen Tot-Organspender pro eine Million Einwohner sind auch nicht zwangsläufige Folge der dort gültigen Widerspruchslösung. Das zeigt sich daran, dass im Geltungsbereich der Zustimmungslösung durchaus auch höhere Erfolgszahlen vermeldet werden konnten (USA: 21,9 und Hamburg: 34,3), als in anderen Ländern mit dem Widerspruchsmodell (Polen: 11,0).

Durch die Neubelebung einer mehr als 13 Jahre währenden Debatte über die verfassungsrechtlich bedenkliche Widerspruchslösung droht erneut Stillstand für ein weiteres Jahrzehnt. Statt politischen Mut einzufordern, gegen den Willen des Souveräns eine Widerspruchslösung einzuführen, sollten vielmehr neue Konzepte erwogen werden.

Bonus würde Wartezeit auf ein Organ verkürzen

Gute Argumente sprechen dafür, künftig tatsächliche Anreize zur Abgabe einer Spendeerklärung zu schaffen, damit die Nichtübereinstimmung von grundsätzlicher und erklärter Bereitschaft zur Organspende aufgehoben werden kann.

So könnten Anreize durch die Verknüpfung der Erklärungsabgabe mit der Verteilung von Organen im Fall der eigenen Bedürftigkeit erreicht werden. Im Rahmen eines Bonus-Anreiz-Modells wäre die Einführung eines Kriteriums denkbar, wonach erklärte Organspender bei der Vergabe von Organen bevorzugt würden.

Dabei blieben die bisherigen Verteilungskriterien – medizinische Erfolgsaussicht und   Dringlichkeit – vorrangig; die Inanspruchnahme des Bonus würde allein die Wartezeit auf ein Organ verkürzen. Natürlich müssten auch besondere Konstellationen durch die Schaffung von Ausnahmen berücksichtigt werden, wenn etwa eine Person aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Spende in der Lage ist oder es sich um einen Minderjährigen handelt.

Obwohl dieser Ansatz einer vorrangigen Zuteilung von Organen der lebenswirklichen Erkenntnis Rechnung trägt, dass die Organverteilung untrennbar mit der Organgewinnung verbunden ist, wurde er bisher offenbar aufgrund einer Tabuisierung in der politischen Debatte verworfen. Tatsächlich würde die Idee des Bonus-Anreiz-Modells bei einer angemessenen, rechtlich und organisatorisch ausdifferenzierten Konzeption durchaus Vorteile erwarten lassen und Heilungschancen erhöhen.

Entwicklung zur Solidargemeinschaft aus spendebereiten Bürgern

Letztlich liegt dem Bonus-Anreiz-Modell schlicht der Gedanke der Gegenseitigkeit und der Solidarität zugrunde. Es wahrt dabei einen umfassenden Entscheidungsfreiraum des Einzelnen und trägt nicht zuletzt auch den gegenwärtigen sozialpolitischen Entwicklungen Rechnung – nämlich einen latenten Vorsorgedruck zu erzeugen: Vermehrt besteht die Tendenz dazu, die Mitverantwortung der Bürger in Angelegenheiten ihrer eignen Gesundheit und den Präventionsgedanken zu fördern und zu fordern.

Sowohl Problembewusstsein zu schaffen als auch Vorbeugung und Versicherung gegen den "worst case" sind dabei tragende wie unverzichtbare Eckpfeiler. Jeder Bürger sollte daher in die Lage versetzt werden, sich mit dem möglichen Fall der eigenen Spendebedürftigkeit auseinanderzusetzen (wozu die Ehec-Hysterie kürzlich schon einen geeigneten Anlass bot) und in diesem Zusammenhang sollte ihm ein Bonus in Aussicht gestellt werden, soweit er seine eigene Spendebereitschaft erklärt.

Der Einwand, dass bei der Gewährung von Gesundheitsleistungen nicht an das individuelle Vorverhalten angeknüpft werden dürfe, greift jedenfalls nicht durch: Zum einen würde die Abgabe eines Organs an einen Empfangsbedürftigen auch weiterhin nicht  an die vorherige Erklärung des Einzelnen geknüpft.  Zum anderen ist anerkannt, dass Leistungen im Rahmen einer (Kranken-)Versicherung nur beansprucht werden können, wenn die Mitglieder einer Solidargemeinschaft auch ihre Beiträge dazu entrichten. Die Bereitschaft zur Organspende stellt im Kontext der Transplantationsmedizin einen vergleichbaren Solidarbeitrag dar.

Die beste Versicherung gegen ein "Sterben auf der Warteliste" ist also der Beitritt in die Solidargemeinschaft, den der Einzelne im Übrigen ganz einfach durch die Erklärung der eignen Organspendebereitschaft vornehmen kann.

Der Autor, Dipl.-Jur. Carsten Dochow, promoviert am Zentrum für Medizinrecht der Universität Göttingen, an dem er seit 2006 tätig ist und verfasste zusammen mit anderen Autoren einen Buchbeitrag zu einem Bonus-Anreiz-Modell.

 

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Zitiervorschlag

Carsten Dochow, Anreize zur Organspende: Freiwillige Hilfe muss sich lohnen . In: Legal Tribune Online, 07.07.2011 , https://www.lto.de/persistent/a_id/3686/ (abgerufen am: 25.02.2020 )

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Kommentare
  • 07.07.2011 16:36, Johann Schulz-Gebeltzig

    Es ist schade, dass mit einer derart sachlichen Diskussion auf breiter Basis in Deutschland nicht zu rechnen ist. Auch in Zukunft.

    Die angedachte Frage beim Amt wird nichts bringen. Denn man will eben doch nicht zwischen Tür und Angel einen Ausweis ausfüllen - ich sehe es ja bei mir. Man will vielleicht noch mit einem Arzt sprechen, oder einem Pfarrer, oder bloß der Familie, oder einfach nur darüber schlafen... und schon ist es wieder aufgeschoben.

    Spricht denn wirklich etwas dagegen, Organe VORRANGIG Organspendern zu geben? Nein! Jeder kann sich dazu bereiterklären, auch wessen Organe sich dann als nicht brauchbar erweisen. Nur so funktionieren Solidargemeinschaften: Profitieren kann nur, wer auch zum Geben bereit ist.

    Genauso sehe ich auch nicht, weshalb selbst finanzielle Anreize so stark abgelehnt werden. Fakt ist: Längst haben Organe einen Wert. Der Preis geht aber bisher an die Kliniken, oder er wird auf dem lebensgefährlichen illegalen Organmarkt gezahlt. Da wären mir moderate, staatlich kontrollierte Preise auf einem legalen Markt lieber - die Nichtteilnahme bliebe ohnehin möglich.

  • 12.07.2011 17:30, Jörg Scheinfeld

    Der Autor hält die Betonung für wichtig, dass die „Forderung nach einer Adaption des spanischen Erfolgsmodells“ oftmals „der Laiendebatte“ entspringe. Das ist leicht als Kniff zu durchschauen – und obendrein unredlich. Die Widerspruchslösung wird dem deutschen Gesetzgeber in diversen Spielarten empfohlen, und zwar unter anderem vom Europarat und vom Nationalen Ethikrat. Laiendebatte? Wer die Adaption des spanischen Erfolgsmodells fordert, fordert damit zugleich, dass das System der Spender-Erkennung perfektioniert wird. Diese Angleichung des deutschen Spendesystems würde auch dann das Organaufkommen erhöhen, wenn sie auf die Initiative eines „Laien“ zurückginge. Und übrigens ist die Widerspruchslösung in dieser Hinsicht auch der (geltenden) Zustimmungslösung überlegen. So wird es selbst in Hamburg, wo nicht wenige Bürger einen Spenderausweis tragen, immer noch viele Spendewillige geben, die noch keinen Spenderausweis haben. Solche Personen wären nach der Widerspruchslösung Organspender. Dieser Nutzen der Widerspruchslösung lässt sich nicht sinnvoll bestreiten. Ohnehin darf nicht entscheidend sein, von wem eine Forderung kommt (Laie oder Experte), sondern nur, ob sie berechtigt ist. – Weiter bringt der Autor vor, dass in Deutschland eine andere Einstellung zur Organspende und deshalb eine andere „Atmosphäre“ vorherrsche als in Spanien. Dieser Einwand wäre selbst dann noch unplausibel, wenn Dochow ihn nicht schon mit seinen eigenen Ausführungen widerlegt hätte. Sagt er doch an anderer Stelle, „74 Prozent“ der Deutschen stünden „einer Organspende aufgeschlossen gegenüber“. Wie gut soll die „Atmosphäre“ denn noch werden – 100 Prozent Zustimmung? Auch der Spanier kommt nicht als Fan der Leichenorganspende zur Welt. Die Akzeptanz dort wird erreicht durch eine aktive Aufklärung. Die ist in Deutschland natürlich ebenfalls und dauerhaft nötig. Und wenn die „Atmosphäre“ derzeit nicht schon so gut wäre, müsste der Staat sie durch Aufklärung schaffen. – Schließlich stuft der Autor die Widerspruchslösung noch als „verfassungsrechtlich bedenklich“ ein, und weil sie so bedenklich sei, drohe politisch „erneut Stillstand“. Wäre die Schlussfolgerung richtig, dann sollte Dochow seinen eigenen Vorschlag schleunigst zurückziehen. Denn gegen seine Reziprozitätslösung werden ebenfalls verfassungsrechtliche Bedenken erhoben, und die sind im Ansatz viel plausibler. Diese Bedenken wären auch dem Leser klarer geworden, wenn Dochow sie nicht fein-leise umschlichen hätte: Sein „Solidar- und Bonusmodell“ ist aus Sicht des Spendeunwilligen ein „Malusmodell“. Es kann dazu führen, dass jemand deswegen verstirbt, weil er als Spendeunwilliger nicht zur Solidargemeinschaft zählt. Wie Dochow betont, müssen bei gleicher Dringlichkeit spendeunwillige Organbedürftige zurücktreten und länger warten als spendewillige. Die dann mit dem Spendeunwillen eingekaufte Wartezeit mindert aber allemal die Erfolgssaussichten der späteren Organeinpflanzung! Schon deshalb hinkt der zur Rechtfertigung angeführte Vergleich mit der Beitragszahlung: Es geht beim Reziprozitätsmodell nicht um Kostenübernahme, sondern um die Gesundheit und um die Zuteilung von Lebenschancen. – Während also bei der Widerspruchslösung die Entscheidung des Einzelnen zu Lebzeiten völlig ohne Konsequenzen bleibt, führt im Malusmodell die Ablehnung der Spende zu handfesten Nachteilen. – Und wie steht es um die Eignung zur Steigerung des Organaufkommens? Aus Sicht des Autors würde die Einführung seiner Konzeption „durchaus Vorteile erwarten lassen“. Mit Blick auf die Widerspruchslösung hingegen weiß man: Macht man alles genau so wie die Spanier (und in manchen Punkten besser), ist eine Steigerung des Organaufkommens nahezu gewiss! – Früher galt bei der CDU: „Keine Experimente!“. Wo es um das Leben tausender schwerkranker Bürger geht, ist das nicht die schlechteste Devise.